Abbau, 17.08.2026, Rayna Trouble

Auf meinem Heimweg habe ich gerade diese abgesperrte Straße mitten in der Stadt wahrgenommen. Im Trott der Heimfahrer*Innen habe ich mich fast vom Schwarm hinreißen lassen. Nur nach Hause, ein anstrengender Tag, emo Gespräche, emo Gedanken, emo Arbeitabläufe. Ein Lacher hier, ein Lacher dort. Der kleine Ausflug zum K-Land und ein Mal um den Block um an der frischen Luft zu sein, den Kopf freikriegen um gleich wieder besser arbeiten zu können. Die kurzen Blicke aufs Handy, um die nicht vergehen wollende Zeit immerhin mit sweeten Nachrichten von Friends und ihren real Problems auszugleichen, um mich nützlicher zu fühlen. Einfach ein bisschen mehr vom Leben haben in dieser Zeit, in diesem Büro, an diesem Schreibtisch, in dieser verdichteten Stadt. Ein Schwarm voller Individuen, voller Menschen die gleichermaßen genauso fertig, noch fertig, gedrängelt von der verloren gehenden Zeit des Lebenszeigers einfach nur das machen wollen was ihnen gut tut, wenn sie denn können. Wenn sie nicht noch weitere wartende Verpflichtungen und Erwartungen zu erfüllen haben. Die ihnen schleichend durch die Nervenbahnen wandern und versuchen an jeder erdenklichen Stelle sich festzusetzen um zu zwicken, zu erdrücken, sie einzuengen. Ihnen versucht die Bequemlichkeit beim sitzen zu rauben, die Ruhe beim tiefen Atmen oder den Weitblick beim Sein. Einfach ignorieren, einfach weiterfahren, einfach trotten, einfach irgendwann machen wenn es nicht mehr aushaltbar ist, oder fallen lassen. Einfach alles los lassen und es egal sein lassen. Für viele mit den genügend Privilegien ist die Egalität das größte Gut ihres individualistischen Seins. Das individuelle Subjekt so zu perfektionieren, dass Teilhabe; in aktio wie reaktio; keine Option mehr darstellt. Alle anderen sind schuld, immer, mein Leben ist nur so beschissen durch deren Versagen und gleichermaßen ist es nur so gut weil mein Leben nicht zu diesenjenigen dazugehört. Eine Ebene von der Komplexität des Seins im System, indem so viel mehr dazugehört außer: ich geh zur Arbeit, bin danach müde und hab noch Sachen zu tun auf die ich eigentlich keinen Bock habe also mache ich sie widerwillig oder verdränge sie aufs erste und dann wird es mir egal. Für manche funktioniert das. Vergessen eine Rechnung zu bezahlen? Egal dann mit dem Mahnungsgeld, die 65€ mehr. Vergessen mich bei einer Person zu melden? Egal, die Kommunikation kann ich wieder aufnehmen, oder auch nicht, nicht so notwendig in die Verbindung zu gehen. Verdrängt diese eine Sache noch zu machen? Egal, ich schlängel mich da schon durch irgendwie morgen. Ein Monat doppel Abo, kein Ding. Ein Monat Doppelmiete, kein Ding! Die Pflanzen sterben lassen, kein Ding ich kaufe neue! Das Buch der befreundeten Person verloren, kein Ding ich kauf ein neues. Alles ist so scheißegal wenn Menschen privilegiert genug sind sich aus ihren Problem ansatzweise rauszukaufen, darauf kann sich das, von sich selbstdenkende reiche und schöne, Individum ausruhen und merkt dabei nicht, wie verloren es dennoch ist, wenn am Ende ihres beschissenen Tages das Rauskaufen zwar das Akute behebt aber nicht das Problem verstehen, sondern es in den Anderen sehen.

Ich biege in diese leere Straße mitten in der Stadt, mindestens 500 Meter freier doppelspuriger Asphalt neben herrschaftlichen Bauten. Die anderen fahren weiter. Ich drehe mich um und verstehe sie nicht. Eine Straße die sonst immer voll und laut ist, ist einfach leer, keine Baustelle nichts, sie wird bald wieder geöffnet. ABER HEUTE NOCH NICHT. HEUTE IST SIE NOCH LEER. HEUTE IST SIE NOCH FREI – WHOS STREETS, frage ich mich in meinem Kopf und frage mich ob nicht zumindest eine Person daran denken und schmunzeln musste.

Eigentlich will ich doch nur diese freie Straße runter brettern mit dem Fahrrad und den Wind spüren. Eigentlich will ich doch nur die vorgefertigten Straßenlinien nutzen und Wettrennen veranstalten. Eigentlich will ich doch nur auf dieser Straße liegen und darüber nachdenken wie befahren diese Straße vor 70 Jahren war und mich fragen ob hier nicht Fußball gespielt wurde. Ob nicht auch alle Wettrennen und Grillabende veranstaltet haben mit den Nachbarn von gegenüber. Eigentlich will ich, dass nicht nur ich meinen freien Willen nutze und hier meine schlechte Radpreformance aufs Straßenparkett hinlege. Und wenn ich schon alleine mir den Raum nehme, dann immerhin Zusammen mit Menschen darüber lachen, wie schlecht ich meine Songs hier runterratter und ich, wie Rose von Titanic, dramatisch meine Arme ausbreite um meine Audienz zu belustigen. Eigentlich will ich, dass Menschen die vorbeikommen, sich einladen diesen sonst unzugänglichen Platz zu nutzen, nur ein einziges Mal. Die Leere zu ihrer Freiheit machen.

liebste grüßlis und passt auf euch auf