Kennt ihr das? Eine Grundeinstellung ändert sich schleichend und langsam, aber über so lange Zeit, dass es sich irgendwann ins Gegenteil verkehrt: Aus Liebe wird Hass – oder umgekehrt.

Um eine solche Gefühlsumkehr soll es heute gehen. Aber keine Angst, melodramatisch wird es nicht, und zwischenmenschlich auch nicht. Ich beschreibe mein Verhältnis zu der technischen Sphäre und meine Empfindungen gegenüber diesem Thema, über das ich seit 30 Jahren berichte und blogge.

In der Anfangszeit dominierte die gespannte Erwartung: Ich war neugierig auf jedes einzelne Softwareupdate, auf die Ankündigungen und die neuen Produkte und Ideen aus dem Silicon Valley und den Tech-Startups aus dem Rest der Welt. Die implizite Annahme war, dass das allesamt kleine Schritte in eine schönere, bessere und spannendere Zukunft sind.

Alles bloss die alte Abzocke in neuen Varianten?

Doch über die Jahre verwandelte sich diese optimistische Sichtweise in Skepsis. Heute ertappe ich mich dabei, dass ich (wie die allermeisten Journalistinnen und Journalisten) reflexartig nach dem Haar in der Suppe, dem Pferdefuss, dem Wermutstropfen bzw. der Kehrseite der Medaille suche. Oder, noch schlimmer, davon ausgehe, dass sämtliche angeblichen Vorteile gelogen sind und man uns nur eine neue Form der Abzocke schmackhaft machen will.

Als ich neulich über diesen Sinneswandel nachdachte, fragte ich mich, wie er sich in meinen Blogposts und den Artikeln nachweisen lässt. Kann ich ihn an einem bestimmten Thema festmachen? Und gibt es einen einzelnen Text, bei dem meine positive Haltung ins Negative kippt¹?

Die Antwort ist erst ein Ja, dann ein Nein. Das Thema, das für mich den Wandel am besten verdeutlicht, ist der Aufschwung der Mietsoftware – also Software-as-a-Service oder Software-Abos. Natürlich könnte man sich mit gutem Gewissen auf ein anderes Ziel einschiessen: den Niedergang der sozialen Medien, die Zentralisierung des Internets² oder den liederlichen Umgang mit dem Datenschutz.

Die Softwareabos sind beispielhaft für den Vertrauensschwund

Ich habe mich aus zwei Gründen für die Mietsoftware entschieden:

  • Wegen der Vergangenheit: Noch bevor es das World Wide Web überhaupt gab, waren die Distribution und die Nutzungsbestimmungen der Software ein zentraler Aspekt der Computernutzung. Die Freeware hat ihre Wurzeln im Jahr 1982 und wer mit den Kaufprogrammen aufwuchs, verinnerlichte den Anspruch, eine einmal gekaufte Software so lange zu nutzen, bis die Verbesserungen einer neuen Version einen echten Anreiz für die Neuanschaffung des Updates lieferte.
  • Wegen der Gegenwart: Mit Schützenhilfe der Softwarekonzerne und der App-Stores treibt das Aboprinzip heute die sonderbarsten Blüten.

John Oliver zeigte in seiner Sendung neulich einige Absonderlichkeiten auf: Adobe macht eine besonders schlechte Falle: Falls man ein Jahresabo vorzeitig kündigt, fällt eine heftige Gebühr an. Die Sendung zitiert die Bundesbehörde FTC (Federal Trade Commission), wonach der entsprechende Hinweis im Kleingedruckten und hinter optionalen Textfeldern und Links versteckt worden sei. In internen Mails lässt ein Mitarbeiter durchblicken, dass man sich der Fragwürdigkeit dieser Praktiken bei Adobe sehr wohl bewusst war.

Oliver liefert einige besonders absurde Beispiele für Abos: Nebst dem Abo fürs Katzenklo, dem Fernstart bei Autos von Toyota und den Assistenten bei BMW und HPs «Instant Ink», bei der der Drucker das Drucken verweigert, obwohl noch Tinte vorhanden ist, gehört die «Bone Box» zu den schrägsten Dingen, die man abonnieren kann: Bei der werden für 30 Dollar «Überraschungsknochen» und Tierschädel nach Hause geliefert.

Ich darf die Mystrom-Adapter ergänzen, bei denen gewisse Features inzwischen auch abonniert werden müssen.

Mein erster Artikel zu diesem Paradigmenwechsel und zu Office 2013 und Office 365 Home Premium erschien am 16. Februar 2013 und enthielt folgendes Fazit:

Office selbst lässt sich nicht mehr viel verbessern – an der Office-Nutzung schon. Microsoft hat mit der Neuauflage einen wichtigen Schritt in die Zukunft gemacht. Die Bürosoftware ist bereit für die Tablets und kann über die Streamingfunktion ad hoc benutzt werden. Das Mietmodell wird uns langsam von den grossen Updatesprüngen wegführen. Es öffnet den Weg zu Software, die kontinuierlich weiterentwickelt wird und es einfacher macht, mit den Anforderungen der Zeit Schritt zu halten.

Erstaunlich positiv. Ich erkläre mir das so, dass mir die Fragmentierung damals ein Dorn im Auge war. Diverse Softwareversionen wurden parallel benutzt und sorgten für allerhand Probleme. Darüber ärgerte ich mich 2010, 2011 und 2013.

Ärger bei der Miete? Ist Adobe und Microsoft doch egal!

Die Probleme mit dem Mietmodell zeigten sich nach und nach: 2017 regte ich mich über Adobe und über Microsoft auf und 2018 kam ich zum Schluss: Wer Office hat, braucht keine Feinde mehr. Der Meinungsumschwung hatte zwei Gründe:

  • Die Softwareanbieter redeten die Nachteile klein und liessen die Nutzerinnen und Nutzer mit den technischen Problemen weitgehend allein.
  • Und da das Abomodell für einen kontinuierlichen Einnahmestrom sorgte, nahm der Anreiz für echte Verbesserungen ab, der mit jedem neu zu verkaufenden Update wichtig gewesen war. Die Software stagnierte oder bekam Features, auf die niemand gewartet hatte.

Für die Nutzerinnen und Nutzer fiel die Möglichkeit weg, aus stillem Protest auf einer Uraltversion zu verharren, und sie mussten einen Schritt in eine grössere Abhängigkeit tun.

Nochmals kurz zu John Oliver und zum Fortschreiten der Abowirtschaft: Eine Branche gibt es, bei der sich die Leute noch immer schwertun, eine Dauerbestellung abzuschliessen. Das sind die News-Apps und digitalen Medientitel – also ausgerechnet jene Güter, bei denen die Abonnemente eine Tradition haben, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht: eine ironische und etwas schmerzhafte Schlusspointe.

Fussnoten

1) Das klingt nach einem Widerspruch, zumal ich eben eingangs von einem längeren Prozess schrieb. Doch auch wenn man Jahre damit zubringt, vom Nordpol zum Südpol zu marschieren, gibt es einen kurzen Augenblick, an dem man den Äquator überquert. ↩

2) Das drängt sich geradezu auf: Konkret war ich anfänglich überzeugt, dass die Menschheit mit dem Internet die gemeinsame Vision eines globalen Marktplatzes und eines digitalen Dorfs teilt – dass Kommunikationstechnologie verbindet, uns näherbringt und uns eine Chance bietet, die wir nur zu ergreifen brauchen. Nach und nach zeigten sich die Mechanismen, die wir heute nach Cory Doctorow Enshittification nennen. Aus sympathischen Start-ups werden egoistische Grosskonzerne, die idealistische Vorstellungen – falls sie jemals welche hatten – den kommerziellen Interessen opfern. Das bedeutet nicht, dass der technische Fortschritt per se eine dumme Idee wäre. Es beweist aber mit maximaler Deutlichkeit, dass man ihn nicht den turbokapitalistischen Konzernen und ihren libertären Chefs überlassen sollte. ↩

Beitragsbild: Er hat sein Creative-Cloud-Abo vorzeitig gekündigt, ohne vorher das Kleingedruckte zu lesen (Nataliya Vaitkevich, Pexels-Lizenz).