Vor einem Jahr begann Microsoft damit, den Windows-Editor mit Markdown vertraut zu machen. Das ist die zweite grosse Neuerung bei diesem Zubehör-Programm, das vielen von und als Notepad bekannt ist und das vorher während zwei Jahrzehnten kaum Veränderungen erfahren hatte. Die andere Novität ist die Integration von Copilot, die meines Erachtens an Irrsinn grenzt.
Nun, Markdown zu integrieren, ist wichtig und richtig. Diese simple Methode zur Formatierung von Textdokumenten erlebte mit Apps fürs iPhone und iPad einen ersten Höhenflug und etablierte sich dank der KI endgültig. Die Sprachmodelle liefern ihren Output in Markdown, was die Archivierung, den Datenaustausch und allerhand Tricks (Beitrag folgt) erlaubt.
Die Frage ist indessen: Wie gut ist diese Integration gelungen? Und: Ersetzen die Markdown-Features im Editor den Markdown-Editor eines Drittherstellers?
Die erste Antwort lautet: miserabel. Die zweite: Nein, nicht einmal im Ansatz.
Notepad alias Editor beherrscht nur die absolut nötigsten Funktionen: Titel, Aufzählungen und nummerierte Listen, fette und kursive Auszeichnung, Durchstreichungen, Links und Tabellen – plus einen Knopf zum Löschen von vorhandenen Formatierungen. Es gibt keine Gliederungsansicht, keine Themes für unterschiedliche Darstellungen, keinen Export und Import für weitere Formate. Dafür braucht es für die KI-Schreibhilfen weiterhin eine Anmeldung per Microsoft-Account.

Das allein wäre nicht das Problem: Grundsätzlich ist es sinnvoll, wenn Microsoft den Funktionsumfang auf ein Minimum beschränkt und Drittanbieter nicht zu sehr konkurrenziert. Im Gegenteil: Ich würde als Betriebssystemhersteller in diesem Moment alles daran setzen, das «Ökosystem» nicht zu vergrämen. Natürlich wegen der KI: Viele Anwendungen droht das Aus, weil sich ihre Leistungen von einem Sprachmodell erbringen lassen. Umgekehrt besteht die Gefahr, dass Vibe-Coding-Slop die Stores überflutet und die Leute abschreckt, sich überhaupt noch Apps zu besorgen.
Aber derartig schlecht müsste die Umsetzung dennoch nicht sein. Einige Kritikpunkte:
Formatierungs-Unstimmigkeiten
Bei jedem vernünftigen Markdown-Editor können wir in der formatierten Ansicht mit den Syntaxzeichen arbeiten und z. B. mittels # einen Titel einleiten. Im Windows-Editor geht das nicht. Wenn wir die formatierte Ansicht verwenden (via Menü Ansicht > Markdown > Formatiert), müssen wir die Auszeichnungen über die Symbolleiste zuweisen. Wenn wir unser Markdown via Tastatur pflegen möchten, müssen wir in diesem Menü auf Syntax umschalten. Dann werden jedoch keine Formatierungen dargestellt und die Symbolleiste mit den Formatknöpfen ist weg.
Tipp: Statt das Menü zu bemühen, schalten wir in der Statusleiste unten durch Klicken auf Formatiert bzw. Markdownsyntax zwischen den Darstellungen um.
Beim Umschalten von normalem Text zu Formatiert erscheint immer – und zwar auch dann, wenn ich den Text vorher allein mit den Editor-eigenen Befehlen formatiert habe – die Warnung «Nicht unterstützte Syntax erkannt». Das ergibt keinen Sinn: Erstens trifft sie offensichtlich nicht zu. Zweitens: Wenn sie zutreffen würde, wäre festzuhalten, dass Markdown eine überschaubare Komplexität aufweist. Es wäre einem Konzern wie Microsoft zuzutrauen, sie vollständig zu implementieren.
Schliesslich ist die formatierte Darstellung fast unleserlich. Die Standarschrift (Consolas) ist kursiv schlecht zu entziffern. Und der Editor setzt die Abschnitte ohne jeglichen Abstand direkt aneinander.

Benutzer-Unfreundlichkeiten
Die Titelhierarchie ist schräg. In jedem anderen Editor werden die Stufen von Überschrift 1 bis Überschrift 6 durchgezählt. Im Editor haben sie Namen (Titel, Untertitel, Überschrift, Unterüberschrift, Abschnitt, Unterabschnitt und Textkörper für den normalen Fliesstext). Wenn ich meine Texte gliedere, dann habe ich die entsprechenden Stufen im Kopf. Ich will keine Energie darauf verwenden, mir zu überlegen, mit welcher Microsoftschen Bezeichnung sie korrespondieren.

Und als ob das nicht sinnlos genug wäre, formatiert der Editor Titel auf manchen Stufen mit Gartenhag-Symbol und Fettdruck (siehe Screenshot). Das allein beweist, dass man in Redmond die Grundidee von Markdown nicht verstanden hat. Die Titel-Auszeichnung allein reicht. Wenn wir sie in Fettdruck sehen wollen, definieren wir das in der Stildatei.
Und bizarrerweise war ich nicht in der Lage, ein grosses Ü zu tippen. Das tue ich, indem ich die Trema-Taste (¨) betätige und dann U tippe. Diese Vorgehensweise führt meistens¹ dazu, dass wie nach dem Betätigen der Alt-Taste die Tastaturkürzel eingeblendet werden und meine weiteren Eingaben ins Leere gehen. Das allein ist ein K.-o.-Kriterium. Denn dass sich in einem Texteditor flüssig tippen lässt, ist eine Grundvoraussetzung.
Fazit: Dave Plummer is not amused
Abschliessend kommt hinzu, dass Microsoft mit den Neuerungen eine Sicherheitslücke öffnete und altgediente Windows-Entwickler zu impliziter Kritik nötigte. Dave Plummer, der den Windows-Taskmanager entwickelte und diverse weitere Funktionen beitrug, schrieb Ende Juni auf Twitter:
Damals, in den NT-Zeiten, war Notepad schlank, schnell und hielt sich an seine Aufgabe. Und heute? Heute will es ein Konto, Cloud-Synchronisierung und die Meinung von Copilot. Also habe ich getan, was jeder pensionierte Betriebssystemingenieur tun würde: Ich habe es von Grund auf neu entwickelt: 2686 Byte. Voller Funktionsumfang. Kein Ballast. Reines Win32. Alles in Assemblersprache. Keine Telemetrie. Kein Schnickschnack. Einfach der Notepad, an den du dich erinnerst – nur kleiner als das Vorschaubild!
TinyRetroPad ist auf Github zu finden.
Das ist ein Trauerspiel – oder eine Lachnummer. Ich kann mich nicht entscheiden, ob diese Angelegenheit zum Lachen oder zum Heulen ist. Diese Markdown-Implementation ist an Dilettantismus und Lieblosigkeit nicht zu überbieten. Wenn ich sie sehe, drängt sich mir der Schluss auf, dass Microsoft aufhören sollte, Endanwender-Funktionen nachzurüsten. Es reicht, wenn dieses Betriebssystem als Grundlage für den Browser und ein paar Apps von Drittanbietern seinen Dienst verrichtet.
Aber vielleicht ist es auf lange Sicht sinnvoll, wenn sich Microsoft nicht mehr so sehr mit Software beschäftigt und dafür umso intensiver mit der CO₂-Entnahme aus der Atmosphäre?
Fussnoten
1) Dieser Effekt liess sich nicht immer reproduzieren – während meines Tests funktionierte es manchmal wie erwartet. Ich habe es nicht geschafft, herauszufinden, welcher Faktor den Unterschied macht. Und auch bei mehrfacher Wiederholung trat das unerwünschte Verhalten auf. ↩
Beitragsbild: Sie führt einzig richtige Haltung vor, mit der man dem Projektmanager des Notepad-Teams in Redmond begegnen soll (Tima Miroshnichenko, Pexels-Lizenz).
