In den letzten acht Jahren habe ich fast vierzig Schweizer Tech-Premieren nachverfolgt. Da wird es unausweichlich Zeit, mich dem Elefanten im Raum zu widmen. Das ist die Frage, wann der Urknall der Digitalisierung in den eidgenössischen Medien¹ seinen Widerhall fand: Wann und wie haben die Journalisten die hiesige Bevölkerung darüber informiert, dass sich mit dem Computer etwas Revolutionäres anbahnt?
Dieser grossen Frage muss ich mich in mehreren Schritten nähern. Denn sie hat sich über einige Etappen abgespielt: Den ersten Meilenstein setzte Charles Babbage mit der Difference Engine und der Analytical Engine. Die Menschheitsgeschichte hätte einen anderen Verlauf genommen, wenn sich diese Prototypen vollends hätten realisieren lassen; zwei Bücher (The Difference Engine und NSA – Nationales Sicherheits-Amt) geben uns eine Ahnung, wie die Welt heute aussehen würde. Klar ist, dass Ada Lovelace die grössere Heldin wäre, als sie es in unserer Timeline ist.
Für die nächsten Etappen sind zwei Männer massgeblich: Alan Turing und Konrad Zuse – und in der ersten Annäherung soll es um letzteren gehen. Er hatte Bezüge zur Schweiz, wie Herbert Bruderer nachwies und Horst Zuse bestätigte. Er ist der Sohn des deutschen Bauingenieurs, der den ersten funktionsfähigen Computer der Welt baute. Mit ihm führte ich 2009 ein Gespräch, in dem er seinen Vater nicht als «Innovator» im heutigen Sinn schildert, sondern als Ingenieur, der viel rechnen musste und aus diesem Leistungsdruck heraus seine universelle Maschine entwickelte.
Wie Goethes Zauberlehrling?
Doch trotz dieser pragmatischen und bescheidenen Herangehensweise sah Zuse eine Menge der Entwicklungen voraus, die auf uns zukommen würden: die Architektur und Programmierung der Rechenmaschinen, Gleitkommarechnung, Fehlerbehandlung, Schachprogramme, sogar Plotter und CAD. Nur der Mikroprozessor und die totale Alltagsdurchdringung, die er mit sich bringen würde, lagen ausserhalb seines Horizonts.
Zuse starb am 18. Dezember 1995, sodass wir leider nicht erfahren, was er über die heutige KI-Revolution sagen würde. Doch auch mit dem damaligen Wissensstand scheint er sich wie Goethes Zauberlehrling gefühlt zu haben. Das legt zumindest das Zitat nahe, das im Internet kursiert. Am postulierten Bewusstsein, das manche in ChatGPT und anderen Sprachmodellen erkennen, würde er zweifeln – wage ich zu behaupten:
Die Gefahr, dass der Computer so wird wie der Mensch, ist nicht so gross wie die Gefahr, dass der Mensch so wird wie der Computer.
Zuse stellte die Z3, den ersten Computer der Welt, am 12. Mai 1941 vor. Die deutsche Kriegswirtschaft habe die Erfindung ignoriert, schrieb «Der Spiegel». Zuse wurde in die Armee eingezogen und kam nicht auf die Idee, die Vermarktungsmöglichkeiten seiner Erfindung auszuloten. Die Schweizer Medien waren bei der Präsentation in Berlin kaum nicht zugegen. Doch Zuse wusste, was ihm gelungen war. Das bekräftigt sein Sohn Horst. Zitat aus der Sendung:
Ja, er wusste, was er gemacht hat. Das geht aus einem wissenschaftlichen Papier von 1945 hervor. Das war in Hopferau im Allgäu, übrigens dort, wo Professor Stiefel 1949 hingefahren ist und sich die Z4 in dem Mehllager, wo sie damals stand, angeschaut hat. Die Z4 war in einem äusserst schlechten Zustand. Professor Stiefel war aber doch so beeindruckt, obwohl die Maschine in einem so schlechten Zustand war – das lag auch am Transport von Berlin, an der Flucht ins Allgäu –, dass er die ETH gebeten hat, diese 30’000 Schweizer Franken auszugeben. Wenn man das heute mal in D-Mark umrechnet, damit es vergleichbar ist: Das waren damals ungefähr 100’000 DM 1950. Und das war eine Menge Geld damals.
Zur Veränderung: Ja, er schreibt in einem Papier – also diese Voraussicht, Vision –, dass diese Art von Maschinen ganze Generationen von Wissenschaftlern beschäftigen werde. Und da hat er ja genau richtig gelegen.

«Eine Rechenmaschine für mathematische Probleme, wie sie in der Technik vorkommen»
Eduard Stiefel, besagter Professor, mietete die Z4 für die ETH und verschaffte der Hochschule eine einmalige Position, den ersten kommerziellen Computer in der Menschheitsgeschichte zur Verfügung zu haben. Dieser direkte Nachfolger der Z3 beförderte die Entwicklung der ERMETH, der Eigenentwicklung der ETH. Und das wäre ein hervorragender Anlass für einen Medienbericht gewesen. Haben die Schweizer Zeitungen diese Chance gepackt?
Ja: Mit einer leichten Verzögerung berichtete der «Tages-Anzeiger» am 27. Juli 1950 über das Rechenwunder Z4:
Um solche Aufgaben [«mathematische Probleme, wie sie in der Technik vorkommen»] in nützlicher Frist lösen zu können, genügen nicht mehr tüchtige Mathematiker mit den gebräuchlichen Rechenmaschinen, sondern es braucht Rechenmaschinen, wie sie in England und den USA durch die Bedürfnisse des Krieges entwickelt wurden, die fähig sind, in kürzester Zeit komplizierte Rechenoperationen auszuführen, Zwischenresultate zu speichern, um sie nach Bedarf sofort weiter verwenden zu können.
Hatte der Journalist die Tragweite erfasst? Für ihn war das eine neue Rechenmaschine, die genauso funktioniert wie die alten, wenngleich sie «Zwischenresultate speichern und sogleich weiterverwenden konnte». Das ist in gewisser Weise das, was ein Programm von hintereinander ausgeführten, isolierten Berechnungen unterscheidet – aber die Beschreibung wird den immens grösseren Möglichkeiten nicht gerecht.
Das Programm als mathematische Formel
Immerhin: Die Programmierbarkeit wird im Verlauf des Artikels erwähnt, obwohl die Gleichsetzung des Programms mit einer mathematischen Formel davon zeugt, dass der Journalist eine zu einfache Vorstellung dieser revolutionären Maschine hatte oder nicht genug Energie darauf verwandte, die Unterschiede zu den herkömmlichen Rechenmaschinen herauszuarbeiten:
Die Z4 ist eine programmgesteuerte Rechenmaschine, d. h. eine Maschine, welche nach einem aufgestellten Programm (math. Formel) eine längere Kette von Rechnungen auf einem Lochstreifen einträgt. Dieser Lochstreifen stellt in chiffrierter Art das Programm dar und wird in die Abtastvorrichtung der Rechenmaschine eingelegt.

Wenn wir hart urteilen wollen, unterstellen wir ein mediales Totalversagen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich selbst adäquat berichtet hätte. Aus heutiger Sicht ist klar, dass sich Möglichkeiten auftun, die über die Anwendungsbereiche des Militärs hinausgehen, das damals die «Flugbahn von Raketengeschossen» berechnen wollte. Doch selbst wenn wir ein simples Basic-Programm vor Augen haben, wie auf dem C64 lief, geht das weit darüber hinaus, was mit den Zuse-Maschinen möglich war. Ich fragte Horst Zuse, wozu die Z3 und die nachfolgenden Modelle benutzt worden sind:
Die haben alle möglichen Berechnungen gemacht: Berechnungen aus der Physik, aus dem Flugzeugbau, Geschossbahnen und so weiter. Eine ganz berühmte Berechnung, ist die Statik der grossen Staumauer im Rhône-Seitental, der Grande Dixence. Die ist 230 Meter hoch, und die Schwingungen der Turbinen und auch die Statik dieser Staumauer wurden mit einem Programm auf der Z4, circa 1951, als eines der ersten Programme berechnet. Und die Rechenzeit – das ist auch mal ganz spannend – für dieses Programm betrug 150 Stunden. Das würden Sie heute mit einem PC in einer Hunderttausendstelsekunde erledigen.

Es wurde tatsächlich bloss gerechnet
Soweit ich das beurteilen kann, waren die Programme damals linear ablaufende Stapelverarbeitungen als Programme im modernen Sinn. Sie wurden im Ergebnis wie leistungsfähige Rechenmaschinen und nicht wie Computer genutzt. Das theoretische Potenzial konnte wegen der Langsamkeit des mechanischen Rechenwerks nicht ausgelotet werden². Darum ging es erst einmal nicht. Darum können wir es dem Journalisten – der in gewisser Weise der erste Digitalredaktor des «Tagesanzeigers» und mein Vorgänger war – nicht übel nehmen, dass er diese Möglichkeit nicht voller Optimismus propagierte.
Aber musste die Berichterstattung dennoch so defensiv sein? Es ist fast ein Wunder, dass sich der Journalist am Ende nicht für das «Rechenwunder» im Titel entschuldigt:
Die Z4 ist selbstverständlich kein denkendes Gehirn, sondern eine gründlich durchdachte Maschine, und braucht zur Programmherstellung speziell geschulte Mathematiker. Trotzdem ist sie wegen ihrer verblüffend einfachen Bedienung, der raschen und sicheren Rechnung, der Speicherung der Zwischenresultate und des billigen Unterhaltes als Rechenwunder anzusehen. Ausser einem ähnlichen Rechengerät, welches in Schweden konstruiert wurde, ist die Z4 zurzeit die einzig betriebsbereite programmgesteuerte elektromechanische Rechenmaschine in Europa.
Mit dem schwedischen Computer dürfte der BARK (Binär Aritmetisk/Automatisk Relä-Kalkylator) gemeint sein.
Obwohl im letzten Satz die Pionierleistung der ETH schliesslich doch noch gewürdigt wird, wünschte ich mir mehr etwas mehr Euphorie. Das zeigt sich bei jenem Aspekt, der sich selbst retrospektiv unverzeihlich finde. Es handelt sich um die Tatsache, dass der Journalist nicht einmal versucht, die eigenständige Entwicklungsleistung Konrad Zuses ins richtige Licht zu rücken. Nüchterner kann man es nicht mehr formulieren:
Sie ist das Produkt einer mehrjährigen Entwicklungsarbeit von Ing. Konrad Zuse.

Eine bedauerliche, symptomatische Tiefstapelei
Vor allem stellt er es so dar, als seien in Europa bloss fremde Leistungen nachexerziert worden. Im Eingangszitat oben beschreibt er die Z4 nicht direkt, sondern vergleicht sie mit «Maschinen, wie sie in England und den USA entwickelt wurden»:
Eine solche Rechenmaschine steht in Amerika; es ist dies eine Maschine, die oft in der Presse beschrieben wurde und die nach dem elektronischen Prinzip mit ca. 20’000 Radioröhren arbeitet.
Mit der beschriebenen Maschine ist vermutlich die ENIAC gemeint. Sie hatte 17’468 Elektronenröhren, was man grosszügig auf 20’000 aufrunden kann. Der Electronic Numerical Integrator and Computer war auf Schnelligkeit und Leistung getrimmt, aber die Z4 war der elegantere Computer: binär, gleitkommafähig, programmierbar über Lochstreifen und für die ETH ein besseres Arbeitsgerät als das vermeintliche Wundergerät aus Übersee.
Diese Tiefstapelei ist rückblickend bedauerlich, obwohl sie absolut symptomatisch ist. Auch später drängte sich immer wieder der Eindruck auf, als hätten die Schweizerinnen und Schweizer die neuen Möglichkeiten absichtlich nicht ernst genommen, um sich keine Gedanken übers Potenzial machen zu müssen.
In Deutschland war es leider genauso. Horst Zuse:
Mir hat der Präsident des Landesvermessungsamtes in Wiesbaden in einem Interview gesagt: Die haben den Konrad Zuse für einen Spinner gehalten. Und dann führt er weiter aus: Erst als die Amerikaner mit ihren Maschinen hier nach Europa kamen, da hat sich die Situation geändert. Da war es aber zu spät.
Lässt sich das anders interpretieren, als dass wir den Amerikanern die Technologieführerschaft nicht nur kampflos und freiwillig überlassen, sondern sie ihnen geradezu aufgedrängt haben? Ich kann mir das nur mit schon damals hervorragendem Marketing erklären. Denn der Beitrag aus Europa zu dieser Revolution war beträchtlich. Von Konrad Zuse, aber vor allem auch von Alan Turing, in dem es im zweiten Teil dieser Archivrecherche geht.
Alan Turing und die anderen, verkannten, stillen Helden der digitalen Revolution:
Wie die Schweizer Zeitungen an Alan Turing gescheitert sind
Fussnoten
1) Respektive jener Teil der Schweizer Medien, der mir über die digitalen Archive zur Verfügung steht. ↩
2) Es lohnt sich, an dieser Stelle ganz exakt zu sein: Das Merkmal eines universell einsetzbaren Computers ist die Turing-Vollständigkeit (Turing completeness): Sie besagt die vollständige Programmierbarkeit. Für die Z3 wurde sie erst nachträglich bewiesen, und auch nur durch einen Kunstgriff. Das Informatik-Magazin erklärt es wie folgt:
Als Stackmaschinen setzen die Z3 und ihr virtuelles Gegenstück eine vereinfachte Form der umgekehrten polnischen Notation um: Erst werden bis zu zwei Operanden geladen und dann die Operation gegeben. Das Ergebnis landet immer im ersten Register. Verfügbar sind die vier Grundrechenarten und die Quadratwurzel sowie Instruktionen zur Ein- und Ausgabe und dem Speichern und Abrufen von Zahlen. Konzepte wie «if-statements» oder das Abrufen einer Speicherzelle über einen dynamischen Index gibt es hier nicht. Trotzdem konnte Professor Raùl Rojas zeigen, dass diese Funktionen mithilfe arithmetischer Operationen dennoch umgesetzt werden können. Somit ist die Z3 theoretisch Turing-vollständig, das heisst sie kann jedes beliebige Programm eines modernen Computers ausführen, sofern es erst in die Z3-Sprache übersetzt wurde. Professor Rojas weist aber selbst darauf hin, dass die von ihm beschriebene Übersetzung absolut nicht praktikabel ist, da dadurch die Laufzeit des Programms ins Unermessliche wächst. ↩
Beitragsbild: Konrad Zuse verabschiedet sich in der Zuse AG in Neukirchen von seinem Computer, bevor die Z4 nach Zürich geliefert wird (ETH-Bildarchiv, CC0).
