Gut, dass es AIS.chat gibt!
Bei aktuellen KI-Veranstaltungen im Bildungskontext kommt früher oder später die Rede auf AIS.chat, also die Chatbot-Oberfläche, die vom FWU Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht im Auftrag der 16 Bundesländer und gefördert vom Bundesbildungsministerium angeboten wird und inzwischen in immer mehr Bundesländern an Schulen zur Verfügung steht. Die Äußerungen, die ich zu AIS.chat wahrnehme, sind dann meist negativ: Das Angebot sei viel zu langsam und schwerfällig, der notwendig gewordene Namenswechsel peinlich und lächerlich (früher hieß das Produkt ‚telli‘ und musste umbenannt werden, weil die Erlaubnis zur Nutzung der Marke auslief) und überhaupt würde es zig, ebenfalls kostenfreie KI-Tools geben, die Schüler*innen längst selbstverständlich nutzen und die auch für Lehrkräfte viel attraktiver seien.
Ich kann diese Kritik erst einmal gut nachvollziehen: Es ist super nervig, wenn Technologie nicht so funktioniert, wie man sie sich wünscht oder braucht. Und gerade wenn im Kontext von KI eigentlich Entlastung erhofft wird, dann ist ein Tool, das vermeintlich viel weniger kann und weniger Leistung bringt als andere Angebote, natürlich ein Ärgernis. Zumal in einem stressigen und oft überfordernden Schulalltag. Und trotzdem finde ich: Es ist gut und sinnvoll, dass es AIS.chat gibt. Das möchte ich im Folgenden kurz begründen:
Sehr gut passend ist für mich für diese Begründung ein Vergleich mit der Deutschen Bahn. Als Viel-Bahnfahrerin bin ich super genervt davon, dass Züge ausfallen, Verspätungen eher Normalität als Ausnahme sind und die Preispolitik der Bahn aus meiner Sicht oft in eine verkehrte Richtung geht. Trotzdem bin ich sehr froh darüber, dass es die Deutsche Bahn gibt – und meine Alternative wäre ganz sicher nicht, eine (noch stärkere) Privatisierung oder gar ihre Abschaffung zu fordern. Ganz im Gegenteil: Ich setze mich dafür ein und werbe dafür, dass die Bahn als Teil öffentlicher Infrastruktur für alle in guter Qualität zur Verfügung steht. Ich tue das wohl wissend, dass angesichts von Sanierungsstau und aktuellen politischen Mehrheitsverhältnissen wahrscheinlich keine direkte Besserung in Sicht ist. (Bis dahin kann ich Bahnfahren im Rahmen meiner Möglichkeiten angenehmer und freudvoller machen, z.B. durch direkte Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft und Akzeptanz der Situation, was dann tatsächlich sehr oft zu unverhofften und spannenden Bekanntschaften und Erlebnissen führt.)
Genau solch eine Haltung wünsche ich mir von uns allen, als im Bildungskontext tätigen Menschen, auch in Bezug auf AIS.chat. Und, anders als bei der Deutschen Bahn, befindet sich das Tool im Aufbau, es wird kontinuierlich besser und wir haben deutlich mehr Gestaltungs- und Entwicklungsoptionen. Lasst sie uns nutzen!
Ja, es mag sein, dass die Leistung des Angebots manches Mal noch zu wünschen übrig lässt. Es mag auch sein, dass das Angebot zu spät kam und eigentlich schon viel früher hätte vorbereitet werden müssen. Und es ist verständlich, dass die Entwicklungen daran oft schwerfällig und mühsam erscheinen. Genau das liegt aber zu einem großen Teil in der Natur der Sache, wenn wir demokratisch, mit vielen unterschiedlichen Beteiligten und sicherlich in der Tat auch mit oft noch fehlender digitaler Expertise in manchen Behörden und Ministerien genau wie auch an vielen Schulen an einem digitalen Angebot zu KI arbeiten.
Der Wert dieser Möglichkeit bemisst sich darum aber auch nicht allein in einer wie auch immer definierten ‚Effizienz‘, sondern allen voran auch in dem dadurch ermöglichten Lernprozess. Als Pädagog*innen sind wir dazu prädestiniert, genau diesen Lernprozess in der Debatte stark zu machen und auch ganz konkret mitzugestalten.
Damit das nicht missverständlich ist: Etwaige technische Schwächen gehören sicherlich behoben. Was hingegen kein Mangel ist, sondern Ausdruck einer bewussten Entscheidung, sind die demokratischen Abstimmungs- und Entwicklungsprozesse, die für ein gemeinsames Aushandeln (und damit auch Lernen) immer Zeit benötigen. In diesem Sinne gilt tatsächlich: It’s not a bug, it’s a feature!
Noch wichtiger finde ich: Neben dem ermöglichten Lernen zu Technologie eröffnet AIS.chat, weil es in erster Linie ‚unser‘ Tool ist, die Perspektive einer gemeinwohlorientierten Technologie als digitale Infrastruktur für den Bildungsbereich. Das ist der für mich größte Unterschied zu anderen Anbietern und Angeboten.
Ich finde es in dieser Situation zugleich verständlich, dass in Lernprozessen immer wieder auch auf andere KI-Tools zurückgegriffen wird – sowohl weil man selbst vielleicht erkunden will, was anderes möglich ist, als auch weil man die Lebenswelt von Lernenden berücksichtigen will und deshalb natürlich Räume schaffen sollte, um gemeinsam zu reflektieren, was denn ansonsten genutzt wird und wie die Erfahrungen damit sind. Das ist dann aber kein Widerspruch dazu, das Angebot von AIS.chat zu unterstützen, anstatt es grundsätzlich infrage zu stellen. AIS.chat muss nicht alles ersetzen, was andere Tools bieten. Je mehr Menschen sich allerdings in den weiteren Entwicklungsprozess einbringen, mitdenken und im Rahmen der jeweils eigenen Möglichkeiten Prozesse koordinieren und Abstimmungen gestalten, umso besser wird sich das Angebot für uns alle weiter entwickeln. Und je stärker werden dann irgendwann viele, weitere Tools vielleicht überflüssig(er).
Solch ein Einbringen und Mitdenken kann natürlich auch Kritik beinhalten. Auch daraus kann ja Entwicklung angestoßen werden. Ich habe z.B. selbst schon sehr früh meinen Unmut darüber aufgeschrieben, dass AIS.chat aus meiner Sicht nur wenig transformativ und damit nicht bewusst als pädagogisch-ermöglichende Alternative zu anderen Anbietern bei der KI-Nutzung gestaltet wird. Einiges davon wurde und wird aufgegriffen, es werden im FWU Lernszenarien in diesem Sinne entwickelt und ich bekam direkt die Einladung, eigene Ideen für die Chatbot-Oberfläche aufzubereiten und zu teilen. Das ist toll und bestärkend in Hinblick auf gemeinsame, pädagogische Gestaltungsmöglichkeiten und ich freue mich, dass ich immer mehr Menschen wahrnehme, die Ähnliches versuchen.
Bleibt das Argument, dass das alles aber leider viel zu langsam sei und KI-Technologie eben nicht auf die bundesdeutsche Kultusbürokratie warten würde. Einerseits klingt dieser Einwand sehr plausibel, wenn man sich anschaut, in welch schneller Geschwindigkeit KI-Modelle trainiert und mit immer mehr Möglichkeiten ausgestattet werden. Auf der anderen Seite kann gerade deshalb ein immer schnellerer Wettlauf aus meiner Sicht nicht die Lösung sein. Gute, weil nachhaltige, soziale und demokratische Zukünfte entstehen dann, wenn wir sie gemeinsam gestalten. Und in Gestaltung kommen wir nicht, wenn wir hinterherrennen, ohne uns zu verständigen, was wir überhaupt wollen und wo es hingehen soll.
Zur Gestaltung gehört für mich dann ganz zentral die Frage der Nachhaltigkeit: Wenn festgestellt wird, dass AIS.chat weniger kann als andere Tools, dann sollten wir aus meiner Sicht vor allem fragen, welche Fähigkeiten tatsächlich pädagogisch sinnvoll und gesellschaftlich wünschenswert sind. Braucht es z.B. schnelle und fancy KI-gestützte Bild- und Videogenerierung, die erhebliche Ressourcen verschlingt? Oder kann es nicht auch eine bewusste politische und pädagogische Entscheidung sein, KI-Technologie weniger auf Lärm und Effekthascherei auszurichten – was bei profitgetriebenen Modellen in der Natur der Sache liegt – und mehr auf die Möglichkeiten der Mustererkennung und in diesem Sinne auf eine Spiegel- und Lernfunktion?
Noch grundsätzlicher wird es, wenn wir die Ebene der Infrastruktur in den Blick nehmen. Hier wünsche ich mir von uns allen ein deutlich mutigeres Weiterdenken. Wenn wir nämlich weiterhin auf eine investorengetriebene Infrastruktur setzen, bei der dann als Folge notwendigerweise menschliche Bedürfnisse schon bei der Entwicklung technischer Anwendungen direkt auf ihre Verwertbarkeit hin abgeklopft werden, dann öffnet sich eben gerade nicht die Perspektive einer gemeinwohlorientierten Technologie. AIS.chat ist hier aus meiner Sicht noch zu wenig als Alternative angelegt. Es liegt aber an uns, ob wir uns – gerade im damit verbundenen größeren Projekt AIS – viel stärker als bisher auf dezentrale und schnittstellenermöglichende Lösungen hin orientieren.
Um zu verdeutlichen, wie weit ein solches Denken reichen könnte: Mehrere Bildungseinrichtungen in einer Kommune könnten sich zusammenschließen und ein solarbetriebenes Rechenzentrum mit eigenen Servern entwickeln, auf denen lokale KI-Modelle laufen, die spezifisch angepasst werden können. Solch ein dezentraler und selbst verantworteter Ansatz klingt vielleicht erst einmal sehr weit von der Realität entfernt. Wir können aber genau in solche Richtungen am besten dann erste Schritte gehen, wenn wir Digitalisierung ganz bewusst als gesamtgesellschaftlichen Lernprozess und Gestaltungsherausforderung sehen, zu der wir insbesondere in der Pädagogik einen Beitrag leisten können, anstatt weiter profitgetriebenen, solutionistischen Technologie-Versprechen hinterherzujagen, die wir für eine l(i)ebenswerte Welt nicht brauchen.
Wenn wir Digitalisierung als gemeinsamen Lern- und Gestaltungsprozess begreifen, dann ist AIS.chat genau der Ort, an dem sich diese Haltung einüben lässt. Genau deshalb lohnt es sich aus meiner Sicht, sich einzubringen statt mit Zynismus und Abwendung zu reagieren.
Für mich gilt deshalb: Gut, dass es AIS.chat gibt! Lasst uns das Projekt nutzen, um KI-Technologie für die Bildung demokratisch, gemeinwohlorientiert und in öffentlicher Verantwortung zu entwickeln.
#DigitaleMündigkeit #KünstlicheIntelligenzKI