LIEBE, EHE UND EHESCHEIDUNG, Und die Selbstherrlichkeit des Individuums.
EINE DISKUSSION
ZWISCHEN
Henry James, Horace Greeley und Stephen Pearl Andrews.
EINLEITENDES KAPITEL.
Josiah Warren, ein unbekannter, einfacher Mann, ein Mann aus dem Volke, ein gesunder Denker, — der gründlichst analytische Denker, der jemals diese Klasse von Gegenständen behandelt hat, — ist der Entdecker von Prinzipien, welche die gerechte Organisation der Gesellschaft zu einer so einfachen Sache der Wissenschaft machen wie irgend etwas anderes. „Die Selbstherrlichkeit des Individuums,“ mit seiner Einschränkung, und „die Kosten, die Grenze des Preises“ werden ihn berühmt machen und eine Epoche in der Weltgeschichte bezeichnen. Die Verwirklichung der Resultate dieser Prinzipien geht bereits vor sich nach einem Massstabe allzu klein und mit einer Stille allzu selbstvertrauend, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, aber mit einem Erfolg, der für Diejenigen, die dabei praktisch beteiligt sind, befriedigend und ermutigend ist. Es ist Etwas, behaupten zu können, dass wenigstens ein Städtchen existirt, wo Frauen und Kinder die gleiche Vergütung für ihre Arbeit erhalten wie die Männer, und nicht aus Wohltätigkeit, sondern infolge eines klarerkannten Prinzips der Gerechtigkeit und durch allgemeine Uebereinstimmung, ohne Gelübde oder Zwang.
Herr Warren ist der Euklid der Sozialwissenschaft. Er mag nichts von Algebra oder der Differentialrechnung verstehen, aber die ganze Sozialwissenschaft wie jede wohltätige, erfolgreiche und dauernde soziale Einrichtung, welche je in Zukunft getroffen werden soll, muss sich auf den Prinzipien aufbauen, welche von ihm entdeckt und verkündet wurden. Es gibt keine Alternative, und Reformer werden wohl tun, mit der Erkenntniss zu beginnen, dass ihnen das Studium einer Wissenschaft und die Verrichtung einer bestimmten Arbeit obliegt, und nicht die Pflege einer einfach sinnlosen, endlosen und ziellosen Agitation. Die Arbeit verlangt Pioniere, Männer mit Körper-, Geistes- und Willenskraft. Sie bedarf der Architekten, welche die Formen, Verhältnisse und Füglichkeiten des zu errichtenden ungeheuren Baues geistig zu erfassen vermögen; und Steinhauer und Maurer und Bauleute jeden Grades; Männer, besonders an dieser Stufe, welche zu den Fundamenten hinunter steigen, die Erde ausgraben und die Grundschwellen des sozialen Baues legen. Die Greeleys und die Jameses sind nicht solche Männer. Sie gehören weder der einen noch der andern dieser Klassen an. Sie müssen ihre Zeit abwarten, und wenn die Arbeit vollbracht ist, werden sie vielleicht zögernd die Thatsache anerkennen, obgleich sie nicht à priori die Prinzipien erfassen konnten, auf Grund deren sie vollzogen werden sollte.
Es war mit der Absicht, die Umrisse des ganzen Umfangs der zu verrichtenden Arbeit zu entwerfen, die jetzt bekannten Prinzipien auseinanderzusetzen, Diskussion und Opposition, die Kritik der fähigsten Federn über jeden Punkt, den ich vorbringen würde, herauszufordern, dass ich von den Spalten der „Tribune“ Gebrauch zu machen wünschte. Es ist solches Wissen, wie ich es besitze hinsichtlich des ganzen Bereichs der Gegenstände, für die man Herrn Greeley ein besonderes Interesse zuschreibt und als deren Organ die „Tribune“ in gewissem Sinne hierzulande betrachtet wird, welches ich durch ihre Vermittlung der Welt vorzulegen wünschte. Es ist diese Auskunft, mag sie wenig wert sein oder viel, welche sich Herr Greeley weigert, in den Bereich seiner Leser zu bringen. In wieweit sich die Engherzigkeit dieser Ausschliessung mit den Prätensionen dieses Blattes verträgt, wird ohne Zweifel von verschiedenen Personen verschiedentlich beurteilt werden.
Herr Greeley hat keinen Begriff, und hatte nie einen, von der vollen Tragweite der tatsächlich, wenn nicht augenscheinlich bevorstehenden sozialen Revolution, welche stündlich in unserer modernen Gesellschaft vorwärtsschreitet. Er ist kein Sozialist in irgend einem vollen, revolutionären und umfassenden Sinne. Er hat kein Verständniss für eine so umfassende Idee wie eine universelle Analogie. Er weiss nicht, dass es unmöglich ist, dass eine der grossen Abteilungen sozialer Angelegenheiten, — die der Liebesverhältnisse, zum Beispiel, — auf ihrer alten Zufallsgrundlage, in der Abwesenheit forschender und vorausblickender Wissenschaft, genau vollkommen sein kann, während alle andern Abteilungen radikal verkehrt sind; gerade so unmöglich, wie dass sich eines der Glieder des menschlichen Körpers vollkommener Gesundheit erfreuen kann, während die übrigen gefährlich, ja tödtlich erkrankt sind. Dieser grossen Thatsache unkundig und vorgefasste doktrinäre Meinungen und persönliche Liebhabereien mit Prinzipien verwechselnd, bilden seine Ansichten ein Mosaik von Widersprüchen. Er stellt eine wunderliche Kreuzung dar zwischen Ultraradikalismus und engherziger Orthodoxie, zwischen den beiden Richtungen unstet hin und her schwankend. Deshalb ist er, wie ich bemerkte, völlig unzuverlässig als Führer und muss für seine Anhänger und Freunde ein Gegenstand fortwährenden Aergernisses und Enttäuschung sein, wie er für seine persönlichen Feinde ein Gegenstand zugleich des Spottes und der Verachtung ist, da sie in den wirklich tüchtigen Eigenschaften des Mannes keine Kompensation seiner Mängel erblicken.
Als Gegner, oder als Schiedsrichter zwischen Gegnern, ist Herr Greeley ungerecht, listig und gemein. Infolge seines eigenen Mangels an Konsequenz und seiner Schwäche allerlei Nebeneinflüssen gegenüber, ist er bis zu einem hohen Grade praktisch unehrlich. Es ist mit Bezug auf das Moment der Bewusstlosigkeit und der Abwesenheit aller Berechnung in seinen Quertreibereien, dass ich ihn für ehrlich erklärte. Er kann keinerlei Anspruch erheben, als ehrenhaft im ritterlichen Sinn des Wortes angesehen zu werden. Die edlern männlichen Attribute gehen ihm bis zu einem beklagenswerten Grade ab. Wer immer auf zarte Berücksichtigung der Gefühle Anderer, höfliche Manieren, Grossmut oder selbst jenen derben Sinn des Rechttuns sieht, von dem man herrliche Beispiele unter den englischen Bauern oder Preisfechtern antrifft, muss sich anderswo umschauen. Vielleicht gibt es keine bessere Illustration dieser Mängel eines unparteiischen Journalisten und hochgesinnten Gegners als die beiden folgenden Tatsachen. Meine Zuschriften in dieser Kontroverse wurden Herrn James in liberaler Weise zur Verfügung gestellt ehe sie veröffentlicht wurden, um von ihm gelesen und studirt zu werden, und sind von letzterem Herrn so gelesen und studirt worden, und um eine derselben hat er herumgeschrieben und halb darauf geantwortet in seiner Entgegnung an der „Observer,“ damit seine Erwiderung gegen mich mit einem Federstrich und einem einfachen Hinweis auf was er bereits publizirt hatte erledigt werden könnte.
Die andere Illustration besteht in der Tatsache, dass während Herr Greeley die Veröffentlichung meiner Entgegnungen gegen ihn und Herrn James verweigerte, er das Publikum von dieser Weigerung nicht in Kenntniss setzte. Er war nicht anständig genug, seine Leser zu belehren, dass er es war, der es für gut fand, die Diskussion plötzlich abzuschliessen, und dass ich es bin, dem jede Erwiderung abgeschnitten ist. Er hat daher sein Teil dazu beigetragen, bei ihnen den Eindruck zu hinterlassen, dass ich zum Schweigen gebracht wurde nicht durch eine tyrannische Ausübung willkürlicher Gewalt, sondern durch die Macht der Logik. So stiehlt er sich den Ruf des Siegers in einer Schlacht, welche er zu schlagen nicht den Mut besass. Diese Entpuppung des Herrn Greeley ist vielleicht nicht überraschend angesichts der Wertschätzung, die ich jetzt von seiner Organisation, seinen Neigungen und seinem Bildungsgrade mache. Ich gestehe, mit Herrn James lag die Sache etwas anders. Ich glaubte ihn in einem Kreise aufgewachsen, wo man, wenn auch mit andern Fehlern in Menge behaftet, nichtsdestoweniger hochgesinntes und ritterliches Betragen Gegnern gegenüber nicht weniger pflegt als edle Höflichkeit gegen eigene Freunde. Nervöse Anstrengungen, auf Grund des persönlichen Einflusses in jenem Quartier die Kritik eines Gegners zu unterdrücken, und eine ungeziemende Bereitwilligkeit, sich die Unschicklichkeit von Redakteuren und Unterredakteuren zu Nutze zu machen, welche in der Erteilung von Auskunft lag, die reservirt werden sollte, waren Hindernisse im Wege eines recht und billigen Gehörs, die ich nicht vorausgesehen hatte.
Es ist angebracht, dass ich den Ursprung und die Antecedentien dieser Diskussion erwähne. Herr James veröffentlichte in der „Tribune“ eine sehr freche, oberflächliche Besprechung eines Werkes von Doktor Lazarus, betitelt „Liebe vs. Ehe,“ deren Kernpunkt in der platten, nackten Voraussetzung bestand, dass die Familie und nicht das Individuum die Gesellschaftseinheit bilde. Daraus entstand eine Diskussion zwischen ihm und dem Redakteur des New Yorker „Observer,“ ein einflussreiches und höchst respektables religiöses Blatt dieser Stadt, der presbyterianischen Sekte angehörend, der mit Herrn James zu Gericht sass wegen einiger seiner Ketzereien, wie auch mit Herrn Greeley, weil er eine Diskussion über solche Gegenstände in seiner Zeitung überhaupt gestattete. Die Erwiderungen des Herrn James, seine eigene Stellung in der Ehefrage darlegend, schienen mir, während es ihnen an kräftiger Invektive gewiss nicht fehlte, so unlogisch und unzusammenhängend in ihrem Raisonnement, dass ich es auf die allgemeine Erklärung des Herrn Greeley hin, dass er den ganzen Gegenstand besprochen zu sehen wünsche, wagte, ein paar Fragen an Herrn James zu richten, deren folgerichtige Beantwortung zum klaren Verständniss seiner Stellung und zur Förderung der Sache der Freiheit, die er zu verteidigen vorgab, viel beigetragen haben würde. Was daraus folgte, wird aus der Diskussion selbst hervorgehen.
Es liegt nicht in meinem gegenwärtigen Plan, die Diskussion zwischen Herrn James und dem „Observer“ zu veröffentlichen. Ich werde nichtsdestoweniger mit einer der Erwiderungen des Herrn James gegen jenen Gegner den Anfang machen, sowohl wegen des notwendigen Zusammenhangs, in dem sie mit dem Nachfolgenden steht, als auch um den Leser in Stand zu setzen, darüber zu urteilen, bis zu welchem Grad sich Herr James durch seine gewohnheitsmässig anmutige Art und Weise zu einer höflichen und rücksichtsvollen Behandlung berechtigt. Ich bedaure jeden Schein der Unbilligkeit, der in der Weglassung der äusserst fähigen und scharfen Erwiderungen des Herrn James gegen den „Observer“ liegt, aber die mir gesteckte Grenze lässt eine so umfangreiche Republikation nicht zu, da es mein Zweck ist, hier Das zu geben, was anderswo von der Veröffentlichung ausgeschlossen wurde.
Ehe ich diese Einleitung zu Ende bringe, wünsche ich noch ein paar Bemerkungen über den allgemeinen Gegenstand zu machen, und zwar hauptsächlich in Bezug auf die gefährliche und höchst verabscheuungswürdige Natur meiner Prinzipien und Ansichten.
Der pfäffische Frömmler wie der geistige Tyrann glaubt in allem Ernst, dass die Gedanken- und Gewissensfreiheit eine gefährliche Sache für Diejenigen ist, die unter seinem Einfluss stehen, weil er von der Voraussetzung ausgeht, dass er eine nützliche Person ist, und dass sein Wirken wie sein Einfluss zum Wohl des Volkes wesentlich, ja unerlässlich ist. Man kann ihn nicht auf den einfachen Grund hin, dass sein Interesse dabei beteiligt ist, als unehrlich erklären, da das Volk, dessen Interesse dem seinigen wirklich entgegengesetzt ist, dieselbe Ansicht teilt und gutheisst. Es ist gewöhnlich Unwissenheit auf beiden Seiten; seltener das Verhältniss zwischen Betrüger und Betrogenen. Es ist die erste Voraussetzung, woraus sich auf beiden Seiten die Hinfälligkeit alles weiteren Denkens ergibt. Es liegt auf der Hand, dass die Gedanken- und Gewissensfreiheit jene Autorität zu erschüttern droht, welche alle Parteien zu erhalten sich verpflichteten durch das Zugeständniss ihrer Unentbehrlichkeit. Folglich ist die Gedanken- und Gewissensfreiheit eine gefährliche Sache. Unter Voraussetzung der Prämisse kann keine Schlussfolgerung richtiger sein. Alle Forschung liegt daher darnieder, bis die Menschen wieder Mut fassen, die Frage aufzuwerfen: Zu was brauchen wir überhaupt den pfäffischen Frömmler wie den geistigen Tyrannen?
So in der politischen Sphäre. Der kleine Fürst irgend eines obskuren Fürstentums ist vielleicht von dem redlichen Wunsch beseelt, seinen Untertanen die Segnungen der Erziehung und des Fortschritts zu Teil werden zu lassen. Also fördert er das Schulwesen, die Litteratur und die Pressfreiheit; aber es träumte ihm nie anders als dass sich diese Neuerungen mit dem statu quo vertragen werden, sowohl in Bezug auf ihn selber wie auf sein Herrscherrecht. Bald aber macht sich die Verbreitung des Wissens wie das Erwachen des Geistes in kühnen und immer kühneren Spekulationen geltend bezüglich solcher Gegenstände wie Selbstregierung, monarchische Usurpationen, u. s. w., welche das Bestehende bedrohen. Unser wohltätige Despot, der während dieser ganzen Zeit stillschweigend und in gutem Glauben die Unentbehrlichkeit seiner eigenen fürstlichen Dienste vorausgesetzt hatte, erschrickt plötzlich und versucht im vermeintlichen Interesse des Volkes dem freien Meinungsaustausch Grenzen zu setzen und denselben einzuschränken. Aber das ist angesichts der dem Volke bereits zu Teil gewordenen Erziehung um so schwieriger. Die geistige Agitation nimmt eine kühnere Haltung an und das Volk widersetzt sich aufs ernstlichste allen Einschränkungsversuchen. Jetzt bietet sich dem unbewussten Tyrannen als letztes Mittel die absolute Unterdrückung, zu dem er auch in der Meinung greift, bei jedem Schritt nur im höchsten Interesse seiner undankbaren und rebellischen Untertanen gehandelt zu haben. Die einzige Alternative der letztern liegt nun in der Unterwerfung oder in der Empörung mit ihren Schrecken. Reaktion und Revolution reihen sich gegen einander auf in tödtlicher Feindschaft, und der Monarch nebst dem konservativen Teil des Volkes sehen sich zu der einzigen Schlussfolgerung getrieben, die sie ziehen können, — dass die Erziehung und geistige Aufklärung schädliche und schlechte Dinge sind, ein teuflisches Element in der menschlichen Gesellschaft. Der fatale Irrtum besteht in der Voraussetzung als Ausgangspunkt, dass das jetzt Bestehende in keinem Falle eine Veränderung erleiden darf. Um diese Voraussetzung aufrecht zu erhalten, darf Nichts einer Veränderung unterliegen, denn wenn der Wechsel einmal beginnt, wird er keine Grenzen respektiren. Folglich muss Unwissenheit wie universeller Stillstand emsig gehegt und gepflegt werden. Es kann niemals eine gesunde Philosophie geben, welche von der Verehrung der Heiligkeit der alten Ueberlieferungen angekränkelt ist.
Eine Neuerung nach einer Richtung bedingt eine Neuerung nach allen Richtungen in dem Masse, in welchem der Anpassungs- und Berichtigungsprozess vorwärtsschreitet. Möge Derjenige, der für eine so weitreichende Revolution nicht vorbereitet ist, sich besinnen, ehe er zu Gunsten der Reform zu agitiren beginnt. Vorurteil und Philosophiren sind unverträglich.
In demselben Sinne ist die Freiheit der Stolz, die Losung und der Schlachtruf aller der fortgeschrittensten Völker der Christenheit. Aber es unterläuft dabei die stillschweigende Voraussetzung, dass die Institution der Familie auf ewig unangetastet bleiben müsse. Sie ist der soziale Götze, wie das Königtum der politische und die Kirche der religiöse Götze der Menschheit waren. Diese Voraussetzung beruht, wie in den andern Fällen, auf einer andern, — nämlich der Nützlichkeit, der Unentbehrlichkeit jener Institution, erstens, zur Erhaltung der Reinheit des geschlechtlichen Verkehrs, und, zweitens, zur ausreichenden Fürsorge und liebevollen Erziehung der Kinder, und, schliesslich, zum Schutz und zur Unterstützung des schwächern Geschlechts. Geschlechtliche Reinheit, die Versorgung der Nachkommen und die Sicherheit des schwächern Geschlechts werden intuitiv als wünschenswert und gut betrachtet; folglich, wird angenommen, ist die Familie heilig und folglich, wiederum, darf sie unter keinen Umständen in Zweifel gezogen oder angegriffen werden. Aber die Freiheit der Neigungen ist der Möglichkeit ausgesetzt, die Grenzen der Familie zu überschreiten und die Freiheit (dieser Art) ist daher eine verwerfliche Sache. Folglich tritt an diesem Punkte eine Reaktion gegen die Freiheit ein.
Der durchschnittliche Menschengeist macht selten einen Irrtum im Denken. Wenn sich ein Irrtum vorfindet, so besteht er häufiger in der falschen Voraussetzung einer oder mehrerer Tatsachen, auf Grund deren der Denkprozess sich vollzieht, oder in der mangelhaften Ausführung des Prozesses bis zu seinen letzten Konsequenzen. Ist die Voraussetzung richtig, dass nur in der Familie die Reinheit gehegt und gepflegt, die Kinder passend erzogen und die Frauen beschützt werden können, dann folgen all die anderen Konsequenzen logisch von selber; und es gibt eine Art menschlicher Freiheit, — eine Ausnahme von der allgemeinen Wertschätzung jenes Attributs des Menschen, — die ein Fluch statt ein Segen ist, eine Sache, die man bekriegen und ausrotten, und nicht anstreben, lieben und pflegen muss.
Es ist gewiss eine berechtigte Frage: verhält sich die Sache wirklich so? Sind die bezeichneten Desiderata nur zu erreichen durch eine gewisse bestehende Institution, welche die Menschheit inmitten ihrer allgemeinen Unwissenheit und Rückständigkeit in jeder andern Hinsicht wunderbarerweise die Einsicht hatte, genau auf der richtigen Grundlage zu errichten?
Erstens, denn, hinsichtlich des ersten Punktes, geschlechtliche Reinheit betreffend. Um festzustellen, ob die unauflösliche und ausschliessliche Ehe zu diesem Zwecke unumgänglich ist, müssen wir zuerst die Frage beantworten: Worin besteht die Reinheit? Die gewöhnliche, ich kann sagen, die vulgäre Antwort, Herrn Greeleys Antwort auf diese Frage ist: Treue gegen das eheliche Verhältniss (oder, in Abwesenheit dieses Bandes, gar kein geschlechtliches Verhältniss). In kategorische Formeln gebracht, lauten die beiden Propositionen einfach wie folgt: 1. Die Institution der Ehe ist heilig, weil sie zur Pflege der Reinheit unentbehrlich ist. 2. Die Reinheit besteht in der Pflege der Institution der Ehe. Sich so im Kreis zu bewegen ist einfach absurd und der wirklich philosophische und forschende Geist kann darin keine Befriedigung finden.
Ich will nun diese Frage anders beantworten und dann wollen wir sehen, wer sie beanstandet. Geschlechtliche Reinheit, sage ich, besteht in jenem Verhältniss der Geschlechter, wie immer es sich offenbare, welches im höchsten Grade die gegenseitige Gesundheit und Glückseligkeit fördert, die unmittelbaren Folgen sowohl in Betracht gezogen wie die mittelbaren.
Wird diese Definition acceptirt, dann ist auch wieder das ganze Gebiet neuen, radikalen und wissenschaftlichen Forschungen geöffnet, physiologischen, psychologischen und ökonomischen Forschungen, Forschungen von solch umfassender und tiefgreifender Natur, wie sie die Welt durchzuführen bis jetzt noch nicht einmal träumte; und Der muss ein grosser Egoist sein, der bei dem heutigen Stand unserer Erfahrung sich erkühnen kann, zu behaupten, dass er die ganze Wahrheit, das letzte Wort der Wissenschaft über diesen Gegenstand besitze. Eins nur ist gewiss, — nämlich, dass die absolute Freiheit, mit Einschluss auch des zeitweiligen, aus der Unwissenheit sich ergebenden Missbrauchs derselben, eine unerlässliche Bedingung ist, um nur erst die Data zu liefern zur erspriesslichen Erörterung dieses Gegenstandes. Irgend eine Erledigung dieser Frage heutigen Tages würde kaum so viel Wert besitzen wie eine Entscheidung im Innern Russlands bezüglich der besten Form menschlicher Regierung. Es kann nicht behauptet werden, dass geschlechtliche Reinheit in meinem Sinne des Worts jemals durch Zwangsgesetze ist erzielt worden. Prostitution, innerhalb und ausserhalb der Ehe, und geheimes Laster bilden die Signatur der heutigen Gesellschaft.
Wenn die Freiheit in ihren Wirkungen zeigen sollte, dass Reinheit in diesem Sinne auch anderswie erreicht werden kann, dann ist dieses Argument zu Gunsten der Zwangsehe verfehlt. Im Gegenteil, wenn die Freiheit in Zukunft immer verboten sein wird, wie sie bisher immer verboten war, wie soll es festgestellt werden, dass ein solches Resultat nicht aus ihr erzielt werden würde? Ein Teil der Menschheit glaubt es würde, ein anderer glaubt es nicht, während die Gelegenheit versagt ist, die Frage einer experimentellen und tatsächlichen Probe zu unterwerfen.
Der zweite Punkt ist die Pflege und Erziehung der Kinder. Gewiss dürfen wir nicht besonders stolz sein auf die Erfolge, welche die Menschheit in der Ausübung dieser Kunst bisher errungen hat, wenn uns die Statistik belehrt, dass fast die Hälfte der ganzen menschlichen Familie im Säuglingsalter stirbt! Und wenn nun neunzehntel der Uebriggebliebenen einfach erwachsene Missgeburten sind, nur halbausentwickelt vor der Geburt, und nach derselben durch die verkehrte Behandlung der Unwissenheit und durch schreckliche Missbräuche noch schlimmer verzerrt und verdorben! O, weh! Werden die Kinder in der jetzigen Familieneinrichtung mit irgend welchem Geschick, irgend welcher wahren Wissenschaftlichkeit, irgend welcher gerechten Würdigung der eigentlichen Natur dieser hehren, jedoch zarten Aufgabe, welche genauere Kenntnisse, verfeinertere Instinkte, grössere Vorsicht und Urteilskraft als irgend sonst etwas verlangt, gepflegt und erzogen? Können unsere bestehenden, häuslichen Gebräuche sich durch die Früchte, die sie gezeitigt haben, empfehlen, oder sind der Grosskindermord, die schrecklichen Torturen, die der Kindheit jetzt gewöhnlich auferlegt werden, von einer Art, dass bei ihrer blossen Erwähnung die Ohren einer späteren, weiseren Generation einst klingen werden? Ist es nicht möglich, dass unsere geschätztesten gesellschaftlichen Gebräuche ihren Vorstellungen so entsetzlich sein werden, wie der unsrigen heute die Hekatomben der politischen Morde einer neapolitanischen Regierung?
Nehmen wir nun an, dass eine zukünftige Erfahrung es als Tatsache erweisen würde, dass von den Kindern, die in einer gemeinsamen, von geschickten, professionellen Wärterinnen, Vorsteherinnen und Physiologen geleiteten Ammenstube verpflegt werden, welche die Mütter — ausser diejenigen, die aus freier Wahl in der Ammenstube beschäftigt sind — höchstens zu gewissen Stunden, zwecks Säugung der Kinder betreten, nur eines aus hundert während der ersten fünf Jahre stürbe; nehmen wir an, dass bei einer solchen Einrichtung dieselbe Arbeit, die nun die Zeit von fünfzig Frauen in Anspruch nimmt, so systematisirt werden könne, dass sie nur fünf beschäftigte, und fünfundvierzig Personen für produktive Arbeit auf andern Gebieten frei liesse; nehmen wir an, dass so erzogene Kinder mit grösserem Körperbau und gesunderen Konstitutionen, helleren Geistern, lebhafteren Zuneigungen und vorzüglicheren Fähigkeiten in jeder Hinsicht heranwüchsen; nehmen wir an, dass alles Dieses so augenfällig und unbestreitbar wäre, dass Niemand wagen würde, es in Frage zu stellen, und so anziehend, dass kaum eine Mutter es wünschen oder wagen würde, ihr Kind isolirt grosszuziehen, — was würde aus diesem zweiten Grund werden, auf dem die Familieneinrichtung, als einziges Mittel zur angemessenen Beschützung der Kindheit, mit Gewalt der Waffen aufrecht erhalten wird?
Die dritte und letzte Basis der Familie ist die Beschützung und Erhaltung der Frauen selbst. Hier scheint es mir abermals als habe das gebräuchliche System, wonach der Gatte und Vater alles Geld verdient, und es in barmherzigen Gaben an Frau und Töchter verteilt, die in hülfloser Abhängigkeit, in Unwissenheit des Geschäftes und der Verantwortlichkeiten des Lebens erhalten werden, sich noch keinen entschiedenen Anspruch an unsere allerhöchste Bewunderung erworben. Die armen Empfängerinnen väterlicher oder ehemännlicher Freigebigkeit sind zu jeder Zeit der Möglichkeit ausgesetzt, auf ihre eigenen Hülfsquellen verwiesen zu werden, ohne Hülfsquellen zu haben, auf die sie sich verweisen lassen könnten. Die Abwesenheit jeder früheren Notwendigkeit, Vorschung zu üben, für Selbsterhaltung und Selbstbeschützung untauglich gemacht, und in Folge des Systems nur auf die allerunsichersten Aussichten angewiesen, sind die Möglichkeiten, denen sie unterworfen sind, schrecklich, und ihre täglichen Erfahrungen im höchsten Grade grausam. Im besten Falle und so lange die Beschützung dauert, sind deren Resultate Geistesschwäche und körperliches Siechtum. Es ist kaum eine Frau in unserer Mitte, die Jahr ein Jahr aus weiss, was es heisst, sich auch nur leidlicher Gesundheit zu erfreuen. Die Wenigen, die trotz des Systems zu einiger Entwicklung gelangen, werden durch das Bewusstsein und die Demütigungen ihrer Abhängigkeit, und die daraus erwachsende unendliche Reihenfolge kleinlicher Unannehmlichkeiten, gemartert; worüber ihre gebietenden Gefährten, in selbstgefälliger Betrachtung ihrer eigenen wohlwollenden Intentionen versunken, sich gründlichster Unwissenheit erfreuen. Der Notwendigkeit dieses fortwährenden und erschöpfenden Duldens gefangen gegeben, haben Frauen dieselben Motive wie Sklaven, sich für zufrieden zu erklären und lächeln heuchlerisch, während ihr Herz vor Entrüstung bebt und eine Thräne im Auge zittert. Der Mann beklagt sich gewohnheitsmässig über die Launenhaftigkeit und den Eigensinn der Frau, ohne jemals den Verdacht zu schöpfen, dass er selbst und seine falschen Beziehungen zu ihr den Schlüssel zu tausend scheinbaren Widersprüchen in ihrem Betragen und ihrem Charakter liefert. Das Letzte, das dem Gatten, in der Ehe wie sie ist, in aller Wahrscheinlichkeit bekannt ist, ist der wahre Zustand des Herzens, das neben ihm schlägt, während er sein Haupt auf sein eigenes Kissen legt. Die Frau, sowohl wie der Sklave, muss erst gänzlich frei sein, ehe sie sich in die Gefahr begeben darf, sich offen auszusprechen. Sie wagt es nicht, ihrer eigenen Klage mutig Ausdruck zu geben und wird sogar offen verdammen, während sie im Geheimen für den guten Erfolg des Freundes, der für sie das Wort ergreift, inbrünstig betet.
(Libertas 3, Samstag, 21. April 1888, S. 2–3.)
Anmerkungen
- Die kursiven Hervorhebungen entsprechen dem Originaltext.
- Der Vergleich mit Johannes dem Täufer, der „in der Wüste rief“, greift die biblische Darstellung des Täufers als Wegbereiter Jesu auf. Die Formulierung „Ebnet den Weg“ geht letztlich auf Jesaja 40,3 zurück und wird in den Evangelien auf Johannes bezogen. Andrews charakterisiert Greeley damit als erfolgreichen Wegbereiter gesellschaftlicher Reformen, dem jedoch die Fähigkeit fehle, selbst ein geschlossenes neues System zu entwerfen.
- Mit dem „Städtchen“, in dem Frauen und Kinder für ihre Arbeit die gleiche Vergütung wie Männer erhielten, ist Modern Times auf Long Island gemeint, die 1851 gegründete experimentelle Siedlung, aus der später Brentwood hervorging. Dort sollten die Prinzipien der individuellen Souveränität und des „equitable commerce“ praktisch erprobt werden. Der Austausch beruhte unter anderem auf Arbeitszeit und Arbeitsnoten; der Wert geleisteter Arbeit sollte grundsätzlich nicht vom Geschlecht oder Alter der arbeitenden Person abhängen. James J. Martin ordnet Andrews’ Hinweis ausdrücklich den damals laufenden Experimenten in Modern Times zu; s. dazu auch Martins in der weiterführenden Literatur verzeichnetes Männer gegen den Staat.
- Die Bezeichnung Warrens als „Euklid der Sozialwissenschaft“ bezieht sich auf den antiken Mathematiker Euklid, dessen Elemente über Jahrhunderte als Muster einer systematisch aus wenigen Grundsätzen aufgebauten Wissenschaft galten. Andrews will damit sagen, dass sich nach seiner Auffassung auch die Gesellschaftswissenschaft aus wenigen elementaren Prinzipien logisch ableiten lasse.
- Bei dem erwähnten „Doktor Lazarus“ handelt es sich um Marx Edgeworth Lazarus (1822–1896), einen US-amerikanischen Arzt, Fourieristen und Vertreter des individualistischen Anarchismus. Sein 1852 bei Fowlers and Wells erschienenes Love vs. Marriage kritisierte die gesetzlich institutionalisierte Ehe und stellte ihr eine auf gegenseitiger Liebe beruhende freie Verbindung gegenüber. Das Werk bildete den unmittelbaren Anlass für die Besprechung, auf die Andrews hier verweist.
- Das im deutschen Text als „geheimes Laster“ bezeichnete Phänomen lautet im englischen Original solitary vice. Damit ist Masturbation gemeint. Der Ausdruck gehörte zur moralischen und medizinischen Sprache des 18. und 19. Jahrhunderts, in der Selbstbefriedigung häufig als gesundheitsschädliches und charakterlich verderbliches Verhalten dargestellt wurde. Andrews übernimmt hier die zeitgenössische Bezeichnung, obwohl seine Argumentation ansonsten gerade gegen gesetzlich oder moralisch erzwungene Sexualnormen gerichtet ist.
- Andrews’ Behauptung, „fast die Hälfte der ganzen menschlichen Familie“ sterbe im Säuglingsalter, ist nicht als präzise Statistik im heutigen Sinn zu verstehen. Historische Rekonstruktionen bestätigen zwar eine ausserordentlich hohe Kindersterblichkeit: In vormodernen Gesellschaften starb ungefähr die Hälfte der Kinder vor dem Erreichen des Erwachsenenalters. Für das erste Lebensjahr lag der historische Durchschnitt jedoch deutlich tiefer. Die Formulierung des englischen Originals lautet ebenfalls “one-half of the human family die in infancy” und ist somit keine Zuspitzung der deutschen Übersetzung. Einen Überblick über die historischen Daten bietet Our World in Data.
- Mit den „Hekatomben der politischen Morde einer neapolitanischen Regierung“ spielt Andrews auf die repressive Herrschaft Ferdinands II. im Königreich beider Sizilien nach den Revolutionen von 1848 an. Politische Gegner wurden in grosser Zahl verfolgt, inhaftiert oder ins Exil gezwungen. International bekannt wurden die Zustände insbesondere durch William Ewart Gladstones 1851 veröffentlichte Two Letters to the Earl of Aberdeen on the State Prosecutions of the Neapolitan Government, die die Behandlung politischer Gefangener öffentlich anprangerten.
- Gegenüber dem englischen Original weist die deutsche Übersetzung in diesem Abschnitt einige sachlich relevante Abweichungen auf. Nach Andrews’ Erklärung, weshalb er die Spalten der Tribune benutzen wollte, fehlt ein ganzer Satz des Originals. Später spricht die deutsche Fassung von den „Erwiderungen des Herrn James gegen den Observer“, während Andrews im Original die ausgelassenen Erwiderungen des Observer meint. Bei der Gesundheit der Frauen entfällt ausserdem die englische Angabe one in ten, und das auffällige deutsche „Vorschung“ gibt das englische prevision wieder, also etwa „Voraussicht“ oder „Vorsorge“. Da diese Formen eindeutig so gedruckt sind, bleiben sie in der Transkription unverändert.