«From Zurich with love» – verspricht Bedo Hamza auf seiner Website hmz.swiss. Ich kenne Bedo gefühlt ewig aus den sozialen Medien und bin ihm am Vintage Computer Festival aus Zürich einmal persönlich begegnet. Er ist Produktmanager, Gadgetfan und ohne Zweifel ein Nerd, wie er im Buch steht.
Als ich mich neulich über die einbrechenden Werbeeinnahmen für Blogger ausliess, hatte er eine Idee, wie man dagegenhalten könnte. Meine Erkenntnis war, dass sich ein einzelnes Blog wie meins nicht dafür eignet, mittels Steady oder durch sonst ein Abomodell von den Leserinnen und Lesern finanziert zu werden. Bedo fand, dieses Problem liesse sich über eine Plattform ausräumen, auf der die Inhalte aus mehreren Quellen gebündelt werden.
Und er hatte nicht nur die Idee, sondern sogleich einen Prototypen entwickelt – wie man das in Zeiten des Vibe-Codings so macht. Der Ansatz weckte bei mir nostalgische Gefühle: Er erinnert an die Zeit des Internets vor der Dominanz der Social-Media-Konzerne, als Graswurzelbewegungen das digitale Lebensgefühl prägten und eine Chance hatten, etwas zu bewegen. Ob er heute noch verfängt, bezweifle ich. Das aggregierte Magazin hätte das gleiche Problem wie mein Blog: Es wäre zu leichtgewichtig und inhaltlich zu disparat, um die notwendige Dynamik zu entwickeln.
Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt
Doch vielleicht täusche ich mich: Womöglich macht es den entscheidenden Unterschied, dass die technischen Hürden für eine solche Plattform heute viel niedriger liegen und die Voraussetzungen fürs Eintreiben von Kleinstbeträgen im Jahr 2026 gegeben sind. Eventuell würde es klappen, bei einer bestehenden Community wie dem Uberblogr-Webring, Bloggerei oder topblogs.de anzudocken? Falls sich jemand für dieses Projekt berufen fühlt, stelle ich gern den Kontakt her – sonst mache ich es selbst, wenn ich dazu komme (mutmasslich nach meiner Pensionierung).
Bedo hat noch mehr Eisen im Feuer. Letzten Freitag schickte er mir den Link zu seiner neuen App Fanfold im Google Play Store (4.90 Franken) und im App Store von Apple (4 Franken). Für Android existiert eine Gratisversion für maximal drei Quellen als APK.
Sie hat folgende Mission:
Fanfold macht aus deinen Nachrichtenquellen Hefte mit einer letzten Seite. Setz dich hin, klapp dein Telefon auf und lies einen Artikel zu Ende, lang genug, um ihn zu verstehen, nicht nur, um die Schlagzeile gesehen zu haben. Für alle, die genug geswipt haben und wieder etwas wissen wollen.
Hat er schon das iPhone Duo?
Eine RSS-Reader-App der anderen Art
Die App ist im Kern ein RSS-Reader. Anders als Feedly, Inoreader, Lire RSS zeigt sie keine fortlaufende, chronologische Liste an Quellen – die typischerweise einen Überfluss an Informationen bildet –, sondern erzeugt aus einer Auswahl an Artikeln ein Magazin. Das lesen wir von vorn nach hinten. Die Inhalte werden nicht gescrollt, sondern umgeblättert. Der Seitenwechsel wird von einer Animation begleitet, die uns unsere Lesesituation verdeutlichen soll: Das Ziel ist nicht, hektisch gegen die Newsflut anzukämpfen, sondern uns in Ruhe einem Inhalt hinzugeben.
Kritikpunkt am Rand: Ein fanfold ist auf Deutsch eine Ziehharmonika- oder Zickzackfaltung. Es entsteht somit kein Heft, sondern eine zussammengeklappte Papierbahn, die während des Lesens seitenweise aufgeklappt wird. Das sollte die Animation zumindest optional widerspiegeln.



Fazit: Mir ist dieser Ansatz sympathisch. Ich pflege ihn gern, jedoch eher mit Podcasts und Hörbüchern als mit Lesestoff aus dem Web. Kann die Aufbereitung daran etwas ändern? Fanfold bekommt auf alle Fälle eine Chance, wenngleich für mich eine iPhone-Variante hilfreicher wäre als die Android-App¹. Und ich werde ausprobieren, ob ich die App auf meinen Tolino-E-Book-Reader draufbekomme (hier die Anleitung, wie es prinzipiell geht). Denn in Ruhe am E-Ink-Display zu lesen, fällt mir leichter als am Smartphone, wo man immer nur eine Wischgeste von einer Social-Media-App entfernt ist. Für die optimale Musse sollte sich das Telefon im Knast befinden.
Der Fluch der Paywalls
Ein paar Bemerkungen:
- Ich mag die ruhige Typografie und die aufgeräumte Optik.
- Die Bilder werden bei vielen Quellen komplett eliminiert. Das kann das Verständnis erschweren, wenn die nicht bloss zur Illustration dienen, sondern zum inhaltlichen Verständnis beitragen.
- Bei Medien mit Paywall oder gekürztem RSS-Feed landet nur der erste Abschnitt des Artikels im Magazin. Das ist (aus technisch einleuchtenden Gründen) auch bei Titeln wie dem Tagesanzeiger der Fall, bei dem ich ein Abo besitze.

Ob die App ein riesiger Knaller wird, wage ich zu bezweifeln, aber ein Nischenpublikum traue ich ihr zu. Ein Manko müsste indes unbedingt ausgeräumt werden: Das ist die Auswahl der Beiträge, die zu einem «Fanfold» gebündelt werden. Ich habe (natürlich) mein Blog hier hinzugefügt und stelle fest, dass die Auswahl beim achten Artikel in meinem Feed beginnt. Warum dort, ist unklar. Standardmässig sind die Artikel von alt nach neu sortiert. Es gibt in den Einstellungen eine Option, das abzuändern, aber sie müsste pro Titel getroffen werden können: Wenn die Artikel in einer chronologischen Reihenfolge veröffentlicht werden, ist das Lesen in der Reihenfolge der Veröffentlichung sinnvoll. Bei aktualitätsgetriebenen Medien will man mit den neuesten Inhalten anfangen.
Die Dramaturgie eines gedruckten Magazins
Es bleibt eine Schwachstelle, dass die App den Anfang und das Ende des virtuellen Magazins willkürlich setzt. Ein echtes Magazin hat einen wohlgeplanten und orchestrierten Ablauf. Er trägt wesentlich zur Wiedererkennbarkeit bei. Lässt sich das digital in einer Dritt-App nachahmen? Es bräuchte einen Kuratierungs-Algorithmus, der in der Lage ist, innerhalb des RSS-Feeds die grossen Lesestücke zu identifizieren – die nicht aktualitätsgetriebenen Beiträge, die man mit Tagen oder Wochen Verspätung noch immer gern liest. In meinem Blog gibt es für diese Texte den Tag Evergreen. Bei anderen Medien müsste eine KI bemüht werden oder es bräuchte die «Wisdom of the crowd», also eine Kuratierung durch die Community.
Ein kein einfaches Unterfangen. Aber Bedo traue ich es zu, dass er das schafft!
Fussnoten
1) Zuerst kam die Android-Version heraus, die ich für meinen Test erworben hatte, bevor die mir genehmere iPhone-Variante erschienen – die Risiken des Early Adoptings. ↩
Beitragsbild: Es gibt Leute, die am Handy lesen. Und es gibt diese Frau hier (Ayşenaz Bilgin, Pexels-Lizenz).
