Der Kampf ums Dasein.
Nichts kommt dem Menschen mehr natürlich und mehr selbstverständlich vor, als die Vorteile und Privilegien, welche er vor Andern voraus hat. Die Frage, ob er dazu berechtigt sei, wird überhaupt nicht von ihm aufgeworfen, so lange sich Niemand findet, der diese Berechtigung ernstlich und nachdrücklich genug in Zweifel zieht. Tritt aber dieser Umstand endlich doch ein, so ist eine tiefempfundene Entrüstung die nächste und natürlichste Folge davon.
Ganz unmöglich ist es allerdings nicht, dass hie und da Einer von den Privilegirten, nachdem sein Nachdenken über den Gegenstand angeregt worden ist, das in seiner eigenen Bevorzugung liegende Unrecht einsieht und sich zur ehrlichen Anerkennung desselben bewogen fühlt. Diese Fälle sind, ihrer [[grossen]] Seltenheit wegen, fast den Wundern gleich zu rechnen. Die überwiegende Mehrzahl wird, falls ihre Intelligenz soviel unabhängiges Denken gestattet, höchstens die Notwendigkeit zugeben, dass logische Gründe für die ihnen so günstige Gesellschaftsordnung vorhanden sein müssen, und solche Gründe dann an den Haaren herbeiziehen.
Wo der Volksaberglaube noch eine den Königen innewohnende übernatürliche Kraft annimmt, welche ihr Besitzer auch auf Andere übertragen kann, da liegt Logik in der Behauptung, dass die Privilegien gewisser Klassen auf einer soliden Grundlage beruhen; wo ferner Gottesfurcht und fromme Sitte noch einen Ausdruck des göttlichen Willens in allen menschlichen Einrichtungen erblickt, da braucht man der Logik ebenfalls keine Gewalt anzutun, wenn man behauptet, dass gewisse Privilegien berechtigt wären. Einer so glücklichen Unschuld gegenüber befindet sich aber der aufgeklärte Philister in arger Verlegenheit. Den Aberglauben der Dummen darf er doch nicht teilen; denn er ist ja aufgeklärt; seine Privilegien aber mag er noch viel weniger hingeben; denn sein eigenes Interesse geht ihm über Alles. In dieser Verlegenheit wendet er sich an die Wissenschaft; sie hat den Köhlerglauben zerstört, welcher bisher seine Privilegien schützen konnte, sie muss auch Ersatz schaffen für den Schutz, dessen er bedarf, wenn das Volk anfängt, unbequem klug zu werden. Dem Unternehmungsgeiste gegenüber ist die Wissenschaft fast ebenso gefällig, wie der kindliche Glaube, besonders, wenn letzterer durch eine gehörige Dosis Unverfrorenheit ersetzt wird; darum ist die wissenschaftliche Formel, welche in den Augen der „Aufgeklärten“ die Privilegien rechtfertigen muss, auch bald gefunden. Sie heisst: „Der Kampf ums Dasein.“
Mittelst dieser Formel will man alle sozialen Ungleichheiten, ganz besonders aber die Privilegien der bevorzugten Klasse, auf eine natürliche (und darum berechtigte) Ursache zurückführen. „Der Kampf ums Dasein“ soll heissen, dass die Natur zum Unterhalt ihrer lebenden Wesen nur ein unzureichendes Material liefert; dass somit ein Kampf um dieses Material unvermeidlich ist; dass die vollkommneren, d. h. die stärkeren Individuen, in diesem Kampfe gewinnen, die schwächeren dagegen unterliegen und untergehen müssen; dass endlich die Natur durch diesen Mechanismus die Vervollkommnung ihrer Geschöpfe erreicht, indem die besten leben und sich fortpflanzen, die untauglichen dagegen notgedrungen untergehen müssen.
Diese Theorie wird nun ohne Umstände auf unsere sozialen Verhältnisse angewandt, und sie hilft den Herren Ausbeutern prächtig aus aller Verlegenheit; sie können dadurch beweisen, dass ihre Privilegien durch die Natur geschaffen wurden, und das wiegt den Mangel einer göttlichen Anordnung vollständig auf — wir leben ja in einem aufgeklärten Zeitalter. Wenn die Enterbten über harte Arbeit und geringen Lohn klagen, wenn sie unter der Last ihrer Bürde frühzeitig dahinsiechen, wenn sie gar mit scheelen Augen auf Diejenigen blicken, welche sich im Ueberfluss mästen, dann beschwichtigt man sie, indem man vorgibt, dass die Natur allen Lebewesen diesen Kampf um ihre Existenzbedingungen auferlegt habe, indem sie das Nötige nur spärlich liefere; dass der Untergang der Elenden und Dürftigen im Plan der Natur liege, weil dies zur Vervollkommnung des Menschengeschlechts notwendig sei; dass endlich die Privilegirten nur die Früchte ihrer natürlichen Vollkommenheiten geniessen.
Keine einzige dieser Sophistereien ist stichhaltig, wenn man sie prüft. Wie kann ein Kampf um die Existenzbedingungen auf natürlichen Ursachen beruhen, wenn, wie zum Hohn, „Ueberproduktion“ als Hauptfaktor des sozialen Elendes vorgeschützt wird? Wie kann die Dezimirung des Menschengeschlechts durch Elend und harte Arbeit einer Vervollkommnung desselben dienlich sein, wenn gerade Diejenigen an den Uebeln zu Grunde gehen, welche die notwendigsten Existenzbedingungen durch ihre Arbeit schaffen? Wie können endlich die Privilegien das natürliche Ergebniss der grössten Tüchtigkeit sein, wenn wir in jenen Kreisen der Privilegirten Nichts als Laster, Ausschweifungen und Konspirationen gegen das Wohl der Menschheit erblicken? Solche Exemplare, welche in dem angeblichen Kampf ums Dasein auf dem Ruin ihrer Mitmenschen emporgewachsen sind, sehen wir täglich in den vornehmen Stadtvierteln in prachtvollen Karossen umherfahren, aber jene blasirten, gelangweilten, abgelebten Züge strafen die Annahme Lügen, dass wir in ihnen Prachtexemplare des Menschengeschlechts vor uns hätten, welche sich durch glänzende Siege in dem Kampf ums Dasein als zu einer der edleren Rassen des Genus Homo gehörend ausgewiesen hätten. Wenn ein mit den Verhältnissen Unbekannter in und an einer solchen Karosse diejenigen Lebewesen nennen sollte, welche den Eindruck einer veredelten Gattung ihres Geschlechtes machten, so würde er wohl in den meisten Fällen den Kutscher und die Pferde vor den „Herrschaften“ nennen.
Die Phrase von dem Kampf ums Dasein innerhalb unserer heutigen Gesellschaft ist eine der gröbsten sozialen Lügen: es ist dies kein Kampf, wie er zwischen wilden Lebewesen infolge natürlicher Ursachen stattfindet; denn er wird weder durch den Mangel bedingt, noch führt er zur Vervollkommnung des Menschengeschlechtes, noch bringt er das wahre Verdienst zu Ehren. Wo menschliche Ungerechtigkeit und Willkür zum Mangel im Ueberfluss, zum Untergange [[der Thätigen]] und Arbeitsamen, zum Triumph des Lasters und Eigennutzes führt, da herrscht kein Kampf ums Dasein, wie die Natur selber ihn schafft: da haben wir nur ein schändliches System menschlicher Unvollkommenheit, zu dessen Sturz alle Rechtschaffenen sich vereinigen sollten.
PAUL BERWIG
(Libertas 8, Samstag, 8. September 1888, S. 2–3.)
Anmerkungen
- Ab der Nummer 7 der Libertas ist die Qualität der Scans sehr schlecht; Rekonstruktionen im Text werden daher mit [[Text]] markiert, unleserliche Stellen mit [unleserlich] gekennzeichnet.
- Der Ausdruck „Kampf ums Dasein“ geht im hier verwendeten naturwissenschaftlichen Sinn auf Charles Darwin zurück. Das dritte Kapitel seines 1859 erschienenen Hauptwerks Über die Entstehung der Arten trägt im Original die Überschrift „Struggle for Existence“; die deutsche Standardübersetzung gab dies als „Kampf ums Dasein“ wieder. Darwin verwendete den Begriff ausdrücklich in einem weiten, teilweise metaphorischen Sinn: Er umfasste nicht nur unmittelbare Konkurrenz zwischen Lebewesen, sondern auch ihre Abhängigkeit voneinander und von den äusseren Lebensbedingungen. Einen wichtigen Anstoss dafür erhielt Darwin durch die Bevölkerungstheorie von Thomas Robert Malthus.
- Die von Berwig kritisierte Vorstellung, im „Kampf ums Dasein“ setzten sich die Stärkeren durch und gesellschaftliche Ungleichheit lasse sich deshalb als Ergebnis eines Naturgesetzes rechtfertigen, gehört in den historischen Zusammenhang dessen, was später als Sozialdarwinismus bezeichnet wurde. Eine wichtige Rolle spielte dabei Herbert Spencer, der 1864 die Formel „Survival of the Fittest“ prägte. Darwin übernahm sie später als Umschreibung der natürlichen Selektion. Die gesellschaftlichen und politischen Lehren, die gewöhnlich unter „Sozialdarwinismus“ zusammengefasst werden, waren allerdings weder einheitlich noch eine einfache unmittelbare Konsequenz aus Darwins Evolutionstheorie. Berwig richtet sich hier insbesondere gegen die Verwendung biologischer Begriffe zur nachträglichen Legitimation sozialer und wirtschaftlicher Privilegien.
- Mit „Köhlerglauben“ bezeichnete man einen unbedingten oder blinden Glauben, der nicht auf eigener Prüfung beruht. Die Gegenüberstellung von „Köhlerglauben“ und Wissenschaft hatte Mitte des 19. Jahrhunderts zusätzliche Aktualität durch den deutsch-schweizerischen Naturforscher Carl Vogt, der 1855 die vielbeachtete Streitschrift Köhlerglaube und Wissenschaft gegen den Physiologen Rudolf Wagner veröffentlichte. Ob Berwig unmittelbar auf Vogts Schrift anspielt, lässt sich nicht belegen; die von ihm verwendete Gegenüberstellung steht aber im selben zeitgenössischen Konfliktfeld zwischen religiöser Autorität und naturwissenschaftlicher Weltdeutung.
- Die Bemerkung über eine Königen zugeschriebene „übernatürliche Kraft“, die auf andere Menschen übertragen werden könne, verweist auf ältere Vorstellungen sakraler Monarchie. Neben der politischen Legitimation durch das Gottesgnadentum existierte insbesondere in Frankreich und England über Jahrhunderte der Glaube, der rechtmässige König könne durch Berührung Krankheiten heilen. Das als „royal touch“ bekannte Ritual wurde vor allem zur vermeintlichen Heilung der Skrofulose praktiziert und war eng mit Vorstellungen einer von Gott verliehenen besonderen Herrscherkraft verbunden.
- Die Formulierung von den „edleren Rassen des Genus Homo“ ist erkennbar ironisch: Berwig verspottet damit gerade die Vorstellung, gesellschaftlich privilegierte Menschen seien biologisch höherwertige Exemplare der Menschheit. Homo ist die von Carl von Linné 1758 eingeführte biologische Gattungsbezeichnung, zu der der heutige Mensch (Homo sapiens) gehört. Die im 19. Jahrhundert verbreitete Einteilung der heutigen Menschheit in biologisch klar voneinander getrennte und hierarchisch bewertbare „Rassen“ gilt wissenschaftlich als überholt (vgl. dazu auch die Anmerkungen hier). Berwigs Passage übernimmt also zeitgenössisches Vokabular, wendet es hier aber gegen die gängige Verwendung.