In Memoriam.
Herwegh erhob bei Gelegenheit des [[allzufrühen]] Dahinscheidens von Georg Büchner die [[Anklage]] gegen das Schicksal, dass es die Schlangen zwischen seinen Füssen schone, aber den jungen Adlern auf das Haupt trete, dass es die Sterne von dem Himmel sinken, aber Flittergold an seinem Mantel blinken lasse. Die unaussprechlich herbe Wahrheit dieser Anklage musste auch ich dieser Tage erfahren, als mir die erschütternde Kunde wurde, dass der herrliche Mensch, mein naher Verwandter und von mir fast masslos geliebter und geschätzter Freund und Mitstreiter im heiligen Kampf um Freiheit und Recht, Dr. Paul Berwig, zu Milwaukee, Wis., plötzlich gestorben sei. Und, wie Herwegh, verlangte ich im Gefühle meiner Ohnmacht diesem harten Schlage gegenüber vom Schicksal Rechenschaft darüber, weshalb es diesen Tempel so früh in Schutt und Asche hingelegt, weshalb es diese Münze, deren Stempel so klar und rein war, schon heute wieder umgeprägt. Aber wie zum Spott und Hohn auf mein namenloses Weh kam keine Antwort, und es bleibt einfach die kaum zu fassende, die brutale Tatsache bestehen, dass der Mörder Tod, der rohe Knecht, die zarte Schale zerbrach und den hellen Geist als Opfer ausgoss, wie er es seit undenklichen Zeiten getan und immer wieder tun wird, so lange sich das Universelle und Ewige in individuellen und vergänglichen Formen niedersetzt.
Aber einen herberen Schlag hätte ein tückisches Geschick nicht leicht ersinnen können.
Seinem Berufe mit dem begeistertsten Interesse des Mannes der Wissenschaft obliegend, war Paul Berwig in weiten Kreisen als tüchtiger und erfolgreicher Arzt beliebt. An Geist, Gemüt und Charakter seine Zeitgenossen weit überragend, hatte er mich mit ehr'nen Reifen an sein Herz geklammert. Was er seiner Familie war, das vermag diese allein zu sagen. Aber wie tüchtig er sich auch im Privatleben erwies, wofür die Redakteure von Libertas sein Andenken in diesen Spalten feiern, das war das ritterliche Wesen, womit er immer und überall die Sache des beleidigten Rechts zu seiner eigenen machte, das war das helle Aufleuchten seines lautern Zorns, als in den Maitagen vor zwei Jahre, die Hüter Mammons ihre feigen Triumphe feierten, das war seine mutige Parteinahme zu Gunsten jener unglücklichen Männer, welche vor nun bald einem Jahre unter der Aegide des Staats von einer lizenziirten Räuberbande in Chicago hingemordet wurden, das war seine flammende Freiheitsliebe, das war seine intelligente Auffassung des Problems der ökonomischen Erlösung der Arbeit aus dem Banne des privilegirten Parasiten- und Banditentums, das war das geregelte und geordnete Denken, mit dem er seine Welt- und Lebensanschauung zum Ausdruck und zur Geltung brachte.
Ein Denkmal möchte ich ihm setzen, wenn er sich in diesen Spalten, wie in den Herzen aller Derjenigen, die ihn kannten, nicht selber eins gesetzt hätte; denn wenn Einer ein Denkmal verdiente, so war es Paul Berwig. Milwaukee, wo er wohnte, gilt so recht als der eigentliche Heerd des deutsch-amerikanischen Radikalismus; aber in ganz Milwaukee gab es nicht einen andern Mann, der schriftstellerisch ein grösseres Verständniss für die grosse Menschheitsfrage der Zeit bekundet und der Förderung derselben ein wärmeres Herz entgegengebracht hätte, als er. Ja, ich halte mich streng innerhalb der Grenzen der Wahrheit, wenn ich behaupte, dass der moderne Freiheitsgedanke, so wie er im anarchistischen Sozialismus zum Ausdruck gelangt, unter den deutsch-amerikanischen Schriftstellern und Volkslehrern keinen fähigeren und beredteren Vertreter aufzuweisen hatte. Und doch war Paul Berwig weder Schriftsteller noch Volkslehrer von Beruf. Sein Beruf war der des Arztes; und als er plötzlich von einem Herzschlag darniedergestreckt wurde, war er, wie mir meine Mutter schreibt, eben dabei, „einer Kreisserin Beistand und Hülfe in ihrer schweren Not zu bringen.“ Aber er verschaffte sich immer Zeit, für Freiheit und Recht eine Lanze einzulegen, seinem Ideal in Schrift und Rede ein zündend Wort zu leihen. Und in dieser Beziehung kann er den Gebildeten als leuchtendes Beispiel dienen, ruht doch auf diesem Stand der Makel der Gleichgültigkeit und Untätigkeit den idealen Bestrebungen des Volkes gegenüber. Es könnte täglich ein Jeder von der Ausübung seines Berufs so viel Zeit und Kraft erübrigen, um den grossen Menschheitsfragen den Nutzen seiner Talente zu Gute kommen zu lassen. Ich erwarte viel mehr für den menschlichen Fortschritt von der aufklärenden und reformatorischen Wirksamkeit solcher Männer, wie Paul Berwig einer war, als von der Agitation von neunzehnteln aller professionellen Weltverbesserer. Diese verfügen selten über die für die ideale Ausführung ihres Berufes erforderliche Unabhängigkeit, und doch ist die Unabhängigkeit die unerlässliche Bedingung jedes, ideale Güter zum Ziel habenden Dienstes. Paul Berwig sicherte sich diese Unabhängigkeit leicht durch seine ärztliche Tüchtigkeit und er schrieb und redete infolge dessen nicht zum Gefallen Dieses oder Jenes, sondern um sich selber Genüge zu tun. Dabei widerlegte er auch mit seinem Beispiel das verächtliche Gerede jener Feigen, welche des armseligen Fortkommens wegen ihr edleres Selbst unterdrücken und verleugnen zu müssen wähnen. Er brachte sein edleres Selbst voll und ganz zum Ausdruck und verstand sich äusserlich dennoch verhältnissmässig gut zu stellen. Und wenn er seiner Familie auch keine Schätze hinterlassen hat, welche die Motten und der Rost fressen, so hinterlässt er ihr doch, was ihr unendlich teurer ist: das süsse Andenken eines reinen, edlen Strebens: Wollte auch nur eine Minderheit der Gebildeten nur halb so viel Edelsinn und Mannesmut bekunden, statt sich für Lohn in den Dienst der herrschenden Gewalten zu stellen, es müsste bald anders aussehen auf dieser alten Erde.
Mit der bestehenden Ordnung der Dinge hatte Paul Berwig radikal gebrochen, mit jener Ordnung, welche die Mehrzahl der Menschen zur Sklaverei verdammt, damit eine kleine Minderheit in verbrecherischem und unnatürlichem Ueberfluss schwelgen könne; aber er besass einen zu scharfen Verstand, und der altgerühmte germanische Individualismus war zu mächtig in ihm, als dass er sich jener grossen Partei der Unzufriedenen hätte anschliessen können, welche es unternommen hat, die Gesellschaft nach einer fertig zugeschnittenen Schablone umzuformen, welche sich zur Ausführung ihres Programms auf den Zwang stützt, und welche der Privatinitiative im Erwerbsleben die staatliche Regulation entgegenstellt. In der Freiheit die Bedingung und Garantie aller gesellschaftlichen Entwicklung erblickend, wollte er sie strengstens gewahrt und ihre Grenzen immer weiter gesteckt wissen. Er postulirte die gleiche und allseitige Freiheit und verwies, in Uebereinstimmung mit den Lehren Proudhons, Spencers, Wilhelm v. Humboldts und vieler anderer ausgezeichneter Köpfe, das gesammte volkswirtschaftliche Weben und Leben in das Gebiet der Privatinitiative und der freien Verträge, um auf diese Weise die Gesellschaft gegen alle Verknöcherung zu schützen und dieselbe in einem gleichsam flüssigen Zustande zu erhalten, damit sie stets allen fortschrittlichen Anforderungen möglichst leicht Rechnung tragen könne. Ganz richtig erkannte er in der Monopolherrschaft die Ursache der sozialen Krankheit der Zeit, in der Monopolherrschaft, welche die freie Zirkulation der Säfte des Gesellschaftskörpers hemmt und denselben folglich unvermeidlich zum Siechtum führt. Er forderte daher logischerweise die Abschaffung des Staats, in dem sich die Monopolherrschaft verkörpert, und erstrebte die auf dem Vertrag beruhende freie Gesellschaft. Damit hatte er sich auf den Standpunkt gestellt, von dem aus jede erspriessliche Reformbewegung ihren Ausgang nehmen muss. Darin besteht seine Bedeutung für die anarchistische Propaganda, und damit hat er sich auch die Liebe und die Dankbarkeit kommender Geschlechter gesichert, wie schon heute ein kleines Häuflein Strebender seiner mit Liebe und Dankbarkeit gedenken und ihm den Tribut ihrer Thränen spenden.
Wie überwältigend auch die Trauer, mit welcher Paul Berwigs plötzliches Scheiden meine Brust heute erfüllt, ich schätze mich glücklich, ihm nahe gestanden und ihn gekannt zu haben, — einen Mann, einen ganzen Mann in ihm gekannt zu haben in einer Welt [[von]] Männern. Solche Charaktere sind zu selten, als dass uns ihre Kameradschaft nicht als kostbarstes Juwel erscheinen sollte. Manche, die mir in vergangenen Tagen lieb und teuer waren, stehen heute fernab und verhalten sich meinen Bestrebungen gegenüber gleichgültig. Wir sind einander allmählig entfremdet. Vor fünf Jahren, als ich ihn zuerst kennen lernte, waren Paul Berwig und ich einander wol auch ziemlich gleichgültig. Ich lernte ihn aber schätzen. Und kraft des Gesetzes der Wahlverwandtschaft sind wir allmählig so mit einander verwachsen, dass als er dieser Tage die Augen auf ewig schloss, es mir war, als sei mein eigen Herz gestorben. So leer schien mir die Welt. Aber ich rechne es zu meinem schönsten Glück, eine edle Freundschaft genossen zu haben.
G. S.
(Libertas 8, Samstag, 8. September 1888, S. 3.)
Anmerkungen
- Ab der Nummer 7 der Libertas ist die Qualität der Scans sehr schlecht; Rekonstruktionen im Text werden daher mit [[Text]] markiert, unleserliche Stellen mit [unleserlich] gekennzeichnet.
- Die einleitende Passage greift das Gedicht Zum Andenken an Georg Büchner des politischen Dichters Georg Herwegh (1817–1875) auf. Herwegh schrieb es zum Gedenken an den bereits 1837 im Alter von 23 Jahren verstorbenen Schriftsteller, Mediziner und Revolutionär Georg Büchner (1813–1837); veröffentlicht wurde es 1841. Der Nachruf übernimmt bzw. paraphrasiert daraus eine ganze Folge von Bildern: die geschonten „Schlangen“ und getroffenen „jungen Adler“, die vom Himmel sinkenden Sterne und das „Flittergold“, den zerstörten Tempel, die umgeprägte Münze sowie den „Mörder Tod“, der die „zarte Schale“ zerbricht und den „hellen Geist“ ausgiesst.
- Die „Maitage vor zwei Jahre“ verweisen auf die schweren Arbeitskonflikte des Mai 1886 im Umfeld der amerikanischen Bewegung für den Achtstundentag. In Chicago kam es am 4. Mai zur Haymarket-Affäre; in Milwaukee erschoss die Nationalgarde einen Tag später beim Bay-View-Massaker mehrere Demonstranten, die für den Achtstundentag streikten. Da der Text beide Städte eng mit Berwigs politischem Engagement verbindet, lässt sich nicht sicher entscheiden, ob mit der Formulierung ein einzelnes dieser Ereignisse oder die gesamte Konfliktwelle gemeint ist.
- Bei den „unglücklichen Männern“, die „vor nun bald einem Jahre […] in Chicago hingemordet wurden“, handelt es sich eindeutig um die nach der Haymarket-Affäre verurteilten Anarchisten. August Spies, Albert Parsons, Adolph Fischer und George Engel wurden am 11. November 1887 gehängt; Louis Lingg hatte sich am Vortag in der Haft das Leben genommen. Die Verurteilung war schon zeitgenössisch international umstritten. 1893 begnadigte der Gouverneur von Illinois, John Peter Altgeld, die drei noch inhaftierten Verurteilten und kritisierte das Verfahren scharf. Der englische Nachruf in Liberty bestätigt ausdrücklich, dass Berwig am grossen Trauerzug für die „Chicago martyrs“ teilgenommen hatte.
- Die Charakterisierung Milwaukees als „Heerd des deutsch-amerikanischen Radikalismus“ ist rhetorisch zugespitzt, hat aber einen historischen Hintergrund. Milwaukee besass im späten 19. Jahrhundert eine grosse deutschsprachige Bevölkerung, eine vielfältige deutsche Presse sowie eine ausgeprägte Arbeiter- und sozialistische Bewegung. Bereits in den 1870er-Jahren gewann der Sozialismus dort an Bedeutung; 1886 erschienen unter anderem die deutschsprachige Milwaukee’r Arbeiter-Zeitung und zahlreiche weitere deutsche Periodika. Die starke Verbindung von deutsch-amerikanischem Milieu und organisierter Arbeiterbewegung prägte später auch den politisch erfolgreichen Milwaukee-Sozialismus.
- Der Ausdruck „anarchistischer Sozialismus“ bezeichnet im Umfeld von Libertas und Benjamin Tuckers Liberty keinen Widerspruch, sondern eine zeitgenössische Selbstbezeichnung des individualistischen Anarchismus. Tucker unterschied ausdrücklich zwischen einem auf staatlichem Zwang beruhenden „State Socialism“ und einem „Anarchistic Socialism“, der staatlich geschützte Privilegien und Monopole beseitigen und gesellschaftliche Beziehungen auf gleicher Freiheit, freiwilligem Austausch und freien Verträgen aufbauen wollte. Die im Nachruf verwendeten Begriffe „Monopolherrschaft“, „Privatinitiative“ und „freie Verträge“ gehören unmittelbar in diesen ideengeschichtlichen Zusammenhang.
- Mit Pierre-Joseph Proudhon, Herbert Spencer und Wilhelm von Humboldt nennt der Nachruf drei sehr unterschiedliche Denker als Gewährsleute für Berwigs Freiheitsverständnis. Proudhon (1809–1865) war ein früher anarchistischer und mutualistischer Theoretiker; Spencer (1820–1903) vertrat einen weitreichenden Individualismus und das Prinzip gleicher Freiheit; Humboldt (1767–1835) hatte bereits 1792 in seinen Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen eine möglichst weitgehende Begrenzung staatlicher Eingriffe gefordert. Die Zusammenstellung bedeutet nicht, dass alle drei derselben politischen Schule angehörten. Sie verweist vielmehr auf einen gemeinsamen Bezugspunkt: die Autonomie des Individuums und das Misstrauen gegenüber ausgedehnter Staatsgewalt.
- „Kreisserin“ ist eine heute nicht mehr gebräuchliche Bezeichnung für eine Gebärende bzw. eine Frau in den Wehen. Der Satz besagt somit, dass Berwig offenbar auf dem Weg zu einer Patientin während einer Geburt war, als er den tödlichen Herzschlag erlitt.
- Die Wendungen von den „Hütern Mammons“ und den Schätzen, „welche die Motten und der Rost fressen“, greifen die Bergpredigt auf. In Matthäus 6,19 wird davor gewarnt, vergängliche Schätze zu sammeln, „wo die Motten und der Rost sie fressen“; wenige Verse später folgt die Aussage, niemand könne zugleich Gott und dem Mammon dienen. Der Nachruf verbindet damit seine Kritik an materieller Bereicherung und gesellschaftlichen Privilegien mit einer bewusst biblischen Bildsprache.
- Bereits am 1. September 1888, eine Woche vor der letzten Ausgabe von Libertas, erschien in Liberty, Vol. VI, No. 2, Whole No. 132, ebenfalls ein mit „In Memoriam“ überschriebener Nachruf auf Berwig. Der von E. H. S. verfasste englische Beitrag ist keine Übersetzung des vorliegenden Textes, sondern eine eigenständige Würdigung. Beide Nachrufe stimmen jedoch in wesentlichen Punkten überein; die englische Fassung hebt unter anderem Berwigs Bildung, sein Engagement für die anarchistische Bewegung und seine Teilnahme am Begräbnis der Chicagoer Anarchisten hervor.