Eine Replik an Victor.
„Unabhängige Männer und Frauen, in unabhängigen Häuslichkeiten ein getrenntes und unabhängiges Leben führend, mit der vollen Freiheit, Verhältnisse einzugehen und zu lösen, wie mit vollkommen gleichen Gelegenheiten auf Glückseligkeit, Entwicklung und Liebe.“ Ich lasse das Wort „Rechten“ weg, zweifelhaft ob ich mich desselben ohne Gefahr, missverstanden zu werden, bedienen kann. Vielleicht gelingt es mir noch, gänzlich ohne dasselbe fertig zu werden. Dieses Ideal, so formulirt, hat einen Reiz für mich und ist in vollkommener Uebereinstimmung mit derjenigen Lebensführung, welche meinem Dafürhalten gemäss menschliches Glück am meisten zu fördern geeignet ist.
Ich bin nicht sicher, dass ich Victors Stellung zu der Frage von der in der Familie der Zukunft wünschenswerthen Kinderzahl genau verstehe. Dies erscheint mir jedoch als ein so wesentliches Moment in der Erörterung des socialen Problems der Zukunft, dass es gleich von vorn herein berücksichtigt werden muss. Wenn das höchste Glück einzig dadurch zu sichern ist, dass man den „natürlichen“ geschlechtlichen Regungen ohne Rücksichtnahme auf irgend welche andre Freuden, welchen man zu Gunsten der ersteren entsagt, frei die Zügel schiessen lässt, dann kann ich nur zugeben, dass die ewige Abhängigkeit der Frau vom Mann ein unvermeidliches Uebel zu sein scheint. Welche Form die neue Organisation der Gesellschaft auch annehmen mag, es ist nicht wahrscheinlich, dass man in derselben „seinen Kuchen essen und doch noch haben kann.“ Und der „gewissen Periode,“ in welcher Victor zufolge „der Wechsel nur ein temporäres Bedürfniss ist,“ ein ziemlich weites Feld einräumend, ist die Annahme nicht ungerechtfertigt, dass nach seiner Lebenstheorie ein jeder Apollo seine Venus auffinden wird, ehe sie über das fünfundzwanzigste Lebensjahr hinaus ist. Sie hat zwanzig Jahre der Fruchtbarkeit vor sich, und die einfache Befriedigung eines keineswegs anormalen Geschlechtstriebs könnte für sie die Geburt von zehn Kindern zur Folge haben. Während zwanzig Jahren ihres Lebens wird sie diese Kinder getragen, geboren und genährt haben. Und doch involvirt sein Plan, dass sie während dieser Zeit, wo sie, wie er behauptet, „auf fremde Pflege, Hülfe und Dienste angewiesen und folglich unfähig ist, für sich selber zu sorgen,“ nichtsdestoweniger „die Kinder erziehe und ihren Geliebten mit Komfort umgebe“? Es dünkt mir, wenn ich ihn nicht missverstanden habe, dass er diese Angelegenheit vom Standpunkte eines Mannes aufgefasst hat.
Aber ich sehe nicht ein, warum wir dem Geschlechtstrieb blindlings folgen sollen. Unser ganzes Leben ist ein Verzichtleisten auf das, was wir zu tun geneigt sind, um künftiges Glück zu erzielen oder künftiges Unglück zu verhüten. Ich esse nicht jedes Mal, wenn ich ein appetitliches Gericht vor mir sehe; ich vermeide es, im Zug zu sitzen und Eiswasser zu trinken, wenn ich erhitzt bin; ich stehe manchmal auf, wenn ich noch so schläfrig bin; und ich bleibe nicht lange genug im Ocean, um eine Erkältung zu riskiren. Und ich weiss, dass die Folgen der ungezügelten Befriedigung des Geschlechtstriebes ernstlicherer Natur sind als irgend welche andere.
Ich mag das Walten der Natur in mancher Hinsicht als äusserst verschwenderisch und plump ansehen, und ich mag glauben, dass wenn ich die Welt zu erschaffen gehabt, ich sie anders eingerichtet haben würde; dass ich als unsere einfachsten, spontansten, ersten und tiefgefühltesten Regungen diejenigen gemacht hätte, welche, wenn blindlings befolgt, zum denkbar höchsten Glücke führen würden. Aber die Natur und die Gesetze des Universums wie unseres eignen Wesens sind Tatsachen, die wir nicht ändern können. Wir können weiter nichts tun, als uns denselben anzupassen befleissigen. „Wenn Gott existirt, ist er des Menschen Feind,“ zumal derjenige der Frau. Da es für mich aus dieser Folgerung kein Entrinnen gibt, behandle ich die Natur nicht mehr als meine Freundin, wenn sie mich verräth. Ich bestehe nicht einmal darauf, alle Experimente selbst zu probiren. Wenn dieselben zu kostspielig sind, begnüge ich mich zuweilen damit, mir die Erfahrungen Andrer zu Nutze zu machen.
Nun ist für die Frau das Kindergebähren die Folge der einfachen Befriedigung des Geschlechtstriebes. Das bedeutet, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzt. Es schliesst auch für sie das Ertragen von sehr intensivem Leiden, solch tiefem Leiden, wie sie es vorher sich zu vergegenwärtigen nie im Stande war. In der künftigen Gesellschaft, glaube ich, wird dies jedem Mädchen gelehrt werden. Dennoch glaube ich aber, dass es immer noch Kinder in der Welt geben wird. Ich glaube, es ist nicht unmöglich, dass nachdem die Frau das Kindergebähren nicht mehr als eine Pflicht oder als eine Sklavenarbeit im Dienste ihres Herrn betrachtet, sie es als das grösste Vorrecht, das ihr das Leben bieten kann, ansehen wird. Und ist ihr Anrecht auf dieses Kind, das ihr soviel gekostet hat, einmal von allen Männern und Frauen anerkannt, sollte es da nicht möglich sein, dass sie diesem Luxus den Vorzug vor anderen „Gelegenheiten“ gebe? Eine Frau wird die Kinder dann nicht mehr als eine mehr oder weniger unglückliche Folge der Befriedigung eines starken Triebes betrachten, sondern als ein Glück, — ja, das grösste Glück im Leben für eine Frau mit dem mütterlichen Instinkt, — das mit vollem Zweckbewusstsein und sorgfältiger Wahl, mit vollem Verständnis dessen, auf was um seinetwillen entsagt werden muss, zu erreichen ist. Victor hat es mir nicht klar gemacht, dass die Frau, welche diesen Beruf wählt, den Kürzeren ziehen wird. Es hält schwer, festzustellen, welch andre Entwicklung oder welch andrer Genuss der Frau das volle Mass der Entschädigung bieten würde für den Verlust dieser Möglichkeit.
Aber ich gebe nicht zu, dass sie notwendigerweise ihre Unabhängigkeit opfern muss, um dieses Ziel zu erreichen. Unter normalen Verhältnissen ist eine Frau während ihrer Schwangerschaft für produktive Arbeit durchaus nicht untauglich. Es wäre ein Ausnahmefall, in welchem sie nicht die zu ihrem Unterhalt nötige dreistündige tägliche Arbeit zu verrichten im Stande wäre. Das wäre eine Zugabe von einer Stunde zu der Grenze, welche in „Science of Society“ gesetzt ist; Herr Andrews behauptet dort, dass eine zweistündige tägliche Arbeit mehr als genüge, um jedes Individuum bei durchschnittlichem Komfort zu erhalten. Ich gebe nicht einmal zu, dass die Frau „einige Zeit vor und lange Zeit nach der Geburt eines Kindes auf den Mann angewiesen ist, den sie zum Vater ihres Kindes gemacht hat.“ Es ist einfach nötig, dass sie die Bedienung und Hülfe von irgend Jemand habe. Es ist sogar unmöglich, dass er ihr die wahre Sympathie geben kann, welche gerade dem Verständniss dieses Zustandes entspricht. Ich meine, es muss die Erfahrung einer jeden Mutter sein, dass wie zärtlich auch immer ihr Mann sie verpflegt haben mag, doch nur eine andere Mutter sie verstehen konnte oder verstand, und dass seine ganze ihr dargebrachte Sympathie im Grunde nur Mitleid war.
Nach der Geburt eines Kindes mag eine Frau zwei Monate hindurch für jedwede produktive Arbeit untauglich sein. Wir müssen zu der Liste der Auslagen noch die Belohnung einer Wärterin und das Honorar des Arztes rechnen. Während weiteren sieben Monaten wird sie ihr Kind säugen und vielleicht keine andere Arbeit verrichten, als die unmittelbare Pflege desselben bedingt. Ich nehme dies an mehr aus dem Verlangen, die vom Kindergebähren benötigten Auslagen nicht zu unterschätzen, als aus Ueberzeugung, dass dies der rechte Weg ist. Unter fortschrittlichen Leuten ist die Ansicht weit verbreitet, dass eine Frau während der Schwangerschaft und der Säugungsperiode durchaus weiter nichts tun solle, als mit gefalteten Händen schöne Bilder zu betrachten und schöne Musik anzuhören. Doch ich halte dies grossentheils für reaktionär. Das Pendel hat sich ganz überschlagen. Es ist gleichbedeutend mit: „Frauen haben zu viel getan, deshalb sollen sie gar nichts tun.“
Es scheint mir mit Sicherheit angenommen werden zu können, dass die Versorgung eines Kindes während der ersten zehn Jahre seines Lebens nicht mehr als halb so viel kostet wie die Versorgung eines Erwachsenen. Das heisst, eine Frau wird zehn Jahre hindurch vier und eine halbe statt drei Stunden täglich arbeiten müssen, um jedes Kind zu versorgen. Und sie muss im Voraus genug Geld für die angedeuteten Geburtsunkosten gespart haben. Nach zehn Jahren kann sich in der neuen ökonomischen Ordnung ein Kind selbst versorgen.
Ich verstehe nicht, wie all Dies irgend Jemand als unmöglich, wenn nicht gar als unerwünscht erscheinen kann. Wenn die Säugungsperiode vorüber ist, geht die Mutter ihrer vier und ein halb stündigen täglichen Arbeit nach, ihr Kind während dieser Zeit der Pflege Anderer überlassend. Diese mögen Freunde sein, welche die Pflege übernehmen, weil sie ihnen ein Vergnügen und eine Erholung bietet. Oder in Ermanglung solcher Freunde mögen es einfach zuverlässige Leute sein, welche zwar nicht eine Erholung, wohl aber eine angenehme Beschäftigung darin finden, wofür sie eine angemessene Vergütung erhalten. Ich bin es fast überzeugt, dass viele Frauen gegen diesen Punkt im Geiste Einwendungen erheben werden. Sie werden sagen, eine wahre Mutter wird nie ein kleines Kind verlassen. Aber ich bin fast ebenso überzeugt, dass jede Mutter, die durchaus ehrlich gegen sich selbst ist, zugeben wird, dass es für sie wie für ihr Kind besser gewesen wäre, wenn sie es täglich ein paar Stunden in zuverlässigen Händen hätte zurücklassen können.
Victors Plan bedingt die Erziehung der Kinder durch die Mutter und ich bin überzeugt, dass er sehr positiv die Ansicht vertritt, dass jede wahre Mutter ihre Kinder selbst erziehen möchte, und dass dies ihr sehnlichster Wunsch ist. Ich bin diesbezüglich nicht so zuversichtlich. Ich kann höchstens zugeben, dass es ihr höchster Wunsch sein mag, ihre Kinder wohl erzogen zu sehen. Aber die ideale Mutter, die meinem Geiste vorschwebt, ist diejenige, deren sehnlichster Wunsch sich darin offenbart, die innigste, teuerste, beste Freundin ihrer Kinder zu sein; dass dieselben während ihres ganzen Lebens in jeder Not und mit jedem Kummer sich zuerst an sie wenden mögen mit der beglückenden Ruhe jener Zuversicht, welche nur dadurch entsteht, dass sie sich nie umsonst an sie gewendet haben. Und ich halte dafür, dass eine Frau in dem spätern Leben des Kindes nicht in diesem schönsten [[und innigsten]] Verhältniss zu demselben stehen kann, wenn sie sich während dessen ganzer Kindheit in dem Versuch aufgeopfert hat, dessen einzige Erzieherin zu sein. Wenn für jede Stunde der Ruhe, welche das Kind geniesst, die Arme der Mutter schmerzen müssen, wenn das müde, stumpfe Hirn sich quälen und anstrengen muss, um jede, jede der eifrigen, sorglosen Fragen, die so leicht zu stellen und so schwer zu beantworten sind, zu beantworten, — dann bleibt keine Kraft mehr übrig für Sympathie mit dem jungen, gesunden, frisch aufblühenden Leben. Und die Mutter, welche infolge der ersten langen innigen Verbindung mit dem kleinen Lebewesen wie infolge alles Dessen, was dieses Wesen von ihrer eigenen Natur geerbt hat, in einem besonderen, eigentümlichen Verhältniss zu dem kleinen wachsenden Individuum stehen könnte, ist oft tatsächlich weiter von demselben entfernt, als irgend sonst ein Freund. Und ich glaube, es ist eine Wahrheit, welcher viele, vielleicht die meisten Leute im Stillen beipflichten werden, dass, wenn der Ernst, die Krisen des Lebens herankommen, die Sympathie der Mutter, so sehr dieselbe sich sehnen mag, zu helfen, so sehr sie ihr Kind für allen den Schmerz, den es zu tragen hat, beklagen mag, doch nicht die Sympathie ist, die allein Wert hat — die Sympathie eines verständnissvollen Herzens.
Obgleich in gewissem Sinne die Erziehung mit der Geburt anfängt, können wir hier sagen, dass sie mit des Kindes ersten Fragen beginnt, und um ihm von dieser Zeit ab die bestmögliche Entwicklung zu sichern, sollte ihm die Hülfe wirklicher Erzieher zu Teil werden. Nun werden aber wirkliche Erzieher geboren, nicht gemacht. Und nur wenige werden geboren. Gesunde, starke und schöne Kinder zur Welt zu bringen schliesst nicht auch die Fähigkeit in sich, dieselben zu erziehen. Ich sage nicht, dass irgend eine Mutter nicht im Stande sein könnte, die Fragen eines Kindes auf irgend eine Weise zu beantworten, aber sie der Wahrheit gemäss und in einer Weise, welche dem eben erwachenden Verständniss des Kindes angepasst ist, zu beantworten, ist eine andere Sache. Und das ist Erziehung. Es ist eine wohlbegründete Ansicht der fortgeschrittensten Köpfe, dass die tüchtigsten Lehrer im Kindergarten benötigt sind. Aeltere Kinder können schon eher die allerbeste Leitung entbehren. Aber diese Ansicht ist eine neue, keine alte Idee; ein Produkt der Evolution. Ein noch späteres Produkt, glaube ich, wird die Erkenntniss sein, dass die besten Lehrer zur Beantwortung der ersten Fragen eines Kindes nötig sind, und dass von der Mutter irgend eines speziellen Kindes die für diese Aufgabe erforderlichen Eigenschaften so wenig vorausgesetzt werden können wie die Befähigung, höhere Mathematik zu dozieren.
Die Ansicht wird zuweilen ausgesprochen, dass es hart und ungerecht sei, dass eine Mutter die Kosten für den Unterhalt ihrer Kinder allein tragen solle. Ich vermute, das kommt daher, dass in dem bisherigen Familienleben, ausser wo die Mutter eine Wittwe war, sie sich niemals klar darüber wurde, was es hiess, die Dinge zu besitzen, die sie anschaffte. Infolge dessen können sich die Wenigsten einen Begriff von dem Lohne machen, der ihr zu Teil werden könnte. Das Höchste, was eine Frau unter den heutigen Einrichtungen erwarten kann, ist, dass der Vater von den Geschäften ausserhalb der Familie so in Anspruch genommen werden wird, um die Kontrolle der Kinder ihr gerne zu überlassen. Aber der Umstand, dass er der Vater ist und für den Unterhalt der Familie sorgt, lässt in ihm keinen Zweifel über sein Recht der Einmischung aufkommen. Die Wehen, die sie bei der Kinderzeugung erduldet, sind Kosten, die er niemals berechnen kann. Selbst wenn er das Leiden einmal mit angesehen und infolge dessen einen solch tiefen Eindruck davongetragen hat, um seine Frau niemals wieder einer solchen Möglichkeit auszusetzen, so betrachtet er es doch nicht, als ob es ihr ein Recht auf irgend Etwas gebe.
Nun erachte ich es nicht als einen Segen für eine Frau, Kinder zu gebähren, welche sie nicht kontroliren kann. Meiner Ansicht nach ist deren Existenz für sie nur insoweit ein Glück, als dieselbe eine glückliche ist. Ihre Kinder in harscher oder gar ungerechter Weise, oder auch nur in irgend einer andern Weise, als sie für die beste hält, behandelt sehen zu müssen, ist das grösste Unglück, das sie befallen kann. „Mütter lösen niemals die Bande mit den Kindern, die sie geboren haben. Bis zum letzten Atemzug, findet jede Regung ihres Lebens einen Widerhall in dem Herzen, neben dem es begann.“
Gesetzt der kleine Franz wirft eines Tags einen Ball durchs Fenster. Es ist Papas Fenster, mit dem Gelde gekauft, das er durch seine eigene Arbeit verdient hat. Franz war gewarnt worden, seinen Ball nicht in diesem Zimmer herumzuwerfen. Und Papa glaubt ihm die Lehre, es nie wieder zu tun, nicht ohne Schläge beibringen zu können. Folglich schlägt er ihn. Mamma stimmt damit mit Papa nicht überein. In der Tat, als sie über die Art und Weise, wie Kinder zu behandeln sind, sich zu besprechen pflegten, bestand Papa immer fest darauf, dass ein Kind nie geschlagen werden solle. Aber bei diesem Vorfall ist er seiner Erziehungstheorie untreu geworden und hat sich einer andern zugewandt. Es wird nicht angehen, dieses Beispiel mit der Bemerkung abzufertigen, dass eine genauere Kenntniss der angeborenen Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten von Papas Natur diese Situation verhütet haben würde. Es ist unmöglich, dass eine Frau wissen solle, was ein Mann in einer gegebenen Lage tun werde, ehe sie ihn eben da zu beobachten Gelegenheit gehabt hat. Wir Alle wissen, dass keine Erziehungstheorie genau für alle Kinder passt; dass im wirklichen Leben fortwährend Umstände eintreten, wo eine längstgehegte Theorie bei Seite gesetzt werden muss zu Gunsten gerade dieses Kindes in diesem besondern Fall. Und ich behaupte nicht, dass sich eine Mutter stets gegen die Wahrnehmung alles Leids seitens ihres Kindes sicher stellen kann. Es ist nur, dass wenn in allen Fällen der einzuschlagende Weg von ihr bestimmt wird, bedingungslos, unbeeinflusst durch irgend eine andre Ansicht als ihre eigene, sie die Gewissheit haben kann, dass wie viel Leid auch immer verursacht worden sein mag, ein grösseres verhütet worden ist; und bei diesem Gedanken findet sie Ruhe und Befriedigung.
Wie kann man diese Fragen auf Grund irgend einer Theorie wie diejenige der gemeinschaftlichen Kontrolle mit väterlicher Versorgung, oder der mütterlichen Kontrolle mit väterlicher Versorgung, oder der gemeinschaftlichen Kontrolle mit gemeinschaftlicher Versorgung lösen? Soll Franz in einem eignen Zimmer zu Bett gebracht und dort liegen bleiben müssen, bis er einschläft, oder soll er geschaukelt und in den Schlaf gesungen werden? Wenn er erkrankt, sollen Aerzte mit ihren Medizinen herbeigerufen werden, oder soll man sich ausschliesslich auf die heroische Kaltwasserkur und hygienische Behandlung verlassen? Soll er geimpft werden? Soll während der ersten Jahre die ganze Aufmerksamkeit auf seine physische Entwicklung gelegt, oder sollen ihm frühzeitig Gelegenheiten für geistige Disziplin geboten werden? Soll ihm ohne Einrede sein eigner Wille gelassen werden, oder soll man ihm auf die Finger klopfen, wenn er fremdes Gut anrührt? Soll man ihm Widerstand bieten, wenn er seinen ersten Versuch macht, sich des Eigenthums Andrer zu bemächtigen, oder soll man warten, bis er den Spiegel aus dem Fenster zu werfen droht? Darf er für die Nachbarn Beeren pflücken und Holz hacken, wenn er das dem Besuch der Schule vorzieht? Muss er schwimmen lernen oder zuerst ins Wasser gehen? Soll er ein Fahrrad sowohl wie ein Pferd haben, oder soll er im Sommer barfuss gehen? Soll er in purpurrotem Sammet oder in dunkelblauen Linnen gekleidet gehen? Soll er zu einem Chirurgen oder zu einem Buchagenten ausgebildet werden? Soll er einen Privatlehrer haben und ein hundertdollar Mikroskop bekommen, oder soll er in die Ortsschule geschickt werden?
Aber selbst abgesehen von bestimmten Fragen, erscheint es mir als unmöglich, dass irgend ein anderer als ein sich völlig selbstbeherrschender Mann, der irgend einen, wenn auch nur einen eingebildeten, Anspruch erhebt, je auf die Anempfehlung höchst wohlgemeinter Ratschläge verzichten wird. Ratschläge, welche mehr dazu angetan sind, den ursprünglichen klaren Plan der Mutter hoffnungslos zu verwirren, als irgend einen nützlichen Zweck zu fördern.
Diese Theorie einer unabhängigen Lebensführung scheint mir nicht den Untergang des „Heims“ zu bedingen, welches nach der allgemeinen Annahme das Familienverhältniss allein im Stande war, bisher zu sichern. Für die kleinen Kinder würde es stets das sichere und zuverlässige Mutterheim geben. Und ausserdem würde es an einem andern Platze das Vaterheim geben und so viele Freundesheime, als es liebe Freunde gäbe. Heime, welche die kleinen Kinder mit ihrer sonnigen Gegenwart erhellen würden, so oft ihr Wunsch, dies zu tun, die Erlaubniss der Mutter erhielte.
Ich kann es nicht leicht verstehen, wie irgend Jemand ausser ein Kommunist bereit sein kann, „eine Form von Kommunismus zwischen Liebenden“ zu befürworten. In jedem andern sozialen Verhältniss würde ein Individualist die Förderung der höchsten Glückseligkeit von jedem Plane erwarten, welcher die allseitigste Ausbildung der Individualität begünstigte. Aber in Hinsicht auf dieses Verhältniss, in welchem vor allen andern im Leben Fehltritte das tiefste Unglück zeitigen, wird dies allgemeine Prinzip ignorirt und die Ausbildung der Individualität, wenigstens der weiblichen Individualität, der Sicherung eines gewissen Luxus und anderer materieller Vortheile für die Frau hintangesetzt. Es ist wahr, wenn man verliebt ist, kann man sich das Glück in keiner andern Form vorstellen, als in der steten Gegenwart des geliebten Gegenstandes. Nichtsdestoweniger hege ich die Ansicht, dass weder das edelste noch das höchste Glück, welches sich Liebende zu geben vermögen, aus der blinden und gedankenlosen Befolgung dieses Wunsches entsprossen wird. Ich bin sogar geneigt, Victors Ausspruch, dass „zwischen wahrhaft Liebenden, die sich wirklich ergeben sind, das Verhältniss ein ideales ist,“ in Frage zu ziehen. Ich glaube nicht dass die „Ergebenheit“ bei einem idealen Verhältniss zwischen Erwachsenen überhaupt in Betracht kommt. Eine Mutter oder ein Vater oder ein erwachsener Freund mögen einem Säugling, einem Kinde, oder einer schwachen, kranken, [[leidenden]] Person „ergeben“ sein. Aber nur die Schwachheit bedarf der Ergebenheit, oder verlangt darnach. Was gesunde Männer und Frauen verlangen, im Verhältniss der Freundschaft wie in jener ungestümen, leidenschaftsvollen Form der Freundschaft, der Liebe, ist einfach das „Heim in einem andern Herzen“ zu fühlen: ein Heim, das nicht gemacht, sondern gefunden wird. Apollos Venus ist zweifellos durchaus liebenswürdig in seinen Augen, aber das ist für die übrige Welt nur langweilig oder amüsant, und muss unvermeidlich dahin führen, Venus mit einer engherzigen Eitelkeit zu erfüllen, welche jeden Wunsch und alles Vermögen nach weiterer Ausbildung auf das wirksamste lähmt.
Ich schätze eine blinde Liebe so wenig wie einen blinden Hass. Das Eine wie das Andere liegt ausserhalb des Gebietes, auf dem sich gebildete Männer und Frauen bewegen werden. Die Unbeständigkeit der Jugend ist sprichwörtlich, aber nicht alle Sprichwörter sind ganz wahr. Die Jugend ist das Alter des Heldenkultus, und es ist die Neigung dieser Periode, den Gegenstand der Liebe zu veridealisiren. Heutzutage beginnen junge, in der Liebe experimentirende Leute damit, in jedem hübschen Gesicht einen Apoll oder eine Venus zu erblicken, und enden — womit? Dass sie ihr Ideal schliesslich finden? Mit nichten. Damit, dass sie sich geirrt, aber dass was sie gefunden haben gut genug sei. Zu diesem Schlusse gelangt, entziehen sie ihre Unbeständigkeit dem Blick der Welt hinter dem Schleier des ehelichen Lebens, und diese jungen Leute werden beständig, aber nicht immer beständig in ihrer Liebe. Meine Prophezeiung für die Zukunft ist, dass nachdem einmal die Freiheit der Liebe lange genug zum Gesetz erhoben ist (ich meine nicht für einzelne Männer und Frauen, sondern für alle Männer und Frauen), Apollo zu der Erkenntniss gelangen wird, dass es eigentlich keine Venus für ihn gibt. Denn es scheint mir, dass in dem Grade, in welchem die Menschheit fortschreitet und die Menschen sich differenziren, die Möglichkeit sich auch verringert, irgend Jemand zu finden, der vollkommen sympathisch wäre.
Nichtsdestoweniger habe ich die Zuversicht, dass die Liebe ewig bestehen wird. In der Tat, ich glaube an die Liebe. Ich kann nicht verstehen, warum der Hass so frei und — wie es scheinen möchte — so verhältnissmässig ungezügelt sein sollte. Hasst Einer, so findet man es selbstverständlich. Liebt aber Einer, so ist es eine Sache, die man untersuchen muss, und es ist wahrscheinlich Etwas nicht ganz recht dabei. Nun setze ich aber trotz des öffentlichen Vorurteils voraus, dass die Liebe nichts Böses, sondern [[etwas]] Gutes ist; dass sie eine normale, gesunde, stärkende, entwickelnde Kraft im menschlichen Leben darstellt; dass sie geweckt wird durch die Wahrnehmung liebenswürdiger, herrlicher, schöner Eigenschaften, wannimmer sich diese zeigen; dass sie wesentlich, wannimmer sie zu Tage tritt, ein Segen und nicht ein Fluch ist; dass sie nicht geheiligt zu werden braucht durch die Zeremonie der Ehe oder selbst die Billigung von Freunden; dass wenn sie durch ihre Folgen zum Unglück führt, das daher kommt, weil unsere eigene Vernunft, und nicht eine fremde Autorität, uns im Stiche gelassen hat.
Wenn ein Mann, wie Victor vorschlägt, für eine Frau „ein Heim gründet,“ so macht er es unmöglich, dass das Eine eine andre Liebe kenne, ohne von dem Andern das Ertragen gewisser Unannehmlichkeiten zu erwarten. Für mich würde es genügen, irgend eine Einrichtung zu verdammen, welche die Konzentrierung der Liebe auf Eine Person zur Zeit bedingte. Ohne freie Liebe herrscht die schlimmste Sklaverei. Aber die Ehe ist wie ein Pfahl, auf dem nur Zwei Platz haben. Und ein Mann und eine Frau können nicht als innigste Freunde oder Liebende — heisse man das Verhältniss wie man wolle — vor die Welt treten, ohne dadurch der Fülle und der Spontaneität anderer Liebe und Freundschaft zu entsagen. Durch die einfache Anzeige sogar ihrer gegenseitigen Gefühle — in welcher Form auch immer diese Anzeige gemacht werden mag — haben sie erklärt: „Unser ganzes Leben ist diesem Verhältniss untergeordnet.“ Freiwillig und wohlüberlegt „ein Heim gründen,“ heisst so viel, wie Alles davon ausschliessen, was dem Einen oder dem Andern fremd ist. Die Folge davon im heutigen Leben ist gewöhnlich dies: von den alten Freunden jedes Einen erhalten nur Diejenigen Zutritt in das neue Heim, welche eine genügende Zahl von Beiden gleich angenehmen Eigenschaften besitzen, um willkommen zu sein, und welche sich damit zufrieden geben können, die Freundschaft auf Grund dieser Eigenschaften aufrecht zu erhalten. Ist Hans kein Liebhaber von Musik, muss Gretchen ihre musikalischen Freunde aufgeben. Warum soll er dem Klavierspiel zuhören, wenn es für ihn nur soviel Lärm bedeutet, oder einer Unterhaltung über Musik beiwohnen, wenn es ihn langweilt? Warum soll Gretchen tabakgeschwängerte Luft einatmen müssen, weil Hans und einige seiner Freunde sichs nach Tische nicht ohne eine Cigarre gemütlich machen können? Die Dinge sind wesentlich entweder angenehm oder unangenehm; nicht gleichgültig. Sind Hans und Gretchen ehrlich gegen einander, so werden sie finden, dass Hans der Musik und Gretchen dem Tabak abhold ist, und dass die gelegentliche Beiseitesetzung seiner Empfindlichkeiten eine Kleinigkeit sein mag, dass es aber eine wirkliche ernste Sache wird, wenn eine solche Anforderung zu jeder Zeit gestellt wird. Aber vielleicht hält es Victor nicht für nötig, dass das Heim so eingerichtet werden muss. Hans kann sein Rauchzimmer und Gretchen ihr Musikzimmer haben. In diesem Falle wäre das Rauchzimmer nach Tische Hansens Heim und das Musikzimmer Gretchens. Da wo wir uns frei fühlen, da ist unser Heim. Das ist vielleicht das Geheimniss alles heimatlichen Gefühls. Die Gegenwart unserer teuersten Freunde fördert es nur dann, wenn ihre Stimmung der unsrigen entgegenkommt.
Doch das ist nicht die „Gründung eines Heims.“ Ein Heim gründen, im populären Sinne, heisst: Land kaufen und ein Haus bauen, das uns gehört, Gerätschaften und Möbel anschaffen, die unser sind, übereinkommen, Kinder zu haben, die unser sind und nichts an unsern Anordnungen für's Leben ändern ohne gegenseitiges Einverständniss.
Victor setzt den Fall einfach und es klingt leicht: „Sind sie nicht mehr glücklich zusammen, so trennen sie sich.“ Ist das aber so einfach? Es genügt nicht zu sagen: Wir sind nicht eine Stunde länger, als unsere gegenseitige Liebe dauert, an einander gebunden. Gegenseitige Liebe kommt und geht nicht gleichzeitig und hält nicht Schritt wie wohleinexerzirte Soldaten.
Nachdem die erste Aufwallung der Liebe vorüber ist, fangen die Liebenden an, sich zu entdecken. Sie waren also doch nicht Eins. In sehr vielen Fällen war es nur die blendende Gewalt des geschlechtlichen Elements, welche die Entdeckung verzögerte. Es war kein wissentlicher Betrug dabei. Aber die Entdeckung pflegt nicht selten eine schmerzliche zu sein. Und der alte Seelenhunger nach Teilnahme in allen Dingen kehrt zurück. Sind wir noch frei, dieselbe anderweitig zu suchen, so erleiden wir keinen Schaden. Wir können dann vielleicht sogar ohne Schmerz die langsame Entdeckung machen, dass sie in keiner andern einzelnen Seele zu finden ist. Aber wenn wir nicht frei sind, und wenn durch irgend welchen Zufall das Eine, nicht Beide, zu der Ansicht gelangt, dass sich die Liebe auf einem Irrtum gründete? Eifersucht ist nur der Schmerz über einen erlittenen oder drohenden Verlust. Es braucht nicht zorniger Schmerz zu sein. Wir haben uns daran gewöhnt, das Wort nur auf zornigen Schmerz anzuwenden, aber der Zorn ist in dem Individuum, und ist nicht eine unvermeidliche Folge des Umstandes. Und Leute werden nicht beliebt noch wird ihnen die Stütze der öffentlichen Meinung zu Teil, wenn sie über den Verlust von Etwas böse sind, worauf sie niemals ein Besitzrecht beanspruchten, — ja, worauf sie selbst niemals glaubten, ein Besitzrecht zu haben. Wir Alle wissen, dass in Tchernychewsky's „Was tun?“ die Ehe Véra Pavlownas und Lopoukhoffs eine von den sie umgebenden Verhältnissen, denen sie nicht zu widerstehen vermochten, gebotene Form war. Gesetz und Sitte zwangen Véra, sich der Form zu unterziehen, welche sie zu seiner Sklavin machte. Da sie in ihrem eigenen Vater- und Mutterheim eine Sklavin war, konnte er ihr nur unter dieser Bedingung ihre Freiheit geben. Später, als er ihre Gefühle für Kirsanoff entdeckte, war seine Liebe für ihre Freiheit grösser als sein Wunsch, die äussere Form eines Heims aufrecht zu erhalten, aus dem das Heimatsgefühl geflohen war. Er wie Kirsanoff sahen aber deutlich, dass sie keine Frau war, welche mehr als Einen Mann zu einer Zeit lieben würde. Ihre Zukunft zeigte, dass sie nicht einmal an eine Liebe glauben konnte, welche sie nicht verstand. In der Fülle ihrer heiteren Zufriedenheit mit Kirsanoff kam sie zu dem ganz positiven Schlusse, dass Lopoukhoff sie nicht wirklich geliebt hatte. Wir sind Alle ein wenig zu der Ansicht geneigt, dass wahre Liebe nur die ist, welche wir selber empfinden oder empfunden haben.
Es ist in Bezug auf die Liebe sehr wahr, dass wir nicht wissen, von wannen sie kommt und wohin sie geht. Aber es ist manchmal eine noch viel traurigere Wahrheit und macht eines der Probleme des Lebens noch weit schwieriger, dass wir nicht wissen, wann sie kommt oder wann sie geht. Ihr Vergehen ist so unbegreiflich wie ihr Entstehen. Zuweilen versiegt sie still und unbemerkt, verzehrt durch die tausend Kleinigkeiten, die ein unvermeidliches Gefolge des beständigen Zusammenlebens sind, wozu das Uebermass der neugeborenen Liebe so gebieterisch verlangt. Zuweilen wird sie in einem Augenblick vernichtet durch die Entdeckung einer Charaktereigenschaft, von deren Existenz wir keine Ahnung hatten. Zuweilen ist, wie in „Was tun?“, das beständige Bedürfniss des Einen mit dem nur zeitweiligen Bedürfniss des Andern identisch, und diese Erkenntniss kann unmöglich zur Reife gelangen, ehe das zeitweilige Bedürfniss sich ausgelebt hat. Alles Leben ist entweder Wachsthum und Verfall, — das heisst Wechsel. Und mit jedem Wechsel des Individuums tritt ein Wechsel in seiner Liebe ein. In dem glücklichsten Leben und der längsten Liebesdauer ist das Mass, die Tiefe und der Charakter der Liebe ewigen Wechsel unterworfen.
Victor sagt: „Varietät mag ebensogut die Mutter der Dualität sein, wie Freiheit die Mutter der Ordnung ist.“ Hat er vergessen, dass die Mutter nicht bei der Geburt der Tochter stirbt, wie dass dieses Kind nicht gut ohne die Mutter gedeiht?
ZELM.
(Libertas 7, Samstag, 30. Juni 1888, S. 6-7.)
Anmerkungen
- Ab der Nummer 7 der Libertas ist die Qualität der Scans sehr schlecht; Rekonstruktionen im Text werden daher mit [[Text]] markiert, unleserliche Stellen mit [unleserlich] gekennzeichnet.
- Der Beitrag erschien im englischen Original unter dem Titel „A Reply to Victor“ in Benjamin Tuckers Liberty, Vol. V, No. 21, Whole No. 125, vom 26. Mai 1888, S. 6–7. Tucker empfahl ihn in derselben Ausgabe ausdrücklich seinen Lesern. Der Text ist eine direkte Antwort auf „The Woman Question“ von Victor Yarros, der zwei Wochen zuvor in Liberty, Vol. V, No. 20, Whole No. 124, vom 12. Mai 1888 erschienen war. Rund zehn Jahre später kündigte Tucker ausserdem eine in Berlin erschienene, 17-seitige deutsche Broschüre unter dem Titel Die Frauenfrage. Eine Discussion zwischen Victor Yarros und Sarah E. Holmes an.
- Hinter dem Pseudonym „Zelm“ stand Sarah Elizabeth Holmes, eine Übersetzerin, Verlegerin und Autorin aus dem Umfeld von Benjamin Tuckers Liberty. Sie übersetzte und verlegte verschiedene radikale und sozialreformerische Schriften und veröffentlichte ab 1888 auch eigene Beiträge in Liberty. „A Reply to Victor“ gilt als ihr bedeutendster eigener Beitrag zur individualistisch-feministischen Debatte.
- Mit „Victor“ ist natürlich Victor Yarros (1865–1956) gemeint, ein aus Russland stammender US-amerikanischer Jurist, Autor und damals individualistischer Anarchist sowie regelmässiger Mitarbeiter von Liberty. In „The Woman Question“ stellte er die wirtschaftliche und persönliche Unabhängigkeit von Frauen zwar grundsätzlich positiv dar, hielt aber eine traditionelle Arbeitsteilung zwischen einem erwerbstätigen Mann und einer Kinder erziehenden Frau auch unter freien gesellschaftlichen Verhältnissen für plausibel. Holmes’ Text setzt genau an diesem Punkt mit ihrer Kritik ein.
- Die „Frauenfrage“ war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine verbreitete Bezeichnung für die Auseinandersetzung um die gesellschaftliche, wirtschaftliche und rechtliche Stellung von Frauen. Dazu gehörten unter anderem Eigentums- und Erwerbsrechte, Bildung, politische Rechte, Ehe, Sexualität und die Stellung von Müttern. In den Vereinigten Staaten waren die aus dem Common Law stammenden rechtlichen Beschränkungen verheirateter Frauen seit den 1830er-Jahren durch sogenannte Married Women’s Property Acts schrittweise gelockert worden; die Rechtslage unterschied sich jedoch weiterhin erheblich zwischen den einzelnen Bundesstaaten.
- Mit Science of Society bezieht sich Holmes auf Stephen Pearl Andrews (1812–1886), einen US-amerikanischen Abolitionisten, Sozialtheoretiker und Vertreter des individualistischen Anarchismus. Sein in den frühen 1850er-Jahren entstandenes Werk entwickelte unter anderem die von Josiah Warren beeinflussten Vorstellungen von individueller Souveränität und vom „Cost Principle“. Die im Text erwähnte Annahme, zwei Stunden täglicher Arbeit könnten für einen durchschnittlichen Lebensunterhalt genügen, gehört zu diesem sozialökonomischen Modell und ist nicht als empirische Arbeitszeitstudie zu verstehen. Bemerkenswert ist die unmittelbare Verbindung zur Autorin: 1888 erschien in Boston eine Neuausgabe von The Science of Society, die Sarah E. Holmes selbst verlegte.
- Wenn Holmes von „freier Liebe“ spricht, ist der Ausdruck im Zusammenhang mit der gleichnamigen sozialreformerischen Bewegung des 19. Jahrhunderts zu verstehen. Im amerikanischen individualistischen Anarchismus bezeichnete „free love“ vor allem die Forderung, Liebes- und Sexualbeziehungen von staatlicher, kirchlicher und rechtlicher Bevormundung zu lösen und auf freiwillige Vereinbarungen der Beteiligten zu gründen. Frauenrecht und wirtschaftliche Selbständigkeit spielten dabei eine zentrale Rolle. Der Begriff bedeutete daher nicht einfach möglichst häufig wechselnde Sexualbeziehungen, wie die spätere Verwendung des Ausdrucks gelegentlich nahelegt.
- Der Text diskutiert ausführlich Schwangerschaft, Kinderzahl und wirtschaftliche Selbständigkeit, ohne Empfängnisverhütung als Möglichkeit zu behandeln. Das ist im damaligen amerikanischen Kontext bemerkenswert. Der Comstock Act von 1873 stellte unter anderem den Versand von Verhütungsmitteln und Informationen über Empfängnisverhütung über die US-Post unter Strafe; ähnliche Gesetze entstanden in zahlreichen Bundesstaaten. Die Auseinandersetzung mit diesen Beschränkungen war ein wichtiges Thema der zeitgenössischen Bewegung für sexuelle Freiheit. Wendy McElroy weist ausdrücklich darauf hin, dass Holmes die Frage der Empfängnisverhütung in „A Reply to Victor“ trotz dieses Umfelds nicht aufgriff.
- Der „Kindergarten“ war zur Entstehungszeit des Artikels noch ein vergleichsweise junges pädagogisches Reformmodell. Friedrich Fröbel (1782–1852) hatte 1840 in Thüringen den ersten „Allgemeinen deutschen Kindergarten“ gegründet und die frühkindliche Bildung als eigenständige pädagogische Aufgabe verstanden. Holmes’ Forderung nach besonders qualifizierten Lehrpersonen für kleine Kinder steht im Kontext der damaligen Ausbreitung dieser neuen Form institutionalisierter frühkindlicher Erziehung.
- Mit Tchernychewsky ist Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski (1828–1889) gemeint. Sein 1863 während der Haft in der Peter-und-Paul-Festung geschriebener Roman Was tun? Aus Erzählungen von neuen Menschen entwickelte anhand von Figuren wie Wera Pawlowna, Lopuchow und Kirsanow Modelle persönlicher Emanzipation, wirtschaftlicher Selbständigkeit und neuer Formen von Ehe und Zusammenleben. Das Werk übte erheblichen Einfluss auf die russische revolutionäre Intelligenz aus. Für den Kontext von Liberty ist zusätzlich wichtig, dass Benjamin Tucker seine englische Übersetzung des Romans von Mai 1884 bis Mai 1886 in seiner Zeitschrift als Fortsetzungsroman veröffentlicht hatte. Holmes und Yarros konnten daher voraussetzen, dass viele Leserinnen und Leser die Figuren und die von ihnen erprobten Beziehungsmodelle kannten. Die Schreibungen „Tchernychewsky“, „Véra Pavlowna“, „Lopoukhoff“ und „Kirsanoff“ folgen der damaligen englisch-französischen Transliteration.
- Die „heroische Kaltwasserkur“ bezeichnet die im 19. Jahrhundert verbreitete Hydropathie oder Wasserkur, bei der Krankheiten unter anderem mit kalten Bädern, Güssen und weiteren hygienischen Massnahmen behandelt wurden. Besonders seit den 1840er-Jahren entstanden in Europa und den Vereinigten Staaten zahlreiche entsprechende Heilanstalten. „Heroisch“ ist hier im Sinne einer besonders energischen oder radikalen Anwendung zu verstehen.
- Die Formulierung „Freiheit [ist] die Mutter der Ordnung“ am Schluss ist zugleich eine Anspielung auf den programmatischen Untertitel von Benjamin Tuckers Zeitschrift: Liberty. Not the Daughter but the Mother of Order. Victor hatte in „The Woman Question“ formuliert, „Varietät“ könne ebenso die Mutter der „Einheit (oder vielmehr Dualität)“ sein, wie Freiheit die Mutter der Ordnung sei. Holmes greift dieses Bild im letzten Absatz auf und wendet es gegen seine Vorstellung, die freie Vielfalt der Beziehungen müsse letztlich in eine Zweierbeziehung münden.
- Die wiederholten Bezüge auf die „wahre Mutter“ und den „mütterlichen Instinkt“ stehen trotz Holmes’ Forderung nach weitgehender wirtschaftlicher und persönlicher Selbständigkeit von Frauen noch in einem für das 19. Jahrhundert charakteristischen Verständnis von Mutterschaft als besonderer weiblicher Disposition. Im Text selbst wird dieses Modell allerdings bereits relativiert: Holmes bestreitet ausdrücklich, dass Mutterschaft automatisch die Befähigung zur Erziehung mit sich bringe, und plädiert für professionelle Kinderbetreuung und qualifizierte Erzieher. Ihre Argumentation verbindet damit zeitgenössische Vorstellungen von Mutterschaft mit einer für ihre Zeit ungewöhnlich weitgehenden Kritik an der ausschliesslichen Zuständigkeit der Mutter für Betreuung und Erziehung.