Heute ist ein Abgesang fällig. Seit zehn Jahren höre ich «Fest & flauschig» von Jan Böhmermann und Olli Schulz. Doch seit der Sommerpause überspringe ich die neuen Folgen. Ob dieses Beziehungsende endgültig ist, weiss ich nicht. Aber obwohl ich beide noch immer mag, fühlte sich das Anhören immer mehr wie eine Pflichtübung an. Und ist das nicht Grund genug für einen Blogpost – als eine Art Scheidungsparty?

Der eigentliche Grund liegt ironischerweise nicht bei den Hosts, sondern bei Spotify. Seit gut einem Jahr zeigt der Streamingdienst die Einschaltquote an¹. «Fest & flauschig» ist der Top-7-Podcasts weltweit. Das ist ein bemerkenswerter Erfolg. Doch für mich ergibt sich daraus ein Widerspruch, den ich nicht auflösen kann und der mich zunehmend stört.

Um das zu begründen, hören wir doch in die vorletzte Sendung rein, die ich mir wegen dieses Blogposts vorgenommen habe. Hier bei Minute 34:59:

Ein Bestattungsinstitut. Unten im Keller wird eine Leiche präpariert für den Sarg und es ist eine 20-jährige Blondine. Und die wird von den beiden Auszubildenden präpariert. Dann kommt irgendwann der Chef und geht in den Keller und guckt sich die Leiche an und kommt mit hochrotem Kopf wieder nach oben und meint …

Klaus, der Manager, will ums Geld streiten

Ollis Pointe wurde nachträglich eliminiert, vermutlich, weil sie zu sexistisch war. Ab Minute 41:40 liefert Jan in der Rolle seines fiktiven Managers «Klaus» folgende Kokettiererei ab:

«Es gibt folgende Angelegenheit: Ich habe jetzt gerade mit Spotify den Deal nochmal nachnegotiated.» – «Also ich krieg doch 18 Prozent oder was?» – «Um  dich geht es jetzt hier nicht. Es geht um mich. Ich bin momentan nicht ganz zufrieden mit meinen 85 Prozent, die ich hier rausziehe. Wir müssen mal gucken, wie wir unsere Zusammenarbeit … das meint eigentlich die Zusammenarbeit mit Jan, aber du hängst ja irgendwie mit dran. Wie wir das so gestalten, dass ich am Ende da auch finanziell ins Plus komme. Weil das ist für mich ein riesen Minusgeschäft, diese ganze Angelegenheit. Ich hab mir gedacht, Werbung. Olli, warum machst du nicht mal Werbung?» – «Wofür?»

Natürlich ist es in gewisser Weise lustig, wenn der siebterfolgreichste Podcast der Welt seine Folgen mit Witzen bestreitet, die von der Wand des Schulklos im Oberstufenschulhaus Berlin-Neukölln stammen könnten.

Der Gag mit Manager Klaus ist kniffliger. Dröseln wir das auseinander: Mit dem Pennälerhumor und der Anmutung eines Laberpodcasts aus dem Jahr 2006 wird der Eindruck erweckt, Jan und Olli seien keiner inhaltlichen Struktur und schon gar keinem Bildungsauftrag verpflichtet. Wie die Hobbyfunker im offenen Kanal, die nach Feierabend und für einen Gotteslohn über die Parallelwelt herziehen, in der zwei hochdotierte Podcaster wegen des Honorars ihre Anwälte aufeinanderhetzen.

Nun spielt man mit dem siebterfolgreichsten Podcast nicht in der Amateurliga, ganz im Gegenteil. Spotify monetarisiert «Fest & flauschig» nach Kräften² und der Umsatz pro Jahr dürfte sich in Millionenhöhe bewegen³. Das heisst: Vielleicht besteht die Pointe darin, dass die Parodie keine Parodie ist, sondern bloss eine leicht verzerrte Darstellung der Wirklichkeit.

Diese Selbstironie ist nicht mehr selbstironisch genug

Darauf gibt es die folgenden drei Reaktionsmöglichkeiten:

  1. Man lässt sich auf die Illusion ein, dass hier zwei Kumpels miteinander plaudern, denen man in der Beiz ums Eck begegnen könnte.
  2. Man hält es für eine originelle und tiefgründige Referenz an Oasis, Radiohead und Metallica und all die Major Acts, die unbeugsam auf Independent machen.
  3. Man fühlt sich veralbert und fragt sich, ob die Pointe auf Kosten des Publikums geht. Denn weil die Zuhörer-, -innen-, Dazwischen-, und Darüberhinausschaft nicht weiss, wie lukrativ dieser Podcast tatsächlich ist, hat sie nicht die Voraussetzung, diese Doppelbödigkeit wertzuschätzen.

Ich tendierte immer zu eins. Das wäre vielleicht so geblieben, wenn Spotify es sich verkniffen hätte, die Illusion mit dem Hinweis auf die siebenstelligen Klickzahlen zu zerstören. Ich konnte auch zwei etwas abgewinnen. Zumindest, bis sich der Eindruck im letzten Jahr totlief. Die «Klaus»-Nummer ist nicht so brillant, dass man sie über Jahre aufrechterhalten müsste. Zumindest nicht, wenn man sie weiterhin so unverbindlich macht. Wenn Jan den «Klaus» gibt und mit Heller und Pfennig aufdröselt, wie viel die Sendung tatsächlich einbringt, dann wäre die Harmonie wieder hergestellt.

Also: Es ist Zeit für eine Sendung, die ihrem Status gerecht wird. Oder, zweite Möglichkeit: Jan und Olli kehren Spotify den Rücken und produzieren ihre Sendung künftig unabhängig, ohne Werbung und nur mit der Verpflichtung für ihr Publikum.

Fussnoten

1) Als ich eben nochmals danach suchte, fand ich die Zahlen nicht. Vielleicht suche ich falsch, oder Spotify hat sie wieder abgeschafft, nachdem die Anzeige aufgrund von Protesten eingeschränkt wurde. Denn natürlich ist diese Anzeige sinnlos: Sie stellt einen Nischen-Podcast in Schweizer Dialekt, der höchstens ein paar Tausend Leute erreichen kann, mit einer Monsterproduktion in Englisch auf die gleiche Stufe, die ein globales Publikum adressiert. ↩

2) Die Sendung ist kein Liebesdienst an den Fans. «Fest & flauschig» betreibt Werbung, Sponsoring, oder wie man es nennen will. Ich höre die zwar nicht (vermutlich aus diesen Gründen hier), aber Spotify macht kein Geheimnis daraus, dass es sie gibt. Ganz im Gegenteil:

Werbetreibende können «Fest & flauschig»-Fans auf Spotify ansprechen. Mit einem exklusiven Pre- und Post-Roll-Branding erreichen Marken Hörer mit hoher Aufmerksamkeit in einem der hochwertigsten und bekanntesten Content-Umfelder auf Spotify. Jede Episode wird von einem exklusiven Sponsor mit 100-Prozent-Share of Voice präsentiert. Das Branding ist im Podcast integriert und erreicht Hörer auf dem werbefinanzierten Angebot und Spotify Premium. ↩

3) Wie «Fest & flauschig» genau einbringt, ist hingegen sehr wohl ein Geheimnis. Aber fragen wir doch mal die Blondinen vom Dienst (a.k.a. die gängigen Sprachmodelle), welche Grössenordnungen realistisch sein könnten:

  • Perplexity: «Bei einer Folge pro Woche entsprächen 15’000 bis 35’000 Euro pro Person und Folge etwa 780’000 bis 1,82 Millionen Euro pro Jahr, vor Steuern.»
  • Claude: «Pro Person und Folge wären das im mittleren Fall ungefähr 7500 bis 12’500 Euro. Das ist vor Produktionskosten, Steuern und Team, es sind also nicht die Nettoeinkünfte der beiden.»
  • ChatGPT: «Für beide Moderatoren zusammen halte ich eine jährliche Vergütung im Bereich von 600’000 bis 1,2 Millionen Euro für wirtschaftlich gut begründbar.» ↩

Beitragsbild: Wenn die Gegenkultur darin besteht, dass Olli seine Kamera nicht scharfstellt (Screenshot aus «Fest und flauschig» vom 17. Oktober 2026).