LIEBE, EHE UND EHESCHEIDUNG, Und die Selbstherrlichkeit des Individuums.
EINE DISKUSSION
ZWISCHEN
Henry James, Horace Greeley und Stephen Pearl Andrews.
EINLEITENDES KAPITEL.
Was der Welt vor Allem Not tut, ist die grosse Erkenntniss, dass es nicht notwendig ist, für die Menschen zu sorgen. Was die Menschen brauchen, ist ein auf Freiheit und Recht basirtes Gesellschaftssystem und freundschaftliche Kooperation, so dass sie für sich selber sorgen können. Von einem Andern versorgt und als Tribut dafür seinem Willen unterworfen, verkümmern und kränkeln und sterben sie dahin. Das gilt sowohl von den Frauen wie von den Männern; von Ehefrauen so gut wie von Vasallen und Leibeigenen. Das herrschende Ehesystem ist das Haus der Knechtschaft und das Schlachthaus des weiblichen Geschlechts. Ob die Uebelstände inhärente oder zufällige sind, ob sie dem Wesen oder der Führung der Institution anhaften, ob sie ohne oder nur auf dem Wege einer Revolution zu beseitigen sind, — das sind die Fragen, die jetzt erörtert werden müssen.
Nehmen wir nun an, dass in einer künftigen Zeit, unter dem Einfluss der Billigkeit und infolge der angedeuteten Vorkehrungen für die Versorgung der Kinder, es den Frauen so leicht sein wird, sich eine unabhängige Existenz zu erringen, wie den Männern; und dass kraft derselben Vorkehrungen die Verpflegungskosten für ein Kind bis zu dem frühen Alter, wo es infolge anderer entsprechender Einrichtungen fähig wird, seinen eigenen Unterhalt zu verdienen, auf ein Minimum reduzirt werden, — eine geringfügige Summe für das Eine oder das Andere des Elternpaars. Nehmen wir an, dass aus ökonomischen Erwägungen das isolirte Heim dem grossen einheitlichen Bau gewichen ist, und dass infolge dieser Veränderungen, welche die Frau der Sorge für die Ammenstube und das Hauswesen überheben, ihr die Möglichkeit gegeben ist, selbst während ihrer Mutterschaft irgend einen ihrem Geschmacke zusagenden Beruf zu wählen und mit Hingebung zu befolgen oder nach Wunsch zu wechseln; und nehmen wir an, dass bei dieser Lebensführung die Rosen der Gesundheit wieder auf den Wangen der Frau zu blühen beginnen, und dass sie neue und ungeahnte Geisteskräfte, vortrefflichen Geschmack und persönliche Reize entwickeln wird, — kurz, dass während sie das andere Geschlecht gänzlich der Verantwortlichkeit und Sorge für ihren Unterhalt überhebt, sie unbeschreibbar ihre Ebenbürtigkeit mit dem Manne in solchen Dingen beweist, wo sie bisher geleugnet wurde, sowie ihre Ueberlegenheit in tausend schönen Begabungen, welche die Freiheit allein sie zu entdecken und an den Tag zu legen befähigte: — was wird unter diesen Umständen aus dem dritten und letzten Grund für die Nothwendigkeit der Aufrechterhaltung der Institution der ausschliesslichen und unauflöslichen Zwangsehe?
Führen wir diese Voraussetzungen noch weiter; nehmen wir der Illustration wegen an, dass sich in der Freiheit die Neigung zu einem dauernden ehelichen Zusammenleben, wie von Herrn James vorausgesetzt wird, in diesen Dingen als das natürliche Gesetz erweisen sollte; oder umgekehrt, nehmen wir an, dass eine wohlgeordnete Abwechslung in den Liebesverhältnissen sich von der Erfahrung als gerade so wesentlich für die höchste geistige wie physische Entwicklung des Menschen erweisen sollte, wie Abwechslung in der Nahrung, der Beschäftigung oder des Vergnügens; oder nehmen wir, um die Sache noch fester zu begründen, an, dass eine neue und überraschende pathologische Thatsache entdeckt und über allen Zweifel gestellt wird, z. B. dass eine gewisse Krankheit, zur Zeit eine Geissel der Menschheit, wie die Schwindsucht oder die Skropheln, ausschliesslich dem Mangel an gewissen subtilen magnetischen Einflüssen zuzuschreiben ist, welche sich nur aus einer uneingeschränkteren Berührung und einem freieren Verkehr der Geschlechter ergeben. Ich bemerke hier, dass gerade jene Freiheit der Berührung und des Verkehrs die Leidenschaften mildert statt sie zu entflammen, und auf diese Weise ein durchgängig reines Leben wie freundschaftliche und zarte gegenseitige Berücksichtigung fördert. Nehmen wir ferner an, dass die freie Frau eine eingeborene, gottgegebene Neigung an den Tag legte, nur die Edelsten und Begabtesten des entgegengesetzten Geschlechts als die Empfänger ihrer höchsten Liebeshuld und die Zeuger ihrer Sprösslinge zu wählen, indem sie die Individuen eines niederen Grades zurückwiese, wie es bekanntlich die Weibchen einiger niederen Tierarten (welche die Freiheit geniessen, die der Frau versagt ist) tun; und dass in dem Resultat die grosse soziologische Thatsache offenkundig würde, dass die Natur auf diese Weise für eine unendlich höhere Entwicklung der Rasse gesorgt hat. Nehmen wir schliesslich noch an, dass sich durch die Erfahrung ergeben würde, dass die Freiheit der Frau einen in jeder Hinsicht gesundheitsfördernden, mässigenden und veredelnden Einfluss hätte, in demselben Grade, in dem die Freiheit des Mannes, sie zu unterjochen, wie bei den polygamischen Völkern, einen degradirenden, verschlechternden Einfluss ausübte; und dass im Allgemeinen Gott und die Natur augenscheinlich die Frau mit der Oberherrlichkeit in der Gefühlswelt ausstatteten, wie sie dieselbe dem Manne in der intellektuellen Welt verleihen, — eine Funktion, welche sie nimmer auch nur in annähernd richtiger Weise erfüllen kann, bis sie selbst von den Ketten der Konventionalität, der falschen Weihe des Vorurtheils und des Herkommens befreit ist. Nehmen wir an, alles Dieses sei durch die Vernunft und durch Thatsachen gründlichst festgestellt worden, was wird dann aus diesem letzten Argument für die Nothwendigkeit der Institution der gesetzlichen Ehe oder der Ehe überhaupt?
Wenn sich ohne die Ehe ein höherer Begriff von der Keuschheit geltend machte und eine allgemeinere Verwirklichung fände, und Frauen wie Kinder besser geschützt und versorgt würden, wo wäre dann die wiederholte Forderung, dass die jetzt für heilig und unantastbar erklärte Familieneinrichtung aufrecht erhalten werden solle? Was in der Tat könnte es verhindern, dass jene Einrichtung der Verachtung anheimfiele, wie es ehedem anderen Einrichtungen, die vor Zeiten durch ähnliche Erwägungen und schöne Veridealisirungen geheiligt waren, passirte?
Wer kann es vorhersagen, ob künftighin isolirte Familien nicht als Pflanzschulen der Selbstsucht und engbegrenzter Vorurteile gegen die Aussenwelt betrachtet werden werden, welche die Einheit der Menschheit gefährden und aufheben, — dasselbe Element zwischen Nachbarn, was patriotische Vorurteile und Antipathien und „feindliche Berge“ zwischen den Völkern sind? Wer vermag zu sagen, dass es vielleicht nach ein paar Generationen nicht als ein Beweis unserer Barbarei gelten und angeführt werden wird, dass ein reicher und religiöser Bürger sich in Ruhe und Glück niedersetzen konnte, umgeben von Weib und Kindern, inmitten von Komfort und Luxus, und Gott für seinen reichen Segen danken und die heilige Schrift zitiren konnte, „So aber Jemand die Seinen, sonderlich seine Hausgenossen nicht versorget, der hat den Glauben verleugnet und ist ärger, denn ein Heide,“ während elende Weiber und Säuglinge, mit ebenso feiner Empfänglichkeit und ebenso grosser Fähigkeit zum Glück wie seine eigenen teuren Lämmer sie besitzen, in ihren verödeten Häusern, einen Katzensprung von seiner eigenen aristokratischen Türe, sassen, schauernd vor Kälte, von Hunger gequält und aus Angst zitternd vor dem Hausagenten mit dem lauten Pochen und seiner groben Stimme, der gekommen war, um sie selbst aus dieser elenden Behausung, die nur der Hohn ein Heim nennen kann, zu verstossen? Wer kann mit gutem Glauben behaupten, dass eine höhere Auffassung von der Bruderschaft der Menschheit, als sie jetzt — ausgenommen als eine traditionelle Erinnerung an die Lehre Christi oder als die utopischen Träume eines Schwärmers — vorherrscht, bei dem raschen Fortschritt der Ereignisse in diesem modernen Zeitalter nicht in wenigen Jahren schon ihre Verwirklichung finden wird? Und wer kann positiv behaupten, dass nicht in Zukunft die Entdeckung gemacht werden wird, dass das letzte grosse Hinderniss, das der Verwirklichung dieses hehren Ideals menschlicher Geschicke im Wege stand, die in der Anschauung des Volkes abergläubische Heiligung der Ehe und der Familieneinrichtung war, infolge dessen dieselben weder geprüft, noch verbessert, noch abgeschafft werden konnten in Uebereinstimmung mit den Eingebungen der gesunden Vernunft und der jeweiligen Bedürfnisse, in derselben Weise, wie in einem früheren Stadium eine ähnliche Heiligung kirchlicher Einrichtungen und des Gottesgnadentums im Staat die fortschrittliche Entwicklung der Menschheit aufgehalten hätte?
Ich mache darauf aufmerksam, dass ich hier nicht dogmatisire. Ich behaupte nicht einmal, dass die Wahrscheinlichkeit nahe liege, dass sich irgend eine dieser Annahmen verwirklichen werde. Ich stelle einfach die Behauptung auf, dass die Gerechtigkeit und der Fortbestand der Ehe und der Familieneinrichtung rechtmässige Gegenstände des Nachdenkens, der Fragestellung und der Untersuchung bilden. Ich verzeichne hiermit meinen ruhig dargelegten, aber in Wirklichkeit entrüstungsvollen Protest gegen die Voraussetzung, als gäbe es in diesem Zeitalter und in dieser Nation, bei unseren Antezedentien und Prätensionen, irgend einen Gegenstand, der zu heilig wäre, besprochen zu werden. Ich lege mein Zeugniss ab für die Wahrheit des Standpunkts des Despoten und des Sklavenhalters, dass dieselben Uebel, welche in den Institutionen des Despotismus und der Sklaverei existiren, gleichfalls in der Institution der Ehe und der Familie existiren, und dass dieselben Rechtsprinzipien, die man heutzutage auf erstere anzuwenden sucht, letztere nicht unangezweifelt und unbeschädigt lassen werden. Ich gebe dem trägen Publikum einige Andeutungen, dass es mehr Dinge im Himmel und auf Erden gibt, als seine Schulweisheit sich träumen lässt. Ich kräusle die gläserne Oberfläche dieses todten Sees des Konservativismus, in dem sich der Sozialismus als ein Schreckgespenst zur Aengstigung von Kindern wiederspiegelt. Ich gebe der Welt eine Probe der Ideen, des Gedankengangs, der Thatsachen und der Prinzipien, welche die New Yorker „Tribune,“ angeblich das Organ des neuen Gedankens, sich ihren Lesern vorzulegen weigert, unter dem Vorwand, dass die Sache nicht für die Oeffentlichkeit passe. Und schliesslich mache ich noch besonders für künftigen Nachweis eine historische Aufzeichnung von der Thatsache, dass in der Mitte dieses Jahrhunderts und in der Metropole des fortschrittlichsten Landes der Welt diese Ideen der öffentlichen Meinung viel zu weit voraus waren, um irgendwo durch die öffentliche Presse zum Ausdruck zu gelangen, — denn die „Tribune“ ist trotz alledem das liberalste Journal, das noch bei uns gegründet wurde.
Was ich in dieser Broschure zu sagen im Stande sein werde, ist natürlich nur ein Fragment der sozialen Theorien, die ich darzulegen wünsche. Was ich brauchte, war eine durch ein ganzes Jahr laufende Diskussion in einem Medium, wie die „Tribüne,“ im Widerstreit mit den bedeutendsten Köpfen des Landes, — Philosophen, Politiker und Theologen, — zum Kampfe eingeladen oder gereizt. Nach Ablauf dieser Zeit würde das Publikum die Entdeckung zu machen begonnen haben, dass die herrschenden sozialen Dogmen den erhabenen Prinzipien einer neuen und tiefwichtigen Wissenschaft weichen müssen, welche die wahre Grundlage aller sozialen Beziehungen genau bestimmt. Ich wünschte besonders dem Rev. Dr. Bethune einige Fragen vorzulegen, um die Wahrhaftigkeit seiner umfassenden Darstellung der Lehre von der Religionsfreiheit auf die Probe zu stellen, die er in seinem Angriff auf Bischof Hughes in der Madiai Versammlung in der Metropolitan Hall machte. Schliesst er die Mormonen und Türken mit ihrer Polygamie, und die Perfektionisten mit ihrer freien Liebe in seine Toleranz ein, oder würde er, wie Herr Greeley, seine Ausnahmen machen, wenn es zum Klappen käme und, wie Herr Greeley, sich für das Wiederanfachen der Feuer religiöser Verfolgung auf amerikanischem Boden erklären und Diejenigen, deren Gewissen sich von dem seinigen in einigen Punkten unterschiede, ins Gefängniss werfen oder auf dem Scheiterhaufen verbrennen?
Die Frage wird rasch zu einer praktischen in diesem Lande, wenn schon ein ganzes Territorium in dem Besitz einer religiösen Sekte ist, welche sich offen zu der Lehre von der Vielweiberei bekennt und bereit ist, für diese Lehre in den Tod zu gehen. Ehre dem General Cass, dem Patriarchen des Senats, der unlängst das wahre und wahrhaft amerikanische Prinzip verkündet hat, — im Grunde die Selbstherrlichkeit des Individuums. Er spricht sich wie folgt aus:
Unabhängig von ihren Beziehungen zu der menschlichen Bestimmung im Jenseits, glaube ich, dass das Schicksal der republikanischen Regierungsform mit der christlichen Religion unauflöslich zusammenhängt, und dass Leute, welche den heiligen Glauben von sich weisen, die Sklaven böser Leidenschaften und willkürlicher Gewalt sein werden; und ich bekenne es offen, dass ich nicht ohne Besorgniss einige der Zeichen wahrnehme, welche, bei Einigen durch eine schwache Phantasie, bei Andern durch ungeregelte Leidenschaften in unserer Umgebung angeregt, Gründer und Anhänger sonderbarer Lehren hervorrufen, deren Tendenz leichter zu erkennen ist, als es ist, ihren Ursprung und Fortschritt zu erklären; doch sie werden ihr Gegenmittel nicht in Gesetzen finden, sondern in einer gesunden religiösen Anschauung, ob sie nun eine Vermittlung zwischen Gott mittels Stöcken und Steinen und Geisterklopfereien (dieses jüngste und lächerlichste auf menschliche Leichtgläubigkeit spekulierende Experiment) lehren, oder ob sie die heilige Schrift verdrehen und mit ihren unzüchtigen Leidenschaften in Einklang zu bringen suchen, indem sie den Schirm der Religion und der sozialen Ordnung, die Institution der Ehe, zerstören und ein Leben des uneingeschränkten geschlechtlichen Verkehrs führen, — auf diese Weise mittels der Versuchungen zügelloser Sinneslust Proselyten werbend für einen elenden, unserer Natur unwürdigen Betrug. Derselbe Versuch wurde vor etwa drei Jahrhunderten in Deutschland gemacht, in einer Periode sonderbarer Abscheulichkeiten, und schlug fehl. Er wird hier auch fehlschlagen. Wo das Wort Gottes Allen frei steht, kann sich eine so nichtswürdige Doktrin nicht dauernd befestigen.
Dies ist eine echte, obgleich indirekte Anerkennung der Selbstherrlichkeit des Individuums; und obschon verunziert durch einige unhöfliche Hiebe gegen etwas, das der Redner offenbar nicht versteht, steht sie so hoch über den schwächlichen und elenden Unterdrückungsdoktrinen des Herrn Greeley — kränkliche Ueberbleibsel des Mittelalters — wie das neunzehnte Jahrhundert über dem zwölften steht.
In Bezug auf Dr. Bethune ist es nur recht und billig, zu sagen, dass ich keine Ursache habe, an seiner Ehrlichkeit in der Darlegung der Lehre von der Religionsfreiheit zu zweifeln, oder dass er in der Praxis mein Recht, mit drei Frauen zugleich zu leben, wenn mein Gewissen es erlaubte, so bereitwillig und aufrichtig anerkennen würde, wie das Recht, in Florenz eine protestantische Bibel zu lesen. Wenn das nicht der Fall ist, so hoffe ich, dass er eine Gelegenheit wahrnehmen wird, um seine Stellung nochmals darzulegen. Ich brauchte eine längere Diskussion, wie ich sagte, nicht nur, um meinen eigenen Ideen Ausdruck zu geben, sondern auch, um auszufinden, wo Andere in dieser wesentlichsten aller Fragen wirklich stehen — in der Frage von der rechtmässigen Grenze der menschlichen Freiheit.
Aber solche Diskussionen, mit der dem Wahrheitssucher eigenen Unerschrockenheit geführt, sind nicht für die Spalten der „Tribune.“ Die Leser dieses Journals müssen im Dunkeln erhalten werden. Ich ergebe mich und warte die Gründung eines andern Organs ab. Mittlerweile verweise ich Diejenigen, die sich für eine gründlichere Darstellung der in diesen Blättern zum Ausdruck gelangenden oder angedeuteten Prinzipien interessiren, auf „Equitable Commerce,“ „Practical Details in Equitable Commerce“ von Josiah Warren und „The Science of Society“ von mir, im Verlage von Fowler & Wells, New York, und John Chapman, London, welche Werke ich hier öffentlich anzuzeigen Gelegenheit nehme, weil die Presse es gewöhnlich verschmäht, von ihnen wie von anderen Werken über diesen Gegenstand, die später angezeigt werden mögen, Notiz zu nehmen.
STEPHEN PEARL ANDREWS. NEW YORK, APRIL, 1853.
(Libertas 4, Samstag, 05. Mai 1888, S. 2–3.)
Anmerkungen
- Die kursiven Hervorhebungen entsprechen dem Originaltext.
- Das Bibelzitat „So aber Jemand die Seinen, sonderlich seine Hausgenossen nicht versorget, der hat den Glauben verleugnet und ist ärger, denn ein Heide“ stammt aus 1 Tim 5,8. Andrews verwendet es gegen die konventionelle Beschränkung moralischer Fürsorge auf den eigenen Haushalt: Die religiös sanktionierte Sorge für die Familie erscheint ihm gerade dann problematisch, wenn sie mit Gleichgültigkeit gegenüber Not ausserhalb des eigenen Hauses einhergeht.
- Die Wendung, es gebe „mehr Dinge im Himmel und auf Erden“, als die menschliche „Schulweisheit“ sich träumen lasse, spielt auf William Shakespeares Hamlet an. Dort sagt Hamlet zu Horatio: „There are more things in heaven and earth, Horatio, / Than are dreamt of in your philosophy.“ Andrews benutzt das bekannte Zitat gegen die intellektuelle Selbstgewissheit seiner Gegner.
- George Washington Bethune (1805–1862) war ein Geistlicher der Dutch Reformed Church und ein prominenter protestantischer Prediger in New York. Mit der „Madiai Versammlung“ ist eine grosse Protestversammlung im New Yorker Metropolitan Hall vom Januar 1853 gemeint. Sie richtete sich gegen die Verfolgung des protestantischen Ehepaars Francesco und Rosa Madiai im Grossherzogtum Toskana, das wegen seiner religiösen Tätigkeit verurteilt worden war. Bethune griff dabei den katholischen New Yorker Erzbischof John Hughes an. Andrews stellt die Konsequenz dieses protestantischen Bekenntnisses zur Religionsfreiheit auf die Probe: Es müsse, so sein Argument, auch für religiöse und soziale Praktiken gelten, die Protestanten selbst ablehnten. Der Fall Madiai löste 1852/53 auch in Europa und den USA erhebliche Proteste aus.
- Mit dem „ganzen Territorium“, das sich zur Vielweiberei bekenne, ist das 1850 geschaffene Utah-Territorium gemeint, das politisch und gesellschaftlich stark von den Mormonen geprägt war. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage hatte die bereits zuvor praktizierte Mehrehe im August 1852 öffentlich bekanntgegeben. Andrews schrieb sein einleitendes Kapitel damit unmittelbar nach dem Zeitpunkt, an dem die mormonische Polygamie zu einer offenen politischen und religionsrechtlichen Kontroverse in den Vereinigten Staaten geworden war.
- Die „Perfektionisten“ waren die Anhänger des religiösen Sozialreformers John Humphrey Noyes, insbesondere die 1848 gegründete Oneida Community. Sie lehnten die exklusive Ehe ab und praktizierten die sogenannte „complex marriage“, bei der die erwachsenen Mitglieder der Gemeinschaft nicht dauerhaft exklusiv miteinander verbunden sein sollten. Zeitgenössische Gegner bezeichneten dies häufig pauschal als „freie Liebe“. Andrews nennt die Perfektionisten hier neben den Mormonen als Prüfstein dafür, wie weit religiöse Toleranz tatsächlich reichen solle.
- Lewis Cass (1782–1866), den Andrews als „Patriarchen des Senats“ bezeichnet, war ein langjähriger US-Senator, früherer Kriegsminister und demokratischer Präsidentschaftskandidat von 1848. Andrews zitiert ihn zustimmend, weil Cass gesetzliche Unterdrückung ungewöhnlicher religiöser und sozialer Lehren ablehnt und stattdessen auf gesellschaftliche und religiöse Auseinandersetzung setzt. Cass selbst steht diesen Lehren allerdings ausgesprochen ablehnend gegenüber. Seine Bemerkung über „Stöcke und Steine und Geisterklopfereien“ bezieht sich auf den damals rasch wachsenden Spiritualismus, dessen öffentliche Verbreitung in den USA seit den angeblichen Klopfphänomenen um die Fox-Schwestern ab 1848 erheblich zugenommen hatte.
- Cass’ Hinweis auf einen ähnlichen Versuch „vor etwa drei Jahrhunderten in Deutschland“ zielt sehr wahrscheinlich auf das Täuferreich von Münster von 1534/35. Unter der Herrschaft Jans van Leiden wurde dort unter anderem die Mehrehe eingeführt. In der späteren protestantischen und katholischen Polemik galt Münster lange als abschreckendes Beispiel religiöser und sozialer Radikalisierung.
- Andrews verweist am Schluss nochmals auf die theoretischen Grundlagen seiner Position. Josiah Warrens Equitable Commerce erschien erstmals 1846 und wurde 1852 in erweiterter Form neu aufgelegt; Practical Details in Equitable Commerce folgte 1852. Andrews’ eigene zweibändige Schrift The Science of Society erschien 1851/52 und verband Warrens Kostenprinzip mit der Theorie der individuellen Souveränität. Die Werke bilden damit den unmittelbaren theoretischen Hintergrund der hier geführten Ehe- und Freiheitsdebatte.