Über Gesellschaften im Ausnahmezustand
Jason Miller und Max von Sydow am Filmset
Letzte Woche war ich krank. Ich hatte mir einen heftigen grippalen Infekt zugezogen und lag fiebrig und schleimend im Bett. Um in dem Zustand nicht lohnarbeiten zu müssen, schleppte ich mich am Montag gegen 9 Uhr in eine Arztpraxis. Ich betrat den herrschaftlich wirkenden Altbau über einer rassistisch benannten Apotheke, trug der Angestellten mein Anliegen vor und kroch ins Wartezimmer. Eine dreiviertel Stunde später wurde ich behandelt, zunächst von einer medizinstudentischen Person im Praktikum und dann vom praktizierenden Arzt. Mund und Rachen, Herz und Lunge wurden begutachtet, und mir war die Situation extrem peinlich, weil ich durch die Krankheit geistig benebelt war und nur jeden zweiten Satz verstand. Am Ende gabs ein Scheinchen und Rezepte für allerlei Mittel. Ich kroch nach Hause und schlief drei Tage.
Nach diesen drei Tagen war ich langsam wieder in der Lage, Medien zu konsumieren, und scrollte durch die ZDF-Mediathek. Dort sprang mir 'The Popes Exorcist' ins Auge, ein relativ neuer Horrorstreifen aus dem Jahr 2023, mit Russell Crowe in der Hauptrolle als Teufelsaustreiber. Ich hab den Film eigentlich nur angemacht, weil ich den Titel so gedeutet habe, dass der Papst exorziert wird, und das stellte ich mir lustig vor. Eine Lachnummer war der Film jedenfalls, aber aus anderen Gründen. In verkitschter katholischer Ästhetik wird den Zuschauern ein billiges Gruselkabinett aufgetischt, größtenteils humorlos und mit Gewaltspitzen, die eher unfreiwillig komisch wirken. So wird gleich zu Beginn ein Schwein erschossen, nachdem ein Dämon sich dessen bemächtigt hatte. Und ich lag fassunglos vor meinem Laptop und dachte: Ihr könnt doch nicht ernsthaft dieses Schwein erschießen und mit euch zufrieden sein? Wie verroht muss diese Kirche sein, und wie verroht ist ein Film, der das ohne ironische Brechung als Lösung präsentiert? Ich skippte dann durch den Film, der mich nach der ersten Szene verloren hatte, und bekam mehr Vatikan-Kitsch mit Leuten in Roben, die reden wie Jediritter, dazu klischierte Darstellungen von Besessenheit, die niemanden mehr erschrecken. Diese Verrenkungen und das Eitergespucke sind popkulturelle Referenzen, die schon vor Jahrzehnten in einer Staubsaugerwerbung oder einer mittelmäßigen Leslie-Nielsen-Komödie parodiert wurden. Dass der Film trotz allen Exzessen so unglaublich bieder wirkt, kann auch daran liegen, dass er sich auf die Aufzeichnungen eines vermeintlich echten Exorzisten des Vatikans bezieht und so jegliche Kraft der Fiktion verliert.
Noch am selben Abend war klar: Ich musste mal wieder das Original schauen. Zum ersten Mal sah ich 'Der Exorzist' aus dem Jahr 1973 in meiner Jugend, als ich eine üble Mandelentzündung hatte. Damals war es der perfekte Krankheitsfilm, vielleicht auch nur, weil es gut tat, zu sehen wie ein anderer Körper leiden muss. Und auch jetzt konnte der Film einen Eindruck bei mir hinterlassen, ach was schreibe ich, ihn nach all der Zeit erneut zu sehen, war überwältigend. Es war, wie einen alten Freund zu treffen, der in Würde gealtert ist, den man zu den selben Themen wie früher befragen kann und der dennoch mühelos den Bezug in die Gegenwart findet. Eine bedrückende Stimmung zieht sich durch den gesamten Film, lange bevor am Ende tatsächlich kurz Schleim gespuckt und Köpfe verdreht werden.
'Der Exorzist' von Friedkin und Blatty entfaltet nach wie vor eine unheimliche filmische Kraft und erzählt dabei in epischer Breite und mit einem hochinteressanten Figurenensemble. Aber was erzählt der Film eigentlich? Die Handlung ließe sich schnell zusammenfassen, und dennoch wäre damit recht wenig über den Film ausgesagt. Denn neben der eigentlichen Handlung lässt der Film Raum für vielfältige Deutungen, Analysen und Interpretationen.
Eine Zusammenfassung der Handlung für jene, die den Film (länger) nicht gesehen haben, bietet die Wikipedia. Ich will dieser Stelle nur kurz auf den räumlich-zeitlichen Kontext und die Figurenanordnung eingehen. 'Der Exorzist' spielt überwiegend in Georgetown, einem Stadtteil von Washington, D.C., zu Beginn der 1970er Jahre. Wir sind ganz nah dran am Zentrum imperialistischer Macht und an der Watergate-Affäre, eigentlich ein perfektes Setting für Polit-Thriller wie 'Die drei Tage des Condor' (erschienen 1975). Die Schauspielerin Chris (Ellen Burstyn) ist für einen Filmdreh dorthin umgezogen, mitsamt Tochter Regan (Linda Blair) und einem kleinen Stab an Bediensteten wie einem Kindermädchen und einem Hausdiener. An der Georgetown University arbeitet derweil der Priester Damien Karras (Jason Miller) als Psychologe, während sein greiser Kollege Lankester Merrin (Max Von Sydow) von einer archäologischen Ausgrabung im Irak in die Stadt zurückkehrt.
Medizinischer Horror und der weibliche Körper
Die medizinischen Szenen hatten einen bedeutenden Anteil an den heftigen Reaktionen damaliger Kinogänger*innen
Man kann den Film lesen als Versuch einer patriarchalen, bürgerlichen Gesellschaft, ein Mädchen auf dem Weg zur Frau einzuhegen. Die erste Auffälligkeit, die die junge Regan zeigt, spielt sich während einer ärztlichen Routineuntersuchung ab und wird nur in indirekter Rede wiedergegeben. Zögernd erklärt der behandelnde Arzt der Mutter Chris, ihr Kind hätte ihn aufgefordert, seine Hände “von ihrer gottverdammten Fotze” zu lassen. Während Mutter und Arzt schockiert sind von der Wortwahl, kann diese Äußerung in anderen Kontexten durchaus als feministische Forderung nach medizinischer Selbstbestimmung oder gegen sexualisierte Gewalt im Medizinbetrieb gelesen werden, vor allem vor den Hintergrund der Frauenbewegungen der frühen Siebziger Jahre, in denen Film spielt und entstanden ist. Es erscheint völlig naheliegend, dass Regan einen feministischen Slogan wiedererkannt und aufgegriffen hat, etwa aus einem Fernsehbericht oder von einer Demonstration. Später, wenn der Dämon verstärkt von Regan Besitz ergriffen hat, verändert sich ihr Aussehen, und sie spricht mit tieferer Stimme. Interessanterweise wurden Gesicht und Stimme des Dämonen jeweils von Frauen dargestellt, während dessen Geschlechtlichkeit uneindeutig bleibt. Der ganze Prozess des Besessen-Seins hat also interessante vergeschlechtlichte Elemente. Es ergeben sich Parallelen zur Pubertät und zum Umgang mit Menschen, die nicht in das binäre Geschlechtersystem passen.
Die Art und Weise, wie der Film die medizinischen Zugriffe auf Regans Körper darstellt, ist präzise recherchiert, aber nicht neutral. Insbesondere die Szene, in der eine Angiografie durchgeführt wird, ein heute veraltetes Verfahren zum Untersuchen von Blutgefäßen, führte seinerzeit bei manchen Zuschauer*innen zum vorzeitigen Verlassen des Kinosaals. In diesen langen und mitunter schwer auszuhaltenden Sequenzen wird die ganze Brutalität offengelegt, die ein eigentlich wissenschaftlich-neutrales System gegenüber Körpern an den Tag legt, die als weiblich markiert werden. Regan bekommt schließlich auf Gutdünken der Ärzte Ritalin verschrieben, worauf sich ihre Situation nur verschlimmert.
Die ganze Ratlosigkeit der Ärzte gegenüber dieser Körper, die mitunter ignoranten bis gewaltsamen Behandlungen und das Umdeuten unbekannter Symptome als 'Nervenkrankheit' werden im Film ausgebreitet. Dabei handelt es sich um keine Fantastik, sondern um den ganz alltäglichen Horror im Leben vieler Frauen und als Frauen gegenderter Menschen, den der medizinische Komplex ihnen bereitstellt. Allgemeiner hat Medizin einen normierenden und disziplinierenden Charakter: Sie hilft den Menschen nicht einfach, sondern stellt sicher, dass sie langfristig funktionierende und arbeitende Teile ihrer Gesellschaft bleiben. Entscheidende Stufen der Eskalation in Regans Verhalten geschehen nicht in Isolation, sondern in Gesellschaft, etwa während einer Hausparty, zu der Chris allerlei Bekanntschaften aus der bürgerlichen Upperclass geladen hat. Hier wird ganz deutlich: Die Krankheit steht nie für sich, sondern immer in Relation zu dem, was eine Gesellschaft als 'normal' oder 'gesund' bewertet. Wenn wir über Subgenres reden, können wir also durchaus festhalten, dass 'Der Exorzist' medizinischer Horror ist. Ob es sich auch um religiösen Horror handelt, wie so oft beschrieben, schauen wir uns jetzt genauer an.
Religiöser Horror und das Elend im Kapitalismus
In Georgetown sind sich Religion, Wissenschaft und US-Machtpolitik ganz nah
Die religiöse Komponente wird zunächst gar nicht über Regan verhandelt, sondern in einer Parallelhandlung um den Jesuitenpater Karras. Der arbeitet an der ebenfalls jesuitischen Georgetown University als Psychologe und hadert mit Gott. Vor allem die Situation seiner migrantischen Mutter, die in ärmlichen Verhältnissen vor sich hin existiert und schließlich in einem Irrenhaus stirbt, stürzt ihn in eine tiefe Glaubenskrise. Er widmet sich seinen Hobbys, Saufen und Boxsport, und diskutiert mit einem Kollegen über seinen Ausstieg. Über einige Umwege gerät er schließlich an Chris, die ihrerseits wiederum den Glauben an das medizinische System verloren hat. Die Vermutung, dass ihre Tochter besessen sei, weißt Karras zuerst entschieden zurück. Handelt Karras hier nur aus wissenschaftlicher Vernunft als Psychologe, oder verdrängt er auch (unterbewusst) seine Religion aus dem Raum des Möglichen?
Gegen das materielle Elend, dass der Kapitalismus produziert, ist die Religion nutzlos. Karras erlebt die dunkle Kehrseite des amerikanischen Traums in seiner ganzen Härte und Konsequenz. Der Film zeigt immer wieder dieses Elend durch seine Augen, zeigt Obdachlosigkeit und Verwahrlosung inmitten der kapitalistischen Zentren New York und Washington und unweit der Eliteuniversität, an der Karras arbeitet. In Karras findet eine Entzauberung statt, denn er weiß sehr wohl, dass dieses Elend keine Strafe Gottes ist, sondern menschengemacht und in dieser Gesellschaft angelegt. Dass es schließlich die Besessenheit Regans ist und damit der absolute Ausnahmezustand, der Karras zurück auf den kirchlichen Pfad bringt, ist eine feine Ironie und ein Moment von Religionskritik in einem Film, der gemeinhin als fromm wahrgenommen wird.
Was sagt es über ein System aus, in dem dieser Ausnahmezustand nötig ist, um es zu stabilisieren? Warum fällt es leichter, an Gott zu glauben, wenn der Teufel direkt zu einem spricht? Die kirchlichen Vertreter reagieren beschämt und zurückhaltend auf die Möglichkeit einer Besessenheit, denn sie sind sich des theologischen Zwiespalts bewusst. Den Dämon mit der Kraft des Glaubens zu bekämpfen, ist zugleich Machtdemonstration und Eingeständnis von Schwäche. Die Kirche, einst eine weltweite Hilfsorganisation, ist hilflos angesichts der Massenverelendung, die die moderne kapitalistische Gesellschaft hervorbringt. Doch wenn es darum geht, den Teufel aus einem zwölfjährigen Mädchen herauszuprügeln, sieht sie sich der Aufgabe noch geradeso gewachsen.
Viele Analysen übersehen, dass der Exorzismus im Film genau genommen fehlschlägt. Am Ende sind beide Priester tot, und Regan kann nur befreit werden, indem Karras sich opfert, den Dämon von ihr übernimmt und sich daraufhin aus dem Fenster stürzt. Zum Glück steht dem dahinscheidenden Geistlichen in letzter Sekunde ein Kollege zur Seite, der ihm die Beichte abnimmt. Wenn der Abspann beginnt, steht die Frage im Raum, wen der Exorzist gerettet hat: War es das Mädchen oder Gott?
Weitere Rätsel
Neben diesen beiden sehr präsenten Interpretationsträngen gibt es einige weitere interessante Ansätze, die sich aus Nebenhandlungen und -Figuren ergeben: Chris spielt in einem Film mit, der die Studentenproteste der 1960er behandelt. Dort scheint sie eine Rolle einzunehmen, die dafür plädiert, dass das System nur von innen heraus reformiert werden kann. Eine reaktionäre Botschaft, von der Chris anscheinend nicht überzeugt ist, da sie den Film abfällig als Disney-Version der Vietnam-Geschichte bezeichnet. Überhaupt scheint sie nur an dem Projekt teilzunehmen, weil sie mit dem Regisseur Burke befreundet ist[^1]. Dass nun gerade dieser Burke eines Nachts auf Regan aufpassen soll, die Nacht nicht überlebt, und daraufhin untersucht wird, ob er sich in ihrem Zimmer aufgehalten habe, wirkt wie die verdrehte Version eines sexualisierten Übergriffs. Möglicherweise verweist dieser Handlungsstrang auch auf die Schattenseiten der Filmindustrie.
Was hat es mit dem zu Burkes Tod ermittelnden Lieutenant Kinderman auf sich, der mehrere Männer ins Kino einlädt und mit seinem witzelnd-analytischen Auftreten an eine Agatha-Christie-Figur im falschen Film erinnert? Hat der Hausdiener Karl eine Nazivergangenheit, obwohl er betont, aus der Schweiz zu sein? Warum spricht die besessene Regan in einer Szene rückwärts, als würde sie sich moderner Audiotechnik bemächtigen? Sind die im Haus verteilten Vogelfiguren an den Dämon angelehnt oder persiflieren sie amerikanische Hoheitssymbole? Und warum ergreift der Dämon kurz von einer Dunstabzugshaube Besitz?
Der Film ist vollgestopft mit solchen rätselhaften Details und Nebensächlichkeiten, die nicht direkt zum Grusel beitragen, aber das Feld für Interpretationen stark erweitern. Während moderner Horror oft keine Gesellschaft zu kennen scheint, es sei denn er schimpft sich 'elevated', ist 'Der Exorzist' eingebettet in gesellschaftliche, politische und zeitgeschichtliche Kontexte und kann auf diese Weise viel mehr sein als eine populärkatholische Geisterbahn.
Die Grippe austreiben
Während ich meine Grippe ausbrüte, schaue ich an die Decke und auf den Boden. Was spielt sich in den Wohnungen über und unter mir ab? Eine große Faszination von 'Der Exorzist' liegt für mich auch darin, dass der Horror überwiegend in der häuslichen Sphäre stattfindet. In den Räumen, in die wir uns bei Krankheit zurückziehen, haben Dritte für gewöhnlich keinen Einblick. Das Filmset von Regans Zimmer wurde stark heruntergekühlt, damit der Atem der Figuren sichtbar wurde. Einige Mitglieder von Cast und Crew wurden ernsthaft krank oder zogen sich Verletzungen zu, manche starben während des Drehs, dessen Abschluss mehrfach nach hinten verschoben wurde. Bald wurde über einen Fluch am Set spekuliert, und einige an der Produktion beteiligte Personen ließen sich zu Aussagen hinreißen, die dieses Narrativ stützten. Tatsächlich handelte es sich weniger um einen Fluch, als um eine Produktion, die viele der Beteiligten an ihre körperlichen Grenzen brachte.
Diese sichtbare Erschöpfung in den letzten Szenen des Exorzismus macht den Film zur perfekten Krankheitsunterhaltung. Ich empfehle dazu einen Cocktail aus Kamillentee, Hustensirup, Islandmoospastillen und Paracetamol.
Dieser Text wurde unter der CC BY-ND 4.0 Lizenz veröffentlicht.
[^1]: Ob es sich bei dem exzentrischen Europäer um eine Parodie Roman Polanskis handelt, bleibt umstritten, immerhin spielte sein Darsteller Jack MacGowran zuvor in einigen Polanski-Filmen mit, am prominentesten in 'Tanz der Vampire'.