In der Redewendung Sex sells steckt eine tiefe Wahrheit, die ich mit meiner Blog-Statistik beweisen kann. Die beiden erfolgreichsten Blogposts der letzten Jahre tragen beide besagtes Stichwort. Es handelt sich um meine Abhandlung zum Sex-Tracking via Smartwatch und zur Pirr-App für erotische Erzählungen. Sie allein haben mir sechsstellige Klickzahlen beschert. Ich schiele normalerweise nicht auf die Einschaltquote. Aber ihr erlaubt mir sicherlich, mit dem heutigen Beitrag eine Ausnahme zu machen.
Und weil dieser Beitrag heute die beiden bisherigen Spitzenreiter weit hinter sich lassen soll, geht es hier um zweierlei. Erstens: Welche KI ist am besten geeignet, uns Sextipps zu geben? Und zweitens: Welches ist der ultimative Sextipp, den die künstliche Intelligenz aus den gigantischen Datenmengen herausdestillieren kann, die ihr zur Verfügung stehen? Der Informationsstand müsste so umfassend sein wie zu kaum einem anderen Thema. Denn zum Training der LLMs wurde das gesamte Internet aufgesaugt, und the internet ist bekanntlich for porn.
Um den Sprachmodellen verständlich zu machen, was auf dem Spiel steht, formulierte ich meinen Prompt entsprechend:
Was ist das Geheimnis für ein glückliches Sexleben? Kondensiere das gesamte Menschheitswissen, das in deinem Trainingsmaterial gesammelt ist, zu einer konzisen, prägnanten, einleuchtenden und wegweisenden Empfehlung, und strebe dabei das hohe Ziel an, das Liebesleben auf allen Erdteilen, in sämtlichen Kulturen und auf jedwede einvernehmliche Spielart auf nachhaltige, wirksame und lustvolle Weise zu verbessern. Bilde maximal drei separate Aspekte in höchstens drei kurzen Sätzen ab.
13 Sprachmodelle kommen zum Zug¹. Und trotz der impliziten Aufforderung, keine althergebrachten Ratschläge wiederzukäuen, tun sie genau das: Sie geben das wieder, was in Buchform selbst im republikanischsten aller US-Bundesstaaten aus keiner Schulbibliothek verbannt werden würde. Es ist ein Rückschritt um Tausende Jahre, denn schon «filthy Philaenis», eine Autorin im antiken Griechenland, hatte mehr Inspiration zu bieten. Natürlich kein Wunder, wenn man weiss, wie LLMs funktionieren: Sie geben die Antwort mit der höchsten statistischen Plausibilität.
Darum gleichen sich die Antworten enorm, was mich zur Erkenntnis bringt, dass eine Art Metastudie gefragt ist. Sie fördert insgesamt 22 Aspekte zutage.
1. Aspekte, sortiert nach Häufigkeit
Diese Aspekte werden wie folgt genannt:
| # | Aspekt | Nennungen | Genannt von |
| A | Kommunikation über Wünsche, Grenzen, Bedürfnisse | 12 | alle ausser Jimi |
| E | Achtsamkeit, Präsenz im Moment | 10 | ChatGPT, Gemini, Claude, Deepseek, Gist, Meta, Grok, Mistral, Kimi, Perplexity |
| G | Neugier, Spiel, Entdeckung | 9 | ChatGPT, Gemini, Claude, Deepseek, Meta, Grok, Mistral, Kimi, Perplexity |
| C | Vertrauen | 8 | ChatGPT, Claude, Copilot, Gist, Meta, Grok, Mistral, Kimi |
| B | Einvernehmlichkeit, Konsens | 7 | ChatGPT, Gemini, Copilot, Meta, Grok, Mistral, Perplexity |
| F | Kein Leistungsdruck | 7 | ChatGPT, Gemini, Claude, Deepseek, Meta, Mistral, Perplexity |
| H | Emotionale Verbundenheit, Intimität | 7 | Apertus, Gemini, Claude, Copilot, Grok, Mistral, Perplexity |
| D | Respekt | 6 | Apertus, Claude, Copilot, Grok, Mistral, Kimi |
| I | Empathie, Fürsorge fürs Gegenüber | 5 | Apertus, Claude, Copilot, Kimi, Perplexity |
| M | Zeit und Pflege im Alltag (einplanen, Zärtlichkeit) | 4 | Claude, Deepseek, Gist, Meta |
| J | Weiterentwicklung und Adaption | 3 | Apertus, Deepseek, Kimi |
| K | Emotionale Sicherheit | 3 | Grok, Kimi, Perplexity |
| N | Körperliche Gesundheit, Schlaf | 3 | Meta, Grok, Jimi |
| O | Körperwissen, Technik, Vorlieben lernen | 2 | Grok, Jimi |
| P | Sinnlichkeit, Lust | 2 | Gist, Jimi |
| Q | Authentizität, Verletzlichkeit zeigen | 2 | Deepseek, Gist |
| T | Wertfreiheit, Toleranz | 2 | ChatGPT, Grok |
| L | Selbstakzeptanz, Selbstfürsorge | 1 | Apertus |
| R | Humor | 1 | ChatGPT |
| S | Fantasie | 1 | Deepseek |
| U | Vielfalt und Spielarten | 1 | Mistral |
| V | Überwindung von Tabus | 1 | Jimi |
2) Die Liebesmatrix der LLMs
Die Aspekte verteilen sich wie folgt auf die Sprachmodelle:
| Aspekt | ChatGPT | Apertus | Gemini | Claude | Copilot | Deepseek | Gist | Meta AI | Grok | Mistral | Kimi | Perplexity | Jimmy | Σ |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| A Kommunikation | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | 12 | |
| E Achtsamkeit | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | 10 | |||
| G Neugier | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | 9 | ||||
| C Vertrauen | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | 8 | |||||
| B Konsens | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | 7 | ||||||
| F Kein Druck | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | 7 | ||||||
| H Verbundenheit | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | 7 | ||||||
| D Respekt | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | 6 | |||||||
| I Empathie | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | 5 | ||||||||
| M Zeit | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | 4 | |||||||||
| J Entfaltung | ✓ | ✓ | ✓ | 3 | ||||||||||
| K Sicherheit | ✓ | ✓ | ✓ | 3 | ||||||||||
| N Gesundheit | ✓ | ✓ | ✓ | 3 | ||||||||||
| O Körperwissen | ✓ | ✓ | 2 | |||||||||||
| P Sinnlichkeit | ✓ | ✓ | 2 | |||||||||||
| Q Authentizität | ✓ | ✓ | 2 | |||||||||||
| T Wertfreiheit | ✓ | ✓ | 2 | |||||||||||
| L Selbstfürsorge | ✓ | 1 | ||||||||||||
| R Humor | ✓ | 1 | ||||||||||||
| S Fantasie | ✓ | 1 | ||||||||||||
| U Vielfalt | ✓ | 1 | ||||||||||||
| V Tabufreiheit | ✓ | 1 | ||||||||||||
| Aspekte je KI | 8 | 6 | 6 | 9 | 6 | 8 | 6 | 8 | 11 | 9 | 8 | 8 | 4 |
3) Einordnung
Wir gelangen zum Schluss, dass ein einziges LLM obenaus schwingt: Es nennt alle acht Aspekte, die den Kern des Konsenses bilden. Es handelt sich – Tadaaaa! – um Mistral. Ebenfalls nahe dran sind Claude und Grok (sieben Aspekte, ohne B bzw. ohne F) und ChatGPT, Gemini, Meta und Perplexity mit jeweils sechs Aspekten.
Mistral ist das Sprachmodell aus Frankreich. Das passt wie die Peitsche auf den nackten Hintern zum Klischee, unser Nachbarland sei ein einziger Hort der Liebe und Romantik.
Es gibt einige Merkmale, die nur von einzelnen Sprachmodellen angeführt werden:
a) ChatGPT mit Humor
Guter Sex ist kein Leistungsnachweis, sondern ein gemeinsames Forschen: aufmerksam, spielerisch, einvernehmlich, mit Humor und der Bereitschaft, sich immer wieder neu kennenzulernen.
b) Deepseek mit Fantasie
Der dritte Aspekt ist die Kultivierung von erotischer Spannung und Präsenz im Alltag, indem man bewusst Begegnungsmomente schafft und die eigene Lust als eine Fähigkeit versteht, die mit Achtsamkeit und Fantasie täglich genährt wird.
Deepseek ist mein persönlicher Favorit: Diese Auskunft schafft es, vernünftige und vielfältige Ratschläge in einer maximal bürokratischen Sprache zu vermitteln, die sogar vor dem Nationalen Volkskongress in Peking angemessen wäre:
Das Geheimnis liegt darin, die Sexualität von Leistungsdruck zu befreien und als gemeinsamen, absichtslosen Erkundungsraum zu begreifen, in dem Neugier und Hingabe wichtiger sind als ein bestimmtes Ziel.
Und:
Der zweite Schlüssel ist eine radikal ehrliche, aber wohlwollende Kommunikation, die nicht nur Wünsche und Grenzen klar benennt, sondern auch die Verletzlichkeit und das sich wandelnde Begehren beider Partner kontinuierlich sichtbar macht.
Aber Deepseek hält das Limit von drei Sätzen ein, obwohl die alles andere als kurz sind.
c) Apertus mit Selbstfürsorge und -Akzeptanz
Ein gesundes Sexleben beginnt mit Selbstakzeptanz und Selbstfürsorge. Sich wohl in der eigenen Haut zu fühlen, eigene Bedürfnisse zu erkennen und diese zu respektieren, ist der Schlüssel zu erfüllender Intimität.
Bemerkenswert, dass ausgerechnet das Schweizer Sprachmodell diesen wichtigen Aspekt einbringt.
d) Mistral mit dem Plädoyer für Vielfalt
Erlaube dir und anderen, neugierig zu bleiben – Experimentierfreude und Akzeptanz für Vielfalt halten die Leidenschaft lebendig.
e) Jimi mit der Aufforderung, Tabus zu überwinden
Viele Menschen haben im Laufe ihrer Entwicklung, in der Kindheit, Jugend oder auch im Erwachsenenalter bestimmte Tabus entwickelt, die ihr sexuelles Wohlbefinden beeinträchtigen. (…) Überwindung dieser Tabus durch eine neue Perspektive, kann das Wohlbefinden erheblich verbessern.
Jimi hält Kommunikation für überbewertet und erwähnt sie nicht einmal. Er sprengt das Längen-Limit von drei Sätzen massiv. Das sei ihm verziehen, weil seine Empfehlungen diese ohne Zweifel völlig zutreffende Perle enthalten:
Ein Orgasmus kann erreicht werden, wenn sich die Orgasmusfähigkeit des Körpers erweitert, durch Übung, Übung, Übung und das Wissen, dass der Orgasmus nicht durch den Partner, sondern durch sich selbst erzeugt wird.
Fazit: Was zu erwarten war
Die physischen Aspekte (Technik und Körperwissen, Gesundheit und Sinnlichkeit) fallen fast komplett unter den Tisch; nur Grok und Jimi fühlen sich bemüssigt, darüber zu sprechen. Das wäre Marta Emmenegger nicht passiert. Die Älteren unter uns erinnern sich: Sie betreute von 1980 bis 1996 die Kummerbox-Rubrik «Liebe Marta» beim «Blick», und sie blieb nicht in abstrakt-wolkigen Sphären stecken. Sie nannte die Dinge (auch die Geschlechtsorgane, die Praktiken und die Implikationen) beim Namen und sah es als ihre Aufgabe an, den Sex zu enttabuisieren. Sie trug dazu bei, dass zum Seite-drei-Girl und den oft freizügigen, heute sexistisch wirkenden Bebilderungspraktiken eine Vertiefung dieses Lieblingsthemas der Boulevardmedien stattfand.

Zugegeben: Mein Prompt war allgemein gehalten. Gleich mit Sensory Deprivation, Karezza oder Impact Play um die Ecke zu kommen, hätte als Übersprungshandlung gewirkt. Aber bei der Bandbreite der Möglichkeiten konkreter zu werden, ist unvermeidbar. Man kann zwar argumentieren, dass meine Einschränkung bezüglich Länge und Zahl der Aspekte in der Aufgabenstellung zu restriktiv war. Vielleicht – aber ich glaube nicht. Der entscheidende Punkt ist, nicht mit pauschalen Begriffen zu operieren, sondern die grossen, wichtigen Sphären aufzuzeigen.
Meines Erachtens würden diese die Vertrauensebene mit allen Beteiligten, die körperliche Ebene mit den mechanischen und physischen Aspekten und die Fantasieebene mit einem Mix aus Zelebrieren des Vertrauten und Vorstossen ins Unbekannte umfassen. Da muss man nicht gleich FSK 18 anpeilen, aber irgendwie anzudeuten, dass die Genitalien eine nicht unwesentliche Rolle spielen, läge schon drin. Und es gibt immer die Variante, eine Aufgabe gemäss der Vorgabe zu erledigen und eine Ergänzung nachzuschieben, dass mit den strengen Vorgaben ein paar wichtige Aspekte unter den Tisch gefallen sind. Oder wie wärs mit der Rückmeldung, dass die Konstellationen und Bedürfnisse so unterschiedlich sind, dass ein Patentrezept illusorisch ist?
Alle KIs sind sich einig: Bloss keine Experimente über die heterosexuelle Paarbeziehung hinaus!
Apropos: Ein kleines Detail entpuppt sich als besonders verräterisch. In meinem Prompt steht explizit die Forderung, die Ratschläge müssten «jedwede einvernehmliche Spielart» umfassen. Trotzdem gehen sämtliche KIs implizit von einer fixen, andauernden Paarbeziehung aus.

Die dyadische Konfiguration deckt den Bereich der Möglichkeiten bei weitem nicht ab. Denken wir an One-Night-Stands, Friends with benefits, Gruppensex, Swingerpartys, Cybersex und Polyamorie. Oder an Cuckolding bzw. Cuckqueaning, offene Beziehungen und Cruising. Um die Diskussion über die moralische Frage, ob diese Varianten gleich erfüllend sind, wie die monogame Dauerkiste, soll es in diesem Blogpost nicht gehen. Nicht einmal um den Umstand, dass «Pretty Woman» ein gnadenloser Kitschfilm ist, aber insofern die Möglichkeit in den Raum stellt, dass Sex als transaktionales Geschäft zu mehr führen kann. Daraus lässt sich schliessen, dass selbst die Prostitution einen beidseitigen Reiz haben kann, obwohl diese Variante die Ausnahme von der Regel bilden dürfte.
Halten wir jedoch fest, dass die Sprachmodelle gleich doppelt scheitern. Sie liefern uns nicht nur Plattitüden, was zu erwarten war. Schlimmer noch: Sie beweisen, dass sie der Conditio humana nicht gewachsen sind.
Das liegt einerseits daran, dass im Trainingsmaterial eben doch nicht die ganze unanständige Vielfalt des Internets abgebildet wird, sondern nur eine prüdisierte Teilmenge – wir kennen ja die Tech-Konzerne. Andererseits sehen wir die Regel bestätigt, dass alle Theorie grau ist. Der künstlichen Intelligenz ist jedes eigene Erleben fremd. Man kann diese menschliche Dimension mit statistischen Methoden nur unzulässig abbilden. Wer hätte das gedacht? (Na ja, vermutlich haben wir alle genau das gedacht.)
Man muss ein Mensch sein, um dieses Thema zu durchdringen
Praktische Erfahrungen helfen ungemein, wenn es um dieses oder ähnliche Themen geht. Daraus lernen wir KI-Userinnen und -User: Wenn wir die menschlichen Abgründe ausloten wollen, dürfen wir uns nicht auf die Weisheiten der Maschine verlassen.

Diese Erkenntnis ist für die Anwenderschaft wichtig, aber sie betrifft auch die öffentliche Diskussion. Zum Beispiel bei der gerade aktuellen Frage, inwieweit künstliche Intelligenz im Journalismus eine aktive Rolle übernehmen kann und darf. Die Ergebnisse in diesem Test unterstreichen meine bisherige Haltung: Als Assistent kann die KI die Arbeit von uns Medienleuten unterstützen. Doch bei der Themensetzung, Ausgestaltung und Prägung der Arbeit darf sie keine Federführung übernehmen. Die KI bildet diese allzu menschlichen Aspekte unzulänglich ab. Und genau darum geht es im Journalismus.
Also: Ein Dämpfer für alle, die auf einen Fortschrittssprung in der Historie der menschlichen Sexualität gehofft haben. Umgekehrt aber eine wichtige Lektion für all jene Leute, die die KI mit einem übersinnlichen Orakel oder einer Wahrheitsmaschine verwechseln. Ihnen werde ich diese Resultate künftig genüsslich unter die Nase reiben.
Fussnoten
1) Das sind die Sprachmodelle, die mir ihre Sextipps lieferten:
Apertus (Besprechung), ChatGPT, Claude, Copilot, Deepseek (Besprechung), Gemini, Gist (Besprechung), Grok (Besprechung), Meta AI (Besprechung), Mistral Le Chat (Besprechung), Kimi (Besprechung), Perplexity und Jimmy (Besprechung). ↩
Beitragsbild: Bislang optional: Die Tipps der KI-Smartphone-App für die traute Zweisamkeit (Vitaly Gariev, Unsplash-Lizenz).
