Die öffentliche Meinung.
[Karl Heinzen.]
Die menschliche Natur ist im Allgemeinen überall dieselbe, sie hat also auch überall der Art nach dieselben Anlagen und Interessen, woraus von selbst hervorgeht, dass sie eigentlich auch überall dieselben Zwecke verfolgen und derselben Meinung sein sollte. Und hieraus folgt wieder, dass Dasjenige, was dieser vorausgesetzten allgemeinen Meinung entspricht, das Vorurtheil für sich hat, das Rechte zu sein. Es liegt also Dem, was man durch das Wort „öffentliche Meinung“ ausdrücken will, allerdings eine richtige Voraussetzung zum Grunde. Aber diese Voraussetzung trifft in der Wirklichkeit selten zu. Die vorausgesetzte öffentliche Meinung ist selten auch die vorhandene. In der Wirklichkeit hebt die Ungleichheit der Befähigung, die Ungleichheit der Bildung und die Ungleichheit der äussern Verhältnisse die von der allgemeinen Menschennatur abstrahirte Gleichheit der Anlagen und Interessen, mithin auch die Gleichheit der Meinungen wieder auf und die dadurch entstehende Ungleichheit, welche indess bei ihren Schwankungen stets das innere Gleichheitsprinzip zum Schwerpunkt behält, ist eben die Bedingung des Kampfes, der Entwickelung, des Fortschritts. Eine völlige Gleichheit in allen Beziehungen würde geistigen Tod herbeiführen.
Nun ist es aber klar, dass in dem Meinungskampf, welcher jener Ungleichheit entsprang, nicht die Vorausgeeilten die Majorität bilden können, sondern nur die Zurückgebliebenen, dass aber die letztern mehr durch die Befangenheiten ihrer gegenwärtigen Lage, als durch die Darstellung einer künftigen Besserung beeinflusst werden, von welcher sie sich ohne Hülfe der Erfahrung keinen Begriff machen können. Für sie bleibt also der Zwang übler Erfahrung, die Nothwendigkeit, unhaltbar Gewordenes zu ändern, immer der Hauptantrieb zum Fortschritt. Dadurch ist mit einem Mal das Räthsel gelöst, dass jede neue Wahrheit im Widerspruch zur öffentlichen Meinung stehen muss und erst zur Anerkennung und Verwirklichung gelangen kann, wenn der grosse Tross der Entwickelung sie nach allerlei belehrenden Erfahrungen und verfehlten Experimenten eingeholt hat. Es ist dies ein langwieriger Prozess, allein er ist nicht zu umgehen, er ist eine Nothwendigkeit. Wenn wir diese, in der Natur der Dinge begründete Nothwendigkeit erkennen, werden wir es ebenso töricht nennen müssen, von der öffentlichen Meinung die sofortige Adoptirung jeder neuen Wahrheit zu erwarten, wie es schwach wäre, an ihr zu verzweifeln. Wie eine Küstenverschiebung, durch den feinen Niederschlag der wogenden Gewässer gebildet, nur allmälig vorrückt, so dehnt auch das Gebiet der Wahrheit sich langsam, aber sicher aus, indem aus dem Wogenkampf der Meinungen sich die Wahrheitspartikeln unmerklich niederschlagen. Wir sehen dann mit einem Mal eine Insel entstehen, wo früher nur Wasser zu erblicken war, und sie scheint das Produkt einer plötzlichen Aktion zu sein, während vielleicht Jahrhunderte an ihr gebaut haben.
Es kommt vor allen Dingen darauf an, sich von der öffentlichen Meinung nicht imponiren zu lassen und ihr weder zu glauben, noch nachzugeben ohne eigene Ueberzeugung. Man braucht sie nicht immer zu verachten, aber man soll sie noch weniger als Autorität ansehen; man soll auf sie einwirken, aber nicht von ihr abhängig sein; man soll sie für das Rechte benutzen, aber nicht das Rechte von ihr lernen wollen. Man soll also vor allen Dingen selbst denken, selbst prüfen und dann nach der eigenen Einsicht und Ueberzeugung handeln ohne Scheu vor der öffentlichen Meinung. Ich bin überzeugt, wenn unter gewöhnlichen Verhältnissen von einer Bevölkerung, die z. B. 1000 Personen zählt, jede einzelne, gesondert von den übrigen, ihre Stimme über eine öffentliche Frage abgäbe, so dass sie sich zum Selbstdenken genöthigt sähe, so würde das Gesammtresultat dieser einzeln abgegebenen Stimmen das Richtige weit sicherer treffen, als wenn jene 1000 Personen en masse nach einer Verhandlung der üblichen Art Beschlüsse fassten und dadurch ihre s. g. öffentliche Meinung aussprächen. Nichts ist nöthiger geworden in diesen Zeiten des Schlendrians, der Nachbeterei, des Autoritätenglaubens und der Parteidienstbarkeit, als dass die Autorität der öffentlichen Meinung abgesetzt werde und das Selbstdenken der Individuen an die Stelle trete, damit aus ihrer öffentlichen Meinung endlich eine öffentliche Einsicht, eine öffentliche Gesinnung, ein öffentliches Gewissen und eine öffentliche Gerechtigkeit werde. Die öffentliche Meinung ist zur öffentlichen Lüge und Tyrannei geworden. Fast Alles, was unter ihrem Schutz steht, vom Christentum bis zur „demokratischen“ Partei, ist Betrug und Lüge, aber es fristet sein Leben vom Glauben der grossen Massen. Und was sind die grossen Massen der Menschen? Bis jetzt bestehen sie leider noch aus Pöbel. Wie wäre es daher, wenn „öffentliche Meinung“ und Meinung des Pöbels sich in unsern Zeiten noch als identisch herausstellte? Wenigstens mögte ich, wie die Welt jetzt ist, nicht dafür garantiren, dass in gewissen Ländern von der öffentlichen Meinung noch viel übrig bliebe, wenn man den Pöbel mit seinen Wortführern aus der Rechnung ausstriche. Soll aber der Pöbel die Geister beherrschen? Einem Einzelnen glaubt kein Mensch, dass zwei mal zwei fünf mache. Sollen wir es denn Millionen glauben?
Wird, was im Munde eines Einzelnen Dummheit und Verbrechen ist, dadurch zur Weisheit und Tugend, dass man es mit Millionen multiplizirt? Wird der Irrthum dadurch Wahrheit, das Unrecht dadurch Recht, dass eine Masse darauf schwört und danach handelt? Die Meisten aber sind eben befangen in dieser mystischen Vorstellung, dieser kleinmüthigen Schwäche, welche Irrthum und Unrecht wie Wahrheit und Recht für etwas Andres hält, wenn eine Masse, und für etwas Andres, wenn ein Einzelner dafür einsteht. Was den Stempel der öffentlichen Meinung trägt, ist in der Gesellschaft zollfrei; darum ist aber nicht Dasjenige Konterbande, dem jener Stempel fehlt. Doch einen Zoll muss es zahlen, einen ad valorem Zoll, und das ist der Zoll des Muts und der Ausdauer. Die Wahrheit kommt endlich immer zu ihrem Recht und das Recht wird endlich immer zur Wahrheit; man muss nur den rechten Zeitpunkt abwarten und benutzen können. Da, wie wir gesehen haben, die öffentliche Meinung stets alte Schulden an die Wahrheit abzutragen hat, gibt es auch immer Schulden bei ihr einzukassiren. Findet sich dazu nicht gleich eine passende Gelegenheit, so muss man ihr helfen, immer neue Wahrheiten auf ihre Rechnung zu bringen, bis endlich die Schulden zu hoch werden, bis ein Durchbruch, ein Bankrott, ein concursus creditorum erfolgt, wobei die Wahrheit zwar nie sofort auf ihr volles Guthaben, aber immer auf mehr oder weniger ansehnliche Prozente rechnen kann. Den Rest überschreibt sie dann in ein neues Konto. Es ist immer besser, Kredit geben zu können, als Schulden zu haben. Die öffentliche Meinung scheint ihre Studien in Amerika gemacht zu haben. Sie treibt stets das ausgedehnteste Geschäft, aber mit fingirtem Kapital, macht regelmässig Bankrott, befriedigt ihre Kreditoren mit Prozenten und steht ewig im Schuldbuche der Wahrheit, der langmüthigsten, aber doch unerbittlichsten Gläubigerin der Welt.
Ob die öffentliche Meinung es immer so treiben wird, ist schwer zu sagen. Zu hoffen ist, dass durch Verallgemeinerung der Bildung auch das öffentliche Bewusstsein eine breitere und solidere Basis erhalten wird. Die Opposition, welche den Fortschritt in Gang bringt, wird nach wie vor eine kleine Minorität bleiben, aber es wird ihr vermutlich immer leichter werden, in der öffentlichen Meinung durchzudringen.
(Libertas 8, Samstag, 8. September 1888, S. 4.)
Anmerkungen
- Ab der Nummer 7 der Libertas ist die Qualität der Scans sehr schlecht; Rekonstruktionen im Text werden daher mit [[Text]] markiert, unleserliche Stellen mit [unleserlich] gekennzeichnet.
- Die kursiven Hervorhebungen entsprechen dem Originaltext.
- Karl Heinzen (1809–1880) war ein deutsch-amerikanischer Schriftsteller, Publizist und radikaldemokratischer Aktivist, der nach seiner Beteiligung an den revolutionären Bewegungen von 1848 dauerhaft in die Vereinigten Staaten emigrierte. In Boston gab er von 1859 bis 1879 die deutschsprachige Zeitung Pionier heraus. Carl Wittke berichtet, dass Mary Louise Booth Heinzens Vortrag „Public Opinion“ für William Lloyd Garrisons abolitionistische Wochenzeitung The Liberator ins Englische übersetzte; eine Fassung unter diesem Titel erschien dort am 18. Mai 1860. Der vorliegende Text dürfte auf diesen Vortrag zurückgehen und war beim Abdruck in Libertas 1888 bereits mehrere Jahrzehnte alt; Heinzen selbst war zu diesem Zeitpunkt seit acht Jahren tot.
- Mit der in Anführungszeichen gesetzten „demokratischen“ Partei ist die amerikanische Democratic Party gemeint. Ihre nationale Plattform von 1856 lehnte eine Einmischung des Kongresses in die Sklaverei ab, bekräftigte den Fugitive Slave Act von 1850 und wandte sich ausdrücklich gegen die abolitionistische Agitation. Vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund ist Heinzens polemische Gleichsetzung der Partei mit „Betrug und Lüge“ zu lesen.
- Ad valorem bedeutet lateinisch „nach dem Wert“. Ein ad-valorem-Zoll bemisst sich prozentual am Wert der eingeführten Ware. Heinzen führt damit seine Zollmetapher fort: Was den „Stempel der öffentlichen Meinung“ nicht besitzt, gilt zwar nicht notwendig als „Konterbande“, also Schmuggelware, muss aber den metaphorischen „Zoll des Muts und der Ausdauer“ entrichten.
- Concursus creditorum bedeutet wörtlich etwa „Zusammenlauf der Gläubiger“ und bezeichnete historisch das gerichtliche Verfahren zur anteiligen Befriedigung mehrerer Gläubiger eines zahlungsunfähigen Schuldners; daraus entwickelte sich die Bezeichnung „Konkurs“. Heinzen setzt damit das zuvor begonnene Bild der öffentlichen Meinung als Schuldnerin der Wahrheit fort.