Wenn ich in der S-Bahn oder sonstwo in der Öffentlichkeit den Leuten aufs Handy schiele, dann fällt mir eines auf: Viel öfter, als einen Text, sieht man dort ein vertikales Video. Wenn der Zielort erreicht, der Kurzclip aber noch nicht zu Ende ist, bringen manche ÖV-Benutzerinnen und -Benutzer das Kunststück zustande, schielend auszusteigen: Mit einem Auge aufs Display gerichtet und mit dem anderen den Weg durchs Gedränge suchend.
Es gibt Leute, die wörtlich behaupten, es werde bald niemand mehr lesen. Zum Beispiel Adam Garfinkle. Der Historiker und Politikwissenschaftler weissagt uns ein neues Mittelalter. Und die «New York Times» rief schon vor acht Jahren das «Post-Text-Zeitalter» aus.
Alle verlieren zugunsten des mobilen Videos
Es gibt Anzeichen dafür, dass dieser Prozess in vollem Gang ist: Die NZZ zeigt anhand der Pisa-Studie ein «Unbehagen am Lesen» auf. «Die Zeit» legt dar, wie abschreckend Bücher inzwischen sind. Die FAZ schleudert den Verfechtern des gedruckten Worts ein schlichtes «Nein danke» ins Gesicht. Wiederum die NZZ vermittelt uns den Befund, «die Schweiz» leide an Leseschwäche. Und «Persönlich» untermauert die Entwicklung mit brandaktuellen Daten:
Unter traditionellen Medien verzeichneten zuletzt allein Bücher einen Zuwachs bei der Nutzung: 2025 gab es ein Plus von 1,7 Prozent, eine Prognose für 2026 gibt es noch nicht. Alle anderen traditionellen Kanäle – darunter Live-Fernsehen, Radio, Printmagazine und Zeitungen – setzten ihren Rückgang mit einer kombinierten Rate von 4,1 Prozent fort. Mobile Videos verzeichneten im vergangenen Jahr einen enormen Anstieg von 13,8 Prozent.
Video killt nicht nur den Radio-, sondern auch den Blogger-Star? Die Frage liegt auf der Hand: Soll ich die Schreiberei aufgeben und meine Inhalte stattdessen audiovisuell anbieten? Ist nur eine multimediale Strategie zukunftsfähig, bei der ich jeden Blogpost für Youtube einspreche – in der Ästhetik (aber nicht der inhaltlichen Flughöhe) von «Weltwoche Daily» vielleicht?
Es hat schon einmal nicht geklappt
Nun, manche erinnern sich vielleicht daran, dass sich Medienhäuser vor ungefähr zehn Jahren genau diese Frage stellten und damals auf eine solche Strategie setzten. Das Resultat wird heute als «pivot-to-video bloodbath» bezeichnet. Die Video-Kehrtwende führte zu einem «Blutbad», weil die Datenlage von Facebook nicht tragfähig war, Kosten und Ertrag in einem eklatanten Missverhältnis standen, die von Algorithmen geprägten Social-Media-Plattformen keinen verlässlichen Ausspielkanal für die Medienunternehmen boten und das Publikum eben nicht bloss aus jungen, videoversessenen Nutzerinnen und Nutzern besteht.
Das heisst, selbst wenn uns das «Post-Text-Zeitalter» irgendwann ereilen sollte, sind wir noch längst nicht dort angekommen – auch die besonders gescholtene Generation Z nicht. Das Lesen ist ihr nämlich nicht fremd. «The Guardian» verstieg sich vor zwei Jahren zu der Schlagzeile, diese Kohorte wende sich den gedruckten Büchern und Bibliotheken zu, weil es so sexy sei. Die TU-München-Professorin Alexandra Borchardt fand heraus, dass sie, die Jungmann- und -frauschaft ernsthafte Erwartungen an die Medien hat:
Die viel beschriebene Gen Z interessiert sich nämlich durchaus für Journalismus, sie schaut nicht nur kurze Videos, sondern vertieft sich gerne in Inhalte, wenn sie sich davon angesprochen fühlt.
Das Schwarz-Weiss-Denken greift zu kurz¹ – wer hätte das bloss ahnen können²? Es bleibt mir vorerst erspart, zum Content-Creator zu mutieren³. Was können wir tun, damit das noch lange Zeit so bleibt?
Faire Chancen für alle
Erstens, indem wir die Tech-Konzerne an die Kandare nehmen! Ich wünsche mir einen Chancenausgleich. Auch Medien, die nicht wie psychoaktive Drogen auf die Konsumentinnen und Konsumenten wirken, sollten die Möglichkeit haben, ausreichend Aufmerksamkeit zu binden. Das wäre obendrein gut für die Gesundheit.
Betreiben wir Lobbyismus für den guten alten Buchstabensalat. Denn diese Ansammlungen von Schriftzeichen sind und bleiben eine geniale Erfindung. Sie sind maximal einfach herzustellen⁴. Wir können sie querlesen, langsam oder schnell konsumieren, geniessen und verschlingen – oder von hinten aufrollen. Wie Benjamin Button beginne ich manchmal am Ende beim Fazit. Wenn mir das gefällt, arbeite ich mich über die wesentlichen Abschnitte zum Anfang vor. Probiert diese Methode mal mit einem Video⁵!
Lassen wir keine Gelegenheit aus, die Grossartigkeit dieser Mediensorte zu zelebrieren: Würdigen wir einen tollen menschlichen Text als Bollwerk gegenüber dem AI Slop! Feiern wir, dass ein Text nicht bloss Informationen vermittelt, sondern Denk- und Erfahrungsräume öffnet.
Fussnoten
1) Die wichtige Erkenntnis, dass man nicht um eine differenzierte Betrachtung herumkommt, ist trotzdem nicht überall angekommen. In der Chefetage grosser deutscher Medienhäuser wird die Meinung vertreten, man müsse wegen der KI radikal mit bisherigen Gewohnheiten brechen. In diesem Überlebenskampf ist Tiktok ebenfalls ein Thema. ↩
2) Natürlich alle, die das Rieplsche Gesetz kennen. Es besagt, dass ein neues Medium die alten nicht ersetzt, sondern sie vielleicht in eine Nische drängt. Es schliesst aus, dass uns die Kulturtechnik des Lesens und Schreibens komplett abhandenkommt. Und das ist allein deswegen logisch, weil fast jedes Video einen schriftlichen Drehplan braucht, den irgendwer verfassen und lesen können muss. ↩
3) Auch wenn ich mich trotz Wolfgang Riepl darüber ärgere, dass mein allerbanalstes Reel auf Instagram 1000 oder 3000 Views hat, während meine Blogposts auf Facebook mal zehn und mal 15 Leute erreichen. Das nervt, obwohl ich offensichtlich Äpfel mit Birnen vergleiche. ↩
4) Zwar benötigt man für die Herstellung einer MOV- oder MP4-Datei heute kein Studio und keine Technikequipe mehr. Doch nachdem ich sechs Jahre lang wöchentlich ein Erklärvideo produzierte, kann ich sagen: Es ist mehr Stress und die Möglichkeiten des Scheiterns sind ungleich vielfältiger als beim Tippen an der Tastatur. ↩
5) Da hilft es nichts, dass Youtube-Videos inzwischen mit höherer Geschwindigkeit abspielbar oder per Transkript durchsuchbar sind.
Beitragsbild: Gibt es etwas Neues auf Tiktok? Ein Kind mit Smartphone in der Hand (Shixart1985/Wikimedia, CC BY 2.0).
