Diese App musste ich allein wegen des Namens kaufen: Antizuck heisst sie, drei Franken kostet sie fürs iPhone. Sie erfüllt einen Zweck, über den man trefflich streiten kann.
Dieser Zweck besteht darin, uns über smarte Brillen in der unmittelbaren Umgebung in Kenntnis zu setzen. Die werden von vielen Leuten – auch von mir – als eklatantes Risiko für die Privatsphäre betrachtet. Die Brillen können dazu benutzt werden, um Menschen in der Umgebung unauffällig zu filmen oder zu fotografieren.
Vorab ein paar Fakten zu dieser Angelegenheit:
- Das Problem betrifft vor allem die Meta Glasses. Der Facebook- und Instagram-Konzern lancierte 2021 zusammen mit Ray-Ban Modelle wie die Wayfarer und kooperiert seit Januar mit dem französischen Augenoptiker Essilor Luxottica für eigene, günstigere KI-Brillen. Es gibt auch Brillen ohne Kamera, etwa Audiobrillen von Lucyd oder Modelle mit Heads-up-Display wie die Even Realities G2 oder die MemoMind One von Xgimi.
- Diese Kamerabrillen sorgen seit Längerem für Unbehagen, weil sie der Spannerei und dem Voyeurismus Vorschub leisten. Die Medien berichteten über diverse Vorfälle: Frauen berichten von Übergriffen, aber auch Männer sind nicht gefeit. Zum Schutz haben im Vereinigten Königreich einige Restaurants, Bars und Pubs einen Bann verhängt und die Datenschützer von Hateaid Strafanzeige gegen Meta gestellt. Obwohl – oder gerade weil – sie aus Sicht der Privatsphäre ein Risiko darstellen, gehen die Brillen weg wie warme Weggli (🇩🇪🇦🇹: Semmel).
- Natürlich sollten die Brillen mit einem Warnlicht auf Fotos und Videos aufmerksam machen. Doch das Lämpchen ist weiss und nicht rot und leicht zu übersehen. Wenn es abgeklebt wird, sollte die Brille den Dienst verweigern. Aber es gibt Dienstleister, die diesen Sicherheitsmechanismus ausbebeln – für 60 US-Dollar.
Das heisst nichts anderes, als dass wir uns in der Öffentlichkeit nicht mehr sicher sein können, nicht gefilmt zu werden. Die Antizuck-App – deren Name als Tritt ans Bein von Smartbrillen-Turbo und Meta-Chef Mark Zuckerberg zu verstehen ist – warnt vor solchen Überwachungsgeräten in unserer unmittelbaren Umgebung. Sie tut das, indem sie die Bluetooth-Aktivitäten in der Umgebung überwacht und meldet, wenn ein verdächtiges Gerät in Reichweite gerät.


Alarm am HB Zürich
Ich nutze Antizuck seit einigen Tagen. Mein erster Eindruck: Die Alarmierung scheint zu funktionieren. Antizuck zeigte zweimal eine Benachrichtigung an, und zwar jeweils am Hauptbahnhof Zürich: Wo, wenn nicht dort, würde ich dem Träger einer solchen Brille begegnen (abgesehen von der Tamedia-Redaktion)? Ich konnte beim zweiten Mal das iPhone rechtzeitig aus der Hosentasche ziehen und einen Screenshot anfertigen. Ich habe mich natürlich nach der Person mit der Brille umgeschaut. Sie konnte ich nicht ausmachen. Darum kann ich nicht mit Sicherheit sagen, dass es kein Fehlalarm war.
Die App sucht nach Herstellerkennungen. Wenn wir uns fragen, was das im Detail heisst und ob man diese Kennung nicht verändern kann, dann wird es schnell technisch. Die Spezifikationen erwähnen die Bluetooth Device Address (auch Bluetooth-MAC-Adresse genannt), die am Anfang den Organizationally Unique Identifier (OUI) aufweist. Die lässt sich nicht ohne Weiteres abändern. Man müsste mutmasslich die Firmware manipulieren, und ob das ein Hobby-Hacker für 60 US-Dollar schafft, ist fraglich. Ein Geheimdienst wäre dazu in der Lage – und heute vielleicht ein Vibe-Coding-KI-Agent, der auf die Brille losgelassen wird.
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Antizuck-App nicht feststellt, ob die smarte Brille in der Umgebung filmt oder fotografiert.
Meta hat das noch grössere Glasshole
Letzte und (vielleicht) einfachere Frage: Was tun wir, wenn wir einen Alarm erhalten und die Person sichten, die die Brille trägt? Auf Martin Steigers Frage auf Bluesky meinte Christine, sie würde «Perversling» schreien und mit dem Handy zurückfilmen. Das Problem liegt auf der Hand: Egal, was man tut, man ist potenziell im Nachteil, weil eine unangemessene Reaktion per Video dokumentiert werden würde. Es bleibt nichts anderes übrig, als höflich darauf hinzuweisen, dass man das Recht am eigenen Bild in Anspruch nimmt und nicht gefilmt werden möchte, und sich abzuwenden.
Fazit: Wieder einmal schafft es der Meta-Konzern, eine Technologie auf maximal kontroverse Weise in den Markt zu drücken. Mark Zuckerberg scheint nicht im Geringsten von den schlechten Erfahrungen beeindruckt zu sein, die Google vor zehn Jahren mit den Google Glass machte. Weil die Leute sich davon so belästigt fühlten, erhielten die Trägerinnen und Träger den Übernamen Glasshole.
Das ist schade: Es gibt natürlich unverfängliche Einsatzmöglichkeiten, beispielsweise als Orientierungshilfe für Blinde und sehbehinderte Menschen im Alltag¹. Und da ich als Kurzsichtiger notgedrungen eine Brille trage, hätte ich nichts gegen ein paar smarte Funktionen – die Brille als Teleprompter für Videos: Wäre das nicht grossartig? Doch unter den aktuellen Vorzeichen wäre mir selbst mit einem Modell ohne Kamera nicht wohl mit diesem Gadget.
Fussnoten
1) 24heures.ch berichtete über einen blinden Nutzer, der die vernetzte Brille von Ray-Ban als eine neue Hilfe für Sehbehinderte beschrieb (der Artikel ist eine Übernahme aus einer belgischen Zeitung). Aufgrund der fehlenden Distanz des Autors Patrice Leprince, der anscheinend nicht weiss, dass Barrierefreiheit eine gesetzliche Grundlage hat und von Konzernen seit jeher für PR-Zwecke genutzt wird und die Gefahren der Gesichtserkennung komplett ausblendet, halte ich diesen Artikel für eine journalistische Fehlleistung. Dass der porträtierte Mann eine Chance in dieser Technologie sieht, verstehe ich jedoch nur zu gut. ↩
Beitragsbild: Irgendwo in dieser Menschenmenge steckt einer mit einer smarten Brille mit eingeschalteter Aufnahmefunktion – vielleicht (Rob Curran, Unsplash-Lizenz).
