Eine Streitschrift zum Umgang selbsternannter progressiver Kräfte mit der Freiheit

Valentin Binotto


Derzeit lassen sich mit grosser Sorge weltweit Vorstösse beobachten, welche unter diesem oder jenem Deckmantel die Freiheit des Individuums und dadurch auch zwangsläufig die Freiheit der Menschengemeinschaft zu untergraben, ja gar vollständig zu zerstören, versuchen.

Der die rote Fahne schwingende Zwerg im sogenannten “Vereinigten Königreich” (welches korrekterweise als “Reich der erbärmlichen Gestalten und Imperialisten” bezeichnet werden müsste) verkündet die Absicht aus “Sorge um die Kinder” “schädliches” Material aus dieser Manifestation des anarchistischen Gedankens, dem Netz aller digitalen Netzwerke (auch im Alltage “Internet” genannt), tilgen zu wollen respektive den Zugang dazu einzuschränken.

Diese und weitere Bemühungen vonseiten Staat und Wirtschaft (siehe dazu die Anstrengungen verschiedener privatwirtschaftlicher Unternehmungen, die erwähnte “Altersprüfung” voranzutreiben) treffen richtigerweise auf enormen Widerstand in den Reihen der Denker, der Ingenieure, der Philosophen und der Anarchisten. Jeder einigermassen gebildete und freiheitsliebende Mensch verspürt nichts anderes als grossen Hass gegen solche Versuche der Freiheitsberaubung.

Leider dürfen wir hier aber auch teilweise den Auftritt von einigen erbärmlichen Figuren beobachten, welche sich lautstark der “linken Ideologie” zugehörig erklären, gleichzeitig aber sich in Verständnis für die angeblichen Sorgen der Diktatoren üben. Sie werfen, wie insbesondere für Marxisten üblich, mit technischen Begrifflichkeiten um sich, obschon sie offensichtlich bereits schon die Spur von Verstand und Wissen um die aufgebrachte Thematik vermissen lassen.

Die vorgebrachten Argumente resp. Sorgen lassen sich in zwei gleichermassen lächerliche Kategorien einteilen: Die Sorge um die bestehende “Demokratie” (oder um die Sicherheit eines anderen Elements) sowie die Sorge vor dem “Zerfall der Moral”:

Die Inkonsequenz aus Furcht

Unser Trottel, der sich wahrscheinlich auch vor der Dunkelheit fürchtet, bangt jede Sekunde um seine hochgelobte “Demokratie”. “Demokratie”, welche er in der Form einer parlamentaristischen Diktatur verwirklicht sieht. Sein Bruder, und noch stärker Fehlgeleitete, sieht sich beinahe schon sexuell angezogen vom geschätzten “Mehrheitsprinzip”. Gemeinsam haben sie die Ablehnung des Prinzips des Konsenses, also der freien und ehrlichen Übereinstimmung sämtlicher betroffener Elemente, als ein Ding der Unmöglichkeit, sowie die Überzeugung, dass das vorherrschende politische und gesellschaftliche Gebilde in ihrem Wirkungskreis mit den ihrigen Interessen in Einklang gebracht werden kann.

Wir möchten hier die, bereits schon seit Jahrhunderten begangene, Vergewaltigung des Demokratiebegriffs anprangern. Diese Begriffsverklärung hat offensichtlich ihre Früchte getragen, so lassen sich doch Menschenmassen hinter der Idee eines Staatsapparats, welcher dem kleinen Mann in regelmässigen Abständen das Recht zugesteht über dieses und jenes Geschäft abzustimmen, bringen. Sie beauftragen diesen Staat mit dem Schutz ihrer Haut, ein Auftrag, welchem der Staat übrigens nur äusserst selten effektiv nachkommt, und opfern damit ihre Freiheit für die scheinbare Sicherheit.

Der Dummkopf fürchtet um diesen kleinen Rest von Lebensinhalt der ihm bleibt, er klammert sich an die letzten kümmerlichen “Rechte” welche ihm sein geliebter Vater Staat zugesteht. Er verwehrt sich dem Gedanken an einen Umsturz des gesamten wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lebens in der Angst das kleine Stück Wiese, auf welchem er sich derzeit befindet, bei dieser Revolution verlieren zu können. Deshalb ist es völlig eindeutig, dass die Emanzipation des einfachen Bürgers zwar zu einem erheblichen Teil von der Heranbildung bzw. dem Wiederauflebenlassen des innersten Freiheitsdranges durch die Konsumation von entsprechender Literatur sowie durch Austausch mit seinen Mitmenschen abhängt, dass aber das schlussendliche Abstreifen des Mantels des kleinen Bürgers und die Überwindung der Klassengesellschaft sowie der Autorität erst durch die vollständige Zerstörung des letzten Haufens Ballast, dessen möglicher Verlust im Verlaufe einer Revolution dem Betroffenen als “Angst” eingepflanzt wurde, möglich wird. Dieser Ballen trägt häufig den Namen der “Bürgerrechte” und ist Ausdruck der Überzeugung, dass dem Menschen durch den Staat, durch Gott, durch die Eltern oder durch andere Autoritäten Rechte und “Freiheiten” zugestanden werden können und müssen. Von der Tatsache, dass der Plural von “Freiheit” intelligent eingesetzt ist, da sie suggeriert, Freiheit könne in Teile geschnitten und so gemassregelt werden, sei an dieser Stelle aus Platzgründen abgesehen.

Das rücksichtslose Niederbrennen des bürgerlichen Lebens, das Erschüttern der Grundmauern, welche den Namen “Verfassung” oder “Gründungsurkunde” tragen und die Ablehnung der erwähnten “Bürgerrechte” erfolgen um der zutiefst menschlichen ja universellen Überzeugung Platz zu machen, dass die Existenz an sich die völlige Freiheit besitzt und lediglich deren Ausdruck bzw. Ausübung von inneren und äusseren Kräften geformt werden kann. Schlussendlich stellt sich hier eine philosophische Frage nach dem Inhalt der Freiheit, nach dem Unterschied zwischen jener universell anwesenden Kraft welche wir hier “theoretische Freiheit” nennen möchten und dieses hervorgebrachten Ausdrucks welchen wir “praktische Freiheit” nennen wollen. Die eingehendere Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung sei jedoch zu einem anderen Zeitpunkte anzusetzen.

Die Moralpredigt

Der kleine Lumpensammler eilt bei jeder Forderung nach Freiheit der Persönlichkeit, damit auch bei diesem im Zusammenhang mit den technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit ausgestossenen Ausruf, sogleich herbei und kramt im Strohballen nach Gegenargumenten. Sobald sein Schädelinneres einige Gedankenfetzen zutage gefördert hat, entfahren ihm diese undurchdachten Worte: “Im Namen der Sicherheit!” schreit er laut und eine Berufung auf den “guten Geschmack” erfolgt oder, diese Göttlichkeit der besonderen Art, “das Gemeinwohl” wird bemüht. Er fährt fort und erzählt Schauergeschichten von den angeblichen Gefahren des freien Wortes, des freien Austausches für das Kindeswohl, für die mentale Gesundheit (um welche es ironischerweise genau beim Redner nicht allzu gut zu stehen scheint). Er fasselt von “Schäden” verursacht durch die Pornografie, von Geistern welche dem Kinde auflauern und es verschleppen möchten oder, noch durchsichtiger, von den “unzähligen Beleidigungen” welchen er einen Riegel vorschieben möchte.

Es ist für uns ganz klar, dass sich hier nichts anderes geäussert hat, als der erbärmliche Charakter eines degenerierten Schwachkopfes, der, unfähig sich seines eigenen Moralempfindens zu bedienen oder zumindest nicht in der Lage dem inneren, freiheitsliebenden Kind die Fesseln abzunehmen, mit dem Gedanken der persönlichen Freiheit nichts anfangen kann und sich lieber jedem Verführer an den Hals wirft, der ihm einen Tauschhandel vorschlägt: Sicherheit gegen Freiheit.

Er will nach der Legitimation jeder Handlung des Individuums fragen, wirft sich bereitwillig jenen Kantschen Ideen an den Hals, welche wir als im Zustande der geistigen Umnachtung verfasst betrachten, und ruft nach der Schaffung eines Moralkonstrukts, eines “bürgerlichen Gesetzbuches” des “rechten Handelns”. Er ist unfähig den Gedanken der Freiheit konsequent weiterzudenken, ihm die Ablehnung einer aufgetragenen Moral zu entnehmen und damit die Zerstörung aller Autorität zu fordern.

Diese Amöbe sieht sich als “Verteidiger der Schwachen”, doch das genaue Gegenteil ist der Fall: Es handelt sich hier um einen Attentäter, einen Angreifer, welcher die Emanzipation des kleinen Arbeiters unterbinden möchte unter dem Vorwand des Schutzes. Er ist Gegner der persönlichen Freiheit aller, da er an die Beschränkung des Individuums, an das Aufstellen von Schranken glaubt. Er begeht den, für Marxisten übrigens typischen, fatalen Fehler, sich selbst oder eine sogenannte “Partei” als Kämpfer, als Vertreter des Kleinen anzupreisen. Damit aber wird nicht die Befreiung des Menschen herbeigeführt sondern die Versklavung desselben fortgeführt mit der Logik, dass der Staat die Freiheit des Bürgers erkämpft sowie dann im weiteren Sinne auch anstelle des Bürgers “lebt” also den “dummen Bürger” durch eine “intelligente Institution” ersetzt.

Jeder degenerierte Gedankenverdreher, welcher “im Namen der Sicherheit” seine Freiheit und auch die Freiheit anderer opfert oder ausgibt, als Vertreter des Einzelnen in den Freiheitskampf zu ziehen, ist ein direkter Feind der Freiheit. Er kann der ganzen Tag erzählen, er würde für die Freiheit seines Mandanten sorgen, an der Stelle dieses Kunden würde er die Last auf seine Schultern nehmen und mit dem Säbel den Unterdrücker aufspiessen. Wir, die kommunistischen Anarchisten, aber wissen, dass dieser Anwalt, dieser Vertreter damit keineswegs Freiheit schafft sondern vielmehr Freiheit raubt. Der kleine Bürger, der vollständigen Selbstverantwortung beraubt, verliert jeden Bezug zum “freien Leben”, zum Kampfe um die eigene Freiheit. Er verbleibt weiter in der Position des stillen Ertragens und findet er sich eines Tages in einer Diktatur wieder (was zwangsläufig geschehen wird als Folge des Abtretens des Freiheitskampfes) und beschwert sich nun lautstark über die erfolgte Täuschung. Bei dieser Beschwerde aber werden wir ihm nicht ohne, zugegebenermassen eher kleingeistige, Befriedigung unter die Nase halten, dass wir schon vor Zeiten vor dieser Gefahr warnten, doch er unsere Worte nicht zu schätzen wusste und statt sich seiner Freiheit selbst anzunehmen dem Marxisten, dem Parteivorstand diese Aufgabe übertrug. Wir hier also mit Fug und Recht behaupten dürfen, dass sich unser kleiner Zwerg seiner Verantwortung nun endlich bewusst werden muss, um dieser misslichen Situation zu entfliehen.

Kaum haben wir dies verlauten lassen, so stürmt aufs Neue der Apparatschik die Bühne und wirft uns den Vorwurf an den Kopf “nach dieser Logik ja auch eine Verantwortung für die Opferwerdung im Falle einer erfahrenen Gewalttat zu erkennen” und damit eine “Schuldumkehr” vorzunehmen. Hier wird das Unvermögen des kleinkarierten Anbeters der göttlichen Partei sich mit der Frage nach Verantwortung über das Selbst auseinanderzusetzen, ersichtlich. Es ist für den Denker zu erkennen, dass der Einzelne die volle Verantwortung für die Erkämpfung seiner eigenen Freiheit trägt, wir damit auch aussagen, dass er und nur er selbst sich um die Verteidigung dieser Freiheit kümmern kann, wir aber keineswegs den Drang verspüren, ihm im Falle von erlittenem Leid mit Desinteresse zu begegnen, sondern ihm die Hand reichen und aufhelfen möchten, so dass er danach wieder auf eigenen Beinen stehend sich erneut dem Freiheitskampfe widmen kann. Die Frage nach der “Schuld” bei erlittenem Leid ist generell nicht hilfreich, halten wir uns doch so mit Nichtigkeiten auf während die zentrale Frage nach der Befreiung und damit der Beseitigung des Zustandes der Unfreiheit, dieser Unterdrückung die ursprünglich zur Zufügung eines Schadens geführt hat, nicht eines Blickes gewürdigt wird. Wir möchten also lieber ausrufen “Was können wir tun um dich im Kampfe um deine Freiheit und Selbstverantwortung zu unterstützen?” anstelle von “Wer hat Schuld an diesem Zustand in welchem du dich befindest?”. Die Suche nach dem sogenannten “Schuldigen” ist ein Akt des Staates, welcher mit seinen Gesetzbüchern unter dem Arm nach einem Sündenbock für dieses oder jene Leid sucht. Er unterbindet mit der Behandlung der Schuldfrage weiter, dass ein grösserer Diskurs zum Thema der freien Entfaltung stattfindet, sorgt sich also in erster Linie um das eigene Wohl und gibt den Betroffenen von dieser oder jener Gewalttat vor, dass sie eine Befriedigung erfahren würden durch die Hinrichtung des gefundenen “Täters”.

Resultat der sogenannten “strafrechtlichen Betrachtung” ist die Hinrichtung eines kleinen Vogels, selbst wiederrum Opfer des Staates, Opfer der Gesellschaft in deren Namen der Staat seinen Gewaltakt vollzieht und Opfer aller Schwätzer und Ignoranten, welche ihm seine Freiheit rauben möchten mithilfe der Stärkung des Staatsapparates in Form von Ausstattung der “Strafverfolgungsbehörden” sowie mittels des öffentlichen Verschreiens der individuellen Freiheit als Gefahr für das Gemeinwesen. Der Staat profitiert vom Leid welches beispielsweise ein Opfer eines Übergriffes erfährt, denn er instrumentalisiert diesen Schmerz und legt diese Bilder dem einfachen Bürger vor um ihm damit in Angst und Schrecken zu versetzen. Der Staat, dieser grösste aller Terroristen, macht den bösen Geist des Einzelnen für jedes Leid und jeden Schmerz verantwortlich und ruft zur Bändigung dieses Ungeheuers auf in Form von Gesetz und Vorschrift. Er verschweigt gekonnt, dass die Ursache des allergrössten Teils an Gewaltakten (wir exkludieren hier bewusst jede sogenannte “Straftat” gegen Staat oder Kapital, diese sind in den Augen der Kapitalisten und Diktatoren äusserst schädlich, aber der kleine Arbeiter sieht in solchen Handlungen selten etwas verwerfliches, wir Anarchisten gar lachen nur über die Haltung, dass solche Taten zum Nachteile der “Mitbürger” seien) eine Gefühlsregung des kleinen Mannes (mit welcher dieser nicht umzugehen weiss und sich an den Werkzeugen des Staates orientiert, der Gewalt, um sich hier, scheinbar, Abhilfe zu schaffen) oder eine bereits länger andauernde mentale Belastung des “Täters” durch Umstände wie andauernde Kriege, Verlust von Freunden, Furcht vor mangelhafter Versorgung mit Nahrung etc. ist.

Wir müssen eine Umgebung schaffen, in welcher sich jede Persönlichkeit völlig frei entfalten kann. Diese freie Entfaltung wird niemals durch die Einführung von Freiheitseinschränkungen für Dritte eintreten. Im Gegenteil: Die Freiheit eines Jeden ist Voraussetzung für die Freiheit aller.

Die freie Entfaltung eines Jeden beinhaltet zwangsläufig auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Seelenleben. Diese Betrachtung ist, wie unser Freund Freud uns vermutlich bestätigen würde, zentral für die Bewältigung des Lebens, für die “Findung des Selbst”. Der Psychiater fungiert in dieser Welt als Berater, als Gehilfe, welcher dem “Patienten” zur Seite steht und ihm nahelegen möchte, sich selbst um die Erlangung der eigenen Freiheit zu kümmern.

Der blinde Marxist

Unsere Priester des sogenannten “Materialismus” haben offensichtlich das Herz am rechten Fleck: Sie sorgen sich um den kleinen Arbeiter, dieses Opfer der kapitalistischen Ausbeutung, und rufen zur Vernichtung der Ausbeuterklasse auf. Wenngleich die Marxsche Analyse des kapitalistischen Wirtschaftssystems uns als äusserst präzise und treffend erscheint, so möchten wir doch an verschiedenster Stelle entschieden Abstand nehmen von den Positionen der selbsternannten Marxisten.

Erweckt bereits die durchaus nüchterne Analyse der wirtschaftlichen Gegebenheiten und die Offenlegung der kapitalistischen Ineffizienz bei uns den Eindruck, dass sich das gemeine Parteimitglied auf die Verschwendung und Wertevernichtung, welche im aktuellen Systeme für dessen Erhalt unbedingt notwendig ist, als Legitimation für die Kritik des kapitalistischen Herrschaftssystems stützt, so sind wir durch die Erhebung der nur sehr einseitigen Betrachtung der Beziehung zwischen Wirtschaft und Gesellschaft zur Theorie des “historischen Materialismus” besonders irritiert: Der Anarchist verabscheut die Herrschaft von Menschen über Menschen, ja von Lebewesen über Lebewesen allgemein, zutiefst und sieht sich keineswegs dazu genötigt eine “Legitimation” für seinen Ärger vorzulegen. Er erzürnt sich aufgrund dieser zutiefst menschlichen Gefühlsregungen, welche nach Freiheit, freier Entfaltung der Persönlichkeit etc. schreien. Er ist ein Gegner der Autorität, weil er ein Freund der Freiheit ist. Der Marxist hingegen begibt sich in seinem Versuch einen wissenschaftlichen Anstrich zu behalten in die Welt der Rechenkunststücke hinab, in eine dunkle Stube in welcher er rechnerisch die Überlegenheit eines kommunistischen Wirtschaftssystems demonstrieren möchte. Wir pflichten ihm insofern in seinen Ausführungen bei als das wir ebenfalls denken, dass die kommunistische Produktionsweise um ein Vielfaches den Reichtum der Menschengemeinschaft steigern würde, wir aber dabei vermerken, dass wir unseren Kampf für ein kommunistisches Leben nicht auf dieser Grundlage führen, ja wir gar die wirtschaftlichen Gegebenheiten für sekundär halten: Wir möchten den Weg für die soziale Befreiung des Menschen ebnen, schlussendlich wird diese zwangsweise auch eine komplette Umgestaltung der wirtschaftlichen Umstände herbeiführen.

Der Rechenmeister aber hat sich derart auf die Kritik der wirtschaftlichen Gegebenheiten eingeschossen, dass er der Befreiung von Mensch und Tier, diesem Kampfe, dem wir Anarchisten uns voll und ganz verschrieben haben, keinerlei Beachtung schenkt. Er stellt sich keine tiefergehenden Fragen nach Moral, Persönlichkeit und Freiheit sondern tut diese als “Träumereien eines Philosophen” ab. Er möchte hier also gleich zur Tat schreiten anstatt zuerst die ihm vorgetragenen Worte zu hören und die Übereinstimmung mit den eigenen Überzeugungen zu prüfen. Dieser Verzicht auf die Festigung des Selbstvertrauens und der Feststellung der eigenen moralischen Vorstellungen und Gedanken führt zur Unterordnung des beunruhigten Individuums sowie die bedingungslose Annahme eines dogmatischen Wertesystems. Damit hat der Marxist bereits das Grab der Revolution gegraben.

Er irrt von nun an in verschiedenen Gremien der sogenannten Partei umher, zieht sich sein Mäntelchen des Diktators über und verschreit die Anarchisten als Chaoten und hoffnungslose Träumer. Er bedient sich jenen Instrumenten, welche der Staat, die Autorität erschaffen und seit Jahrhunderten genutzt hat um den Menschen zu beherrschen: Er schwafelt von den Parlamenten, von der Volksvertretung, von der repräsentativen “Demokratie”. Er erklärt sich bereit die übelsten Taten zu begehen, welchen er als Mensch, als Einzelner, äusserst kritisch gegenübersteht aber in seiner Rolle als Parteigenosse, als roter Soldat sich gezwungen und berechtigt sieht zu vollziehen. Unser Roter gleicht nun einem religiösen Gehirnamputierten, der blind den “vorgesetzten” Stellen gehorcht und dabei sich selbst wie auch den Mitmenschen Ketten anlegt sowie den Mantel des kaltblütigen und empatielosen Soldaten überwirft.

Obschon er sich ohne Scham all jenen Werkzeugen der Autorität bedient welche konträr zur Freiheit stehen, wie (um nur ein Beispiel von Vielen zu nennen) der Einführung des Gedankenverbrechens, so sieht er in den meisten Fällen die Netzwerktechnik, dem Laien in Form des sogenannten “Internets” am häufigsten zu Gesichte kommend, als ein Apparat des Teufels, als ein “Versuch der Verführung”. Uns Anarchisten überrascht diese Haltung der Marxisten (und übrigens auch dieser einen Gruppe von Primitivisten, deren Selbstbezeichnung auch für die Beschreibung ihres Denkapparts geeignet wäre, welche sich als anarchistische Strömung verstehen) keineswegs: Den Marxisten ist die “Freiheit”, wie wir als kommunistische Anarchisten sie verstehen, fremd. Die Möglichkeit des gegenseitigen Austausches bei gleichzeitiger Wahrung der Autonomie und Selbstverantwortlichkeit der einzelnen Elemente, also die Manifestierung des Gedankens der Freiheit, ist eine anarchistische Idee und damit unvereinbar mit den starren Strukturen der marxistischen Bewegung. Weiter teilen sich die Marxisten mit den Primitivisten das grundlegende Missverständnis von Technologie und Fortschritt: Die bisherigen Entwicklungen in Industrie und Wirtschaft waren geprägt von kapitalistischen Interessen, treten uns damit in für uns negative Art und Weise gegenüber. Der primitive Minimaldenker schliesst daraus auf die “Boshaftigkeit” aller Technologie. Die scharf nachdenkende Frau hingegen sieht die Möglichkeiten der Wissenschaft, der Entwicklung und bemerkt auch, dass, bei aller kapitalistischen Prägung der Technik, überall dieser Kern vorzufinden ist, welcher auf das ursprüngliche Ideal der Freiheit schliessen lässt, welches die Schaffung dieser und jener Entwicklung (jedoch insbesondere der Computer-/Informationstechnik) überhaupt erst ermöglicht hat.

Es sei hier nur noch kurz angemerkt, dass die häufig beklagte “Entfremdung” des Menschen (untereinander und von Ereignissen sowie Konsequenzen der eigenen Handlungen) keineswegs auf die genutzten Technologien zurückzuführen sind sondern die Kapitalisten und Autoritäten geschickt diese Werkzeuge zu missbrauchen wussten und es geschafft haben sie trotz des inhärenten Freiheitsgedankens für ihre Zwecke einzusetzen. Sobald wir beispielsweise das “Internet” wieder als Ausdruck der Freiheit, unserer Freiheit, verstehen, werden wir damit den Austausch der Menschen untereinander, ungeachtet irgendwelcher geografischer Hindernisse, zu fördern wissen.

Erklärungen eines Anarchisten

Abschliessend gibt es wenig zu sagen: Als Anarchisten bekennen wir uns zur Freiheit. Der Freiheit eines Jeden, jeder Persönlichkeit, jedes Tier- und Pflanzenwesens, jedes Steins und jedes Sterns. Wir wissen, dass jede Existenz sich nur selbst für die Erkämpfung, für die Ausweitung ihrer Freiheit einsetzen kann. Aus der Freiheit folgt zwangsläufig die vollständige Selbstverantwortung.

Der grösste Feind der Freiheit ist der Glaube die absolute Freiheit erreicht zu haben. Dieser Trottel nämlich, welcher sich “nach getanem Kampf” auf seinen Lorbeeren ausruhen möchte, greift nun zu allen Mitteln um alle Abtrünnigen und Freidenker einzuschliessen und von der Infragestellung des Status quo abzuhalten. Und obschon er sich als “Verteidiger der Freiheit” sieht, wird er zum Feind derselben.