Die Schweiz steht dem technischen Fortschritt reserviert gegenüber. Meistens dauert es eine gewisse Zeit, bis sie ihn überhaupt zur Kenntnis nimmt. Diese These überprüfe ich in der Rubrik Tech-Premiere anhand von grossen und kleinen Einzelbeispielen bzw. den Spuren, die Erfindungen wie der Macintosh, das Desktop-Publishing, der Heimcomputer und der Cybersex in den (online verfügbaren) Schweizer Zeitungen hinterlassen haben.

Gilt diese These auch für die Digitalisierung an sich? Wann kamen Journalistinnen und Journalisten auf den Trichter, dass der Computer nicht bloss eine ausgeklügelte Rechenmaschine ist, sondern ein universelles Informationsverarbeitungsgerät, das in allen Lebenslagen eingesetzt werden kann? In der letzten Folge ging ich der Frage nach, ob Konrad Zuse dieses Bewusstsein herstellen konnte. Immerhin gilt seine Z3 als erster funktionierender Computer überhaupt und die Z4 war an der ETH in Betrieb – Grund für die Beschäftigung mit diesen neuen Maschinen wäre vorhanden gewesen.

Doch nein: Die Computer wurden als Werkzeuge fürs Militär und für Ingenieure beschrieben: eindrücklich, aber ohne breite Relevanz. Das ist zu einem gewissen Grad verständlich, da das historische Potenzial von Zuses Maschinen nicht auf der Hand lag und erst nach und nach entdeckt werden musste. Bei einem zweiten Mann war das jedoch anders: Alan Turing war Mathematiker und Theoretiker. Der Brite formulierte die Idee einer universellen Maschine, die das sogenannte Entscheidungsproblem löst. Er entwickelte den Turing-Test, mit dem sich künstliche Intelligenz erkennen lässt. Er war damit nicht unschuldig daran, dass die KI zu einer Art Menschheitsziel avancierte – auch wenn die Vorstellung von klugen Maschinen schon viel früher Wurzeln geschlagen hatte.

In zwölf Jahren von der Idee zur universellen Entscheidungsmaschine

Die Wandlung des theoretischen Konzepts zum funktionierenden Prototypen in verblüffend kurzer Zeit: 1936 beschrieb Turing mit der Universalmaschine die Idee. Der Röhrencomputer Colossus erfüllte 1943/44 die Anforderungen nicht vollständig, aber am 21. Juni 1948 rückte die Realisierung mit der Manchester Baby in Greifnähe: Dieser Computer setzt auf die Von-Neumann-Architektur, bei der Programme und Daten im gleichen Speicher gehalten werden – so, wie es unsere PCs und Smartphones bis heute tun.

Detailreiche Aufnahme eines historischen Computeraufbaus mit mehreren Racks, Kabeln und einer Bildschirmanzeige, umgeben von Ausstellungsobjekten und einem informativen Display.
Nachbildung der Manchester Small-Scale Experimental Machine, bekannt als «Manchester Baby» im Museum für Wissenschaft und Industrie in Manchester (Geni/Wikimedia, GFDL versus CC-by-sa)

Wer diesen entscheidenden Schritt in der Technologiegeschichte der Menschheit erklären will, kommt um den Namen Alan Turing nicht herum. Wann also haben die Schweizer Medien ihn zum ersten Mal gedruckt? Natürlich müssen wir berücksichtigen, dass ein Teil der Entwicklung während des Zweiten Weltkriegs stattfand und der britische Geheimdienst involviert war. Wikipedia verrät, dass das Buch «The Ultra Secret» von F. W. Winterbotham im Jahr 1974 die Aktivitäten im Geheimdienststandort Bletchley Park publik machte. Damit waren die Puzzleteile öffentlich verfügbar – aber natürlich musste man sie zuerst zusammensetzen.

Mütter und Väter der Digitalrevolution bleiben im Dunkeln

Und das dauerte seine Zeit. Der erste Treffer in den E-Newspaperarchives stammt vom 20. Juli 1979. «Le nouvelliste» verwies auf eine Sendung des Schweizer Fernsehens mit dem Titel «La guerre secrète»:

England hatte ein Team von «klugen Köpfen» zusammengestellt, die in Bletchley Park arbeiteten, einem beschaulichen Anwesen 70 Kilometer von London entfernt. Zu ihnen gehörte Alan Turing, ein wahres Genie, das bereits 1937 den Grundstein für das legte, was später zum Computer werden sollte.

Das wars. Diese trockene Schilderung lässt sich nur so interpretieren, dass das Verständnis, was ein Computer ist, sich etablierte, ohne dass die Namen von Konrad Zuse und vor allem Alan Turing eine massgebliche Rolle gespielt hätten. Der Computer kam in der Schweizer Öffentlichkeit als Grossrechner bei Verwaltung, Forschung, den Banken und Versicherungen an – vielleicht auch als Wundermaschine aus den USA, als Helfer für die Raumfahrt und die Wetterprognosen.

Die Väter dieser Erfindungen blieben im Dunkeln. Das gilt zu einem gewissen Grad bis heute. Viele massgebliche Figuren wie Vint Cerf und Bob Kahn, Tim Berners-Lee sind zwar den «Insidern» geläufig, aber der breiten Öffentlichkeit nicht.

Bill Gates, Steve Jobs und Elon Musk in Ehren – aber diese Verkennung gilt für viele weitere stille Helden der Digitalisierung:

Ein kollektives Medienversagen

Zurück zu den Schweizer Zeitungen und zu Alan Turing. Nach dem Beitrag aus «Le nouvelliste» von 1979 erschienen bis 1989 nur eine Handvoll weiterer Artikel¹. Dieser kollektive Leistungsausweis ist kein Ruhmesblatt für die Schweizer Presselandschaft. Der «Vater der Informatik» wird oft nur en passant erwähnt und meist nur oberflächlich und in ein paar Stichworten geschildert.

Besonders sauer aufgestossen ist mir der Text des «Bieler Tagblatts» vom 19. Dezember 1989, der die schlimmsten Klischees bemüht – wobei es natürlich möglich ist, dass hier bloss der Pressetext von Radio DRS abgedruckt wurde. Und wie kam das «Bieler Tagblatt» dazu, am 9. Juli 1988 zu behaupten, dass sein Verfahren in Fachkreisen nicht mehr ernst genommen werde? Dieser Text ist ein Kandidat für eine separate Untersuchung, zumal er auch die folgende bemerkenswerte Formulierung enthält:

Niklaus Wirth von der ETH Zürich, international bekannter Spezialist und Erfinder der verbreiteten Programmiersprache Pascal, erklärt: «Künstliche Intelligenz und Informatik stehen in einem ähnlichen Verhältnis wie Astrologie und Astronomie.»

Zeitungsartikel über künstliche Intelligenz, der die Entwicklung, Anwendungen und Herausforderungen der KI diskutiert. Fokus auf deren Intelligenz und Möglichkeiten im Vergleich zu menschlichem Denken.
Das «Bieler Tagblatt» verstieg sich am 9. Juli 1988 zu einigen waghalsigen Aussagen zur KI.

Am besten gefällt mir aus dieser Liste der Text von Gunhild Kübler, die mir vor allem aus dem «Literaturclub» von SRF ein Begriff ist. Die Literaturkritikerin verteidigt den Informatiker gegen die allzu plakative literarische Vereinnahmung durch Rolf Hochhuth:

Auf der Strecke bleibt der unkonventionelle Denker und Stilist Alan Turing, an dessen Abhandlungen noch Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen die sorgfältige Gedankenführung, der konzise Ausdruck und ein überlegener, trockener Humor gerühmt werden. Turing hat, so berichtet Andrew Hodges in seiner Biografie, die Arbeit an Programmen, die intelligentes Verhalten imitieren, einmal mit der Aufgabe verglichen, einen Bericht über das Familienleben auf dem Mars zu schreiben. Hochhuth hat sich hier auf ein ähnlich schwieriges Unternehmen eingelassen. Denn anders als Hodges fehlt ihm der durch Ausbildung und Veranlagung erleichterte Zugang zu seinem Protagonisten, ein Defizit, das die Wirklichkeit seiner Erzählung flach und eng werden lässt und vermutlich durch eine noch so wohlmeinende biografische Fantasie nicht ausgeglichen werden kann.

Fussnoten

1) Das ist eine fast vollständige Auflistung:

L’impartial, 21. Juli 1979: Avoir … entre autres

Ein weiterer Programmhinweis im Fernsehteil.

Construire, 10. März 1982: Des cerveaux à l’œuvre und Wir Brückenbauer, 12. März 1982: Gehirne arbeiten angestrengt (bzw. Haupttitel «Das Rätsel ‹Enigma›»)

Der «Colossus», der in aller Heimlichkeit enwickelt worden war, ist sicherlich einer der ersten brauchbaren Geräte in der Geschichte der Elektronik. Das Verdienst gebührt zwei genialen Mathematikern, nämlich I. Good und D. Michie, sowie dem ganz aussergewöhnlichen Erfinder Alan Turing. Erweisen wir ihnen die Ehre, die ihnen zukommt! Kein Zweifel besteht, dass sie die Tür zum elektronischen Zeitalter aufgestossen haben.

Neue Zürcher Zeitung, 28. März 1984: Ein englischer, atheistischer, homosexueller Mathematiker

Besprechung der Biografie «Alan Turing: The Enigma» von Andrew Hodges.

Neue Zürcher Zeitung, 27. Juni 1984: Nachrichtentechnik im Wandel der Zeiten

Der erste Informatiker im heutigen Sinn des Wortes war vermutlich der englische Mathematiker Alan Turing (1912-1954). Aber die weitaus grösste Zahl von wichtigen Ideen, die ein Einzelner hervorgebracht hat, stammen von John von Neumann (1903-1957).

Neue Zürcher Zeitung, 5. Juni 1985: Künstliche Intelligenz zum Verständnis der natürlichen

Ein Kriterium formulierte der britische Computerpionier Alan Turing schon in den Vierzigerjahren. Wenn man, über einen Fernschreiber verkehrend, nicht entscheiden kann, ob der «Gesprächspartner» ein Mensch oder eine Maschine ist, so ist diese – falls es sich um eine solche handelt – wirklich intelligent.

Der Bund, Band 137, Nummer 92, 22. April 1986: «Der kreative Computer» fordert heraus

«Wenn eine Maschine für unfehlbar gehalten wird, kann sie nicht auch noch intelligent sein», zitieren die Verfasser den britischen Informatik-Pionier Alan Turing.

Neue Zürcher Zeitung, 26. Juni 1987: Kunstlicht für eine Kultfigur

Eine Buchbesprechung von Rolf Hochhuths Erzählung «Alan Turing»

Bieler Tagblatt, Nummer 158, 9. Juli 1988: Künstliche Intelligenz: Konkurrenz für das Denken?

Was ist daran intelligent? Der Engländer Alan Turing entwickelte 1950 einen Intelligenztest für Computer. Auch wenn sein Verfahren in Fachkreisen nicht mehr ernst genommen wird, glauben immer noch viele KI‑Forscher, denkende Maschinen herstellen zu können. Computer werden aber nie «Geist» oder ein Bewusstsein haben. Sehr wohl haben aber gute KI-Programme die Fähigkeit zur Einsicht: Sie lernen.

Bieler Tagblatt, 19. Dezember 1989: Tragisches Leben — tragisches Sterben

Mit dem Leben und Sterben des englischen Wissenschaftlers Alan Turing befasst sich das gleichnamige Hörspiel von Hugh Whitemore. Es wird heute, ab 20 Uhr auf DRS 2 ausgestrahlt. Er hat Flecken auf der Krawatte und kettet seine Teetasse am Heizkörper an: Im Hörspiel von Hugh Whitemore wird Alan Turing genauso präsentiert, wie man sich einen Wissenschaftler landläufig vorstellt: etwas ungepflegt und ein wenig absonderlich. (…). Hätte er eine Frau geheiratet, wäre ihm manches erspart geblieben.

Beitragsbild: Alan Turing, mit 16 Jahren (Wikimedia, CC0).

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