Eis in Schöneweide – 8. Juli

Wie ich schon gestern erwähnt habe, habe ich heute gemeinsam mit Herrn Baumeister (ich habe leider seinen Vornamen vergessen) das Berliner Leitsystem kennengelernt. Dieses System ist sehr logisch aufgebaut und folgt einem klaren Konzept. Alles wurde aus bestimmten Gründen so gestaltet, dass Menschen aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands die Wegbeschreibungen eindeutig verstehen können. Ich werde das System hier nicht im Detail erklären. Aber ich habe mehr als zwei Stunden lang ein persönliches Training von Herrn Baumeister bekommen. Jetzt weiß ich zumindest, wie ich mich anhand dieser Wegbeschreibungen in Berlin orientieren kann, ohne mich ständig zu verlaufen.

Eigentlich begann der Tag schon mit einem kleinen Abenteuer. Vor unserem Treffen hatte ich mein Handy im Café liegen lassen, in dem wir gefrühstückt hatten. Natürlich bemerkte ich das erst in der U-Bahn. Ich wurde sofort nervös und gab zunächst Mindaugas die Schuld: „Warum hast du den Tisch nicht kontrolliert?“ Als wäre ich plötzlich von jeder Verantwortung befreit, nur weil eine sehende Person bei mir ist! Dann schlug ich vor, alleine bis zum Alexanderplatz weiterzufahren und Mindaugas zurück ins Café zu schicken. Ich wollte auf keinen Fall zu spät zu unserem Termin kommen. Schon allein der Name Baumeister klang für mich irgendwie verpflichtend – und in Deutschland ist Pünktlichkeit schließlich fast selbstverständlich.

Es fühlte sich zunächst etwas seltsam an, ohne Handy allein weiterzufahren. Natürlich kamen sofort die unterschiedlichsten Gedanken: Was, wenn ich an der falschen Station aussteige? Was, wenn Imke mir kurzfristig geschrieben hätte, dass wir uns doch woanders treffen? Trotzdem blieb ich erstaunlich ruhig. Wie in solchen Situationen immer erinnerte ich mich daran, dass mir eigentlich nichts Schlimmes passieren kann. Ich kenne Mindaugas' Telefonnummer auswendig, ich könnte über meinen Laptop ins Internet gehen, jemanden anrufen oder einfach eine E-Mail schreiben. Und schließlich spreche ich – wenn auch nicht besonders gut – Deutsch und könnte jederzeit jemanden um Hilfe bitten. Es ist wirklich interessant, wie das Gehirn funktioniert: Gerade in solchen Momenten produziert es automatisch die dümmsten Horrorszenarien.

Zum Glück störte das verlorene Handy unser Treffen überhaupt nicht. Herr Baumeister erklärte mir viele interessante Details über das Leitsystem und die Orientierung im öffentlichen Raum. Ein paar Erkenntnisse nehme ich besonders mit:

  1. Manche Leitsysteme sind bereits älter, und ich kann sie mit meinem Langstock kaum ertasten. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass meine Langstocktechnik inzwischen etwas schlechter geworden ist. Das muss ich unbedingt noch genauer untersuchen.

  2. Es gibt verschiedene Arten von Bodenindikatoren, die ich noch nicht sicher unterscheiden kann. Das lässt sich aber bestimmt mit etwas Übung lernen.

  3. Ich bin jetzt sehr motiviert, das gesamte System selbst weiter zu erforschen. Herr Baumeister hat mir freundlicherweise sogar seine Telefonnummer gegeben, falls später noch Fragen auftauchen sollten. Das finde ich unglaublich nett. Am schwierigsten wird wahrscheinlich das Umsteigen bleiben. Die Wegbeschreibungen beginnen meistens an der Endstation einer Linie. Wenn man vorher noch umsteigen muss, muss man den Weg dorthin erst einmal selbst finden. Vielleicht verstehe ich dieses System mit der Zeit noch besser.

  4. Eine weitere Herausforderung besteht darin, wie man diesen Wegbeschreibungen möglichst komfortabel folgen kann. Sie enthalten sehr präzise Informationen, sind aber gleichzeitig linear aufgebaut. Zum Beispiel: „Am Leitsystem bis zum Ende des Bahnsteigs. 180 Grat Um-drehung. Rechts entlang. Wenige Schritte weiter bis Ta-ta-ta... Links entlang. 50 Meter weiter bis zum Ta-ta-ta...” Alle Informationen stehen nacheinander, während ich gleichzeitig gehen muss. Das bedeutet, dass ich auf meinem Handy oft Satz für Satz oder sogar Wort für Wort weiterlesen muss. So komme ich zwar ans Ziel, aber besonders flüssig ist diese Art der Orientierung nicht. Trotzdem wird mir das System mit jeder Übung verständlicher. Ich habe sogar schon die Idee, verschiedene Braille-Notizen auszuprobieren, um den Ablauf unterwegs einfacher verfolgen zu können.

Während wir das Leitsystem erkundeten, holte Mindaugas mein Handy aus dem Café ab. Der Mitarbeiter hatte es sorgfältig aufbewahrt und wartete schon auf ihn. Dieses Mal musste ich für meine Zerstreutheit also nichts bezahlen.

Unser Reel wird leider doch erst später veröffentlicht, weil an der Audiodeskription noch einige Korrekturen notwendig waren. Wenigstens musste ich diesmal selbst nichts mehr daran ändern. Außerdem hatten wir heute noch ein Gespräch mit den Entwicklern einer Website. Und ihre Sprache – voller Anglizismen – war heute schon deutlich verständlicher für mich.

Es stellte sich außerdem heraus, dass es in Schöneweide ein wirklich fantastisches Eismanufaktur gibt. Imke hat uns eingeladen, dort ein Eis zu probieren. Das war eine schöne kleine Belohnung vor ihrem Urlaub. Erstens gibt es dort unglaublich viele Eissorten – und viele davon tragen richtig originelle Namen. Zweitens muss man sich erst einmal in eine ziemlich lange Schlange stellen. Aber diese Schlange war erstaunlich friedlich und entspannt. Ich dachte mir, dass darin eigentlich eine sehr logische Aufgabe steckt: Während des Wartens hat man genug Zeit, sich noch einmal ernsthaft zu fragen, ob man diese ganzen Kalorien wirklich essen möchte. Meine Antwort lautete eindeutig: Ja! Vor allem nachdem ich das Eis probiert hatte. Die Waffel und das hausgemachte Eis schmecken einfach fantastisch. Ich werde Mindaugas bestimmt noch einmal dorthin einladen. Allerdings könnte das lange Warten in der Schlange für ihn etwas schwieriger werden – dafür ist er ziemlich empfindlich. Aber ich werde ihn schon überzeugen.

Zum Schluss bin ich zum ersten Mal ganz allein vom S-Bahnhof mit der Straßenbahn zurück zum Hotel gefahren. Während dieser Reise ist das eigentlich eine Seltenheit. Mindaugas sagt immer, dass er schließlich dafür bezahlt wird, mich zu begleiten, und deshalb lässt er mich nur ungern allein los.

Ich glaube allerdings gar nicht, dass er sich übermäßig Sorgen um mich macht. Er ist einfach ein sehr verantwortungsbewusster Mensch und nimmt seine Aufgabe im Rahmen des Projekts sehr ernst. Nachdem ich ihn heute wegen meines verlorenen Handys ohnehin schon genug hin- und hergeschickt hatte, ließ er mich diesmal ganz in Ruhe weiterarbeiten und sagte, ich solle einfach allein zurückfahren.

Eigentlich war das auch gar nicht schwierig. Eine Kollegin fährt vom selben Bahnhof nach Hause, sodass ich nur noch allein aus der Straßenbahn aussteigen und den kurzen Weg zum Hotel zurücklegen musste. Allerdings sprach ausgerechnet diese Straßenbahn keine Haltestellen an. Deshalb musste ich die Stationen vorsichtig auf meinem Handy verfolgen. Gut, dass ich es wiederhatte! Außerdem muss man hier immer selbst den Halteknopf drücken. Die Bahn hält nicht automatisch an, wenn niemand aussteigen möchte. Ich kenne die Straßenbahnen in Berlin noch nicht besonders gut, aber den Knopf habe ich zufällig ziemlich schnell gefunden.

Wieder ein kleiner Schritt mehr, um Berlin besser kennenzulernen.