Nandita zu Besuch: 17. Juli

Erst heute wurde mir bewusst, dass schon ein großer Teil des Sommers vorbei ist. Im September beginnt bereits wieder ein neues Studienjahr. Ich frage mich ständig, warum die Zeit so schnell vergehen muss und warum wir keine Möglichkeit haben, etwas langsamer zu leben. Die nächste Frage ist, ob ich tagsüber inzwischen weniger schaffe, weil ich langsamer geworden bin, oder ob eine Stunde heutzutage einfach insgesamt an Wert verloren hat.

Heute beschlossen wir, den Alexanderplatz einfach in Ruhe zu erkunden. Ohne Wegbeschreibungen, ohne zu viel zu filmen – einfach den Moment anzuhalten, Berlin auf uns wirken zu lassen und später darüber zu reflektieren. Ich muss überhaupt noch viel mehr auf Deutsch reflektieren, damit ich mich in dieser Sprache immer mehr zu Hause fühle. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich wirklich auf Deutsch denke. Oder dass meine inneren Dialoge auf Deutsch stattfinden. In diesen Gesprächen suche ich nur selten nach Wörtern. Irgendwie läuft das Denken viel flüssiger als das tatsächliche Sprechen.

Der Alexanderplatz klingt für mich wie ein typischer europäischer Stadtplatz – voller Menschen, Geräusche, Gerüche und Sprachen. Wenn ich nicht wüsste, wo ich mich gerade befinde, würde ich denken, dass ich irgendwo in Europa bin. Ich hörte viele verschiedene Sprachen auf der Straße, und Deutsch gehörte tatsächlich nicht zu den häufigsten.

Noch interessanter wurde es, als ich einen vegetarischen Burger essen wollte und wir einen der vielen Burgerläden auf dem Platz betraten. Kaum waren wir drinnen, hörten wir sofort auf Englisch: “No dogs here!” Ich antwortete höflich, dass wir nur etwas bestellen wollten und anschließend gleich wieder hinausgehen würden. Kurz darauf kam ein anderer Mann, berührte mich und sagte ebenfalls auf Englisch: “You cannot be here.”

Während Mindaugas versuchte, sich durch den Bestellautomaten zu arbeiten, dachte ich nur: Wenn ich in Deutschland schon irgendwo hinausgeschickt werde, dann möchte ich wenigstens auf Deutsch hinausgeschickt werden! Der Mann war erstaunlich aufdringlich und wiederholte ständig, dass wir dort nicht sein dürften. Während der ganzen Szene waren unsere Hunde völlig ruhig und bellten überhaupt nicht. Die einzige Person, die bellte, war dieser Mann. Ich erklärte ihm sogar, dass ich nicht sehen kann und deshalb Hilfe beim Bestellen brauche. Aber irgendwie hörte mir niemand zu.

Schließlich stellte Mindaugas fest, dass es dort ohnehin keine vegetarische Auswahl gab. Also verließen wir das Restaurant freiwillig.

Sehr witzigerweise wiederholte sich dieselbe Szene in einem anderen Burgerladen. Auch dort musste man das Essen an einem Bestellautomaten auswählen – ähnlich wie bei McDonald's. Der Automat stand allerdings weder im Essbereich noch zwischen den Tischen, sondern direkt im Eingangsbereich. Trotzdem durften wir mit unseren Assistenzhunden nicht einmal für eine Minute dort stehen bleiben, um in Ruhe unser Essen zu bestellen. Ach, Berlin – du überraschst mich immer wieder! Statt Burger zu essen, gingen wir einfach draußen spazieren. Ich konnte die Skulptur eines Mannes ertasten und anschließend am Roten Rathaus sowie an der Marienkirche entlanggehen. Natürlich durfte man auch dort mit Hunden nirgendwo hinein. Ich sagte zu Mindaugas: „Ihr dürft nicht hinein, und für mich ergibt es ohnehin keinen Sinn – ich kann ja nichts sehen.“ Es war außerdem schön, den Straßenmusikerinnen und Straßenmusikern zuzuhören. Ihre Musik vermischte sich mit den Geräuschen der Stadt und mit den Melodien anderer Musiker. Erstaunlicherweise gelang es all diesen Klängen, gleichzeitig zu existieren, ohne sich gegenseitig zu stören. Ich versuchte, die einzelnen Melodien voneinander zu trennen – fast so, als würde ich Gegenstände sortieren. Dabei suchte ich immer nach dem Moment, in dem ich einer Melodie nicht mehr folgen konnte und meine Aufmerksamkeit ganz von selbst zur nächsten wechselte. Das fühlte sich unglaublich friedlich an. Obwohl wir uns nicht überall willkommen fühlten, wurden wir auf der Straße wie alle anderen Besucher ganz selbstverständlich aufgenommen. Hier fanden Straßenmusiker, Touristinnen und Touristen, Geschäftsleute, die unterschiedlichsten obdachlosen Menschen, Alkoholkranke und viele andere ungewöhnliche oder verlorene Gestalten ihren Platz. Und irgendwie gehörten sie alle zu diesem lebendigen Stadtbild.

Ich war außerdem überrascht zu erfahren, dass der Name des Alexanderplatzes einen russischen Ursprung hat. Der frühere Ochsenmarkt wurde zu Ehren des russischen Zaren Alexander I., der Preußen im Kampf gegen Napoleon unterstützte, in Alexanderplatz umbenannt. Eigentlich hat sich die ursprüngliche Bedeutung des Platzes gar nicht so sehr verändert. Früher war er ein Handelsplatz – und irgendwie ist er das bis heute geblieben, auch wenn der Handel heute ganz anders aussieht. Meine Berliner Freundin hatte mich gewarnt, dass es dort am späten Abend nicht besonders sicher sei. Tagsüber wirkte jedoch alles erstaunlich friedlich.

Noch etwas zu der Skulptur des arbeitenden Mannes: Seine Schuhe waren zerrissen, und das erschien mir als ein schönes Symbol für die harte Arbeit. Auf dem Platz gab es außerdem noch eine weitere Skulptur – die einer Frau, die einen Stock oder ein Werkzeug in der Hand hielt. Ich stellte mich neben sie und nahm mit meinem Blindenstock dieselbe Haltung ein. Es gefällt mir, nachdem ich eine Skulptur ertastet habe, ihre Haltung nachzuahmen. Für einen kurzen Moment habe ich dann das Gefühl, als könnte ich nachempfinden, wie es wäre, selbst dort zu stehen – regungslos, Tag für Tag.

Nandita kam erst spät am Abend aus Bitburg an – erst gegen neun Uhr. Sie war mit Regionalzügen unterwegs und musste so oft umsteigen, dass ihre Reise insgesamt mehr als zwölf Stunden dauerte. Mindaugas und ich lachten darüber, dass sich diese Fahrt wahrscheinlich ein bisschen wie eine Reise durch Indien angefühlt haben musste. Wie erfahrene Berliner empfahlen wir ihr, nicht bis zum Hauptbahnhof weiterzufahren, sondern bereits am Potsdamer Platz auszusteigen und dort die S9 zu nehmen. So konnte sie noch etwas Zeit sparen. Wir trafen uns nach einer langen Pause wieder. Inzwischen hatte Nandita schon richtig gut Deutsch gelernt. Wenn sie auf der Straße jemanden etwas fragen musste, tat sie das ganz selbstverständlich und mutig auf Deutsch.

Als wir schließlich am Hotel ankamen, hielt uns ein Mann an und fragte, ob wir irgendwo einen Hund gesehen hätten. Zuerst verstand ich gar nicht richtig, was er von uns wollte. Nandita reagierte jedoch sofort und antwortete, dass wir keinen Hund gesehen hätten. Dann überraschte uns der Mann noch einmal. Er sagte: “Ich spreche nicht mit dir, sondern mit dieser Frau.” Dabei zeigte er auf mich. Nandita erklärte ihm daraufhin, dass wir beide gerade erst angekommen seien und deshalb nichts gesehen hätten. Da war ich endgültig von ihren Deutschkenntnissen überzeugt! Früher waren wir ein perfektes Team, bei dem die eine sehen und die andere sprechen konnte. Jetzt wird für uns beide alles noch viel einfacher.

restlichen Abend verbrachten wir einfach gemeinsam in unserem Hotelzimmer und unterhielten uns lange. Draußen hatte es plötzlich angefangen zu regnen. Eigentlich wollte ich den Alexanderplatz noch einmal bei Nacht erleben, aber das konnten wir genauso gut auf den nächsten Tag verschieben.