Den leichtfertigen Fragestellern.

Das Entmutigendste für Diejenigen, die sich die Verbreitung einer Wahrheit, in der sie das Heil der Menschheit erblicken, zur Aufgabe gemacht haben, ist, dass die Mehrzahl selbst Derjenigen, die gerne wissen möchten, was eigentlich an der Sache ist, ihr Wissen stets mit Einem Sprunge erreichen zu können glauben. Sie fragen, „Was ist Anarchie?“ und erwarten in wenigen kurzen Sätzen Aufklärung zu erhalten über das ganze ungeheure Gebiet menschlicher Verhältnisse, welches das Wort umfasst. Ebensogut könnte man auf die Frage, „Was ist Astronomie?“ erwarten, in einem einzigen engen Rahmen die Wunder des Sternenhimmels zu schauen, wie sie dem Auge des astronomischen Forschers vorschweben mögen.

Zwar lässt sich das Wort etymologisch wie inhaltlich definiren. Es lässt sich kurz dartun, was unter einem anarchistischen Gesellschaftszustand zu verstehen ist. Lassen wir uns aber zu einer solch allgemeinen Definition herbei, so tun wir es mit der entmutigenden Gewissheit, dass unser Fragesteller nunmehr ziemlich so klug ist, wie zuvor, und dass, was wir durch unseren Aufklärungsversuch gewonnen haben, höchst negativer Natur ist: dass wir aus einem unwissenden Neutralen einen ebenso unwissenden Gegner gemacht haben. Denn unsere Bestrebungen scheinen dem so Aufgeklärten so unfassbar in ihrer Neuheit und so durchaus umstürzlerisch, dass sie sofort seine ganze Opposition herausfordern. Er fühlt sich plötzlich dazu berufen, das, was ihm bisher gleichgültig war, nun zu bekämpfen. Darin liegt immerhin ein Gewinn, wenn sich der Gegner geistiger Waffen [[bedient]] und sich deshalb notgedrungen über die Sache, [[die er]] bekämpft, genauer informieren muss. Wir [[können]] nur noch wünschen, dass Ehrlichkeit und [[Gewissenhaftigkeit]] zu den Hauptfaktoren des [[gegnerischen]] Geistes gehören, denn dann ist der Samen gesät, der bestimmt ist, herrliche Früchte zu zeitigen.

Aber leider nur zu häufig bricht diese erste Regung der Opposition, den die direkte, allgemeine Definition unseres Prinzips verursacht, auch den Stab über dasselbe, und man will fürderhin nichts mehr von solchem Blödsinn hören. Selbst da, wo höflichkeitshalber noch ein gewisses Interesse zur Schau getragen wird, steht der Entschluss fest, dass man über solche utopische Schwärmereien erhaben ist — und alle weiteren Ausführungen prallen an dieser sterilen geistigen Ueberlegenheit eindruckslos ab.

Was bleibt da noch übrig? Es ist höchst erbaulich, sich sagen zu müssen: „da hast du wieder einmal deine Perlen vor die Säue geworfen,“ und man schreckt unwillkürlich vor der Möglichkeit einer Wiederholung dieser demütigenden Erfahrung zurück. Aber wenn ich bedenke, dass selbst die Säue aus ihrer beklagenswerten [[Versunkenheit]] gerettet werden könnten, wenn sie diese Perlen nur einmal recht ins Auge fassen, anstatt sie mit Füssen in ihren Schlamm treten wollten, da schwindet das gekränkte Selbstgefühl, und ich lasse mich nicht zurückweisen, ehe ich nicht wenigstens noch dies Eine gesagt habe: dass jedes ernste, ehrliche Denken und Forschen der Prüfung und der Teilnahme wert ist, dass wir nicht mit Einem Sprunge in die Mitte eines Gebietes eindringen können, das von den meisten nicht zu den bevorzugten Geistern gehörenden Menschen erst Schritt um Schritt erobert werden muss. Erst indem wir allmählig vordringen, werden wir gewahr, dass was immer an der Sache sein mag, jedenfalls mehr darin ist, als wir in unserem ersten, fix und fertigen Urteil darüber geahnt hatten.

Zwei Dinge tun Demjenigen, der sich nicht damit begnügen will, auf der Oberfläche des Lebens dahinzugleiten, sondern mit dem Ernst eines denkenden Geistes die Dinge ins Auge fasst, vor Allem Not: auf der [[einen]] Seite Vertrauen in das eigene Urteil dem Althergebrachten und Allgemeingeschätzten gegenüber; auf der andern, die Bescheidenheit des Geistes, die immer bereit ist, zuzugeben, dass es mehr Dinge im Himmel und auf Erden gibt, als seine Weisheit sich träumen lässt. So schrieb Emerson mit der Bescheidenheit eines wahrhaft tiefen Denkers einem Freunde, der ihn über seine religiöse Weltanschauung befragt und Aufklärung von ihm verlangt hatte:

Wenn ich durch Sympathie und Anregung etwas zur Lösung der grossen Probleme, welche Sie beschäftigen, beitragen kann, werde ich sehr froh sein. Aber ich denke, es muss nach und nach geschehen. Ich bin nicht hinlänglich Meister der wenigen Wahrheit, die ich erkannt habe, um zu wissen, wie ich sie in Formen kleiden kann, die so allgemein sind, dass jeder Geist sie von meinem Gesichtspunkte aus sehen wird. Wir verallgemeinern und berichtigen unsere Ausdrucksweise durch beständige Versuche von Tag zu Tag, von Monat zu Monat, um unsere eigene Erkenntniss mit derjenigen unserer Genossen zu vereinbaren. Auf diese Weise werden zwei Forscher den besten gegenseitigen Einfluss auf einander ausüben. Doch ich würde es nie versuchen, eine direkte Antwort auf solche Fragen wie die Ihrigen zu geben. Mir fehlt die Sprache, die mit irgend welcher Getreulichkeit meine geistige Verfassung in Bezug auf jede derselben kurz darstellen könnte; denn mein Geist ist in jeder derselben keineswegs endgültig abgeschlossen, sondern tastend, fortschreitend und mit meinem ganzen Gedankenkreis aufs engste verbunden.

So konnte ein Emerson sprechen, der mehr als fast irgend sonst ein Sterblicher hinter die Dinge gekommen war, deren äussere Erscheinungen uns Alltagsmenschen so sehr betören und irre leiten. Mögen die leichtfertigen Frager, „Was ist Anarchie?“ von ihm lernen, dass sie keine wirkliche Auskunft über diese Frage erhalten können, so lange ihr geistiges Verhalten zu derselben kein anderes ist; selbst nicht, wenn sie ganze Bände in Ausführungen über den Gegenstand lesen. Nur mit Daransetzung ihres ganzen geistigen Ernsts, ihrer Beobachtungsgabe und ihres Gerechtigkeitsgefühls können sie die hohe sittliche wie sozial-ökonomische Bedeutung des Wortes Anarchie verstehen lernen.

E. H. S.

(Libertas 8, Samstag, 8. September 1888, S. 2.)

Anmerkungen

  • Ab der Nummer 7 der Libertas ist die Qualität der Scans sehr schlecht; Rekonstruktionen im Text werden daher mit [[Text]] markiert, unleserliche Stellen mit [unleserlich] gekennzeichnet.
  • Wenn Schumm von „Anarchie“ spricht, ist damit explizit der individualistische Anarchismus aus dem Umfeld Benjamin Tuckers gemeint.
  • Die Wendung „Perlen vor die Säue werfen“ geht auf das Matthäusevangelium, Mt 7,6, zurück. Dort wird davor gewarnt, Perlen vor Schweine zu werfen, damit diese sie nicht zertreten. Schumm nimmt das Bild auf und führt es ironisch weiter: Selbst die von ihr so bezeichneten „Säue“ könnten aus ihrer geistigen „Versunkenheit“ gerettet werden, wenn sie die Perlen betrachteten, statt sie „mit Füssen in ihren Schlamm“ zu treten.
  • Die Formulierung, es gebe „mehr Dinge im Himmel und auf Erden […], als seine Weisheit sich träumen lässt“, spielt auf William Shakespeares Hamlet, 1. Akt, 5. Szene, an. Hamlet erklärt dort gegenüber Horatio, es gebe mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als seine Philosophie sich träumen lasse. Schumm verwendet die Anspielung als Plädoyer gegen vorschnelle Gewissheit und für intellektuelle Bescheidenheit.
  • Bei Emerson handelt es sich um den amerikanischen Essayisten und Philosophen Ralph Waldo Emerson (1803–1882), einen Hauptvertreter des Transzendentalismus. Das längere Zitat stammt aus einem Tagebucheintrag vom 4. Oktober 1838 mit der Überschrift „Letter to W. Silsbee“. Emerson antwortete darin auf Fragen William Silsbees zu religiösen und philosophischen Problemen und erklärte, grundlegende Fragen liessen sich nicht angemessen durch kurze, allgemeine Definitionen beantworten. Die deutsche Fassung in Libertas folgt dem englischen Text eng; Emersons Selbstbeschreibung seines Denkens als „tentative, progressive“ wird etwa mit „tastend, fortschreitend“ wiedergegeben.