LIEBE, EHE UND EHESCHEIDUNG, Und die Selbstherrlichkeit des Individuums.
EINE DISKUSSION
ZWISCHEN
Henry James, Horace Greeley und Stephen Pearl Andrews.
EINLEITENDES KAPITEL.
Vor drei Jahrhunderten, zu Anfang der protestantischen Reformation, lag die Welt noch in dreifachen Banden des Aberglaubens, — kirchlich, staatlich und ehelich. Die Kirche, der Staat und die Familie beanspruchten gleichmässig, göttlichen Ursprungs zu sein und im Schutze der göttlichen Gnade zu stehen.
Der Anspruch der Kirche wurde durch Luther erschüttert, und von seiner Zeit bis auf die unsrige haben sich die Begriffe von Religion und Kirche in den Gedanken der Menschen immer weiter und weiter von einander entfernt. Washington und die amerikanische Revolution bezeichnen einen ähnlichen Zeitabschnitt in politischen Dingen, und der moderne Sozialismus verkündet eine entsprechende Veränderung in der Sphäre der häuslichen Verhältnisse. Man unterscheidet heutzutage ziemlich klar jene Erhabenheit der Ziele und jene Hingebung an das Gute und Wahre, was man jetzt unter Religion versteht, von der etablierten Kirche oder irgend einer Organisation. In gleicher Weise unterscheidet man das Gedeihen, das Wohlergehen und die bürgerliche Ordnung der Gemeinde von Kronen und Kabinetten und Parlamenten und stehenden Heeren von Politikern und Soldaten. Und in gleicher Weise fängt man an, Reinheit in der geschlechtlichen Verbindung liebender Seelen von den niederen Rücksichten eines Ehekontrakts und selbst von den humanen, vorsorglichen und ökonomischen Vorkehrungen für die Versorgung der Sprösslinge zu unterscheiden.
Der durch die fortschreitende geistige Entwicklung zerstörte Fehlschluss besteht in der Voraussetzung, dass „die Kirche“ zur Pflege erhabener Gesinnung gegen Gott und unsere Nebenmenschen nötig sei; dass die Liebe zur Wahrheit und den sozialen Tugenden dem Menschen nicht eingeboren sei, wachsend mit seinem Wachstum, sondern dass sie ihm beigebracht und in ihm genährt werden müsse durch die fortwährende Vermittlung von Päpsten, Kardinälen, Bischöfen und Priestern, von Konzilien, Inquisitionen, Konstitutionen und Synoden; dass der Mensch nicht ursprünglich Ordnung, Gerechtigkeit und Eintracht in den bürgerlichen Verhältnissen liebt und umsomehr liebt im Grade seiner Verfeinerung, Bildung und Entwicklung, und nur zu wissen braucht, wie diese Dinge zu erreichen sind, und von Hindernissen und überwältigenden feindlichen Versuchungen befreit sein muss, um sich freudigst der Befolgung dieser Tugenden hinzugeben, sondern dass im Gegenteil diese Dinge ebenfalls durch Magistratspersonen und Gerichtsdiener und die ganze langweilige Regierungsmaschinerie beschafft und verwaltet werden müssen; und schliesslich, dass der Mensch nicht ursprünglich seine Sprösslinge, die Mutter seiner Kinder, die Ehrfurcht vor dem Geschlecht, geschlechtliche Reinheit, und alle die schönen, veredelnden Einflüsse jener reinsten und heiligsten aller irdischen Verbindungen liebt und der Verwirklichung dieser Liebe mächtig entgegenstrebt in dem Grade, in dem er durch alle erhebenden Einflüsse vollkommener wird, sondern dass auch diese Tugenden erst gemacht, eingepropft und durch Gesetzgebung in dem menschlichen Wesen gehegt und gepflegt werden müssen — durch Gesetzgebung, die merkwürdigerweise nur die Kollektivhandlung derselben Wesen ist, von denen vorausgesetzt wird, dass sie einzeln betrachtet dieser Eigenschaften gänzlich bar und ledig sind.
Die Sache verhält sich vielmehr gerade umgekehrt. Es ist gerade die Liebe zu eben diesen Tugenden, welche den Menschen betrügt und zur Verharrung in den Organisationen und Systemen verleitet, unter denen er seufzt, weil ihm gelehrt worden ist, dass diese Systeme die einzige Garantie des Fortbestands dieser Tugenden bieten. Wie ich sagte, ist die Entdeckung dieser Täuschung ein Kulturmesser. Der hier aufgedeckte Betrug muss in Verbindung mit einem andern betrachtet werden. Es wird vorausgesetzt, dass gerade diejenigen Formen des Handelns, welche diese künstlichen Organisationen oder Patenttugendfabriken vorschreiben, die einzig wahren Formen des Handelns sind, und dass ihr Produkt die ächte Waare und jedes andre Produkt Laster ist. Dadurch wird die Aufmerksamkeit der Menschheit gänzlich von dem Studium der Natur abgelenkt und der menschliche Geist allmählig daran gewöhnt, Autorität und Tradition ohne Frage und Zweifel anzunehmen.
Auf diese Weise wird der Eifer für eine Kirche oder eine Sekte als Frömmigkeit, die Loyalität gegen einen Herrscher als Patriotismus, die Treue gegen den Ehebund als Keuschheit ausgelegt. In derselben Weise wird Religionslosigkeit mit Ketzerei identifizirt, Hochverrat mit Volksrechten und Ausschweifung mit freier Liebe. Es passt dem Frömmler, dem Despoten, dem Spröden männlichen und weiblichen Geschlechts, diese Konfusion ungleicher Begriffe zu pflegen und die Verfechter der Freiheit als ausschweifende, schlechte Menschen und als Feinde der Menschheit zu denunziren.
In dem gesetzten Falle beschuldigt der Katholik den Protestanten der Gottlosigkeit, und so denunzirt mich Herr Greeley in diesem Falle als einen Befürworter der Gottlosigkeit und des Ehebruchs. Es ist, wie ich sagte, klar, dass es von der Definition der Terminologie abhängt, ob ich das bin oder nicht. Versteht man unter Ehebruch die Verletzung des gesetzlichen Bandes, das einen Mann und eine Frau verbindet, zwischen denen statt Zuneigung und Liebe Widerwillen und Abscheu gegen die eheliche Umarmung vorherrscht, dann mag einiger Grund für diese Anklage vorhanden sein; aber, besteht der Ehebruch nach meiner Auslegung in der durch irgend ein anderes Motiv, so liebenswürdig und gerechtfertigt es an und für sich auch sein mag, als gegenseitige Liebe herbeigeführten geschlechtlichen Vereinigung, — gegenseitige Zuneigung, welche schon von Natur aus, sinnlich wie geistig, die liebende Vereinigung der Geschlechter anregt, — dann verwerfe und verurteile ich den Ehebruch, während Herr Greeley denselben verteidigt und unterstützt.
Was Keuschheit betrifft, so glaube ich nicht im entferntesten, dass Herr Greeley infolge des verderblichen Einflusses des Autoritätsglaubens oder des Regierungsunwesens weiss, was das ist. Noch weiss er, was Unkeuschheit ist; denn, da alle Dinge nur durch den Kontrast erkannt werden, kann Niemand, dessen Auffassung dieses Gegenstandes die gesetzliche Grenze nicht übersteigt, ihn weder so erkennen noch so verabscheuen wie Diejenigen, welche, da sie die wahre Freiheit erschaut und erfahren haben, zwischen flüchtigem Kitzel und wirklicher Zuneigung unterscheiden und die höchsten und vollendetsten Aeusserungen ihres Wesens zum Gesetz ihres Daseins erheben lernen.
Doch als wie verderblich auch meine Ansichten erachtet werden mögen, der Umstand, dass sie es sind, ist Herrn Greeley zufolge kein Grund, warum sie der Welt vorenthalten werden sollten. Wenigstens ist es, obgleich er dies jetzt als Grund angibt, erst wenige Wochen her, seit er die entgegengesetzte Ansicht tapfer verteidigte; und wenn es irgend eine Richtschnur oder ein bestimmtes Prinzip gab, zu dem er sich bekannte und an dem er sich zu halten versuchte, so war es vorzugsweise dieses, dass alle Meinungen, gute, schlechte und selbst „verabscheuungswürdige,“ eine Gelegenheit, sich zu äussern und dadurch bestätigt oder widerlegt zu werden, haben sollten. Es war augenscheinlich seine Lieblingsdoktrin, dass „der Irrtum nicht zu fürchten sei, so lange die Wahrheit die Freiheit habe, ihn zu bekämpfen.“ Ganz kürzlich, indem er die in der Leitung der „Tribune“ zu befolgende Richtschnur niederlegte, bekannte er sich zu der edelsten Auffassung des wahren Berufs der Presse, die je laut wurde, nämlich „Jeden wissen zu lassen was Jeder denkt.“ Einem Korrespondenten, der sich „Young America“ unterzeichnete und dem es missfiel, dass die „Tribune“ die Argumente der Katholiken berichtete, antwortete Herr Greeley dem Inhalt nach, dass er ebenso bereitwillig die Verhandlungen, Argumente und Meinungen einer atheistischen Konvention berichten würde, wie die Verhandlungen u. s. w. einer Konvention seiner eigenen Glaubensgenossen. Bei eben dieser Gelegenheit sagt er: „Wir bekämpfen deshalb unerbittlich jede Erweiterung der Ehescheidungsprivilegien, welche die Gesetze gegenwärtig gewähren, aber der Besprechung des Gegenstandes opponiren wir nicht; im Gegenteil sind wir der Meinung, dass eine solche Besprechung schon zu lange vernachlässigt wurde.“ Von Herrn James sagt er: „Wir stimmen durchaus nicht mit ihm überein in einigen ganz fundamentalen Fragen, das ist aber kein Grund zur Unterdrückung seiner Ansichten.“ In seiner Entgegnung gegen mich, die hierin veröffentlicht ist, weist er das Recht ab, zu unterdrücken, was ich zu sagen habe, während er betont, dass er behülflich sein würde, mich zu unterdrücken, wenn ich versuchen wollte, meinen Grundsätzen gemäss zu handeln. Schliesslich wurden die Spalten der „Tribune“ auf verschiedene Weise und bei verschiedenen Gelegenheiten der ausführlichen Besprechung dieses Themas über Ehe und Ehescheidung förmlich geöffnet, sowohl für solche Betrachtungen über den Gegenstand, welche der Redakteur als verderblich hielt, wie für diejenigen der andern Seite. Der Redakteur des „Observer“ tadelte ihn deshalb, und er verteidigte das Verfahren als die einzige mit Ehre und dem Wahrheitsbedürfniss im Einklang stehende Handlungsweise. Er wünschte besonders jene „höchst verabscheuungswürdigen“ Lehren, von denen einer Phase er mich als Vertreter zu betrachten scheint, in ihrer vollen Bedeutung und Wichtigkeit an das Licht zu zerren, damit sie durch den Schmiedehammerschlag seiner Logik für alle Ewigkeit zum Schweigen gebracht werden könnten. Wenn nun der tapfere Redakteur in seiner Ergebenheit an diesen wahrhaft grossartigen Standpunkt — Gerechtigkeit und billiges Gehör für alle Parteien — sich schwankend erwies, sollen wir, in freundlicher Gesinnung gegen ihn, die Lösung in der Voraussetzung finden, dass er unehrlich war, indem er denselben einnahm, oder sollen wir ihm die mildere Hypothese zu Gute halten, dass er weiter ins tiefe Wasser geraten ist, als er zu segeln gewöhnt war, und sich erschreckt wieder an das Befahren der Küste gemacht hat?
Ich werde es dem Publikum überlassen, endgültig über die wahre Ursache zu entscheiden, weshalb ich aus dem Gerichtshof gestossen wurde, ehe ich die Sache meiner Verteidigung recht vorgetragen, viel weniger erörtert hatte. Ich nehme aber unterdessen keinen Anstand, zu sagen, was ich selber von der Sache halte. Ich glaube nicht im geringsten, dass irgend einer der angeführten Gründe die Entscheidung auch nur um die Schwere eines Strohhalms beeinflusste. Der einzige Grund meiner Ausstossung war, dass Herr Greeley sich in der Argumentation völlig abgeschnitten und umringt fühlte und den Scharfsinn besass, diese Tatsache deutlich wahrzunehmen, während ihm die dialektische Geschicklichkeit, dieselbe zu verbergen oder die Schlussfolgerungen zu verdrehen, wie die Seelengrösse, seine Niederlage offen zu bekennen, fehlte. So blieb denn keine Wahl, als den „Knebel“ anzuwenden und mich zu „unterdrücken“ durch die Ausübung der Macht, die ihm die heutige Organisation der Presse und seine Stellung zu derselben in die Hände gab. Hätte das Geschick ihn zum Kaiser von Oesterreich und mich zu seinem Unterthanen gemacht, so würde er dasselbe, nur in einer etwas andern Manier, getan haben, in genauer Uebereinstimmung mit seinem Charakter und dem Prinzip, zu denen er sich in dieser Diskussion bekannte. Solche Leute sind in einem Irrtum befangen, wenn sie eine wirkliche Liebe zur Freiheit zu haben glauben. Sie preisen sie nur insoweit als ihr Vorurteil oder ihre Bildung sie sich diesem oder jenem Einzelfall ihrer Betätigung geneigt zu zeigen bestimmen. Sie führen ihre Verteidigung derselben auf kein Prinzip zurück. Keine Garantie für den dauernden Besitz solchen Masses der Freiheit und Rechte, deren wir uns heute erfreuen, ist noch erlangt worden, nicht einmal die Sicherheit gegen eine schliessliche Rückkehr zum Despotismus und von da zur Barbarei, bis das Prinzip, worauf das Recht zur Freiheit fusst, wie die Tragweite dieses Prinzips, entdeckt ist und bis eine auf diese Erkenntniss basirte öffentliche Meinung existirt. Bis jetzt sind die Amerikaner so wenig wie die Ausländer zur vollen Erkenntniss dieser Weisheit gelangt und Herr Greeley kennt so wenig wie irgend Einer einen solchen Führer durch das Labyrinth der Probleme, die ihn umgeben, und wäre vielleicht weniger fähig als die Meisten, ihm zu folgen.
Umstände — die Tatsache, dass er ein prominenter Redakteur ist, dass er gewisse reformatorische Massregeln eifrig befürwortete, und dass er im Rufe grosser Wohltätigkeit steht — haben Herrn Greeley gewissermassen die Stellung eines Führers der Reformbewegung in Amerika gegeben. In dieser Eigenschaft betrachten ihn die Freunde des Fortschritts. Die Oeffentlichkeit und ausserordentliche Wichtigkeit einer solchen Stellung, denke ich, werden mich rechtfertigen, meine Wertschätzung des Mannes wie seiner Befähigung für die Arbeit, die von ihm erwartet wird, zu geben, in derselben Weise, wie wir den Charakter eines Politikers untersuchen, oder wie Herr Greeley selbst die Prätensionen Louis Napoleons oder des Grafen von Wellington analysiren würde. Aehnliche Beweggründe werden mich ermächtigen, in meine Charakterzeichnung des Herrn Greeley einige schattenhafte Umrisse des Herrn James zu werfen, die Beiden einander gegenüberstellend à la Plutarch in seinen „Lebensbilder grosser Männer.“
Erstens, denn, Horace Greeley ist kein Philosoph, — nichts weniger als das. Man könnte ihn im Ernste nicht irrtümlicher benennen. Er ist ein Mann der Statistik und Tatsachen, ohne Verständniss für Prinzipien. Er hat einen umfassenden Blick über die Oberfläche, doch er sieht niemals hinunter auf den Kern der Dinge. Der Phrenologe würde sagen, das Wahrnehmungsvermögen überwiegt das Urteilsvermögen. Er kann nirgends die Gesamtheit als System erfassen, nur abgegrenzte Teile oder Fragmente. Daher hat er statt Prinzipien Launen und handelt nach diesen, als wären es Prinzipien. Er sieht nicht deutlich die Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung. Er hat keinen logischen oder was dasselbe ist, keinen mathematischen Geist. Er gehört jener Klasse von Menschen an, die offen zugeben, dass A gleich B und B gleich C ist und dann darüber hadern oder rundweg leugnen, dass A gleich C ist. Daher erwirbt er sich den Ruf der Inkonsequenz und ein grosser Teil des Publikums hält ihn für unehrlich. Das ist aber wohl ein Irrtum. Herr Greeley is zelotisch und das Zelotentum ist gewöhnlich ehrlich. Sein Wankelmut ist organisch, nicht absichtlich. Seine Unfähigkeit, Systeme zu erfassen, zeigt sich in der Tatsache, dass, obgleich er als die herrliche Verkörperung des Fourierismus in diesem Lande angesehen wurde, er die Grundprinzipien der Fourierschen sozialen Theorie in ihrer umfassenden Bedeutung weder jemals angenommen, noch jemals zu erkennen gegeben, dass er dieselben auch nur begriffen hat.
Fourier (der tatsächlich so ziemlich das ausgezeichnetste Genie war, das jemals lebte) beansprucht als seine grossartige Entdeckung, dass die Attraktion, welche Newton als das Gesetz und den Regeler der Bewegungen materieller Körper entdeckte, zugleich auch in den menschlichen Angelegenheiten das Gesetz und der von Gott bestimmte Regeler der ganzen Gefühls- und sozialen Sphäre sei; in andern Worten, dass Newtons Entdeckung einseitig war, während seine vollständig ist und den Grund legt zu einer Wissenschaft der Analogie zwischen der materiellen und der geistigen Welt, so dass mit Sicherheit von der einen zu der andern gefolgert werden kann.
Dieses Prinzip, von Fourier als der Ausgangspunkt aller Wissenschaft verkündet, wurde von Herrn Greeley nur in einer einzigen seiner Anwendungen acceptirt, — nämlich im Gebiet der Organisation der Arbeit, — und gänzlich verworfen in seiner Universalität, als anwendbar auf die menschlichen Leidenschaften und sonstwo. Der tiefste Blick, den er je in die grossartigen Spekulationen Fouriers getan zu haben scheint, reicht bis zu den Vorteilen, die der Arbeit aus dem Grossbetrieb erwachsen, und der Möglichkeit, mittels Assoziation die Profite den Arbeitern selbst zu erhalten. Es ist gerade als sollte sich ein Mann den Ruf eines Führers in der Verbreitung des Copernico-Newtonischen Systems der Astronomie erwerben, weil er es als seine Ueberzeugung erklärte, dass der Mond infolge der Gravitation gegen die Erde in seiner Bahn erhalten werde, während er es durchaus verneinte, dass die Erde rund oder die Sonne der Mittelpunkt des Systems sei, oder dass vorausgesetzt werden könne, dass die Anziehung in solch ungeheurer Entfernung, wie zwischen jenem Körper und den Planeten, tätig sein könne. In derselben Weise kann Herr Greeley die Selbstherrlichkeit des Individuums in Einer Hinsicht, als die Geltendmachung eigener Rechte, verstehen, aber ganz und gar nicht in der andern, nämlich als das Zugeständniss der Rechte aller Andern, und mit der Einschränkung, dass „sie auf eigene Kosten zu bethätigen sei,“ der genaue Grenzstein zwischen dem, was man tun darf und dem, was man nicht tun darf. Er ist ein Mann von grosser Kraft und versetzt gewaltige Hiebe, wenn er überhaupt einmal Gelegenheit zum Dreinschlagen bekommt; doch bei seiner vorherrschenden Wankelmütigkeit erinnert er einen an einen blinden Riesen, der im Kampfe aufs Geratewohl um sich schlägt.
Es ist Herrn Greeley noch nie gelungen, in dem „Kostenprinzip“ etwas anderes als den Umstand zu erblicken, dass es den Zins abschaffen würde, und deshalb ist er auch gleich fertig mit seiner Opposition gegen dasselbe. Er hat für sein Geld hart gearbeitet, und so erscheint es ihm als eine sehr natürliche, bequeme und passende Sache, dass das so erworbene Geld nun auch für ihn weitererwerben solle, während er schläft. Diese eine Erwägung löst für ihn die ganze Frage. Er sieht nicht in diesem grossartigen und einfachen Prinzip ein universelles Billigkeitsgesetz, welches den Reichtum genau nach dem Recht verteilt; alle Produkte auf den Minimalpreis reduzirt, dadurch die Konsumtion enorm vermehrend; alle Hindernisse bei der Ausgleichung von Angebot und Nachfrage beseitigt; eine stetige Nachfrage nach menschlicher Arbeit hervorruft; dieselbe nach genauen Aequivalenten austauscht; die Industrie organisirt; jedes menschliche Wesen in die ihm zusagende Tätigkeit versetzt; universelle Kooperation an die Stelle universellen Interessenwiderstreits setzt; die Vorteile des Grossbetriebs und die Teilung der Arbeit auf jedem Gebiet ermöglicht; das ganze Volk in Palästen unterbringt, dasselbe mit Luxus und veredelnden Einflüssen umgibt und den Reichtum der Welt verhundertfacht. Solch mannigfaltige und grossartige Resultate infolge einer einfachen Aenderung in der Führung gewöhnlichen Handels übersteigt die Fassungskraft des Herrn Greeley und der Philosophen von der „Tribune“; während es jetzt Knaben und auch Mädchen gibt, noch nicht zwölf Jahre alt, welche diese Resultate wissenschaftlich als gerechtfertigt und sicher beweisen können und im Stande sind, kraft dieses Schlüssels mit Leichtigkeit die Probleme der Nationalökonomie zu lösen, mit einer Klarheit, Umsicht und Präcision, wie sie bei Say, Adam Smith und Ricardo nicht anzutreffen sind.
Herr Greeley ist zweifellos ein wohlwollender Mann. Er ist übermässig, vielleicht sogar vernunftwidrig, verschwenderisch, wie er ohne Zweifel selbst zu glauben anfängt, in seinen Ausgaben zur Abhülfe des Elends, oder für ins Blaue hinein unternommene Experimente, ohne System oder zusammenhängenden Plan, zwecks Verbesserung der menschlichen Lage. Auch erstreckt sich sein Wohlwollen hauptsächlich auf den niedern, materiellen Kreis menschlicher Bedürfnisse. Seine Gedanken erheben sich scheinbar nicht über die Versorgung des Menschen mit leiblicher Nahrung, Kleidung und Obdach. Das Höchste, das er anstrebt, ist genügende Bildung, um die Menschen zum Rechnen und Profitmachen zu befähigen. Ohne alle daraufbezügliche Erfahrung und Sympathie, hat er auch kein Verständniss für jenen unermesslichen Seelenhunger, welcher nach der Befriedigung der geistigen Wahlverwandtschaften und nach der kongenialen Atmosphäre liebender Herzen verlangt, und welcher sich dieses auch trotz aller Konvention der Welt zu verschaffen weiss. Die explosive Gewalt einer grossen Leidenschaft ist ihm ein Buch mit sieben Siegeln. Und so ergeht es ihm hinsichtlich all der zarteren, vergeistigten Empfindungen, welche das exquisite Aroma der menschlichen Gesellschaft bilden. Er versteht am besten und würdigt am meisten die groben, materiellen Tatsachen des Lebens. Reingeistige Gefühlsbewegungen sind ihm zuwider.
In dieser letzten Eigenschaft ist Herr Greeley das gerade Gegenteil von Herrn James. Letzterer neigt sich mächtig zu metaphysischen Feinheiten und geistigen Wesenheiten, bis er der alten Erde vollständig entrückt ist und alle Kunde praktischer Dinge verliert. Er gehört der Klasse der reinidealen Reformatoren an, Männer, die es sich auf den erhabensten Polstern bequem machen und von einer zukünftigen harmonischen und schönen Welt träumen, während sie wohl gerade die Letzten wären, an die sich der ernste Arbeiter in irgend einem Zweige menschlicher Interessen um Hülfe wenden könnte mit auch nur einiger Aussicht auf Erfolg. Er hasst wirkliche Reform und Reformatoren und sieht auf die Wohltätigkeit als auf eine Krankheit.
Abgesehen von den oben angedeuteten unterscheidenden Merkmalen, sind die beiden Männer, die wir jetzt vergleichen, einander darin ähnlich, dass ihre Anschauungen innerhalb ihrer respektiven und entgegengesetzten Sphären kaleidoskopisch sind. Das ist das Wort, das sie charakterisirt. Es ist weder ein Mikroskop, noch ein Teleskop, noch das gesunde, natürliche Auge, das sie in der Untersuchung eines Gegenstandes gebrauchen. Zerbrochene Fragmente von Vorurteilen reflektiren das Licht von tausend Einfallswinkeln und verursachen Wirkungen, welche in der erdigen Welt des Herrn Greeley matt, düster und alltäglich sind, und in der ätherischen Region, die Herr James bewohnt, prachtvoll, glänzend und schön. Keiner ist ein verlässlicher Führer zum Exakten oder Wahren. Beide sind anregend, begeisternd und enttäuschend. Keiner ist ein ganzer Mann und die Hälften, welche sie vorstellen, sind weder gleichartig noch zusammenhängend. An Herrn Greeley hätte hinsichtlich der Eigenschaften der Genauigkeit und des Geschmacks viel verbessert werden können durch eine mathematische und klassische oder juridische Schulung; an Herrn James, gegenteils, durch einen Kurs in der Werkstätte oder im Komptoir oder im Gewühl des politischen Lebens, irgend Etwas, das ihn mit der wirklichen Welt in Berührung gebracht hätte. Beide sind überlegene Männer im Vergleich mit den viel kleineren Menschenfragmenten, welche die Masse der Gesellschaft in ihrem heutigen Zustand des sozialen Chaos bilden; Beide sind ausserordentlich kleine Männer im Vergleich mit dem Ideal, das man sich von einer ganzen, wohlentwickelten Männlichkeit bilden kann; mens sana in corpore sano. Dass nicht der selbstsüchtige Egoist, dessen höchster Gedanke sich nie bis zur Wohlfahrt der Menschheit in irgend einer Form verstieg, sich selbstvergnügt die Hände reibe ob dieser Kritik Horace Greeleys, ein Mann, der im Vergleich mit ihm ein „Apoll bei einem Satyr“ ist, ein Mann, der mit mächtigem Streben und ehrlicher Begeisterung Manches ausgeführt und Viel unternommen hat für die Emporhebung der Menschheit. Die Kritik entspringt nicht einer etwaigen Absicht, den Mann zu unterschätzen, sondern einzig, um die Fähigkeiten und Unfähigkeiten der Dinge zu bestimmen. In wieweit kann die grosse und bereits mächtige und stetig wachsende Partei der amerikanischen Sozialreformer oder Fortschrittler zu Horace Greeley als einem kompetenten Führer durch das Labyrinth der Probleme, welche die komplizirte und offenbar verdorbene, auf der Unterdrückung, dem Elend und der Halbbarbarei der Volksmassen beruhende Gesellschaftseinrichtung ihnen zur Auflösung darbietet, hinaufschauen?
Meine Antwort ist: Gar nicht.
(Libertas 2, Samstag, 7. April 1888, S. 2–3.)
Anmerkungen
- Die kursiven Hervorhebungen entsprechen dem Originaltext.
- Zum Fortsetzungstext und der Debatte vgl. die Anmerkungen zum ersten Beitrag hier.
- Andrews stellt die protestantische Reformation, die Amerikanische Revolution und den „modernen Sozialismus“ als aufeinanderfolgende Schritte einer Befreiung von kirchlicher, staatlicher und ehelicher Autorität dar. Mit dem Sozialismus ist hier nicht primär der später dominierende marxistische Sozialismus gemeint. Im nordamerikanischen Reformmilieu der 1840er und 1850er Jahre spielten insbesondere verschiedene Formen des utopischen Sozialismus und des Fourierismus eine bedeutende Rolle.
- Mit „Louis Napoleon“ ist Napoleon III. gemeint, der zum Zeitpunkt der ursprünglichen Abfassung des Textes 1852 zunächst Präsident der Zweiten Französischen Republik und ab Dezember desselben Jahres Kaiser der Franzosen war. Der deutsche Text nennt daneben den „Grafen von Wellington“. Im englischen Original steht korrekt Duke of Wellington, gemeint ist Arthur Wellesley, 1. Duke of Wellington (1769–1852), britischer Feldmarschall und Politiker. „Graf“ ist somit eine fehlerhafte Wiedergabe der deutschen Übersetzung.
- Die Gegenüberstellung der beiden Kontrahenten „à la Plutarch“ spielt auf Plutarchs berühmte Parallelbiographien (Bíoi parálleloi, lateinisch Vitae parallelae) an. Darin stellte Plutarch jeweils einen bedeutenden Griechen und Römer einander gegenüber, um insbesondere Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Charaktere herauszuarbeiten. Das englische Original spricht entsprechend von einer Gegenüberstellung „à la Plutarch in his ‘Lives of the Great Men’“.
- Die Phrenologie, auf die Andrews mit der Bemerkung „Der Phrenologe würde sagen“ anspielt, war eine im frühen 19. Jahrhundert verbreitete Lehre, die geistige Fähigkeiten und Charaktereigenschaften bestimmten Gehirnregionen und mittelbar der Form des Schädels zuordnete. Sie genoss im 19. Jahrhundert erhebliche Popularität, gilt heute jedoch als Pseudowissenschaft.
- Charles Fourier (1772–1837) entwickelte eine umfassende sozialphilosophische Theorie, in der die menschlichen Leidenschaften nicht unterdrückt, sondern in einer entsprechend organisierten Gesellschaft miteinander in Harmonie gebracht werden sollten. Dabei übertrug Fourier das von Isaac Newton für die physische Welt formulierte Prinzip der Attraktion analogisch auf die menschliche und soziale Sphäre. Der Fourierismus fand in den Vereinigten Staaten besonders in den 1840er Jahren Anhänger. Greeleys New-York Tribune trug durch die Veröffentlichungen des Fourieristen Albert Brisbane wesentlich zu seiner Verbreitung bei; Greeley unterstützte auch praktische Assoziationsprojekte. Andrews’ Polemik, Greeley habe als Verkörperung des amerikanischen Fourierismus gegolten, die Theorie aber nur hinsichtlich der Organisation der Arbeit verstanden, bezieht sich auf diesen historischen Hintergrund.
- Das von Andrews erwähnte „Kostenprinzip“ geht auf den amerikanischen Sozialreformer und frühen individualistischen Anarchisten Josiah Warren (1798–1874) zurück. Warren fasste es in der Formel „Cost the limit of price“ zusammen: Der gerechte Preis einer Ware oder Leistung sollte sich nicht nach ihrem Marktwert, sondern nach den mit ihrer Herstellung verbundenen Arbeitskosten beziehungsweise Belastungen richten. Profit, Zins und andere Erträge, denen keine entsprechende eigene Leistung gegenüberstand, erschienen aus dieser Perspektive als ungerechtfertigt. Andrews übernahm und systematisierte Warrens Ansatz unter anderem in The Science of Society. Die im Text aufgezählten weitreichenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen geben Andrews’ eigene Interpretation dieses Prinzips wieder.
- Mit „Say, Adam Smith und Ricardo“ nennt Andrews drei zentrale Vertreter der klassischen politischen Ökonomie: Jean-Baptiste Say (1767–1832), Adam Smith (1723–1790) und David Ricardo (1772–1823). Seine Behauptung, bereits Kinder könnten mit Hilfe des Kostenprinzips wirtschaftliche Probleme klarer lösen als diese Autoren, ist Teil seiner polemischen Überhöhung des von Warren übernommenen Ansatzes und keine historische oder ökonomische Tatsachenbehauptung.
- Die lateinische Wendung mens sana in corpore sano, „ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“, geht auf die zehnte Satire des römischen Dichters Juvenal zurück. Das vollständige Zitat lautet orandum est ut sit mens sana in corpore sano, sinngemäss: Man solle darum beten, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sei. Andrews verwendet die verkürzte, bereits sprichwörtlich gewordene Form als Bild für sein Ideal einer ganzheitlich entwickelten Persönlichkeit.
- Die Wendung, Greeley sei im Vergleich mit einem selbstsüchtigen Egoisten ein „Apoll bei einem Satyr“, weicht bemerkenswert vom englischen Original ab. Dort steht “Hyperion to a Satyr”. Die Formulierung stammt aus Shakespeares Hamlet, wo Hamlet seinen verstorbenen Vater mit seinem Onkel Claudius vergleicht: „Hyperion to a satyr“. Hyperion ist in der griechischen Mythologie ein Titan; die deutsche Libertas-Übersetzung ersetzt ihn durch Apoll. Da im Scan eindeutig „Apoll“ steht, bleibt die Abweichung in der Transkription erhalten.