Auf der Museumsinsel – 15. Juli

Heute bin ich nach einem Tag im Hotel endlich wieder in die Stadt gegangen. Ich verstehe, dass die Zeit sehr schnell vergeht und dass ich sie vielleicht besser nutzen sollte, um noch mehr zu erkunden, aber leider kann ich nicht ununterbrochen produktiv sein. Meine Freundin hat mir heute eine goldene Idee gegeben. Sie hat mir empfohlen, einen Monat lang zu versuchen, mich selbst nicht zu kritisieren. Dann erzählte sie mir, wie sich ein solches Experiment auf sie selbst ausgewirkt hat. Und da habe ich gedacht, dass wir Litauer wirklich sehr kritisch mit uns selbst umgehen. Wir wollen immer viel schaffen, schnell arbeiten und dabei noch eine hohe Qualität liefern. Wir stellen sehr hohe Anforderungen an uns selbst und haben die Tendenz, uns große Vorwürfe zu machen, wenn etwas nicht so gut läuft. Hoffentlich ist die jüngere Generation in dieser Hinsicht schon gesünder und trägt weniger davon mit sich herum, denn es kann sehr belastend sein. Ich gehöre noch zu der Generation, die von sowjetisch geprägten Eltern großgezogen wurde. Mit „sowjetisch geprägt“ meine ich, dass unsere Eltern ihre Jugend und ihre prägenden Jahre noch während der Sowjetzeit erlebt haben. Deshalb waren sie oft vorsichtiger, vieles machte ihnen Angst, und möglicherweise haben sie etwas von dieser Unsicherheit und Unruhe an ihre Kinder weitergegeben.

Meine Therapie wird also ähnlich aussehen: Ich versuche jetzt, ohne ständige Selbstkritik und in meinem eigenen Tempo hier alles zu machen.

Heute wollte ich die Museumsinsel besuchen und vielleicht noch irgendein Museum dort. Ich hatte entdeckt, dass es dort ein Tastmodell der gesamten Museumsinsel gibt. Also wäre es logisch, zunächst dieses Modell zu finden und erst einmal die Insel selbst zu ertasten. Auf der BfB-Website gab es eine Wegbeschreibung, also haben wir unser ganzes Equipment zusammengesammelt und sind auf Expedition gegangen.

Für diesen Test der Wegbeschreibung haben wir beschlossen, nur die Handykamera und die Kamera meiner Brille zu benutzen. Technisch ist aber auch das nicht besonders einfach, denn irgendwo muss ich gleichzeitig noch die Wegbeschreibung lesen. Dieses Mal habe ich sie auf dem Handy geöffnet und sofort gemerkt, wie unbequem diese Variante im Vergleich zu Braille-Notizen ist. Besonders dann, wenn man schon bei den späteren Schritten der Beschreibung angekommen ist. Man muss zunächst den Anfang überspringen und sich bis zu den letzten Anweisungen durchscrollen.

Für Muttersprachler oder Menschen mit sehr guten Sprachkenntnissen funktioniert das vielleicht anders – sie können die Informationen aus dem laufenden Text heraushören und direkt verarbeiten. Ich möchte aber immer die Details und den genauen Wortlaut der Anweisungen erfassen. Deshalb musste ich mich ziemlich viel mit der Navigation auf dem Handy beschäftigen. Übrigens gilt das für mich genauso bei litauischen Texten.

Also, wie sieht eine solche Reise eigentlich aus?

Ich gehe mit meiner Kamerabrille in Richtung des gewünschten Ziels und filme unterwegs. In der rechten Hand halte ich den Langstock und in der linken mein Handy. Da die Brille beim Filmen VoiceOver automatisch stummschaltet, musste ich die VoiceOver-Ausgabe auf meine Kopfhörer umleiten. Das bedeutete wiederum, dass auch mein linkes Ohr abgedeckt war. Beim selbstständigen Unterwegssein mag ich das überhaupt nicht. Aber hier musste ohnehin alles langsam gehen, also dachte ich mir: „Okay, das kriegen wir auch so hin.“

Mindaugas und die Hunde bilden mein zusätzliches Kamerateam, und Mindaugas filmt natürlich ebenfalls, damit wir später verschiedene Perspektiven haben. Durch meine Brillenkamera sieht man ziemlich genau das, was vor mir liegt. Ehrlich gesagt bin ich mir allerdings nicht sicher, ob auf den heutigen Aufnahmen überhaupt alles zu sehen sein wird, denn ich hatte meine Haare offen, und manchmal haben sie wahrscheinlich die Kamera verdeckt.

Ansonsten war der Plan klar. Dieses System führt blinde Menschen übrigens bevorzugt über normale Treppenauf- und -abgänge, weil diese für die selbstständige Orientierung einfacher sind. Deshalb beschlossen Mindaugas und ich, uns erst außerhalb des U-Bahnhofs zu treffen. Ich sollte meinen Ausgang selbstständig über die Treppen finden. Ich lese die Anweisungen:

Am Leitsystem bis zum Ende des Bahnsteiges in Fahrtrichtung Hauptbahnhof. Der erste Treppenaufgang endet auf einer Zwischenebene

Das ist alles klar. Das Leitsystem im U-Bahnhof Museumsinsel ist übrigens relativ neu. Ich finde es und marschiere voller Optimismus bis ganz ans Ende. Auch die Richtung ist eindeutig: dorthin, wo meine U-Bahn weitergefahren ist.

Aber hier enden die eindeutigen Dinge auch schon. Am Ende des Leitsystems suche ich nach dem Treppenaufgang und finde nur Rolltreppen. Dann werde ich unsicher: Vielleicht war das doch noch nicht das Ende des Leitsystems? Also gehe ich zurück.

Meine Engel – so nenne ich die kostenlose Hilfe auf der Straße durch zufällige Passantinnen und Passanten – haben mich inzwischen schon in drei Sprachen gefragt, wohin ich möchte: auf Deutsch, Englisch und Französisch.

Diese Frage ist allerdings gar nicht so einfach zu beantworten. Ich möchte zum ersten Treppenaufgang, der keine Rolltreppe sein sollte. Aber ich möchte mein Problem auch nicht im Detail erklären und wiederhole deshalb wie ein kaputter Automat: „Danke schön, alles in Ordnung, ich brauche keine Hilfe.“ Diesen Satz habe ich heute wirklich sehr oft gesagt.

Nachdem ich das Ende des Leitsystems noch einmal vorsichtiger untersucht und es dabei fast geschafft hatte, auf die Gleise zu fallen, fand ich trotzdem keine andere Treppe. Am Ende des Systems ertastete ich, wie ich es gelernt hatte, das Aufmerksamkeitsfeld und anschließend die Reihe mit den Treppen. Nach noch ein paar Runden um diesen Treppenblock – mit Unterstützung meiner Engel – fand ich schließlich zwischen den Rolltreppen meinen kleinen normalen Treppenaufgang.

Hurra! Schon mal ein Erfolg! Ich lese weiter:

Wenige Schritte weiter. Rechts entlang. Wenige Schritte weiter. Rechter Hand Wand. Wenige Schritte weiter. Rechts entlang. Rechter Hand Wand. Einige Meter weiter. Der zweite Treppenaufgang endet auf einer weiteren Zwischenebene.

Das klingt auch noch verständlich. Nachdem ich den Treppenaufgang hinaufgegangen bin, muss ich nach rechts gehen und dann, wie beschrieben, nach wenigen Schritten eine Wand auf der rechten Seite finden.

Aber ich finde eine Wand direkt vor mir.

Diese Wand steht dort unerbittlich und macht mir deutlich, dass sich mein Treppenaufgang offenbar ganz woanders befindet. Ich überlege, was ich hier falsch verstanden haben könnte. Vielleicht müsste ich vom Ende des Treppenaufgangs noch irgendwo weitergehen? Aber da steht eben diese Wand.

Eigentlich sieht diese Zwischenebene wie ein Rechteck aus: Drei Seiten sind von Wänden begrenzt, und an der einzigen offenen Seite befinden sich Rolltreppen und möglicherweise irgendwo auch normale Treppen.

Das Problem mit den Rolltreppen ist, dass man, wenn man von unten an sie herankommt, nicht sofort weiß, in welche Richtung sie fahren: nach oben oder nach unten. Einmal bin ich von unten auf eine nach unten fahrende Rolltreppe gestiegen und dabei fast gestürzt. Meine Engel fragten mich schon wieder besorgt: „Was ist los?“

Aber wie soll ich erklären, warum ich seit Ewigkeiten im Kreis über diese Zwischenebene laufe?

Eine Frau stellte mich schließlich unbedingt auf einen Treppenabgang, und so fuhr ich wieder nach unten zum Ausgangspunkt. Sicherheitshalber überprüfte ich noch einmal das Ende des Leitsystems. Vielleicht gab es dort doch noch irgendeine andere Treppe?

Nein. Nur diese eine Reihe von Treppen.

Das alles dauert natürlich. Nach ungefähr 30 oder 40 Minuten ruft Mindaugas an und fragt, wo ich eigentlich bin. Er fährt draußen ständig um den Bahnhof herum und überprüft alle Ausgänge, weil er nicht weiß, aus welchem ich irgendwann auftauchen werde.

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich meinen Ausgang immer noch suche und dass er noch jede Menge Zeit hat, einen Kaffee zu trinken oder sonst etwas zu machen. Er beruhigt sich und wartet weiter.

Ich gehe wieder nach oben und verstehe endgültig, dass das mit der Wand auf der rechten Seite nicht funktioniert. Also versuche ich einfach, irgendeinen Treppenaufgang zu finden, ohne weiterhin darauf zu bestehen, dass es unbedingt eine normale Treppe sein muss. Ich denke mir, dass eine Rolltreppe schließlich auch funktionieren wird. Allerdings stelle ich mich noch ein paar Mal auf die falsche Richtung!

Schließlich schaffe ich es – wieder mit der wunderbaren Hilfe meiner Engel – über den zweiten Treppenaufgang nach oben. Ich hoffe einfach, dass dieser Rolltreppenaufgang auf derselben Zwischenebene endet, die in der Beschreibung gemeint ist.

Dann geht es weiter. Natürlich sind meine Erwartungen bei diesem Tempo inzwischen etwas gesunken, aber trotzdem:

Wenige Schritte weiter. Links entlang. Wenige Schritte weiter bis zum Verbindungsgang. Etwa 30 Meter weiter bis zum Ende des Verbindungsganges. Links entlang. Wenige Schritte weiter. Der dritte Treppenaufgang endet auf der Spreepromenade. Linker Hand Deutsches Historisches Museum.

Zuerst bekomme ich leichte Panik: Was ist ein Verbindungsgang? Wie sieht so etwas überhaupt aus?

Dann zwinge ich mein Gehirn, wieder etwas normaler zu funktionieren, und mir wird klar, dass es wahrscheinlich einfach eine Art schmaler Tunnel sein muss. Jetzt kann ich wirklich nicht mehr sagen, ob ich den Verbindungsgang so gefunden habe, wie es in der Beschreibung vorgesehen war. Ich marschierte jedenfalls sehr entschlossen über die Zwischenebene und dachte dabei ununterbrochen: „Was ist der Verbindungsgang? Was ist der Verbindungsgang?“ Wie lange und in welche Richtung ich dabei gelaufen bin, kann ich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen.

Als diese Erleuchtung endlich meinen Kopf erreichte, ging ich die ungefähr 30 Meter durch den Verbindungsgang ganz normal und sogar ohne besondere zusätzliche Aufmerksamkeit meiner Umwelt.

Aber dann: „Wenige Schritte weiter. Der dritte Treppenaufgang …“

Wieder ein Treppenaufgang. Und wieder finde ich statt normaler Treppen nur Rolltreppen. Ich untersuche alles, aber die Rolltreppen rollen und rollen, und einen normalen Treppenaufgang finde ich nicht. Also entscheide ich mich schließlich einfach für die Rolltreppe. Auch diese Entscheidung fällt nicht besonders schnell und nicht ohne die Prüfung einiger Alternativen, aber immerhin! Ich fahre nach oben und spüre endlich wieder die Sonne und höre die Geräusche der Straße.

Ich rufe Mindaugas an und überbringe ihm die gute Nachricht: Seine Frau hat erfolgreich das Tageslicht erreicht!

Ein paar Minuten später findet er mich tatsächlich. Es stellt sich heraus, dass ich auf einer anderen Seite herausgekommen bin.

Mein Optimismus ist sofort wieder da, denn jetzt weiß ich endlich, was sich vor mir befindet: „Linker Hand Deutsches Historisches Museum.“ Es ist immer so schön zu wissen, was man gerade „sieht“! Sofort vergesse ich alle bisherigen Misserfolge und widme mich mit neuer Energie dem nächsten Teil der Beschreibung.

Links entlang. Wenige Schritte weiter bis zur Mauer. Wenige Schritte weiter bis zum Ende der Mauer. Links entlang. Linker Hand Mauer. Rechter Hand Deutsches Historisches Museum. Etwa 20 Meter weiter bis zum Ende der Mauer. Wenige Schritte weiter bis zum Fußgängerweg.

Das erste Warnsignal hätten hier eigentlich die Begriffe „Mauer“ und „Wand“ sein müssen. Aber weil ich mich wieder optimistisch fühlte, machte ich meine großen „wenigen Schritte“ bis zur Mauer. Ich konnte diese Mauer schon vom Bahnhofsausgang aus akustisch wahrnehmen und fand sie tatsächlich nach wenigen Schritten. Aber dann kam das nächste Hindernis. Die Beschreibung sagt: „Wenige Schritte weiter bis zur Mauer. Wenige Schritte weiter bis zum Ende der Mauer.“ Ich stehe aber direkt vor einer Mauer. Ich muss also entweder rechts oder links an ihr entlanggehen.

Ich probiere beide Seiten aus und untersuche beide möglichen Varianten. Später erklärt mir Mindaugas, dass die Mauer, die ich gefunden habe, bereits die Wand des Museums ist. Oder eben die Wand.

Und wo ist dann die Mauer?

Ich gehe wieder zurück zu den Treppen, gehe nach links, mache wenige Schritte bis zur Mauer – aber meine Mauer steht weiterhin direkt vor mir, und ich kann unmöglich noch „wenige Schritte weiter bis zum Ende der Mauer“ gehen.

Dann versuche ich logisch zu denken. Dieses System wurde schließlich so entwickelt, dass blinde Menschen die Beschreibungen mit möglichst wenig mentalem Aufwand verstehen können. Also suchen Mindaugas und ich gemeinsam nach dieser mysteriösen Mauer.

Und dann zeigt er mir diese niedrige Begrenzung am Bahnhof. Sie reicht mir vielleicht bis zur Taille und ist sehr schmal.

Bis zu dieser Mauer muss ich tatsächlich nur sehr wenige Schritte machen. Und auch „bis zum Ende der Mauer“ bedeutet hier wirklich nur ein paar Schritte, denn die Mauer ist vielleicht gerade einmal 30 Zentimeter breit. Danach kann ich nach links gehen, an dieser schmalen Mauer entlanglaufen und habe die Wand des Museums auf der rechten Seite.

Aber noch einmal: Wo ist hier eigentlich die Mauer?

Die Vorstellung davon, was „wenige Schritte“ sind und wie eine „Mauer“ aussieht, kann offensichtlich sehr unterschiedlich sein. Ich verstehe, dass das teilweise mein eigenes Problem ist: Ich habe nach einer Mauer gesucht, die zumindest ungefähr so hoch ist wie ich. Dass mit „Mauer“ auch eine niedrige Begrenzung des Bahnhofsausgangs gemeint sein könnte, darauf wäre ich nicht gekommen.

Aber nach ungefähr einer weiteren Stunde fanden wir tatsächlich – genau wie beschrieben – den Fußgängerweg. Hier mussten wir plötzlich eine Pause machen, weil Mindaugas sich nach dem langen Warten in der Hitze sehr schlecht fühlte. Also gingen wir schnell zu einem Eiskiosk und kauften Eis und Eiskaffee, um uns etwas zu erholen.

Dabei dachte ich wieder darüber nach, wie unterschiedlich Vorstellungen sein können und wie viel Erfahrung man selbst mit dem besten System noch braucht.

Nachdem es uns wieder besser ging, kehrten wir zum Bahnhof und zu unserer wunderschönen Mauer zurück.Und dann ging der Spaß weiter!

Links entlang. Rechter Hand Straße Unter den Linden. Etwa 20 Meter weiter bis zum ersten mannshohen Sockel. Wenige Schritte weiter. Linker Hand steinernes mannshohes Brückengeländer mit Verzierungen. Etwa 15 Meter weiter bis zum zweiten mannshohen Sockel. Wenige Schritte weiter bis zum steinernen mannshohen Brückengeländer mit Verzierungen. Etwa 15 Meter weiter bis zum dritten mannshohen Sockel. Wenige Schritte weiter bis zum steinernen mannshohen Brückengeländer mit Verzierungen. Etwa 15 Meter weiter bis zum vierten mannshohen Sockel. Wenige Schritte weiter bis zum Ende des Sockels. Sandweg. Linker Hand steinernes mannshohes Brückengeländer mit Verzierungen. Wenige Schritte weiter bis zum Ende des Geländers.

Der Anfang klang noch ganz optimistisch. Rechts von mir die Straße – korrekt. Aber dann? Was meinen sie mit diesem „mannshohen Sockel“? Unter einem Sockel stelle ich mir so etwas wie eine Säule oder einen Pfeiler vor. Ich hatte auf der linken Seite tatsächlich etwas in dieser Art ertastet. Aber als ich dort stand und gleichzeitig all die Geräusche der Straße hörte, klang „mannshoher Sockel“ in meinem Kopf plötzlich eher wie irgendein mysteriöser Poller. Und mein Selbstvertrauen sank wieder ein Stück.

Ich verstand zwar, dass sich links von mir irgendwelche Sockel und Brückengeländer befinden mussten. Aber jeden einzelnen Sockel und jedes einzelne Brückengeländer – noch dazu mit Verzierungen – genau zu identifizieren, war mir irgendwann zu viel. Also versuchte ich einfach, weiterzugehen, bis ich das Ende des Geländers erreichte.

Nur kam dieses eindeutige Ende nicht, weil dort zusätzlich irgendwelche Hindernisse standen. Mindaugas erklärte mir, dass es dort eine Baustelle gibt und ich das einfach ignorieren soll.

Ein weiteres interessantes Detail: Auch Mindaugas wusste nicht, wo genau unser Ziel lag, denn das Tastmodell war auf der Karte nicht eingezeichnet. Er wartete also ebenfalls immer auf meine Anweisungen, wohin wir als Nächstes gehen sollten. Unsere geduldigen Assistenten warteten ebenfalls geduldig und folgten uns, während wir auf dieser Brücke Sockel und Geländer zählten. Schließlich fand ich ein relatives Ende und las die Beschreibung weiter:

Etwa 150 Meter weiter bis zum Ende des Sandweges. Linker Hand Metallgeländer.

Und da war schon das nächste Hindernis. Wo sollte ich diesen Sandweg finden?

Am Ende des Geländers setzte sich der Fußgängerweg fort. Dort gab es tatsächlich auch einen Sandweg, und ich ging diesen Weg entlang. Aber an seinem Ende war nichts: kein Geländer auf der linken Seite, überhaupt nur eine offene Fläche.

Also wieder marschieren, lesen, versuchen zu verstehen: Was genau ist damit gemeint? Ohne das Geländer konnte ich nicht mehr wissen, in welche Richtung ich weitergehen sollte. Dann sagte Mindaugas: „Vielleicht hättest du am Ende des Geländers nach links gehen müssen? Dort gibt es ein Metallgeländer, das an der Spree entlangführt.“

Wir gingen zurück, und tatsächlich fand ich dort dieses Geländer.

Na gut. Von hier aus konnte ich wieder einem Sandweg folgen. Und dieser Sandweg konnte tatsächlich ungefähr 150 Meter lang sein. Am Ende befand sich das Geländer immer noch auf meiner linken Seite. Das freute mich, und ich konnte die Beschreibung weiter überprüfen

Etwa 20 Meter weiter bis zum Ende des Metallgeländers. Rechts entlang. Linker Hand Metallgeländer. Wenige Schritte weiter bis zum Beginn der Mauer. Linker Hand Mauer. Wenige Schritte weiter. Rechts entlang. Linker Hand Mauer. Wenige Schritte weiter bis zum Ende der Mauer. Links entlang. Linker Hand Mauer. Wenige Schritte weiter bis zum Ende der Mauer. Rechts entlang. Einige Meter weiter ist das Tastmodell.

Jetzt sehe ich endlich das Ziel vor Augen: das Tastmodell! Aber zunächst endet das Geländer, ich gehe nach rechts und finde wieder das Ende eines Geländers. Dann beginnt eine Mauer mit Treppen. Nach einiger Zeit verstehe ich, dass dieses schmale Betonding tatsächlich wieder die besagte „Mauer“ ist – und dass „wenige Schritte weiter“ wirklich sehr, sehr wenige Schritte bedeuten kann.

Um das herauszufinden, musste ich allerdings ziemlich lange in dieser nach Urin riechenden Ecke herumirren und alles Mögliche abtasten. Irgendwann sagte ich plötzlich zu Mindaugas: „Aber wie kannst du das Modell noch nicht sehen? Es muss doch irgendwo hier sein, nur einige Meter weiter …“

Und tatsächlich: Dann entdeckte auch Mindaugas das Modell. Es stand ganz ruhig und unschuldig in dieser Ecke, etwas weiter in der Mitte und vom Geländer entfernt. Da das Modell etwas erhöht stand, hatte auch Mindaugas es zunächst nicht bemerkt. Nachdem ich endlich wusste, wo genau das Modell stand, konnte ich die Beschreibung noch einmal im Nachhinein analysieren. Dabei verstand ich, dass all diese Richtungswechsel nach links und rechts und die „wenigen Schritte weiter“ hier tatsächlich extrem kurze Distanzen bedeuteten. Ich mache offenbar etwas größere Schritte und drehe mich wahrscheinlich auch nicht immer ganz exakt um 90 Grad. Bei mehreren aufeinanderfolgenden kurzen Anweisungen können sich solche kleinen Abweichungen natürlich schnell summieren.

Das Tastmodell zeigte mir endlich, wie die Museumsinsel eigentlich aufgebaut ist. Ich konnte die Formen des Berliner Doms, des Humboldt Forums und mehrerer Museumsgebäude ertasten. Das war schon ein echtes Gefühl der Erleichterung.

Insgeheim dachte ich mir: „Vielleicht reicht es mir ja, die Insel auf diese Weise zu sehen? Vielleicht muss ich die echten Museen gar nicht mehr besuchen?“

Nach dieser Expedition nehme ich jedenfalls einige wichtige Lektionen mit:

  1. Ich muss alle Begriffe vorher überprüfen. In solchen Beschreibungen können einige sprachliche Überraschungen auftauchen: „mannshohe Brückengeländer mit Verzierungen“, Sockel, die unterschiedlichsten Mauern und noch vieles mehr. Damit hatte ich nicht gerechnet und war sprachlich nicht besonders gut darauf vorbereitet.

  2. Ich muss versuchen, meine eigenen Vorstellungen auszuschalten und mich stärker am Ziel der jeweiligen Anweisung zu orientieren. Als ich zum Beispiel aus dem Bahnhof kam, befand sich die gesuchte Mauer wirklich sehr, sehr nah bei mir. Deshalb waren es tatsächlich nur sehr wenige Schritte bis dorthin. Und „bis zum Ende der Mauer“ muss offenbar nicht immer bedeuten, dass ich lange an einer Mauer entlanglaufen muss. Manchmal bedeutet es einfach, um eine sehr kurze Mauer herumzugehen und die Richtung zu wechseln. Also wieder einmal: nicht zu schnell werden!

  3. Es gibt wahrscheinlich keine perfekte Wegbeschreibung für blinde Menschen, mit der man sich automatisch und vollkommen sicher auf der Straße bewegen kann. Auch mit einem sehr gut durchdachten System muss man ständig lernen, Erfahrungen sammeln, flexibel denken, kreativ bleiben – und vor allem sehr viel Geduld mitbringen.

Für meine nächsten Expeditionen habe ich inzwischen lieber gar keine Erwartungen mehr.

Das einzige Problem ist, dass mir heute mein Rücken weiter und intensiver wehtut. Hoffen wir, dass es keine Entzündung ist und ich meine Expeditionen wenigstens ohne körperliche Hindernisse fortsetzen kann.