oder: Die deutsche Krankheit
Von Prof. em. Dr. Hans Joachim Scholl, MBA
Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, bevor ich in die Vereinigten Staaten ausgewandert bin und die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen habe. Daher ist meine spürbare Entfremdung vom heutigen Deutschland weder distanziert noch abstrakt. Sie ist zutiefst persönlich. Ich verfolge nach wie vor täglich die deutsche Presse, korrespondiere und streite mich immer noch mit meiner Familie und alten Freunden. Und je mehr ich beobachte, desto deutlicher empfinde ich eine tiefe Kluft zwischen dem Selbstbild Deutschlands und den Realitäten der gegenwärtigen Welt.
Was ich da sehe, ist keine bloße politische Meinungsverschiedenheit. Es liegt viel tiefer: Eine ganze Kultur verwechselt die Bedingungen ihres Nachkriegserfolgs mit permanenten Garantien. Frieden, Freiheit, Wohlstand, soziale Stabilität, externer Schutz – all dies wird als Grundgegebenheit behandelt und nicht als historische Errungenschaft, die ständige Erneuerung verlangt. Die bundesrepublikanische Nachkriegsordnung wurde zu einer „Erfolgsdemokratie“ – einer Demokratie, die sich primär über ihren Erfolg legitimiert hat. Was aber bleibt, wenn der Wohlstand lahmt, die technologische Führerschaft erodiert, die Institutionen erstarren und die Bürger das Vertrauen verlieren, dass das System überhaupt noch Probleme lösen kann?
Auf diese Frage scheint Deutschland denkbar schlecht vorbereitet zu sein. Das Land wirkt oft bürokratisch gelähmt, technologisch zögerlich und strategisch naiv – gefesselt an alte industrielle Stärken, überkommene administrative Gewohnheiten und moralische Reflexe von gestern. Währenddessen verlangen Künstliche Intelligenz, neue Verteidigungstechnologien, Energiekrisen und geopolitische Großmachtrivalitäten vor allem eines: Schnelligkeit, Vorstellungskraft, Fokussierung und Ernsthaftigkeit. Deutschland scheint sich jedoch weitaus wohler damit zu fühlen, ererbte Strukturen zu verwalten, als neue aufzubauen.
Das ist kein Plädoyer gegen das Gebot der Vorsicht an sich. Nach 1945 war es Vorsicht, die den früher allgegenwärtigen Militarismus aus dem deutschen Alltag vertrieben und dabei geholfen hat, eine stabile Republik aufzubauen und diese zu konsolidieren. Doch Tugenden können dann zu Lastern mutieren, wenn sich die Umstände ändern. Aus Vorsicht kann Mutlosigkeit werden. Aus Konsens wird Konformismus. Aus Regelwerken wird Lähmung. Aus historischer Verantwortung wird rituell inszenierte Selbstbespiegelung. Und aus sozialem Schutz entsteht ein Anspruchsdenken, das sich völlig von der realen Produktivität entkoppelt hat. Die Work-Life-Balance, an sich ein wertvolles Gut, verkommt zum Alibi für gesunkene Ambitionen, sobald sie sich von Exzellenz und Wettbewerbsfähigkeit lossagt.
Nirgendwo tritt dies deutlicher zutage als in der Erinnerungskultur. Ich habe absolut nichts gegen das Gedenken an die NS-Vergangenheit; ein ernsthaftes Erinnern ist unverzichtbar. Doch Teile der zeitgenössischen Erinnerungskultur sind zu einem moralischen Identitätsersatz erstarrt. Der Befund ist weder neu noch kommt er von außen: Vor mehr als vierzig Jahren beschrieb Hermann Lübbe den bundesdeutschen „Sündenstolz“ – die Neigung, zu den eigenen Untaten zu stehen wie andere zu ihren sportlichen Leistungen, und so moralische Scham in moralischen Rang umzumünzen. Der Philosoph Hans-Georg Moeller gelangt heute aus einer ganz anderen Denkwelt zur verblüffend ähnlichen Diagnose und nennt es „guilt pride“. Das Erinnern dient dann weniger als Kompass für das Urteilsvermögen in der Gegenwart denn als Abzeichen moralischer Überlegenheit.
Bedrohlich wird es genau dort, wo moralische Selbstdarstellung auf Außenpolitik trifft. Ein Land, das sich vollkommen zu Recht an einen in seinem Namen begangenen Völkermord erinnert, sollte besonders sensibel für das Leid von Zivilisten andernorts sein. Dennoch scheint der deutsche Diskurs über den Nahen Osten oft mehr damit beschäftigt zu sein, die symbolische Last der eigenen Vergangenheit zu managen, anstatt das gegenwärtige Handeln klar und unvoreingenommen zu beurteilen. Wenn der Menschenrechtsstandard, den eine Nation als Kern der eigenen Identität beansprucht, selektiv angewandt wird, dann ist Erinnerung keine Verantwortung mehr, sondern Realitätsflucht.
Eine ganz ähnliche Zaghaftigkeit beherrscht die Debattenkultur. Aus den USA kommend, finde ich es erstaunlich, wie bereitwillig Deutsche gesetzliche Grenzen der Meinungsfreiheit hinnehmen. Die Menschenwürde – eines der edelsten Prinzipien des Grundgesetzes – wird dann gefährlich, wenn man sie vom Schutz des Einzelnen vor Entmenschlichung dahin umdeutet, Amtsträger von scharfer und persönlicher Kritik abzuschirmen. Unter dem 2021 verschärften Gesetz gegen die Beleidigung von Personen des politischen Lebens wurde 2024 die Wohnung eines Bürgers durchsucht, nur weil er einen amtierenden Bundesminister als „Schwachkopf“ bezeichnet hatte. Eine Demokratie muss Spott und Verachtung gegenüber den Regierenden aushalten können; wenn sie das nicht mehr schafft, hat sich der Fokus unbemerkt von der Würde zur Unterwürfigkeit verschoben.
Derselbe konformistische Impuls treibt den symbolischen Gehorsam einer verordneten geschlechtergerechten Sprache in Medien und öffentlichen Institutionen an. Die grammatikalischen Einwände dagegen sind real, führen aber am eigentlichen Problem vorbei. Was zählt, ist das Symptom: Eine Tendenz, Sprache zu moralisieren, rituelles Einverständnis zu erzwingen und Skepsis als Rückständigkeit abzustempeln – die leise Verengung des Sagbaren.
Deutschland verschwendet seine moralische Energie an Nebensächlichkeiten, an Lifestyle-Polizei und ritueller Empörung, während man sich mühelos vor den wirklich wichtigen Fragen wegduckt: Wie kann das Land die technologische Initiative zurückgewinnen? Wie die Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen? Wie die staatliche Handlungsfähigkeit wiederaufbauen? Wie die Freiheit in einer raueren Welt verteidigen? Wie demokratisch bleiben, wenn die wirtschaftliche Leistungskraft wegbricht? Und wie glaubwürdig über Menschenrechte sprechen, wenn man die eigenen Maßstäbe selektiv anwendet?
Meine Sorge ist nicht, dass die Deutschen per se unfähig wären. Meine Sorge ist, dass sich die Nachkriegsstärken Deutschlands zu Mustern des Selbstschutzes verhärtet haben. Zunächst hat der Erfolg Stabilität erzeugt, doch dann hat die Stabilität zu Selbstgefälligkeit geführt. Die deutsche Krankheit, so wie ich sie sehe, ist die permanent aufgeschobene, dringend notwendige Erneuerung – ein Land, das vom moralischen, institutionellen und wirtschaftlichen Kapital seiner Nachkriegsleistungen zehrt, während ihm die Fähigkeiten abhandenkommen, dieses Erbe überhaupt zu erhalten. Deutschland verfügt nach wie vor über enormes Talent und historische Tiefe. Aber wenn es nicht zu Realismus, Mut, technologischem Ehrgeiz, Wettbewerbsfähigkeit, einem offenen Debattenraum und moralischer Konsistenz findet, dann könnte sich die alte Erfolgsdemokratie als weitaus fragiler erweisen, als die Deutschen es sich in ihren schlimmsten Alpträumen vorstellen.
Nachtrag, Juli 2026
Seit ich diesen Text im Juni zur Veröffentlichung angeboten habe, sind drei Dinge geschehen. Sie widerlegen ihn nicht. Sie illustrieren ihn.
Erstens hat die Koalition aus CDU und SPD eine Gesundheitsreform durch den Bundestag gebracht – eine bescheidene – und zugleich versprochen, die grundlegenden Reformen im Herbst nachzuliefern. Genau darin liegt das Muster: nicht Verweigerung, sondern Vertagung. Die kleine Reform wird beschlossen, die große angekündigt. Der Herbst rückt weiter.
Zweitens gilt seit dem 1. Januar das neue Wehrdienstgesetz mit verpflichtender Musterung der Jahrgänge ab 2008. Im ersten Halbjahr 2026 gingen beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben 5.862 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung ein – mehr als im gesamten Jahr 2024 und mehr als 2011, dem Jahr der Aussetzung der Wehrpflicht. Man wird einwenden, viele dieser Anträge seien vorsorglich gestellt; und tatsächlich steigt zugleich die Zahl derer, die eine früher erklärte Verweigerung widerrufen. Der Reflex bleibt dennoch aufschlussreich. Kaum fragt der Staat nach der Bereitschaft zur Verteidigung, greift ein erheblicher Teil eines Jahrgangs zu dem Formular, das ihn davon befreit.
Drittens, und am bezeichnendsten: Mitte Juli gründeten zehn Staaten in Paris eine Anti-Ballistik-Koalition. Deutschland ist dabei. Kern des Vorhabens ist jedoch kein europäisches System, sondern das ukrainische – „Freyja“, entwickelt von der Kiewer Firma Fire Point als billigere Antwort auf die amerikanische Patriot. Die gemeinsame Erklärung nennt ausdrücklich die einzigartige Gefechtserfahrung der Ukraine als Grundlage; Kiew ist Vollmitglied, nicht Empfänger. Deutschland steuert Kapital, Industrie und – über Diehl Defence – einen Suchkopf bei. Das im Krieg erworbene Wissen liegt in Kiew. Ein Land, das sich seit Generationen seiner Ingenieurskunst rühmt, trägt zum dringlichsten Verteidigungsprojekt des Kontinents eine Komponente bei. Erneuerung wird nicht verweigert. Sie wird vertändelt.
Anmerkung
Dieser Text wurde im Juni 2026 der Neuen Zürcher Zeitung und dem Cicero angeboten. Die NZZ lehnte ab; man sei «stark überbucht». Der Cicero hat den Eingang nicht bestätigt. Über die Gründe lässt sich spekulieren; ich enthalte mich.