Nach der schlaflosen Nacht – 7. Juli

Nach langer Zeit habe ich wieder eine fast schlaflose Nacht erlebt. Das hing zum Teil auch mit der Sammlung von Informationen zusammen. Einige Ticket-Systeme waren etwas komplizierter zu testen, und ich wollte diese Aufgabe endlich abschließen. Deshalb haben Mindaugas und ich die ganze Nacht damit verbracht, verschiedene Websites zu durchforsten.

Ich freue mich darüber, dass die meisten Theater-Websites in Deutschland sehr barrierefrei sind. Nur bei einem Theater konnte ich kein Ticket selbstständig kaufen. Und eigentlich wäre sogar der Kauf selbst noch möglich gewesen. Das Schwierigste ist meistens, das richtige Stück zu finden, anschließend die passenden Plätze auszuwählen oder die notwendigen Ermäßigungen zu erhalten. Außerdem sind Vorstellungen mit Audiodeskription nicht immer eindeutig gekennzeichnet oder lassen sich nicht filtern. Trotzdem kann man fast überall telefonisch beraten werden. Insgesamt schätze ich die Situation deshalb als sehr positiv ein.

Andererseits kann es auch sein, dass ich insgesamt zu geringe Erwartungen an Theater-Websites habe. Ich verbringe meine Zeit schließlich nur sehr selten mit dem Gedanken: „Welches Theater könnte ich heute besuchen?“ oder: „Mal sehen, welches Stück morgen gespielt wird.“ Diese Gewohnheit hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass ich seit meiner Kindheit Kultur fast immer nur mit Hilfe anderer oder gemeinsam mit einer Gruppe erleben konnte. Ich war nur selten eine einzelne Besucherin eines Theaters oder Museums, weil Kunst für mich damals einfach nicht so zugänglich war. Heute weiß ich meistens schon vorher, welches Stück mit Audiodeskription angeboten wird, und kaufe gezielt dafür Karten. In Litauen werden solche Vorstellungen oft separat organisiert, und die Tickets werden häufig sogar direkt vom Blindenverband verkauft. Für diese Aufgabe musste ich mir also vorstellen, dass ich einfach spontan einen schönen Abend verbringen möchte und dafür selbst ein barrierefreies Theaterstück suche. Allein diese Vorstellung fühlte sich irgendwie unrealistisch und fremd an. Vielleicht habe ich diese Aufgabe deshalb so lange vor mir hergeschoben. Oder vielleicht musste ich, wenn wir im Winter wieder über Berlin nach Spanien fahren, für Januar tatsächlich einmal einen solchen Theaterabend organisieren.

Mit meiner Schwester haben wir außerdem ein kleines Reel über das Sportfest produziert. Da das Video Audiodeskription enthalten soll, dauert die Produktion allerdings deutlich länger. Ich musste zunächst die Untertitel aufnehmen, und meine Kollegin hat anschließend die Audiodeskription eingesprochen. Die Fertigstellung wird also noch etwas Zeit in Anspruch nehmen. Es war jedenfalls lustig zu zeigen, dass ich ungefähr genauso geschossen habe wie unsere Nationalmannschaft! Ich wollte das Video unbedingt hochladen, aber hier läuft eben alles in einem anderen Tempo. Barrierefreiheit ist insgesamt eine langsame Dame. Aber sie macht Inklusion überhaupt erst möglich. Ich frage mich manchmal, wie solche Fragen wohl in hundert Jahren gelöst sein werden. Oder wird es dann vielleicht gar keine Menschen mehr geben, für die sie heute noch relevant sind?

Ich kann inzwischen einfach nicht mehr die ganze Nacht durcharbeiten und am nächsten Tag trotzdem produktiv sein. Diese schlaflose Nacht habe ich deutlich gespürt. Und wie war das früher? Damals konnte ich die ganze Nacht auf Partys verbringen und am nächsten Tag trotzdem arbeiten oder studieren. Und heute? Heute tauchen nur noch seltsame Gedanken in meinem Kopf auf, und alles verlangsamt sich. Trotzdem wollte ich nach der Arbeit nicht schlafen, damit mein Körper in der Nacht wenigstens etwas zusammenhängende Erholung bekommt.

Morgen treffe ich Herrn Baumeister, den Entwickler des Leitsystems in Berlin – und wahrscheinlich sogar eines der bedeutendsten Leitsysteme Deutschlands. Wenn mein Kopf morgen genauso funktioniert wie heute, werde ich mich bestimmt schrecklich blamieren und überhaupt nichts verstehen.

Die letzte Wahrnehmung meines müden Kopfes: Die U-Bahn-Station riecht nach verschwitzten Zügen!

Übrigens bilde ich mir das nicht nur ein. Mindaugas hat diesen Geruch ganz genauso beschrieben. Jedes Mal, wenn wir an der U-Bahn-Station in der Nähe unseres Hotels vorbeikommen, riechen wir beide diesen seltsamen Geruch. Natürlich wissen wir, dass Züge logischerweise nicht schwitzen können. Aber dieses Metall, der Geruch der Räder und Schienen, vermischt mit dem feuchten Beton unter der Erde – all das hat tatsächlich etwas von Schweiß. Die Bahnhöfe in Litauen riechen ganz anders. Vielleicht schwitzen unsere Züge einfach nicht?