Ein Font ist eine Schriftart für den Computer. Seine Kernaufgabe ist es, einen Buchstabensatz für die Anzeige am Computerbildschirm oder Handydisplay bereitzuhalten. Aber man kann andere Dinge als digitale Schriftzeichen in eine solche Datei hineinpacken. Die Technik funktioniert mit jeglichen geometrischen Formen, die eine geschlossene Form aufweisen und als Fläche dargestellt werden. Die bekanntesten Nichtschriften-Fonts sind die Emojis, dank denen seit 2015 auch Farb-Fonts technisch möglich sind.

Doch es ist viel mehr möglich. Drei Beispiele für kreative Formen-Fonts:

1) Datatype

Wie der Name sagt, ist die Datatype-Schrift dazu da, Daten darzustellen. Sie tut das als Säulen-, Linien- oder Kuchendiagramm. Die Vorteile liegen auf der Hand: Diese Methode funktioniert ohne Grafikelemente und in jeder Textverarbeitung und selbst im simplen Editor. Der digitale «Fussabdruck» im Dokument ist minimal, und die Diagramme lassen sich einfach erstellen, editieren, programmatisch oder per KI erzeugen und durch die Formatierungsfunktionen in ihrem Aussehen verändern.

Die Datatype-Schrift lässt sich via Google-Fonts ausprobieren. Um sie auf einer Website einzubinden, müssen wir lediglich zwei CSS-Instruktionen ergänzen und im Text die Codes platzieren:

  • Für die Säulen ist der Code b (für bar) mit den Werten für die einzelnen Säulen von null bis hundert. Zum Beispiel {b:5,90,20,40} für vier Säulen.
  • Beim Liniendiagramm ist der Code l⁣ (Sparkline), wiederum mit Werten von null bis hundert: {l:10,20,40,70,65,99}.
  • Beim Kuchen arbeiten wir mit p (pie) und einer einzigen Zahl von null bis hundert für den ausgefüllten Teil des Kuchens {p:44}.

Ich probierte die Schrift mit herkömmlichen Textanwendungen aus: In Word ist die Opentype-Unterstützung mangelhaft; dort wird nur der Kuchen korrekt angezeigt. Aber meine Uralt-Version von Indesign (CS6) erzeugt alle drei Varianten korrekt.

Diagramm mit der Überschrift «Datatype-Test». Unterteilt in drei Kategorien: Säulen, Linien und Kuchen, jeweils mit unterschiedlichen grafischen Darstellungen in Form von Symbolen.
Die Datatype-Schrift funktioniert in Indesign perfekt.
Graphische Darstellung eines «Datatype-Tests» mit drei Datentypen: Säulen, Linien und Kuchen, die jeweils als Array aufgelistet sind. Der Hintergrund ist dunkel, die Schrift weiss.
In Word zeigt die Datatype-Schrift nur das Kuchendiagramm korrekt an.

Natürlich fragen wir uns, wie diese Notation in geschwungenen Klammern zu der grafischen Darstellung führt. Typischerweise ist es bei Schriften so, dass ein Zeichen im Datenstrom mit einer Glyphe auf dem Bildschirm korrespondiert. Soweit ich es kapiert habe, kommt bei der Datatype-Schrift die Glyph Substitution über die GSUB-Tabelle zum Einsatz. Sie ist dazu gedacht, Ligaturen zu bilden und in verbundenen Schriften abhängig von den vorherigen und nachfolgenden Zeichen die passende Glyphe anzuzeigen. Die Ersetzung findet beim Rendering statt – und das ist sehr clever!

2) Chartwell

Infografik mit der Anweisung: «Schritt 02: Aktivieren Sie die diskretionären Ligaturen». Darunter ein Kreisdiagramm in vier Farben: orange, blau, gelb und ein kleiner Teil in einer weiteren Farbe.
Die Chartwell-Schrift bastelt mittels Opentype farbige Kuchendiagramme.

Die Chartwell treibt den Diagramm-Zauber weiter auf die Spitze: Die Schrift ermöglicht Kuchen- und Ringdiagramme mit mehreren Kuchensstücken, die sich über die eingefärbten Einzelbuchstaben farbig unterscheiden lassen. Das funktioniert analog mit Flächendiagrammen, Balken, Histogrammen, Fortschrittsbalken, 3D-Balken, Netzdiagrammen und Flächen.

Das ist abgefahren. Diese Schrift wird kommerziell vertrieben und ist nicht eben günstig: Sie kostet 70 US-Dollar pro Schnitt, wobei für jede einzelne Diagrammvariante ein separater Schnitt notwendig ist. Das Paket gibt es für 350 US-Dollar. (Ihr seht es mir bitte nach, dass ich für meine Besprechung hier diesen Betrag nicht ausgeben wollte.)

3) Font Awesome

Font Awesome zeigt anstelle der getippten Buchstaben das entsprechende Symbol an. Zum Fundus zählen 65’848 Icons in diversen Stilen und Schriftstärken. Es gibt Logos, allgemeine Icons bzw. Piktogramme und Symbole zu allen möglichen Zwecken.

Es versteht sich von selbst, dass es für diverse Zwecke frappant zeitsparend ist, wenn die Symbole durch blosse Texteingabe abgerufen werden. Ob Infografiken, Prototypen für Benutzeroberflächen oder Programme, Handbücher oder sonstige Dokumentationen: Diese Schrift ist eine sinnvolle Investition, obwohl sie nicht eben erschwinglich ist. Es gibt eine kostenlose Variante und die drei Abos Pro Lite für 60 US-Dollar, Pro für 120 und Pro Max für 600 US-Dollar.

Und als Zugabe drei weitere Schriften

Beitragsbild: Schon in ihrer analogen Form als Bleilettern waren die beweglichen Buchstaben eine verblüffend flexible Menschheitserfindung (Fabio Santaniello Bruun, Unsplash-Lizenz).