Fremdheit – 9. Juli
Heute begleitet mich fast den ganzen Tag ein Gefühl von Fremdheit, Unverständlichkeit und Sinnlosigkeit. Man sagt, dass eine solche Krise nach einer gewissen Zeit in einer neuen Umgebung ganz normal ist. Bei mir scheint sie am 25. Tag meines Praktikums mit voller Kraft angekommen zu sein.
Krisen können natürlich sehr unterschiedlich aussehen. Aber das, was ich gerade erlebe, kann man wahrscheinlich tatsächlich als eine Art Adaptionskrise bezeichnen. Heute spüre ich eine starke Stagnation und Frustration. Meine Deutschkenntnisse erscheinen mir immer unzureichender, und in letzter Zeit bin ich immer häufiger in Situationen geraten, die mir meine eigenen Grenzen sehr deutlich zeigen. Vielleicht muss ich diese Krise einfach durchleben, und danach geht es mit den Fortschritten wieder leichter weiter. Vielleicht habe ich aber auch einfach den höchsten Punkt erreicht, den ich mit dieser Sprache erreichen kann, und kann nicht mehr viel daran ändern. So viele “vielleicht”...
Gestern habe ich einen Facebook-Beitrag gelesen, in dem eine Frau von einer Wanderung durch die Wüste erzählte. Sie musste mit ihrem Partner mehr als 40 Kilometer in wahnsinniger Hitze zu Fuß zurücklegen. Ohne Schatten, ohne Wasser, ohne Pflaster für ihre Wunden. Sie beschrieb ihre Erschöpfung so genau, dass mir plötzlich auffiel, wie sehr mich ihre Erfahrung an mein eigenes inneres Erleben hier erinnert. Ich kann natürlich anerkennen, dass diese Gefühle möglicherweise auch mit meinem hormonellen Zustand zusammenhängen. Aber heute fühle ich mich trotzdem so, als könnte ich langsam aufgeben und zugeben, dass meine Beziehung zur deutschen Sprache einfach nicht funktioniert hat.
Ich wiederhole mir selbst, dass es eigentlich gar kein großes Problem ist. Ich habe schließlich nichts verloren. Es ist nicht so, dass ich diese Sprache unbedingt lernen muss, weil ich sonst für immer arbeitslos werde. Oder obdachlos. Oder sonst irgendwie -los... was auch immer. Aber heute hilft mir dieser Gedanke nicht. Mir half früher auch die Wahrnehmung, dass es eigentlich einfach eine Reise ist, von der man mit unglaublich vielen Erfahrungen zurückkehren kann. Man kann aber auch einfach Zeit irgendwo verbringen, ohne dabei wesentliche Fortschritte zu machen. Auch das ist ein Ergebnis. Aber nicht heute ... Trotzdem bringt mir diese Krise heute eine solche Müdigkeit, dass ich mir kaum vorstellen kann, überhaupt noch irgendetwas auf Deutsch zu sagen. Das ganze Studienjahr über habe ich versucht, der deutschen Sprache wenigstens ein bisschen weniger Schaden zuzufügen. Doch irgendwie geht alles immer weiter, wie in einem endlosen Traum, der einen nicht erholt, sondern nur noch müder macht.
Heute war außerdem ein Tag voller neuer Eindrücke. Ich hatte beschlossen, allein zum ABSV und anschließend zum Yogaunterricht zu fahren. Einerseits wollte ich Mindaugas nicht den ganzen Tag unterwegs halten, denn ich hatte erst die Arbeit, dann Yoga und am Abend noch einen Theaterbesuch. Andererseits musste ich mich auch mehr daran gewöhnen, die Wegbeschreibungen dieses Systems selbstständig zu testen.
Allerdings war heute auch einer dieser Tage, an denen einfach alles schiefzulaufen scheint. Angefangen bei meiner Kleidung – ich dachte, es würde sehr heiß werden, und hatte mich deshalb viel zu dünn angezogen – bis hin zu den einfachsten Dingen, wie den richtigen Link auf einer Website zu finden. Heute fällt mir sogar das Schreiben schwer. Das Lesen fällt mir schwer. Manchmal verstehe ich Dinge erst mit Verzögerung. Und ich fühle mich, als würde ich mich selbst von außen beobachten. Als wäre mein eigenes Ich in zwei Teile zerbrochen und einer davon würde nun aus der Distanz diese verzweifelten Versuche des anderen betrachten.
Meine Kollegin hatte mir sehr freundlich angeboten, nicht nur gemeinsam bis zum S-Bahnhof zu fahren, sondern auch noch zusammen umzusteigen und ein Stück des Weges gemeinsam zurückzulegen. An einem solchen schwierigen Tag war das besonders schön. Ich hatte die Wegbeschreibung vorher in Braille vorbereitet, damit ich mich unterwegs ausschließlich auf den Weg konzentrieren konnte und nicht ständig mit dem Handy hantieren musste. Das war eine sehr gute Idee. Meine Braille-Notizen hatte ich auf kleineren Blättern, sodass ich sie bequem mit einer Hand lesen konnte. Den Weg filmte ich mit der in meine Brille integrierten Kamera. Wenigstens musste ich also keine zusätzliche Kamera in der Hand halten – technisch gesehen schon mal ein Gewinn.
Die Suche nach dem richtigen Weg brachte allerdings wieder einige merkwürdige Unklarheiten mit sich. Zunächst konnte ich das Leitsystem in Grunewald, von wo aus ich zum ABSV und zu meinem Yogaunterricht gelangen sollte, nur schwer ertasten. Meine Kollegin Constanze zeigte mir die Leitlinien, aber ich konnte sie mit meinem Stock nicht besonders deutlich wahrnehmen. Also orientierte ich mich einfach an der Bahnsteigkante, weil ich wusste, dass die Leitlinie ungefähr 70 Zentimeter davon entfernt verläuft. Schließlich fand ich das entsprechende Aufmerksamkeitsfeld. Aber gerade als ich langsamer werden und die verschiedenen Felder genauer untersuchen wollte, kam eine Dame, die mich unbedingt begleiten wollte.
Ich erklärte ihr mehrmals, dass ich gerade lerne und ein System testen muss. Aber sie wollte mich trotzdem unbedingt irgendwohin begleiten und mir noch irgendein anderes System zeigen. Also ließ ich sie schließlich mit Constanze darüber diskutieren und suchte selbst weiter nach dem Ende des Bahnsteigs. Danach kehrte ich zum zweiten Aufmerksamkeitsfeld zurück.
Der Anfang war tatsächlich motivierend. Ich konnte den Treppenabgang finden, und auch der Verbindungsgang mit den Blumen am Ende war sehr eindeutig und leicht zu erkennen. Der Abschnitt zwischen dem Bahnhof und dem Zebrastreifen über die Straße war schon weniger klar, weil ich diese „wenigen Schritte weiter“ und die exakten Richtungswechsel noch nicht richtig im Gefühl habe. Zum Beispiel verpasste ich irgendwie den Briefkasten und stellte mir deshalb vor, dass die Bushaltestelle noch etwas weiter entfernt sein müsste. Trotzdem konnte ich der Beschreibung folgen, und am Ende funktionierte alles.
Der Eingang zum Gelände ist zusätzlich durch ein akustisches Signal gekennzeichnet, und genau dieses Signal wurde schließlich zu meinem wichtigsten Orientierungspunkt. In der Beschreibung stand zwar außerdem, dass es sich um die fünfte Einfahrt handeln sollte. Bis zur fünften Einfahrt hatte ich allerdings definitiv nicht gezählt – nach meiner Rechnung war es höchstens die zweite. Aber ich hörte das Signal und bog nach links ab. Da dachte ich wieder, dass es für mich wahrscheinlich am wichtigsten ist, aus jeder Wegbeschreibung bestimmte Orientierungspunkte herauszufiltern, die für mich persönlich entscheidend sind.
Die Jogalehrerin hat mich schon im Hof begegnet und die Umgebung gezeigt, und dieser Teil war auch ganz erfolgreich. Aber dann fang die Jogaklasse, wo wurde dieses Gefühl der Fremdheit wieder deutlicher. Zum ersten Mal war ich in einer Gruppe, deren Mitglieder sich bereits gut kannten, und plötzlich fühlte ich mich unglaublich fremd und distanziert.
Dieses Gefühl hatte überhaupt nichts mit dem Verhalten der anderen zu tun. Ganz im Gegenteil: Alle waren sehr freundlich zu mir, und die Lehrerin erklärte alles klar und verständlich. Trotzdem spürte ich eine starke Einsamkeit. Ich dachte darüber nach, dass ich mich in internationalen Situationen bisher meistens in Gruppen befunden hatte, in denen irgendwie alle gemeinsam von vorne angefangen hatten. Dieses Mal erlebte ich die Situation anders. Bei der Arbeit war ich schließlich ebenfalls in ein Team gekommen, dessen Mitglieder bereits miteinander verbunden waren, und trotzdem hatte ich mich dort nie so fremd gefühlt. Vielleicht hängt es von der Situation ab. Oder von der eigenen Stimmung. Oder doch von der Sprachbarriere.
Ich musste mich jedenfalls extrem konzentrieren, um wirklich alles zu verstehen: jede Bewegung, jede Anweisung, was ich beugen oder strecken sollte, und jeden einzelnen Körperteil – Fersen, Knie, Gelenke und all die anderen Kleinigkeiten. Das war unglaublich intensiv, aber gleichzeitig auch nützlich und interessant. Und direkt nach dem Yogaunterricht ging es für mich weiter ins Theater.
Zunächst hatte ich gedacht, dass wir eine Probe besuchen würden. Zumindest war es uns als Probe angekündigt worden. Tatsächlich war es aber schon eine richtige Aufführung mit Publikum und mit Tischen voller Gäste. Die eigentliche Veranstaltung findet erst am 12. August statt. Ich war ganz einfach gekleidet, während die Umgebung mit den gedeckten Tischen und schönen Tischdecken irgendwie festlich und offiziell wirkte. Wir saßen gemeinsam mit Imke, einigen anderen Frauen und unserer Audiodeskriptionsautorin Ania an einem Tisch. Die Atmosphäre war eben wie im Theater: etwas lauter, viele Gespräche gleichzeitig, und ich konnte kaum verstehen, worüber die anderen miteinander sprachen. Dadurch verstärkte sich mein Gefühl der Fremdheit noch einmal.
Das Stück selbst hat mir insgesamt ziemlich gut gefallen. Es war „Cabaret“, also das amerikanische Musical in deutscher Übersetzung und für ein deutsches Publikum adaptiert. Die Geschichte spielt im Berlin kurz vor der NS-Zeit und erzählt vom damaligen Bohèmeleben sowie von zwei Liebesgeschichten.
Dabei fand ich auch einige Parallelen zu heutigen Fragen. Müssen wir wirklich aktiv gegen russische Propaganda vorgehen? Wohin kann es führen, wenn wir bestimmte Entwicklungen und Probleme einfach ignorieren?
Ich kannte die Geschichte vorher nicht, deshalb war sie für mich auch aus künstlerischer Sicht sehr interessant und wichtig. Den zweiten Teil fand ich allerdings etwas zu langgezogen und die Handlung entwickelte sich für meinen Geschmack stellenweise zu langsam. Die gesamte Aufführung dauerte ziemlich lange. Gleichzeitig spürte ich eine gewisse Vorsicht im Umgang mit nationalsozialistischen Symbolen. Ich hörte auch, dass einige Menschen im Saal auf bestimmte Szenen besonders sensibel reagierten, und dachte darüber nach, wie stark diese Geschichte die deutsche Gesellschaft bis heute prägt.
Ich bewundere die deutsche Gesellschaft für ihre Bemühungen, sich mit dem historischen Unrecht auseinanderzusetzen und Verantwortung dafür zu übernehmen. Für mich ist das ein starkes Beispiel dafür, wie eine Gesellschaft ihre eigene Geschichte kritisch betrachten und daraus Konsequenzen ziehen kann. Unwillkürlich verglich ich diese Haltung wieder mit Russland: mit einem Staat, der seine eigene Geschichte immer wieder verklärt, so vieles zerstört und gleichzeitig kaum Verantwortung für das Wohlergehen der eigenen Gesellschaft übernimmt.
Nach dem Stück mussten wir noch lange warten, um zu bezahlen. Dann brauchte ich ziemlich lange, um den Ausgang zu finden, anschließend noch Mindaugas und den Parkplatz – und all das fühlte sich zusammen mit meinen sprachlichen Schwierigkeiten irgendwann genauso an wie dieser endlose Weg durch die Wüste. Zu Hause wollte ich nur noch weinen. Ich wusste nicht mehr, wie ich weiterlernen sollte, worauf ich mich konzentrieren sollte und ob ich mir selbst überhaupt noch vertrauen konnte.
Also warte ich jetzt einfach auf neue Tage. Aber das Schreiben hilft. Ich fühle mich ein wenig leichter, wenn ich all diese Emotionen aufschreibe.