Buchnotizen: Digitale Solidarität

Ich habe gestern und heute das ganz neu erschienene Buch ‚Digitale Solidarität‘ von Aline Blankertz und Malte Engeler gelesen. Einiges davon habe ich mir noch nicht in Tiefe erschlossen, aber es reicht schon, um einen ersten Eindruck zu teilen und eine Empfehlung zur Lektüre auszusprechen. Also: Was ist das für ein Buch?

Die Perspektive des Autor:innen-Duos wird im Untertitel transparent gemacht: Es geht ihnen um eine ‚Überwindung kapitalistischer Technologie‘. Wer mit dieser Begrifflichkeit fremdelt, kann Antikapitalismus als Notwendigkeit einer Weltgestaltung lesen, die – gerade angesicts der zunehmenden gesamtgesellschaftlichen Krisen – Solidarität untereinander, Fürsorge für Mensch und Natur und ein bedürfnisorientiertes Leben für alle ermöglicht. Zur Einordnung von Kapitalismus und seiner Verbindung mit der Digitalisierung finden sich in diesem Sinne im ersten Kapitel einige Erläuterungen.

In den folgenden Kapiteln wird dann konkreter dargestellt, wie sich Digitalisierung in unserer gegenwärtigen Gesellschaft ausgestaltet. Aufgegriffen werden Themen wie Privatheit, Datenschutz oder Autoritarismus. Spannend fand ich vor allem eine Abhandlung zu Open Source und Offenheit als einem aus Sicht der Autor*innen nur vermeintlichen Gegenprojekt. Eingeordnet wird Open Source vielmehr als ‚E-Auto der Digitalpolitik‘ – also nicht geeignet grundlegende Missstände zu lösen, so wie auch mit dem E-Auto das Grundproblem des Individualverkehrs nicht angegangen wird.

Die große Stärke des Buches, und das was mir für den Bildungskontext vor allem spannend erscheint, liegt dann im zweiten Teil, der grob beschrieben die Frage nach dem ‚Was tun?‘ aufgreift. Insbesondere werden hier Ansätze einer emanzipatorischen Technologiekritik vorgestellt. Weitergedacht werden hier Kriterierien ‚konvivaler Technik‘, wie sie schon in den 1970er Jahren von Ivan Illich beschrieben und von Andrea Vetter weiter entwickelt wurden. Dazu gehören insbesondere Kriterien wie Verbundenheit, Zugänglichkeit, Anpassungsfähigkeit, Bio-Interaktivität (= welche Wechselwirkungen treten mit lebendigen Organismen auf?) oder Angemessenheit. Der daraus abgeleite Vorschlag im Buch mit einem Fokus auf drei Kriterien zur Bewertung von Technologien – Angleichen der Befähigung, wünschenswerte Zwecke und Angemessenheit – wird anschließend auf den aktuellen KI-Diskurs übertragen. Dabei kommen die Autor:innen zum sehr deutlichen Ergebnis, dass KI keine unterstützenswerte Technologie im Sinne der Perspektive digitaler Solidarität darstellt. Wer daran anschließend nun erwartet, dass es sich damit eben mal wieder um ein Buch handelt, dass eben düster ist und keine konkreten Handlungsoptionen eröffnet (denn was solle man denn tun, wenn eine der prägendsten Technologien der gegenwärtigen Zeit radikal abgelehnt wird), der irrt. Denn im Buch wird es im Folgenden sehr konkret: In einem ausführlichen Kapitel (und zugleich sehr übersichtlich als Tabelle zusammen gefasst) werden hier ganz praktische Möglichkeiten für individuellen oder auch kollektiven Widerstand beschrieben. Vieles davon ist sicherlich nicht direkt naheliegend im systemischen Kontext von Schule (z.B. Roboter im öffentlichen Raum attackieren oder Haustürkameras mit WLAN-Störern unterlaufen). Es schadet aber sicherlich nicht, sich darauf gerade deshalb einmal mindestens lesend einzulassen. Zumal es auch weniger radikale oder technisch voraussetzungsreiche Vorschläge gibt (z.B. Bezahlkarten von Geflüchteten gegen Bargeld umtauschen oder Aufklärungsarbeit betreiben).

Das bringt mich auch zu meinem Fazit für das Buch:
Insbesondere vor dem Hintergrund, dass ich den vorherrschenden KI-Diskurs inzwischen sehr stark als alternativlos erlebe, empfehle ich das Buch sehr weiter. Wenn fast überall die vorherrschende Aussage ist: „KI ist da und wird nicht weg gehen!“, ist es unbedingt nötig, auch Alternativen im Denkem zu öffnen. Denn während ich Teil 1 dieser Aussage (= KI ist da!) uneingeschränkt teile, und es deshalb auch wichtig finde, sich damit gerade in der Bildung auseinander zu setzen, würde ich hinter den zweiten Teil (… und wird nicht weg gehen!) gerne häufiger ein Fragezeichen setzen. Denn die Art und Weise der Gestaltung von Technologie ist ganz genauso wenig alternativlos, wie es die gegenwärtige Ausgestaltung unserer Gesellschaft ist. Insbesondere in der Bildung tun wir aus meiner Sicht gut daran, uns deshalb wieder mehr ‚Utopiefähigkeit‘ zu ermöglichen: Technologie ist menschengemacht und sie könnte auch ganz anders gestaltet sein!

Wer in diesem Sinne das eigene Denken öffnen und sich mit Positionen auseinander setzen will, die man vielleicht nicht unbedingt teilt, deren antikapitalistische Begrifflichkeit man vielleicht befremdlich findet und die nicht den Anspruch haben, sich ins vorherrschende Bildungssystem integrieren zu lassen, für den kann ‚Digitale Solidarität‘ ein großartiges Buch sein. Ich habe es mit viel Gewinn gelesen!

#Buchnotizen #KünstlicheIntelligenzKI