Warum ich mein SPIEGEL-Abonnement gekündigt habe

Von Prof. em. Dr. Hans Joachim Scholl

Ein Abschied mit Symbolkraft

Normalerweise ist die Kündigung eines Zeitschriftenabonnements ein rein bürokratischer Verwaltungsakt. In diesem Fall jedoch wiegt der Schritt für mich schwerer; er besitzt etwas Symbolisches. Der SPIEGEL war für mich kein bloßes Magazin, das ich über Jahrzehnte hinweg konsumierte. Er gehörte fest zum geistigen Mobiliar der alten Bundesrepublik und spannte jenen intellektuellen Freiraum auf, in dem man erst lernen konnte, freier zu atmen und freier zu denken.

Aufgewachsen in den fünfziger und sechziger Jahren im Westdeutschland der Nachkriegszeit, war die alte autoritäre Mentalität der Vätergeneration noch keineswegs verschwunden. Manche Gymnasiallehrer meiner Zeit waren nicht bloß konservativ oder streng – ihre Haltung und Überzeugung wurzelten unverkennbar im Ungeist des Nazi-Regimes. Als Schüler bin ich wiederholt mit dieser bleiernen Welt aneinander geraten. Der Ausgang solcher Konflikte war für mich jungen Kerl, der sich individueller und institutioneller Autorität widersetzte, ohne selbst über geeignete Machtmittel zu verfügen, neutral gesagt: negativ.

In diesem Umfeld wirkte der SPIEGEL wie ein Leuchtturm: Er war säkular, streitbar, antiautoritär und von einer fulminanten sprachlichen Lebendigkeit. Das Blatt forderte das Establishment der Adenauer-Ära heraus, deckte Skandale auf, entlarvte Heuchelei und begegnete der Macht mit gesundem Misstrauen statt mit Untertanen-Ehrfurcht.

Man warf ihm Sensationslust und Rachsucht vor, kritisierte strukturelle blinde Flecken, doch wie immer man diese Vorwürfe auch wertet: Dieser Stil war kein Zufall, sondern verlegerische Politik. Der SPIEGEL schrieb scharfzüngig, flüssig, respektlos und elegant; mitunter unfair, aber fast ausnahmslos frisch. Als mich mein Deutschlehrer einst anraunzte, ich verfalle in meinen Aufsätzen in den „SPIEGEL-Stil“– zu flüssig, zu journalistisch, zu „flapsig“, wie er einräumend tadelte –, war das als Rüge gedacht. Im Rückblick nehme ich es gern als Kompliment.

Die Verengung des Sagbaren

Der originale SPIEGEL hat seinerzeit den Raum des Sagbaren spürbar ausgeweitet. Das heutige Blatt hingegen verengt ihn aus meiner Sicht zu oft. Dabei geht es mir nicht um die platte Klage, das Magazin sei „links“ geworden – solche Etiketten sind ebenso ungenau wie intellektuell bequem. Meine eigene politische Position entzieht sich gängigen Schubladen. Als amerikanischer Staatsbürger deutscher Herkunft betrachte ich die bundesdeutsche Debattenkultur inzwischen aus kritischer Distanz: In manchen Fragen neige ich zu Mitte-rechts, in anderen bin ich klassisch-liberal, oft institutionell-konservativ im Sinne einer echten Sorge um den Fortbestand einer freiheitlichen Republik. Doch solche Schubladen nützen wenig.

Meine Kritik lautet nicht, dass der SPIEGEL meine persönlichen Ansichten zu wenig widerspiegelt. Ein kritischer Leser und eine Redaktion können und wollen nicht im Gleichschritt dahertrotten. Meine Kritik zielt vielmehr darauf, dass der SPIEGEL lahm und moralisch berechenbar geworden ist.

Er hat den Weg gewählt vom streitbaren zum „verantwortungsvoll betreuenden“ Liberalismus. Der Unterschied ist fundamental:

Streitbarer Liberalismus misstraut konzentrierter Macht prinzipiell – selbst jener, die im Namen der Tugend ausgeübt wird. Er stellt die unbequemen Fragen, bricht den Konsens und nutzt Sprache als Seziermesser für Präzision, Stil, Ironie und Enthüllung.

Ein „verantwortungsvoll betreuender“ Liberalismus dagegen patrouilliert an den Grenzen des Sagbaren. Er präferiert moralische Eindeutigkeit, scheut das intellektuelle Risiko, verteidigt Institutionen und vergisst dabei zu fragen, ob diese das eingeforderte Vertrauen überhaupt noch verdienen.

Diesen Wandel erkennt man drastisch an der Sprachkultur des Blattes. Die zunehmende Akzeptanz gegenderter Sprachformen wird gern als Inklusion oder Pluralismus ausgegeben. In Wahrheit ist sie das Symptom einer Verschiebung: Sprache mutiert zum moralischen Gütesiegel. Grammatik, Orthografie, Eleganz und allgemeine Verständlichkeit kapitulieren vor der symbolischen Haltung.

Das ist keine belanglose Stilfrage. Sobald eine Redaktion Sprache als Ort moralischer Disziplinierung behandelt, verengt sich der Spielraum des zulässigen Arguments. Einige Fragen werden heikel, Formulierungen verdächtig. Reizthemen nähert man sich nicht mehr mit Neugier, sondern mit vorauseilender Vorsicht und Ausgewogenheit.

Der kultivierte Schuldstolz

Ein besonders ödes Beispiel liefert jüngst der Umgang mit dem digitalisierten NSDAP-Mitgliederarchiv. Nachdem die amerikanischen National Archives die Unterlagen kürzlich breiter zugänglich gemacht hatten, stellten zunächst DIE ZEIT und dann DER SPIEGEL leicht bedienbare Suchwerkzeuge online bereit. Daran ist überhaupt nichts auszusetzen – historische Quellen gehören an die Öffentlichkeit. Ohne die US-Veröffentlichungen wären deutsche Archive erst Jahre später und vermutlich nicht sofort online verfügbar gewesen. Ernsthafte Familienforschung, historische Aufarbeitung und Selbstprüfung haben zweifellos ihren Platz.

Doch unvermittelt ist daraus eine moralische Kampagne unter dem Titel „War Opa ein Nazi?“ entstanden. Woche für Woche, nun vielleicht schon zwölf oder fünfzehn Wochen lang, bewirbt DER SPIEGEL an prominentester Online-Stelle dieses Material im martialischen Wehrmachts- und Stahlhelm-Look. Historischer Ernst sieht anders aus. Es ist wohl eher die Einladung zu einem rituellen Tribunal: Finde heraus, was „Opa“ falsch gemacht hat, und was er dir nie erzählt hat.

Unschwer erkennbar stimmt an dieser Inszenierung einiges nicht:

  • Generationsbezogen handelt es sich in vielen Familien längst nicht mehr um den Großvater, sondern allenfalls um den Urgroßvater.
  • Der Fund einer NSDAP-Mitgliedskarte beantwortet für sich genommen selten die Frage, die man zu stellen glaubt. Der positive Fund mag auf Anpassung deuten, auf Opportunismus, Angst, Kalkül oder Komplexeres – über konkretes Verhalten, Mut, Feigheit, Schuld oder Widerstand sagt er ohne Kontext wenig aus.
  • Diejenigen, die die wirklichen Fragen beantworten könnten, sind fast ausnahmslos tot.
  • Das Wesentliche: während Deutschland abermals dabei ist, seine Zukunft aufs Spiel zu setzen, eifert es beinahe zwanghaft, bestimmte Gesten gegenüber seiner Vergangenheit einzuüben.

Ich sage das nicht als jemand, dem die NS-Zeit gleichgültig wäre. Im Gegenteil: In prägenden Jahren beeinflussten mich meine Großeltern, bei denen ich in meinen frühen Jahren aufwuchs. Sie waren in ihrer Einstellung Gegner des Regimes, die den totalitären Zugriff auf ihre eigenen Kinder ablehnten ohne diesen verhindern zu können, und sie haben ihre Haltung bewahrt – darauf bin ich stolz. Auch meine Eltern waren keine Nazis, hatten jedoch das Unglück, diesem Regime als Teenager ausgesetzt zu sein. Wie Millionen ihrer Generation sind sie von den Jugendorganisationen – Hitlerjugend und BDM – aufgesogen worden. Bei Kriegsende war mein Vater vierundzwanzig, meine Mutter zwanzig; er hatte ab 1940 an verschiedensten Fronten als Wehrmachtssoldat gedient. Eine solche Familiengeschichte ist nicht per se anstößig, sofern man die Bereitschaft aufbringt, die Situation aus der Perspektive der damaligen Zeit zu betrachten.

Darum beunruhigt mich die gegenwärtige Faszination für die auffindbare Ahnenschuld. Sie droht zu einer rückwirkenden Hexenjagd ohne Angeklagte zu werden. Vor mehr als vierzig Jahren beschrieb der Philosoph Hermann Lübbe den bundesdeutschen „Sündenstolz“: die Neigung, zu den eigenen Untaten zu stehen wie andere zu ihren sportlichen Leistungen, um so moralische Scham in höheren moralischen Rang umzumünzen.

Der Gegenwartsphilosoph Hans-Georg Moeller gelangt aus einer gänzlich anderen Denkwelt zu einer verblüffend ähnlichen Diagnose und nennt es „guilt pride“ – Schuldstolz als Technik kollektiver Identitätsstiftung, Prestige gewonnen aus der öffentlichen Aufführung ererbter Schuld. Dass zwei so ungleiche Beobachter auf denselben Mechanismus stoßen, zeigt, dass es sich um einen realen Zug des heutigen öffentlichen Lebens in Deutschland handelt. Status erwächst nicht mehr aus eigenem Handeln, sondern aus der permanenten Wiederaufführung dessen, was die Vorfahren verbrochen haben.

Darin liegt für mich etwas Morbides, ja Heuchlerisches. Ein Land sichert seine Zukunft als freie Republik nicht, indem es unablässig seine ererbte Schuld kuratiert und zugleich den härteren Fragen nach gegenwärtiger Kompetenz, Verantwortung und strategischem Ernst ausweicht.

Die Flucht vor der Gegenwart

Dieselbe Verengung prägt die thematischen Prioritäten des Magazins. Deutschland steht vor tiefen strukturellen Problemen: schwindende Wettbewerbsfähigkeit, bürokratische Lähmung, ein verfallendes Bildungswesen, zerbröckelnde Infrastruktur, Investitionsstaus, technologisches Zaudern, die demonstrierte Unfähigkeit, Großprojekte planmäßig fertig zu stellen, strategischer Pazifismus, energiepolitische Illusionen und eine politische Kultur, die moralische Beruhigung oft mit harter Analyse verwechselt. Das sind keine Randfragen, sondern Kernfragen für Deutschlands Zukunft als ökonomischer und strategischer Akteur – und als Republik.

Ein wahrhaft streitbarer SPIEGEL würde diese Versäumnisse zum Gegenstand tiefgreifender Untersuchungen machen. Er würde kritisch hinterfragen, ob der Nachkriegserfolg eine Kultur der Selbstzufriedenheit geboren hat. Er würde prüfen, ob die Erinnerungskultur fortschreitend zum Ersatz für strategisches Denken geworden ist. Er würde konfrontativ beleuchten, ob der Pazifismus Züge moralischer Eitelkeit angenommen hat oder ob Teile des klima- und energiepolitischen Konsenses fahrlässig von der industriellen Wirklichkeit abgekoppelt waren. Der SPIEGEL der 1960er Jahre würde die bürokratischen und politischen Systeme des Landes gnadenlos bloßstellen und fragen, ob sie noch im nötigen Tempo reformfähig sind. Stattdessen spielt sich zu viel der deutschen Debatte in einem engen Korridor vorsichtiger, zurückgenommener Meinung ab. Der SPIEGEL, einst eine Kraft, die diesen Korridor weitete, scheint ihn heute oft nur noch zu bewohnen und zu bewachen.

Besonders gefährlich ist dies mit Blick auf die AfD. Ich hege keinerlei Sympathie für autoritären Nationalismus, Ethnopolitik oder die Verachtung des Grundgesetzes. Doch der Aufstieg der AfD lässt sich nicht allein damit erklären, dass man die moralischen Defizite ihrer Wähler geißelt. Dieser Aufstieg muss als angehäufter Niederschlag institutionellen Versagens begriffen werden: vom Ausweichen der Eliten über migrationspolitische Verwirrung und kulturelle Herablassung bis hin zur wirtschaftlichen Angst und dem verbreiteten Gefühl, dass vitale Themen nicht mehr ehrlich diskutiert werden können. Weil sich etablierte Institutionen seit Jahren weigern, strukturelle Probleme offen zu erörtern, verschwinden diese nicht – sie lagern sie lediglich an radikalere Akteure aus. Die AfD kassiert lediglich die Dividende dieser vermiedenen Gespräche.

Fazit: Nur noch ein Organ des Establishments

Hier wird die Verwandlung des SPIEGEL in eine Establishment-Institution bedeutsam. Ein im Geiste Rudolf Augsteins gegründetes Blatt müsste wie kein zweites imstande sein zu sagen: Die offizielle Version genügt nicht. Es müsste nicht nur die Feinde der liberalen Ordnung durchleuchten, sondern auch die Selbstzufriedenheit, Verkrustung, das Versagen und die Ausflüchte der bundesrepublikanischen Institutionen selbst. Doch der heutige SPIEGEL scheint eher geneigt, das Establishment gegen Herausforderer und Herausforderungen zu verteidigen, als dessen Anteil an der Entstehung eben dieser Herausforderer zu untersuchen.

Der Verlust ist nicht nur politischer, sondern auch stilistischer Natur:

  • Der alte SPIEGEL besaß Wucht, Witz, jugendliche Arroganz und literarische Hochspannung. Er konnte die Mächtigen der Lächerlichkeit preisgeben und mit einem einzigen Satz den Nebel zerteilen.
  • Das heutige Blatt ist oft kompetent, professionell, gut gemacht und —langweilig. Seine Prosa ähnelt zu oft der Sprache von Institutionen im Dialog mit anderen Institutionen. Die alte Insolenz ist verwalteter Verantwortung gewichen.

Gewiss, der alte SPIEGEL war keineswegs vollkommen. Er konnte brutal sein, eitel, unfair, frech und selbstverliebt. Doch seine Fehler verdeckten nicht seine echte Tugend: Er war der Macht gefährlich.

Auch der heutige SPIEGEL bringt immer noch ernsthaften Journalismus hervor, und viele seiner Redakteure sind fähige Fachleute. Doch das Blatt als Ganzes wirkt nicht mehr existenziell unabhängig. Es ist Teil des moralischen und sprachlichen Verwaltungsapparats des deutschen Establishments geworden; es hat seinen Pepp verloren.

Deshalb kündige ich mein Abonnement. Das geschieht nicht aus nostalgischer Sehnsucht nach einer verlorenen und verklärten Jugend, so unvermeidlich die Erinnerung auch mitspielt, es ist vielmehr die Sorge um Gegenwart und Zukunft.

Deutschland braucht einen Journalismus, der erneut die äußerst miefige Luft vertreibt. Es benötigt einen Journalismus, der zu fragen wagt, ob der ehrbare Konsens selbst zum Teil des Problems geworden ist. Es braucht Berichte und Texte, die nicht bloß sachlich richtig, sondern geistig lebendig und unbequem sind. DER SPIEGEL hat Nachkriegsdeutschland beigebracht, Misstrauen gegen Staatsmacht und Autoritäten zu hegen. Heute dagegen unterstützt das Blatt eher schmalspurige Mainstream-Denke und verströmt Misstrauen gegen Auflehnung und Widerspruch. Das ist eine traurige Kehrtwende.