Neulich lobhudelte eine Freundin auf Facebook, wie schön die 1970er-Jahre gewesen seien. Der Text liest sich als schwelgende Hommage auf eine Zeit, die unfassbar toll gewesen sein muss:
Meine Generation wurde zwischen Toast Hawaii, Dosenpfirsichen, Fahrradstürzen, Limo, Linoleumboden, Freibadchlor, Brausepulver, Schlüsselkind-Romantik und elterlicher Pragmatik gross. Wir spielten draussen, bis jemand brüllte, das Essen sei fertig. Essen, das damals einfach Essen hiess. Nicht «Bowl» oder «bewusste Nährstoffentscheidung». Wir tranken aus Gartenschläuchen und zogen unverpackte Kaugummis aus Automaten. Wenn man hinfiel, wurde nicht erst die emotionale Bedeutung des Asphalts besprochen.
Schon hier zeigt sich, dass es nicht nur um die schönen Erinnerungen geht. Sondern um den Gegensatz zwischen damals und heute und eine Kluft der Jahrgänge: die robuste Generation X im Gegensatz zu der verweichlichten Gen Z, die gern als Schneeflöckchen beschimpft wird.
Ich bin nicht empfindlich. Ich vertrage vieles. Ich bin nur allergisch gegen künstliches Drama, moralisch aufgeladenen Lifestyle-Zirkus und Menschen, die Alltäglichkeiten als Zumutung des Lebens pathologisieren, dramatisieren oder gleich in ein persönliches Schicksalsprotokoll oder Heldenepos verwandeln. Hab ich Unverträglichkeiten? Ja. Gegen Übertreibung. Gegen Wokeness. Gegen Mainstream. Gegen Antisemitismus. Gegen Heuchelei und Verlogenheit. Gegen unerträgliche Typen.
Ich schrieb eine Replik, in der ich etwas Offensichtliches ansprach: Hier verklärt eine Person, die angeblich «allergisch auf biografische Helden-Epen ist», ihre eigene Vergangenheit mit genau diesem Stilmittel.
Das Siebziger-Jahre-Kind bleibt im Dunkeln
Eine Antwort erhielt ich nicht. Denn der Text stammte nicht von der Facebook-Freundin selbst, sondern wurde von ihr bloss weitergereicht. Vielleicht, weil sie ihn lustig fand. Womöglich, weil sie etwas provozieren wollte. Genauso möglich ist, dass sie hundertprozentig hinter der Message steht, sich auf keine Diskussion einlassen wollte.
Damit ist sie nicht die einzige. Diverse Leute haben den Kettenbrief gepostet: Heike Stegemann auf Instagram, Harald Tichy auf Facebook, Sebastian Recktenwald auf Linkedin, Karsten Wrede auf Facebook, v.z.1892 auf Instagram, Ursula Koehn auf der «Bearded Collie fan Club»-Facebook-Seite und se.re_79 auf Instagram. Es wird viele weitere geben, auch solche, die den Beitrag nicht-öffentlich geteilt haben.

Manche Leute geben als Quelle «Internet» bzw. «Netzfund» an¹. Andere tun so, als hätten sie das Werk selbst verfasst. Sie posten den Text zusammen mit einem Selfie, was diesen Eindruck verstärkte. Einer nimmt sich die Mühe, eine KI-Illustration zu fabrizieren. Und bemerkenswert: In der abschliessenden Aufzählung fehlen die meisten «Allergene», ausser das der Übertreibung. Die meisten der Kopierer lassen insbesondere den Antisemitismus weg.
Viel nachgedacht haben diese Leute nicht
Damit sind wir bei der ersten Erkenntnis: Manche Leute sind sich nicht zu schade, sich einen fremden Ich-Text zu eigen zu machen. Menschenskinder, haltet ihr das für schlau? Ihr pocht mit einem geklauten Text auf euren Individualismus: Entgeht euch die Ironie?
Zweitens habt ihr die Gelegenheit verpasst, eine wichtige Lektion zu lernen. Nämlich die, keine sinnlosen Kulturkämpfe vom Zaun zu brechen.
Da ich zufälligerweise in den 1970er-Jahren aufgewachsen bin, weise ich darauf hin, dass man dieses Jahrzehnt diametral anders schildern kann: Zum Beispiel, weil ständig und überall Rauchschwaden in der Luft hingen. Ein aus keiner Wohnung wegzudenkendes Accessoire war der Schleuderaschenbecher (Drehaschenbecher), den ich als technisch interessiertes Kind wegen seiner Funktionsweise interessant fand, auch wenn sein Gebrauch noch ein paar Aschekrümel extra in die verqualmte Raumatmosphäre entliess.

Gewalt in der Schule und im Konfirmandenunterricht
Für Kinder setzte es öfter körperliche Strafen ab. In der Schule kam es vor, dass der Lehrer mit dem Lineal Schläge austeilte, und man wusste, dass mancher Dorfpfarrer im Konfirmandenunterricht nicht mit Ohrfeigen geizte. Und genauso wenig, wie man die «emotionale Bedeutung des Asphalts» besprach, wurden diese Praktiken hinterfragt. «Du wirst sicher etwas angestellt haben», meinten die Eltern, wenn einer mit einer roten Backe nach Hause kam.
Nackenstützen im Auto kamen erst nach und nach. Genauso, wie die Sicherheitsgurte, die in meinem Umfeld kaum jemand benutzte. Der liederliche Umgang mit ausrangierten Haushaltsgegenständen, Farben, Fernsehern, Kühlschränken und den vielen weiteren Dingen, die heute entweder in der Kehrichtverbrennung landen oder fachgerecht entsorgt werden. In meiner Wohngemeinde gab es die Gemeindedeponie, die umgangssprachlich «d Grueb» genannt wurde und aus einem Loch im Boden bestand, in das man seinen «Güsel» hineinwarf.
Dumm wenn man «der Jugo» war
Auf dem Schulweg passierten Dinge, die heute als Mobbing oder sexuelle Belästigung gelten würden, zumal gewisse Leute ihre Hosen nicht immer so weit oben behielten, wie es angebracht gewesen wäre. Wer ADHS, Depressionen oder Angststörungen hatte, bekam den Rat, sich zusammenzureissen. Sexismus gehörte zum Alltag und Frauenfeindlichkeit war institutionalisiert. Ich hatte während der ersten Lebensjahre einen Vormund, weil ich unehelich geboren worden war und die Gesellschaft alleinerziehende Mütter für ein Unding hielt.
Und die unhinterfragte Ausländerfeindlichkeit. In meiner Schule gab es einen einzigen Ausländer, einen Jungen aus Jugoslawien, der natürlich, einfach «de Jugo» war. Er wurde geduldet, aber eine kollektive Ausgrenzung konnte schon mal vorkommen. Nach einer solchen Aktion nahm mich mein Primarlehrer zur Seite und sagte nur den einen Satz: «Matthias, ich bin enttäuscht von dir.» Ich erinnere mich nicht mehr, wie ich an der Stigmatisierung beteiligt war, aber ich weiss, dass ich sie nicht hinterfragt hatte. Der Gedankengang, der damals angestossen wurde, wirkt bis heute nach.
Es gab Wokeness damals schon – und die Kulturkampfkacke eben auch
Womit wir beim Fazit wären: Wer heute diese Zeit preist, weil es damals keine «Wokeness» gab, der begreift etwas Grundsätzliches nicht. Es gab diese Wokeness, wie mein Primarlehrer beweist. Er war wach im tiefsten Sinn des Wortes, weil er Ausgrenzung und Ungerechtigkeit nicht für gegeben hinnahm, sondern erkannte und ansprach.
Wenn man genau hinschaut, existierten die Kulturkämpfe ebenfalls schon. Natürlich nicht mit der Beteiligung von Hinz und Kunz, wie wir sie heute rituell in den sozialen Medien abhalten. Aber die Übermoralisierung war geläufig, wie sich an historischen Kampfbegriffen darlegen lässt:
- Mit «Emanze» wurden Feministinnen abgewertet.
- Anhand der Bezeichnung «Sympathisant» wurden Leute in die Nähe der RAF gestellt, die sich gesellschafts- bzw. systemkritisch äusserten.
- In der Schweiz wurde man zum «Nestbeschmutzer», wenn man gesellschaftliche Missstände anprangerte.
- Und in meiner Bubble wurde die antiautoritäre Erziehung als Schreckgespenst für Leute verwendet, die sich bei den Hippies mit verdächtigem Gedankengut angesteckt haben mussten.
Wir gelangen zur Erkenntnis, dass dieser Kettenbrief ungeklärter Provenienz nicht nur ein Rückblick auf eine Vergangenheit ist, die es nie gab. Aus einer persönlichen, nostalgischen Sicht fände ich ihn trotzdem okay.
Jeder hat das Recht auf seine eigene Vergangenheit
Was den Text zu einer Mogelpackung macht, ist die Tatsache, dass unter der harmonischen, friedlichen Jugenderinnerung eine spalterische, ausgrenzende Botschaft lauert: Schuld daran, dass es nicht mehr so schön ist wie damals, sind alle, die Dinge hinterfragen, anders sehen, eine grössere Sensibilität aufweisen und angeblich nicht hart genug fürs richtige Leben sind.
Das ist fies: Mit romantischen Bildern Zwietracht zu säen. Dabei läge die Erkenntnis auf der Hand: Manche blühten damals auf und für andere wars die Hölle. Die allermeisten Zeitzeugen werden einen bunten Mix aus guten und schlechten Erinnerungen haben.
Ist es so schwer zu verstehen und zu akzeptieren, dass jeder seine Perspektive, seinen Blickwinkel hat und es idiotisch ist, einen Kulturkampf anhand der Behauptung zu führen, früher habe es keine Kulturkämpfe gegeben?
Fussnoten
1) Meine Freundin nannte als Autorin Isabelle Arnau auf Facebook. Ich fand den Post aus dieser Quelle jedoch nicht mehr und konnte keine Primärquelle identifizieren. ↩
Beitragsbild: «Hey, Puppe, willst du dir mal den Linoleumboden in meiner Dachmansarde ansehen?» (Documerica, Unsplash-Lizenz)
