God’s Junk Drawer von Peter Clines ist es, so scheint es auf den ersten Blick, Jurassic Park auf Steroiden. Eine Gruppe von Astronomie-Doktoranden der fiktiven Monrovia University wird von ihrem Professor zu einer abgelegenen Bergkuppe im kalifornischen «Valley» geführt. Noah Barnes will mit ihr eine nächtliche Beobachtungsübung abhalten. Doch dazu kommt es nicht. Durch ein Wurmloch fällt die Gruppe in eine prähistorische Zeit, wo es von Dinosauriern nur so wimmelt.
Ein unglaublicher Zufall? Nein. Schnell erfahren wir, dass es Barnes darauf angelegt hatte. Die Studentinnen und Studenten hätten an Ort und Stelle zurückbleiben sollen, doch aus Misstrauen über das professorale Nebenprojekt sind sie ihm gefolgt und ebenfalls in dieser Parallelwelt gelandet. Barnes rückt daraufhin mit der Wahrheit heraus: Sein früherer Name war Billy Gather und er kennt diesen Ort. Er hat ihn schon einmal dorthin verschlagen. Zusammen mit seinem Vater James und seiner Schwester Beau harrte er lange Jahre dort aus. Durch einen unglaublichen Zufall schaffte er die Rückkehr, doch seine Schwester blieb zurück. Lange Jahre forschte er, wie er sie retten könnte – und er nahm den neuen Namen an, weil die Welt von ihm als «Dino boy» Kenntnis erlangt hatte. Natürlich glaubten ihm seine Geschichte längst nicht alle. Ausser Sam. Er ist der Nerd der Gruppe und hat jedes Buch und jede sensationslüsterne Fernsehsendung über diesen Jungen gelesen, der beim Riverrafting verschwand und vermeintlich im Erdmittelalter landete.
Diese Arche Noah erleidet Schiffbruch

Als Leserin und Leser stellt man sich auf ein Abenteuer ein, bei dem es ums Überleben und um die Rückkehr in die Gegenwart geht – und natürlich um die Rettung von Beau. Und bevor ich weiter spoilere, mein Urteil:
Ich mag die Dialoge und die lockere, nerdhafte Sichtweise auf die Dinge – eine Stärke des Autors. Unter dem Strich überwiegt leider der «Junk». Clines ist dem Konstrukt, das er hier erzählerisch aufbaut, nicht gewachsen. Man könnte sagen: Diese Arche Noah erleidet Schiffbruch. Dabei mag ich Clines saloppe und ehrgeizige Weise. Darum: Wer den Autor nicht kennt und kennenlernen möchte – was ich sehr empfehle –, wagt sich an «The Fold» («Der Spalt») heran. Mit Vorbehalten ist ferner «14» geniessbar, obwohl dieser Titel in der zweiten Hälfte ähnliche Schwächen wie «God’s Junk Drawer» aufweist.
So, nun aber weiter mit der Beschreibung und der Detailkritik. Ab hier mit ⚠️Spoilern⚠️!
Während für Beau Hoffnung besteht, kommt für den Vater James der verschollenen Kleinfamilie die Rettung zu spät, denn er wurde vom T-Rex «Fang» gefressen.
Bald beginnen wir zu ahnen, dass uns der Autor nicht so geradlinig zum Happy End führen wird. Das «Valley» ist dicht bevölkert. Die Ärztin Monique Cadieux stammt aus Frankreich und dem Jahr 1726. Diedrich Rommel (nicht direkt verwandt mit Erwin Rommel) ist Panzer-Oberfeldwebel der Wehrmacht. Er geriet 1941 mitsamt seinem Panzerzug ins Valley und verlor im ersten Überlebenskampf sämtliche Männer. Gegenüber von Noah reflektiert den Faschismus und seine Rolle, zeigt sich später aber als harter Hund, der Noah zum Wohl der restlichen Gruppe opfern würde.
Clines lässt gar nichts aus
Damit gelangen wir zur Erkenntnis, dass der Titel des (bislang nicht auf Deutsch erschienenen) Buchs den Nagel auf den Kopf trifft: In diesem Buch kommt allerhand Krimskrams zusammen. Man spürt die Ambition des Autors, jede Menge anscheinend widersprüchlicher Details zu einem schillernden und eindrücklichen Œuvre zu montieren. Im «Valley» haben sich über die Zeit Neadertaler, eine brutale Kaiserin, ein Roboter-Butler Ross sowie ein ausserirdisches, gestaltwandlerisches, zeitloses Wesen namens the castaway angesiedelt.
Seinem hohen Anspruch wird Peter Clines leider nicht gerecht. In zu vielen Bereichen wirkt die Story over-engineered:
- Bei der Erzähltechnik setzt Clines auf Multi-POV. Er erzählt seinen Roman aus mehreren Perspektiven. In jedem Kapitel kommt eine andere Person aus der Gruppe zum Zug, was viele Redundanzen nach sich zieht, weil natürlich nicht alle Figuren immer auf dem gleichen Wissensstand sind.
- Manche Handlungen drehen sich im Kreis. Beispiel: An den Ratsversammlungen in Roanoke die gleichen taktischen Fragen mehrfach neu aufgerollt.
- Es gibt Rückblenden zu Billy, Beau und James. Die bremsen die Haupthandlung aus.
- Das Buch führt sechs Obelisken mit besonderen Eigenschaften ein, doch letztlich spielen nur zwei eine Rolle.
Und es gibt mehrere Anspielungen, die in der Luft hängen bleiben. Dass sich Billy später Noah nennt, hat eine biblische Note, die Staffage bleibt. Im Handlungsstrang mit Billy und Beau fühlen wir uns an die Schweizerischen Robinsons erinnert. Wie in diesem Klassiker von Johann David Wyss beginnt die gestrandete Familie, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren, einen Alltag aufzubauen und sich Ressourcenquellen zu erschliessen. Und Vater James ist ein pragmatischer, streng-liebevoller Wissensvermittler.
Die Regeln während des Spiels geändert
Fazit: Eine Geschichte mit Ausserirdischen profitiert von einer maximal einfachen Prämisse: In Andy Weirs «Project Hail Mary» trifft ein Mensch auf ein Alien und freundet sich an. Bei Spielbergs «E.T.» will ein Gestrandeter nach Hause und muss dafür Kontakt herstellen. Komplexere Storys sind nicht verboten, sondern können – wie «The Three-Body Problem» als Buch und als Serie beweist – enorme Spannung liefern. Eine Voraussetzung muss jedoch gegeben sein: Der Autor vermittelt uns die Gesetzmässigkeiten und Spielregeln seiner Welt, und er hält sich sklavisch daran. Denn das Leben ist auch in einem Roman kein Wunschkonzert.
Diese Regel beherzigt Peter Clines nicht. Seine Welt ist fortlaufend im Umbruch. Der Autor passt sie Kapitel für Kapitel an, wie er es gerade braucht. Die Architektur des Tals folgt stärker den Bedürfnissen des Autors als einleuchtenden Naturgesetzen. Und das zerstört die Wirkung.
Am Ende erfahren wir, dass das Tal als interstellares Rettungsboot von mehrdimensionalen Wesen ausgesetzt wurde. Es sammelt zufällig Menschen, Tiere und Gegenstände aus verschiedenen Epochen der Erdgeschichte ein und erhält sie am Leben. Das erklärt die wundersamen Heilungen und den seltsamen Umstand, dass Krankheiten oder Verletzungen selten tödlich enden und Frauen nicht schwanger werden. Denn das System ist auf Überleben getrimmt und verhindert alles, was diese Mission gefährdet.
Schliesslich gibt es ein Happy End, wofür es einen Zeitsprung braucht. Beau hat nicht Suizid begangen, wie es zwischenzeitlich den Anschein hatte. Sie wird gerettet, und zwar von ihrem Bruder. Er ist zu diesem Zeitpunkt ein alter Mann und hat sein Lebenswerk erreicht.
Beitragsbild: Zum Gerümpel zählen auch diese beiden – obwohl sie vor dem Sternenhimmel ein eindrückliches Bild abgeben (Leo_Visions, Unsplash-Lizenz)
