Ich lese in Etty Hillesums Tagebüchern:

Bei einigen alten Stämmen gab es den Brauch, dass man an jedem Tag ein schwarzes oder ein weißes Steinchen in eine Vase legte, je nachdem, ob der Tag schlecht oder gut gewesen ist. [...] Am Ende von jemandes Leben kehrte man dann die Vase um und man konnte feststellen, ob es ein glückliches oder unglückliches Leben gewesen war.

War nun der Tag heute schwarz oder weiß? Gut oder schlecht? – Natürlich sind die wenigsten Tage nur das eine oder nur das andere. Klar.

Und doch ist es für mich ein sinnvoller Gedanke. Vor allem mit dem Wissen, dass es in meinen Händen liegt, welches Steinchen ich meinem Tag zuordne. Welchen Kleinigkeiten gebe ich Gewicht? Nach welchen Gesichtspunkten entscheide ich? Was bewahre ich in meinen Erinnerungen, was lege ich zur Seite?

Wenn ihr dereinst meine Vase umdreht jedenfalls, werdet ihr sehr viel Weiß sehen. Dafür bin ich sehr dankbar.