Humboldt Forum: 18. Juli
Gestern haben wir mit Nandita bis zwei Uhr nachts geredet. Als heute Morgen der Wecker um sieben Uhr klingelte, fühlte ich mich, als hätte ich den Kopf voller Sand. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob dieses Bild auf Deutsch überhaupt etwas bedeutet. Auf Litauisch beschreiben wir diesen Zustand – wenn der Kopf einfach nicht richtig funktioniert – mit zwei Redewendungen. Entweder sagen wir, dass jemand „wie mit einem Sack geschlagen“ aussieht, oder eben, dass er „einen Kopf voller Sand“ hat. Darüber muss ich unbedingt noch mit meinen deutschen Freunden diskutieren. Übrigens beziehen sich beide Redewendungen eigentlich auf den Zustand nach einer durchfeierten Nacht mit Alkohol.
Nandita trinkt allerdings überhaupt keinen Alkohol. Sie trinkt nicht einmal Kaffee oder Tee – nur Wasser. Ich dagegen trinke je nach Stimmung eigentlich alles, meistens allerdings in Gesellschaft von Freunden, die ebenfalls Alkohol trinken. Mit Nandita braucht man jedoch überhaupt keinen Alkohol. Nach einem Abend mit ihr fühlt man sich auch ganz ohne das, als hätte man viel zu viel getrunken!
Zunächst noch ein paar Worte über unsere Hunde. Früher hatte Nandita in Indien große Angst vor Hunden. Deshalb fühlt sie sich selbst mit unseren Hunden noch etwas unwohl, obwohl sie sich eigentlich überhaupt nicht für sie interessieren. Wie ich schon erzählt habe, reagiert Pipiras allerdings sehr empfindlich auf neue Menschen und ungewöhnliche Situationen. Als Nandita ankam und laut rufend auf mich zugelaufen kam, fing Pipiras sofort laut an zu bellen. Dadurch bekam Nandita noch mehr Angst und versuchte förmlich, auf mich hinaufzuklettern. Pipiras wiederum war überzeugt, dass sie mich angreifen wollte, und bellte noch lauter. Am Ende war die ganze Rezeption voller Lärm. Eigentlich, würde ich sagen, ist Nandita die menschliche Version von Pipiras. Sie hat ebenfalls eine unglaublich laute Stimme. Wenn die beiden gleichzeitig aus Angst ihre Sirenen einschalten, könnte man wirklich einen Großalarm auslösen. Zum Glück gelang es mir, beide Sirenen wieder auszuschalten, und wir konnten endlich spazieren gehen.
Mindaugas fühlte sich heute leider nicht besonders gut. Deshalb gingen Nandita und ich allein mit den Hunden zur Morgenrunde. Endlich stellte Nandita fest, dass unsere Hunde sich überhaupt nicht für sie interessieren – solange sie nicht schreit. Deshalb konnten unsere Nachbarn am Samstagmorgen endlich wieder etwas ruhiger schlafen. Unser Plan für heute war, ein bisschen Arbeit mit ein bisschen Vergnügen zu verbinden.
Wir gingen noch einmal zur Museumsinsel. Nach dem Frühstück wollte ich dort eine weitere Wegbeschreibung testen. Ich wusste schon vorher, dass das wieder viel Zeit kosten würde. Deshalb beschlossen wir, den Tag zunächst ganz entspannt mit einem Frühstück zu beginnen. Dabei entdeckten wir ein wirklich schönes Café in der Nähe des Berliner Doms. Leider war es für Mindaugas nicht besonders gut zugänglich, weil es sich halb im Keller befand. Aber wenn er zu Hause geblieben ist, konnte ich auch ein bisschen die unzugängliche Orte kennenlernen. Die Panini und die Waffeln waren wirklich lecker – und dazu noch überraschend günstig.
Dieses Mal beschäftigte ich mich mit der Wegbeschreibung zum Humboldt Forum. Alle Einzelheiten werde ich diesmal nicht beschreiben, trotzdem möchte ich ein paar Beobachtungen zusammenfassen:
Dieses Mal musste ich einen anderen Ausgang aus dem U-Bahnhof finden. Da ich das System der Treppen inzwischen schon viel besser kannte, klappte das erstaunlich gut. Die Wegbeschreibung führte mich zum Treppenaufgang. Allerdings wurde nicht erwähnt, dass sich die normale Treppe zwischen zwei Rolltreppen befindet. Ich vermute, dass das für die Berliner ohnehin selbstverständlich ist – nur ich musste erst einmal lange danach suchen.
Vor dem zweiten Treppenaufgang sollte ich zweimal rechts entlang gehen und dabei eine Wand auf meiner rechten Seite haben. Den Treppenaufgang fand ich allerdings eher nach einer Rechtskurve. Ist das falsch? Hoffentlich nicht. Da ich die ganze Zeit die Wand auf meiner rechten Seite hatte, war ich ziemlich überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein, und fand den Fußgängerweg auch recht schnell.
Anschließend musste ich im Innenhof wieder ein Leitsystem finden. Aber auf welcher Seite? Und wohin sollte mich dieses Leitsystem überhaupt führen? Das wurde leider nicht erklärt. Also ging ich einfach „bis zum Leitsystem“, wie es in der Beschreibung stand, und folgte anschließend der metallenen Ablaufrinne bis zum Humboldt Forum.
Nandita filmte mich diesmal von außen. Eigentlich verlief fast alles richtig. Nur die Glastür am Ende fand ich nicht. Nandita erklärte mir schließlich, dass ich mich inzwischen auf der anderen Seite des Gebäudes befand. Wir überprüften die Beschreibung noch einmal gemeinsam. Da wir das System selbst noch nicht ganz verstanden hatten, beschlossen wir schließlich, die Suche zu beenden und stattdessen einfach über die Museumsinsel zu spazieren.
Außerdem wussten wir bereits, dass das Humboldt Forum an diesem Tag ein Berliner Festival veranstaltete und wir am Abend zu einem Konzert willkommen sein würden. Darüber freuten wir uns sehr – wir wollten den Abend einfach mit Musik, Tanzen und guter Stimmung genießen. Nach unserem Spaziergang und ein paar Fotos vor Ort waren wir ziemlich müde. Deshalb legten wir uns auf eine der erstaunlich bequemen Bänke auf der Museumsinsel. Dort kann man sich wirklich wunderbar ausruhen. Gleichzeitig konnten wir noch ein bisschen die Sonne genießen.
Was den Spaziergang mit Nandita außerdem besonders macht: Sie kommt unglaublich leicht mit Menschen ins Gespräch. Die ganze Zeit bat sie irgendwelche Passanten, Fotos von uns zu machen, und stellte mich anschließend vor den verschiedensten Gebäuden der Museumsinsel auf. Während unserer kleinen Pause erzählte sie mir von den Fotos und freute sich darüber, dass wir so nette und talentierte Fotografen gefunden hatten. Dabei wurde mir auch bewusst, dass ich mich im Zentrum von Vilnius wahrscheinlich gar nicht so entspannt erholen könnte. Dort kennen mich einfach zu viele Menschen, und deshalb habe ich oft das Gefühl, mich etwas „ordentlicher“ verhalten zu müssen. Hier in Berlin dagegen genieße ich es, einfach auf einer Bank zu liegen und mich zu entspannen. Nandita brachte uns außerdem Pommes und Kaffee, und unsere kleine Sommerpause wurde dadurch noch gemütlicher und lustiger. Die Sonne wechselte sich übrigens ständig mit einem angenehm kühlen Wind ab. Manchmal war uns richtig warm, im nächsten Moment wieder kühl. Ich vermutete allerdings mit Sorge, dass das genau die Art von Wetter ist, bei der man sich besonders leicht einen Sonnenbrand holt.
Zur Mittagspause kehrten wir ins Hotel zurück. Dort wollten wir uns noch etwas ausruhen, Mindaugas etwas zu essen bringen und außerdem einen kleinen Auftrag für die Universität erledigen. Ich bin Studierendenvertreterin und muss deshalb regelmäßig kleine Tests zu universitären Themen absolvieren. Darin geht es zum Beispiel um Fragen wie: Wie viele Vertreterinnen und Vertreter gibt es im Studierendenparlament? An wen kann ich mich bei Problemen im Studium wenden? Wo finde ich welche Informationen? Eigentlich sind diese Tests gar nicht so einfach, weil man sich an viele offizielle Einzelheiten erinnern muss. Die meisten Informationen hatte ich allerdings schon früher gesammelt. Deshalb konnte ich den Test innerhalb einer knappen Stunde abschließen und meine Qualifikation als Studierendenvertreterin wieder verlängern.
Am Abend erwartete uns schließlich ein wunderschönes Konzert. Es traten mehrere Bands aus Korea auf. Die Sängerinnen waren unglaublich sympathisch und verstanden es hervorragend, mit dem Publikum zu kommunizieren. Ich kannte koreanische Musik bisher kaum. Sie klang für mich zunächst etwas fremd, wurde aber gleichzeitig auf eine sehr attraktive Weise präsentiert. Besonders die Art zu singen fand ich faszinierend. Gemeinsam mit dem unglaublich freundlichen Berliner Publikum verbrachten wir einen wunderschönen Abend. Später gingen wir noch ein Eis essen und anschließend bis zum Alexanderplatz spazieren. Draußen waren unglaublich viele Menschen unterwegs. Ähnlich wie tagsüber waren alle mit den unterschiedlichsten Dingen beschäftigt – so verschieden und doch oft irgendwie einsam. Der Alexanderplatz wirkte auf mich wie ein gemeinsamer Treffpunkt all dieser Unterschiede. Und genau deshalb fühlte es sich schön an, selbst ein kleiner Teil dieser Vielfalt zu sein. Dieses Gefühl erlebe ich immer wieder in großen Städten. Ich habe den Eindruck, dass ihre Bewegung, ihre Geräusche und ihre Atmosphäre mir helfen, den Mangel an visuellen Informationen irgendwie auszugleichen. In der Natur empfinde ich das anders. Dort entdecke ich wiederum andere wunderbare Dinge. Aber die Stadt ist für mich wie ein ganz besonderer Teil meines Inneren.
So kamen wir schließlich mit sommerlichen, städtischen, freundlichen und fröhlichen Eindrücken nach Hause zurück.