⚓️ Poesie

Rettungsschwimmer gruppieren sich zu einem

Abschlussfoto,

das Meer flutet dem auflandigen Wind davon,

über der Werft scheint noch so gerade die August-Sonne,

Segelboote, die auf Wellen schaukeln,

werden eingetaucht in warmes Sonnenlicht.

Die Töne der Badegäste wechseln

ins Bayerische,

während auf dem Weg zur Steilküste schon dichtes

Laub unter den Bäumen liegt.

Die Tage werden kürzer.

Im Park sind die Worte der letzten Sommerlesung verklungen.

So wie bald die Rettungstürme verschlossen werden, die Sommer-

ferien zu Ende gehen und das Jahr in die kühle Jahreszeit kippt.

🌊 Strandgut

Ich muss meine kleinen Wurzeln hier pflegen und stillstehen.

schreibt Rainer Maria Rilke 1907 in einem Brief an eine Freundin. Für einen Dichter, der weitgereist und scheinbar nirgendwo so richtig beheimatet war, ist es eine überraschende Bemerkung, die mich zum Nachdenken anregt.

Wo sind meine Wurzeln? Vor meinen Augen entsteht das Bild eines Baumes mit dicken, fest im Boden verankerten Wurzeln – solchen, die Heimat bedeuten. Die verbunden sind mit Gerüchen von Herbstlaub, endlosen Wiesen und Feldern, Wäldern, die vergangene Zeiten heraufbeschwören, und auf deren Pfaden die Hufe edler Pferde ertönen.

Doch da sind auch andere Gewächse, deren Wurzeln sich locker im sandigen Grund verhaften; scheinen sie auch zunächst einfach herauszuziehen, zeigt sich, dass sie viel fester verfangen sind als zunächst geglaubt. Es sind Wurzeln an Orten, die das Herz berührt haben, Orte, die uns lieb geworden sind, uns geprägt haben und in uns verhaftet bleiben.

Es lohnt sich, auch die kleinen Wurzeln zu pflegen und still zu stehen, um ihnen die Beachtung zu schenken, die ihnen gebührt.

📖 gelesen – gesehen – gehört

#gelesen 

Wer hier mitliest, weiß, dass ich immer wieder mit “meinem“ Rilke kämpfe. Mal bin ich fasziniert, mal finde ich ihn so befremdlich und fast durcheinander, dass ich nicht mehr weiterlesen mag. Jetzt gerade hadere ich mit dem Bändchen “Sommer“. Vielleicht liegt es daran, dass Rilke selbst sagt:

“Der Sommer war ja nie und nirgends meine Hoch-Zeit. Immer und überall galt es, ihn zu überstehen.”

Aber dann hat es mich wieder so gefangen genommen, und ich musste sogar einige Male lachen, z.B. wenn er von seinen Erfahrungen auf Capri schreibt: “Und nun Capri. Ach ja. So recht zuzulernen hab ich da nichts. … Nein, was die Menschen hier aus einer schönen Insel gemacht haben, ist nah am Abscheulichen.”, schreibt er 1906 in einem Brief.

Und so ist es doch ganz faszinierend, dass der Vielgereiste so über Orte lästert oder gar den berühmten Baedeker, der etwa für Venedig ganz unbrauchbar sei, und am Ende hat er mich mit seiner Wortgewandtheit und Poesie doch wieder ganz für sich begeistern und einnehmen können.

#gesehen 

12 heißt: Ich liebe dich 

Der Film, der in der ARD Mediathek dieser Tage zu sehen ist, erzählt die Geschichte zweier Menschen, die sich über ideologische Grenzen hinweg ineinander verliebt haben.

“1985 wird Bettina wegen verbotener Westkontakte verhaftet und dem Stasi-Offizier Jan vorgeführt. In endlosen Verhören wird sie von dem jungen Jan, der ehrgeizig an seiner Karriere beim Ministerium für Staatssicherheit arbeitet, vernommen. Ein halbes Jahr lang sehen sie sich in den Verhören fast täglich und es geschieht in dieser Zeit das Unfassbare: Sie verlieben sich ineinander. Ihre Gefühle jedoch dürfen sie nicht zeigen, sondern müssen sie versteckt halten.”

Großartig gespielt von Claudia Michelsen und David Striesow. 

Grundlage ist das Buch von Regina Kaiser und Uwe Karlstedt: „Zwölf heißt „Ich liebe dich‘.“ Der Stasi-Offizier und die Dissidentin. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003, 298 Seiten, das auf persönlichen Erfahrungen beruht.

#gehört

Mhairi McFarlane: Du hast mir gerade noch gefehlt 

Ein Pub-Quiz-Abend und ein Roadtrip nach Edinburgh haben ungeahnte Folgen. Das Buch ist humorvoll, gleichzeitig hat mich berührt, wie die Autorin die Trauer über den Tod einer Freundin beschreibt.

☕️ Zum Schluss

Wenn ich dann eine stille Stube, bei großen, herbstlichen Laubbäumen, nahe am Meer, allein und gesund und in Ruhe gelassen, bewohnte (und in Kopenhagen und des Sundes Nähe könnte glücklichsten Falles alles das gefunden sein), so könnte sich vieles verändern in meinem Leben, manches Heil könnte da zur Welt gebracht werden.

Rainer Maria Rilke: Sommer.