Konviviale Technik – und die Extended Mind Theory

„Denken endet nicht an der Schädelgrenze“. Das ist sehr verkürzt die Kernaussage der Extended Mind Theory von Andy Clark und David Chalmers. Ich bin auf diese Theorie zum ersten Mal beim Institut für zeitgemäße Püfungskultur gestoßen. Die Kolleg:innen haben die Theorie dort als Argument aufgegriffen, um für eine Weiterentwicklung bei der Bewertung von Leistungen in der Digitalität zu plädieren. Ihre Begründung: Prüfungen, die von einer künstlichen Schädelgrenze ausgehen, erfassen nicht, was Menschen in authentischen Situationen können. Deshalb muss die Art und Weise der KI-Nutzung selbstverständlicher Teil von Prüfungen sein.

Diese Argumentation ist aus meiner Sicht nachvollziehbar und im aktuellen Kontext auch sehr relevant. Um daran weiter zu denken und vor allem zu reflektieren, was das dann konkret in der pädagogischen Praxis bedeutet, gilt es aus meiner Sicht allerdings den begrenzt funktionalistischen Blick der Extended Mind Theory bei der Mensch-Maschine-Interaktion zu erweitern. In diesem Sinne lassen sich dann zwei Fragen stellen:

  1. Was ist grundsätzlich eine sinnvolle, weil entwicklungs- und lernförderliche Interaktion mit digitalen Anwendungen?
  2. Wie müssen digitale Anwendungen gestaltet sein, um genau solch eine Interaktion zu ermöglichen?

Bei der Antwort auf die erste Frage ist für mich entscheidend, dass eine Mensch-Maschine-Interaktion immer zwingend an unsere menschlichen Fähigkeiten angebunden sein muss, um Entwicklung und Lernen zu ermöglichen. Die Extended Mind Theory weist hier eher in eine falsche Richtung, wenn sie beschreibt, dass es funktional keinen Unterschied macht, ob ich mich – um das in der Theorie genutzte Beispiel aufzugreifen – an eine Adresse für einen Museumsbesuch in meinem Kopf erinnere oder diese Adresse in ein Notizbuch schreibe und dort abrufe.

Mit der Antwort der Extended Mind Theory ‚Funktional ist beides das Gleiche!‘ wird suggeriert, dass menschliche Fähigkeiten tendenziell ersetzbar seien. Denn dann nehme ich anstelle meines eigenen Kopfes eben das Notizbuch! Wenn wir aber – im Sinne der ersten Frage – betrachten, was tatsächlich nötig ist, um – in diesem Beispiel – die Information aus dem Notizbuch nutzen zu können, dann ergibt sich ein anderes Bild. Denn die Information aus dem Notizbuch wird mir nur dann helfen, wenn ich in mir den Wunsch nach einem Museumsbesuch entwickle, wenn ich vertraut bin, mit der Nutzung des Notizbuches und dort weiß, was ich wo und wozu hingeschrieben habe und wenn die Adresse schließlich nicht nur eine abstrakte Information verbleibt, sondern sie in einem Gang zum Museum resultiert. Für all diese Schritte ist der Mensch mit all seinen Fähigkeiten das unbedingte Fundament der Interaktion mit einer digitalen Anwendung. Er kann deshalb gerade nicht ersetzt werden, sondern ist Initiator und Träger einer verkörperten Interaktion. In Lernprozessen kann solch eine verkörperte Interaktion bewusst gemacht, erlernt und reflektiert werden.

Das führt zur zweiten Frage: Denn KI-Tools werden in eine immer menschenähnlichere Richtung gestaltet und präsentieren sich uns tendenziell als Autorität. Sie sind auf individuelle Nutzung anstelle auf Verbindung angelegt. Somit haben wir es mit einer technischen Realität zu tun, die nicht im Sinne von Lernen gestaltet ist, weil nicht verkörperte Interaktion, sondern Auslagerung und Ersatz die grundlegende Intention ist. Und genau deshalb sollten wir im KI-Diskurs diese Technologie nicht als alternativlos hinnehmen und uns in diesem Sinne darauf beschränken, ihre Interaktion in die Lern- und Prüfungskultur zu fordern. Vielmehr gilt es aus meiner Sicht zugleich auch, ihre Begrenztheit bzw. ihre Schädlichkeit darzustellen und Alternativen einfordern. Das ist dann keine reaktionäre Fortschrittsverweigerung, sondern eine inhaltlich begründete Forderung. Als Nordstern mag ich hierfür den Begriff der ‚Konvivialität‘ aus den 1970er Jahren, der ausgezeichnet zu der dargestellten verkörperten Interaktion passt: Konviviale Technik dient dem Menschen und fördert soziale Interaktion, anstatt ihn zu beherrschen und zu isolieren.