Wie wurden die Meilensteine in der Entwicklung des Computers in den Schweizer Medien abgebildet? Bei Charles Babbage und Ada Lovelace, Alan Turing und Konrad Zuse sind sie dreimal gescheitert. Aber vielleicht gelingt bei der letzten Etappe die Ehrenrettung?

Für einmal steht keine Person im Mittelpunkt, sondern die Erfindung selbst. Sie kam am 15. November 1971 auf den Markt und begründete den Anfang des modernen Computerzeitalters. Es handelt sich um den ersten frei programmierbaren Mikroprozessor der Welt: Er ebnete der Digitalisierung den Weg, weil die Maschinen nun nicht mehr tonnenschwer und gross wie Turnhallen waren und unglaubliche Mengen an Energie verbrauchten. Mit Transistoren anstelle der Röhren und Relais schrumpfte die Recheneinheit so stark, dass sie die Rechengeräte nun auf den Schreibtisch passten – und schon bald in Büros und Privaträumen Einzug hielten.

Der Intel 4004 ebnete dem Personal Computer den Weg. Die Architektur der modernen Prozessoren ist heute nicht mehr dieselbe, und die Leistung wuchs im Einklang mit dem Moorschen Gesetz exponentiell. Dennoch ist dieser Chip der Urvater der heutigen integrierten Prozessoren aus Silizium.

Die Bedeutung des Mikrochips wurde schnell erkannt

Anders als bei den früheren Wegbereitern wurde der Leistung des «Vaters» des 4040, Federico Faggins, schnell die öffentliche Aufmerksamkeit zuteil. Bei Intel hatte man die Tragweite noch vor der Markteinführung begriffen und dafür gesorgt, dass man die entsprechenden Vermarktungsrechte selbst besass. Das «Computer History Museum» zeigt als Beleg für die Resonanz Zeitschriften, die ihre Cover mit dem Prozessor schmückten. Sie stammen von Mitte 1974 bis 1975.

Die NZZ steht zeitlich somit gut da: Sie veröffentlichte am 7. April 1976 den ersten (und zumindest im online verfügbaren Zeitungsbestand) einzigen Artikel über den Intel 4004. Er ist allerdings kein Meilenstein der Computerberichterstattung.

Ein Lehrbeispiel für missratene Tech-Berichterstattung

Im Gegenteil. Er zeigt eindrücklich, was man alles falsch machen kann:

Der Aufhänger ist nicht der Intel-Chip, sondern das Produktsortiment von Siemens. Es geht um den 4-Bit-Prozessor SAB 4080 und den grösseren 8‑Bit-Bruder SAB 8080. Der Letztere sei baugleich mit dem Intel 8080 gewesen¹, verrät einer der ganz wenigen Webtreffer zu diesem Stichwort. Deutsche Ingenieurskunst in Ehren, aber das ist nicht die richtige Priorität.

Man muss dem Artikel zugutehalten, dass er den Leserinnen und Lesern einen Eindruck gibt, wo diese Prozessoren zum Einsatz kommen: in Registrierkassen, Kreditkartenterminals, Messinstrumenten und Industriesteuerungen, Werkzeugmaschinen, Lift- und Vermittlungsanlagen sowie Spielautomaten. Wenn wir den Altair 8800 als Vorboten der Heim- und PC-Ära nehmen, dann war der 1976 zwar schon zu kaufen, aber nicht zwingend als Vorbote einer Revolution erkennbar.

Der Zeitungstext als Kryptogramm

Abgesehen davon ist es für mich unverständlich, wie ein solcher Artikel gedruckt werden konnte. Heute stellen wir Journalistinnen und Journalisten uns immer die Frage, welcher Aspekt für eine breite Leserschaft wichtig sein könnte und wie wir den möglichst einleuchtend und leicht verständlich vermitteln. An derlei Kinkerlitzchen hat der typische NZZ-Schreiber damals anscheinend keinen Gedanken verschwendet. Wie sonst wäre ein Satz wie dieser erklärbar?

Das System SAB 4080 besteht aus mehreren N-Kanal-Silizium-Gate-Bausteinen. Der 4-Bit-Mikroprozessor (gleiche Bezeichnung) enthält unter anderem einen Satz von 120 Befehlen, ein 8×4-Bit-Allzweckregister, vier interne Befehlsregister zu je 16 Bit, eine 16-Bit-Befehlsrecheneinheit und ein 4×12-Bit-Basisadressregister. Der Baustein bietet die Möglichkeit, einen 64-KByte-Speicher, der um 32 KByte erweitert werden kann, zu adressieren. Die Befehlszykluszeit beläuft sich auf 1,5 µs.

Uns werden weiterhin die Worte ROM, RAM, PROM und TTL ohne jegliche Erklärung um die Ohren gehauen. Welche Perspektiven sich daraus ergeben, wird nicht gesagt, bzw. bloss auf maximal kryptische Weise angedeutet:

Es ist damit zu rechnen, dass diese Serie rund drei Viertel der heute noch benötigten herkömmlichen TTL-Logik ersetzen kann.

TTL steht für Transistor-Transistor-Logik. Der Satz ist so zu interpretieren, dass viele herkömmliche, für eine spezielle Aufgabe ausgelegte Bauteile durch diesen universellen Chip abgelöst werden können.

Die «Thurgauer Zeitung» rettet den Tag

Die NZZ schaffte es definitiv nicht, ihre Leserschaft auf die digitalen Umwälzungen vorzubereiten.

Wie erging es Federico Faggin, der notabene auch das Touchpad und den Touchscreen entwickelte? Er wird in den 1990er-Jahren nur dreimal erwähnt. Erstmals am 25. Mai 1996 im «Walliser Boten», wobei dieser Text als eine Art Echo des NZZ-Textes sich wiederum so sehr um die Mikroebene kümmert, dass die Makroebene komplett verpufft². Aber vielleicht muss das so sein? Schliesslich wurde damals der Mikro- und nicht der Makroprozessor erfunden.

Ist das nach Babbage/Lovelace, Turing und Zuse der vierte Fehlschuss? Nicht ganz. Die Ehrenrettung der Schweizer Presse erfolgt nicht von Zürich aus, sondern kommt aus Frauenfeld. Ich forschte auch zu Jack Kilby und Robert Noyce, die unabhängig voneinander das Prinzip des integrierten Schaltkreises entwickelten. Kilby kam erst in der NZZ vom 24. August 1983 zum Zug³, doch Noyce tauchte am 23. Juni 1976 in einem bemerkenswerten Text in der «Thurgauer Zeitung» auf:

Dr. Robert Noyce, Direktor der kalifornischen Firma, die den «Mikro-Prozessor» entwickelte, kennzeichnete den ununterbrochenen Preissturz mit folgenden Worten: «Auf unserem Gebiet sind in den letzten zwanzig Jahren die Preise. jeweilen Jahr für Jahr auf die Hälfte gesunken. Das ergibt für diesen Zeitraum ein Preisverhältnis von eins zu einer Million für eine bestimmte Rechenkapazität. Eine Rechenmaschine, die noch vor Jahren 5000 bis 10’000 Dollar gekostet hat, ist jetzt für 30 Dollar zu haben.»

Eine Person in formeller Kleidung hält ein Bild mit einem technischen Schaltkreis. Im Hintergrund ist eine Holzwand sichtbar. Das Bild vermittelt einen Eindruck von Innovation und Technologie.
Robert Noyce mit einem Motherboard (?), 1959 (Intel Free Press/Flickr, CC BY-SA 2.0).

Dieser Bericht schafft es, die Dynamik der Entwicklung auch einem Publikum verständlich zu machen, an dem die Entwicklung bislang vorbeigegangen war:

Der Stand der Entwicklung immer kleinerer Elemente grösserer Leistungen bei fallenden Preisen wurde vor einem Jahr in den Vereinigten Staaten durch ein Quadratmillimeter kleines Silikonscheibchen illustriert, ein Element, welches die menschliche Stimme oder Fernsehbilder in die «Computersprache» zu übertragen vermochte.

Alt-Text: Eine Zeitungsseite mit Text über Strukturwandel im amerikanischen Kapitalismus, Pensionskassen und die Entwicklung von Mikroprozessoren. Grafische Elemente sind nicht erkennbar.
«Es wird nicht alles teurer auf dieser Erde» – und das ist das Verdienst der Computerrevolution» (Thurgauer Zeitung vom 23. Juni 1976).

Das Rechenzentrum, das sich mit dem Schuhabsatz zerquetschen lässt

Hier wird schliesslich die NZZ zitiert, die vielleicht doch etwas vifer war, als es den Anschein hatte – zumindest in einer (vermutlich nicht digital archivierten und mir deshalb nicht zugänglichen) Beilage. Doch wie das gewesen sein mag: Der letzte Abschnitt ist in Sachen Expectation Management perfekt.

Der «Mini-Computer» erhält in ihren Zukunftsperspektiven auch eine optimistische Wertung, die über die Frage hinweggeht, ob sich unter dieser Entwicklung nicht schliesslich eine Über- und Fehlentwicklung herausbilden könnte, die nicht mehr zu steuern und zu kontrollieren wäre und deren entsprechende Folgen auch nicht mehr allein in Dollar und Franken zu berechnen wären. Der Verfasser denkt an eine «universale Büromaschine», mit welcher kleine Unternehmer, aber auch Privatgelehrte, korrespondieren, abrechnen, unterrichten, dokumentieren – kurz all das bewältigen könnten, wofür vorläufig noch eine Vielzahl von Apparaten benötigt wird. «Der Markt für eine solche universale Büromaschine wäre nicht nur gross, er wäre beschränkt. Der ‹Mini-Computer› könnte ihr noch unvollkommener Prototyp sein.»

Auch die Ironie fehlt in der Beurteilung dieser Entwicklung nicht. Sie sieht Rechenzentren von der Kleinheit einiger Quadratmillimeter bereits geklaut oder durch Saboteure unter dem Schuhabsatz zerquetscht. Der «Mini-Computer» eignet sich jedenfalls auch für die einschlägige Literatur, während er unter ernsthaften Untersuchungen bereits zum Träger einer «zweiten Pionierzeit» der Computeranwendung wird.

Fussnoten

1) Der Intel 8080 vollführte den Sprung von vier auf acht Bit. Er war entscheidend für die weitere Entwicklung. Federico Faggin erklärte ihn so, dass der 4004 und der 8008 das Potenzial angedeutet hätten, das mit dem 8080 Wirklichkeit geworden sei. Dieses Nachfolgemodell war vor der Erwähnung in diesem Kontext am 25. Februar 1976 schon einmal Thema in der NZZ gewesen:

Die Intel Corp., Santa Clara/Kalifornien, und die Siemens AG, Berlin-München, haben eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Mikro-Computer vereinbart. (…) Mit dem als «internationalen Standard» bezeichneten Modell 8080 versprechen sich Intel/Siemens einen Vorstoss in breite Märkte, obwohl andere Hersteller wie beispielsweise Motorola behaupten, bereits über Nachfolgemodelle mit noch besserer Programmierbarkeit zu verfügen. ↩

2) Ein Zitat aus diesem Text:

Unter der Leitung des Ingenieurs Federico Faggin wird der Intel-Chip 4004 entwickelt, im Auftrag eines japanischen Herstellers von Rechenmaschinen. Der Chip hat acht Metallbeinchen und findet Platz in einer Kinderhand. Er besteht aus 2300 sogenannten MOS‑Transistoren. MOS steht für Metal-Oxide-Semiconductor und weist auf die drei Schichten im Aufbau des Schaltelements hin: Metall als elektrisch leitendes Material, Siliziumoxid als elektrisch nicht leitendes Material und Silizium als Halbleiter. Der Intel 4004 kann vier Datenimpulse (Bit) gleichzeitig verarbeiten. ↩

3) Sein Verdienst wurde in Dollar bzw. Cent ausgedrückt:

Magisches Wort in den späten 50er Jahren war die Miniaturisierung in der Elektronik. Jack Kilby wurde von Texas Instruments mit der Entwicklung einer kleinen und preiswerten Schaltung beauftragt. Seine Lösung bestand darin, den gesamten Stromkreis in ein einziges Stück halbleitföhigen Materials (Germanium Mesa PNP) zu integrieren. Bei der Einführung im Jahre 1961 belief sich der Verkaufspreis dieses Chips auf 50—100 US-Dollar; heute beträgt der Preis für eine vergleichbare Leistung 15—20 Cent. ↩

Beitragsbild: Das Elektronikkäferchen, das in einer Kinderhand Platz fand, wie es der «Walliser Bote» ausdrückte. Wenn man genau hinschaut, hat der Intel 4004 zweimal acht «Metallbeinchen» (Thomas Nguyen/Wikimedia, CC BY-SA 4.0).