Technodiversität als Nordstern für digitale Mündigkeit
In der gegenwärtigen KI-Debatte diskutieren wir meinem Eindruck nach viel über die Frage, wie wir KI als Werkzeug und auch als Impuls für eine veränderte Lernkultur nutzen können. Außerdem reflektieren wir – meist unter der Überschrift der ethischen Dimension von KI – über gesamtgesellschaftliche Implikationen wie Ressourcenverbrauch, Bias oder soziale und demokratische Konsequenzen. Was dabei aus meiner Sicht häufig aus dem Blick gerät, ist die Frage nach einer alternativen Gestaltung unserer digitalen Technologien und damit eben auch von KI. In diesem Sinne ließe sich bei der ethischen Dimension von KI nicht nur fragen: „Was macht KI-Technologie mit unserer Gesellschaft?“, sondern auch: „Wie könnte KI-Technologie bzw. unsere Digitalität insgesamt anders gestaltet sein, sodass sie ein gutes Leben für alle unterstützt?“ Diese Frage ist sehr viel grundsätzlicher und sie wird angesichts der immensen Prägung unserer Gesellschaft durch digitale Technologien immer relevanter.
Hilfreich finde ich hier die Überlegungen des Technikphilosophen Yuk Hui, die ich als Denkanstoß (und Gedächtnisstütze für mich) hier aufschreiben und teilen will. Ich finde sie eine gute theoretische Grundlage, um Gestaltbarkeit von Technologie in den Blick zu nehmen und dazu insbesondere Dezentralität als Möglichkeit für föderierte und damit unterschiedliche, aber zugleich vernetzte digitale Systeme – wie sie etwa in offenen Projekten wie dem Fediverse verankert ist – nicht nur als technisches Funktionsprinzip, sondern als gesamtgesellschaftliches Erfordernis in der Digitalität zu begründen.
Ausgangspunkt von Yuk Hui ist, dass sich digitale Technologien seiner Beobachtung nach zunehmend vom ‚organisierten Anorganischen‘ hin zum ‚organisierenden Anorganischen‘ verändern. Es findet somit eine Verschiebung statt von Maschinen als Gegenständen menschlicher Organisation hin zu technischen Systemen, die selbst Prozesse strukturieren, steuern und Rückkopplungen erzeugen. Damit wird Technologie immer prägender für unsere Gesellschaft und umso wichtiger wird es, die Gestaltung bewusst anzugehen. Ein weiterer Begriff von ihm ist in diesem Sinne ‚Kosmotechnik‘. Er meint damit, dass Technologie nicht neutral ist, sondern immer in einem bestimmten Kontext entwickelt wird und zugleich immer auch kosmologische und moralische Orientierungen in sich trägt und nicht-dualistisch gedacht ist. Technologie ist somit eigentlich nicht feststehend und universell.
Sein Gegenentwurf angesichts der Vielfältigkeit unserer Welt vor dem Hintergrund einer angenommen Kosmotechnik ist Technodiversität – also eine Art der technologischen Gestaltung, die immer von einer spezifischen Situation ausgeht und somit angesichts der Vielfalt unserer Welt nicht normiert und zentralisiert wäre.
Die gegenwärtige Entwicklung geht mit zunehmender Monopolisierung dagegen in die entgegensetzte Richtung von Technodiversität: Hier gibt es nur noch eine oder wenige Technologie zur Auswahl, die dann als besonders überlegen und effizient eingeordnet wird, deshalb gewählt wird und dann durch die Sammlung und Auswertung von Nutzer:innen-Daten immer besser optimiert werden kann. Es entstehen Lock-In Effekte. Dieser Prozess wird noch dadurch verstärkt, dass die Technologie im Interesse ihrer Vermarktung meist so entwickelt wird, dass sie sich an den Menschen anschmiegt und sehr intuitiv funktioniert. Je anschmiegsamer Geräte werden, desto mehr Erträge sind zu erwarten. Es lässt sich von einer zunehmend anthropophilen Technologie sprechen, was einerseits hilfreich sein kann und Hürden abbaut. Zugleich wird Technologie damit etwas, was uns zur Verfügung gestellt wird und nicht das, was wir entwickeln. Die Herausforderung, Technologie zu gestalten und sie überhaupt als gestaltbar zu erkennen, tritt dabei immer mehr in den Hintergrund.
Diese Art der Technologie-Entwicklung funktioniert zugleich immer schneller, so dass Maschinen einem noch stärker als tendenziell unbeherrschbar und gegeben erscheinen. Technodiversität würde dagegen wie beschrieben bedeuten, aus einer konkreten Konstellation heraus zu gestalten.
Vor diesem Hintergrund erscheint mir Technodiversität – auch wenn es erstmal vielleicht wenig spektakulär klingt – in der Darstellung von Yuk Hui als hilfreicher Nordstern für digitale Mündigkeit im Kontext von Bildung. Die inhaltliche Auseinandersetzung damit kann Hand in Hand gehen mit praktischen Erkundungen – zum Beispiel zu dezewntralen und föderierten Systemen. Ein sehr hilfreicher und konkreter Einstieg kann hier das Fediverse als ein von unten gestalteter Lern- und Austauschraum oder auch das Kennenlernen und Mitgestalten von Open-Source-Projekten sein. Hier haben wir es zwar weiterhin vielfach mit Standards zu tun, die aber offen sind und so nur einen übergreifenden Rahmen vorgeben, um dann insbesondere Föderierung zu ermöglichen. Innerhalb dieses Rahmens ist aber sehr viel Gestaltung möglich, was zu Vielfalt führt und somit Technodiversität auch auf einer größeren Ebene überhaupt denkbar und dann auch erlernbar macht. Die bei solch einer erkundenden und ausprobierenden Variante von Technologie fast zwangsläufig auftretenden Hindernisse und Irritationen wären dann als Gegenentwurf zu einer zunehmend anthropophilen Technologie kein beklagenswertes Problem, sondern ein wünschenswerter Lernanlass.
#DigitaleMündigkeit