Das ist das erste Mal seit Wochen, dass ich wieder Tagebuch schreibe. Irgendwie war einfach keine Zeit und keine Muße dafür. Ich musste mir tatsächlich meinen letzten Tagebucheintrag durchlesen, um ungefähr die Zeit, die vergangen ist, zu erfassen.
Meine Wache in der Bärenhöhle startete unglücklich. Charisma, mit dem ich zur Wache eingeteilt war, hat es irgendwie geschafft, sich die Hand mit einem Pfeil zu durchbohren. Ich zog ihm den Pfeil aus der Hand, aber es hörte einfach nicht auf zu bluten. Notgedrungen weckte ich Elarien, der im Halbschlaf einen Zauber sprach und die Blutung stoppte sowie die Wunde heilte.
Die restliche Wache war, bis auf ein nächtliches Wildschwein, ruhig. Nach einem kargen Frühstück brachen wir wieder auf. Die Reise ging weiter. Nach ein paar Tagen fragten wir uns, wie lange wir noch laufen müssten. Es hieß, dass wir nur 5–6 Tage unterwegs sein würden.
Diese Tage sind irgendwie verschwommen in meiner Erinnerung. Ich weiß noch, dass Tharok sich häufig beschwerte und Elarien war misstrauisch und traute „der Umgebung“ nicht, konnte aber nichts weiter herausfinden, als dass dieser Drache noch irgendwo in der Nähe war! Hoffentlich hat er uns nicht gesehen!
Liam versuchte, in der Ferne etwas zu sehen, und fand Rauchschwaden. Ich vermisste Siegmund, nicht nur weil er ein Teil von mir ist, sondern auch seine Fähigkeiten zu kundschaften. Wir gingen also in Richtung der Rauchschwade, um nachzusehen, ob dort vielleicht ein Hinweis auf Zivilisation wäre. Wir fanden auch etwas, nur nicht so, wie wir es erwartet hätten!
Vom abgebrannten Bauernhof, den wir gefunden hatten, führten Spuren weg. Laut Tharok aus etwa der Zeit, als das Feuer war. Sonst konnten wir nichts weiter finden. Niemanden. Charisma fand ein paar Hinweise, dass dieser Bauernhof dem halben Zwerg gehören könnte, der vom Himmel fiel.
Tharok hatte eine Eingebung und setzte sich diesen Hut auf, den er damals in der Goblinhöhle fand. Der Hut führt immer zum nächsten verfügbaren Alkohol. Ob Tharok auf Alkohol aus war oder ob er eine Stadt finden wollte, lasse ich mal dahingestellt. Jedenfalls fand er 4 Weinflaschen, die er einpackte, bevor wir weiterzogen. Nach ein paar Stunden (oder waren es Tage??) trafen wir auf einen wandernden Halbling. Wir versuchten, ihn vor dem Drachen, der hier immer noch in der Gegend war, zu warnen, aber er nahm uns irgendwie nicht wirklich ernst. Wir bekamen aber aus ihm heraus, dass Marktfeld nur noch 3 Tage weg sei.
Nachdem wir uns verabschiedet hatten, gingen wir noch ein paar Stunden weiter, bis es dämmerte, und schlugen unser Lager auf. Die nächsten Tage passierte rein gar nichts, außer dass wir wanderten. Und wanderten. Und wanderten. Eigentlich mag ich wandern, aber irgendwann wird auch mir zu viel...
Nach ein paar Tagen fanden wir endlich die Stadt. Vor den Stadttoren fanden wir eine Unterkunft und verbrachten die erste Nacht seit Langem wieder einmal in einem Bett. Der Schlaf war nötig und erholsam.
Am nächsten Tag war ich früh wach und betrat den Gastraum, um zu frühstücken. Ich bestellte das Frühstück für die ganze Gruppe, wir hatten uns das nach diesem sehr viel längeren Fußmarsch verdient. Nach und nach kamen die anderen herunter und wir langten kräftig zu.
Die Wirtin muss Tharok, oder vielmehr den alten Tharok, erkannt haben, als sie uns das Frühstück brachte, denn sie meckerte ihn an, er solle keinen Unfug anstellen.
Armer Tharok! Ich kann mir eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen, aber es ist eine echt unangenehme Situation, und ich weiß natürlich noch, wie es mir in Silbermark ging.
Liam ging vor und sprach mit der Wirtin, Mara Eisenhand, so ihr Name. So wie ich das mitbekommen habe, soll sich Tharok vom Hafen fernhalten. Schließlich fasste sich Tharok ein Herz und sprach Mara direkt an. Er war ziemlich verwirrt und konnte uns nicht wirklich sagen, was vor sich ging! Armer Tharok! (Echt wirklich armer Tharok, aber irgendwie fand ich das auch witzig, keine Ahnung wieso.)
Wir hatten Mara auch nach Arbeit gefragt und sie wies uns auf die Abenteurer-Gilde hin. Dort könnten wir Geld verdienen. Ich versuchte auch herauszufinden, ob es eine Diebesgilde gibt, aber das ganze organisierte Verbrechen spielt sich in dieser Stadt wohl am Hafen ab. Na toll!
Wir entschieden uns also, den Markt aufzusuchen, um unsere Vorräte aufzustocken, mieden dabei aber den Hafen. Den Weg in die Stadt ließen wir uns von Mara erklären und ehe wir uns versahen, standen wir vor einer riesigen Kathedrale mit einem Marktplatz davor. Wir kauften Vorräte und ich gab fast mein komplettes Geld aus, um Weihrauch zu finden. Den brauche ich, um Siegmund wieder zu mir zu holen! Die Stadt selbst sieht aus wie eine Planstadt, es wird viel gebaut und ganze Viertel werden neu aufgebaut, so wie es aussieht. Auch die Leute, die hier wohnen, sehen irgendwie… wohlerhabender aus… Was mir auffiel, ist, dass weder Charisma noch Tharok auffallen. Sie tauchen quasi in der Menge unter, niemand nimmt besondere Notiz von ihnen. Was für ein Unterschied zu Fischhain und Silbermark!
Ich fragte auf jeden Fall einen der Händler nach der Abenteurergilde und er wies uns den Weg.
Das Gebäude der Abenteurergilde ist ein Steinhaus und wir standen davor, etwas unschlüssig, was wir tun sollten. Plötzlich wurde Tharok ziemlich unruhig. Er meinte, dass er einen anderen Leonin gesehen hatte und wollte ihm folgen, wir konnten ihn aber überzeugen, es sein zu lassen, damit wir zusammenbleiben konnten. Wir betraten also die Gilde. Drinnen herrschte ein emsiges Treiben, viele Leute rannten hin und her, saßen an Tischen und unterhielten sich, generell war es laut. Wir fanden einen Anschlag, an dem verschiedene Aufträge und Hilfsgesuche hingen. Wir schauten uns diese Aufträge an und… plötzlich tauchte Snarwar auf! Naja, er versuchte uns zu erschrecken, aber mein… Berdurs Körper übernahm wieder die Kontrolle und warf Snarwar mit einem gekonnten Schulterwurf auf den Boden!
Wir hatten Snarwar völlig vergessen. Er musste verschlafen haben und war uns dann hierher gefolgt. Upsi!
Jedenfalls berichtete er uns, dass er in der Stadt ebenfalls erkannt wurde. Nämlich als der „Wunderbare Snarwar“ oder so. Er wurde regelrecht verfolgt und eine kleine Fantraube bildete sich wohl.
Auf jeden Fall war er jetzt hier!
Wir fanden einen Auftrag, der nicht sonderlich gefährlich aussah und trotzdem ein ordentliches Geld versprach. Wir sollten einen gewissen Darius Venn auf einer kurzen Reise begleiten, um ihn zu einem Kloster zu bringen.
_Auftraggeber: Darius Venn, ehemaliger Söldner. **Ort:** Von der Stadt bis zum Sonnenkloster (Route über Nordstraße). „Ich suche **Begleitung und Schutz** auf meinem Weg zum Sonnenkloster. Ich habe Feinde aus vergangenen Tagen, die meinen Frieden nicht dulden. Diskretion wird geschätzt. Kein Blutvergießen, wenn vermeidbar.“ ✦ Abenteurer mit gutem Urteilsvermögen bevorzugt. ✦ _Belohnung: 120 Goldstücke und gesegneter Trank der Tapferkeit.__
Wir schauten uns um und entdeckten eine Art Rezeption, hinter der eine junge Frau stand. Sie wies uns den Weg zu unserem Auftraggeber Darius. Er sollte wohl an oder in der Kathedrale zu finden sein und beschrieb uns, wie er aussieht.
Also wieder zurück zur Kathedrale. Draußen war niemand zu sehen, also schauten wir drinnen nach. Zumindest versuchten wir drinnen nachzusehen. Liam konnte die Kathedrale nicht betreten. Niemand hatte es ihm verboten, aber so sehr er es auch versuchte, er war nicht in der Lage, über die Schwelle zu treten. Hat das mit seinem Mördergott zu tun? Also blieben er und Tharok draußen, die anderen betraten die Kathedrale. Und dort war auch ein Mann zu finden, auf den die Beschreibung zutraf. Er saß vorne in einer Bank und schien einfach nur den Moment und die Stille in dieser Kathedrale zu genießen. Ich setzte mich zu ihm auf die Bank und sprach ihn an. Sobald er hörte, was ich von ihm wollte, drängte er uns, das Gespräch draußen weiterzuführen.
Darius erzählte draußen, er sei in ein anderes Kloster versetzt worden und bräuchte Geleitschutz, weil er sich früher Feinde gemacht hätte und er befürchte, sie würden ihm auflauern, wenn er alleine losginge. He wollte so schnell wie möglich los, also zögerten wir nicht lange, uns auf den Weg zu machen. Tharok trat erst mal in ein Fettnäpfchen und dankte dem Priester für seinen Dienst, was bei Darius einiges an Verwunderung hervorrief. Tharok flüchtete sich in Erklärungen, bevor er dann die Klappe hielt.
Die Reise war etwa einen halben Tagesmarsch lang, währenddessen hatten wir Gelegenheit, uns mit Darius zu unterhalten. Er war früher Kopfgeldjäger gewesen und hat ohne Zögern Aufträge ausgeführt und sich damit viele Feinde gemacht, bevor er zum Glauben fand. Er ist Priester (oder wie auch immer das hier heißt) einer Göttin namens Eldath. Sie verabscheut Gewalt und ist Göttin des Friedens und der Stille. Sie hört sich nett an, und irgendwie ist es auch verständlich, dass sich ein ehemaliger Kopfgeldjäger, der tagtäglich Gewalt sah und ausübte, zu Frieden und Stille hingezogen fühlt. Ich verstehe diesen Mann wirklich! Liam wollte wissen, ob er zwei Göttern dienen könne. Darius antwortete, es könne gehen, wäre aber generell nicht ratsam. Und so flogen die Gesprächsthemen an uns vorbei und die Unterhaltung machte die Reise angenehm und kurzweilig.
Es gab nur einen kleinen Zwischenfall. An einem Stück des Weges, welches durch ein kleines Waldstück führte, lauerten uns fünf Gestalten auf. Darius erkannte sie und meinte, sie „hätten noch eine Rechnung mit ihm offen“. Na toll, so viel zu „nicht gefährlich“.
Liam trat vor und sprach die Truppe an, das heißt, er provozierte eher. Das Wortgefecht wurde immer aggressiver und ich lockerte schon meinen Degen, da trat Elarien hinter Liam und sagte etwas von „abschneiden“ und „heilen“ und „wieder abschneiden“! So kannte ich Elarien gar nicht. Er stand stolz und aufrecht da und ich hätte ihm jedes Wort abgenommen, wenn ich ihn nicht besser kennen würde.
Die Wegelagerer waren sichtlich verunsichert und nach einigen Blicken, die sie sich zuwarfen, nahmen sie die Beine in die Hand und rannten davon.
Alle entspannten sich sichtlich, vor allem Elarien, der eher wie ein Sack Kartoffeln zusammen… nun ja, sackte.
Nur Liam wirkte enttäuscht, dass es nicht zum Kampf gekommen war. Sein Mördergott ist da echt gnadenlos. Er möchte immer Blut sehen. Das kann noch zum Problem werden!
Darius dankte uns, dass wir die Situation entschärft hätten, und das noch ohne Blutvergießen. Auch wenn wir hätten diplomatischer sein können. (Was? Ich weiß von früher, so wie Elarien gesprochen hatte, ist leider die einzige Sprache, die solche Leute verstehen. Er soll froh sein, dass wir nicht kämpfen mussten.) Der restliche Weg lief ohne besondere Vorkommnisse und gegen Abend erreichten wir das Sonnenkloster.
Uns werden Zimmer und Handtücher angeboten, allen außer Liam, der draußen blieb. Er konnte die Schwelle zum Kloster wieder nicht übertreten, also musste er im Stall übernachten. (Das ist definitiv sein Mördergott!!!)
Ich sitze jetzt also hier in dem kleinen Zimmer, Siegmund auf meiner Schulter (ich hatte ihn wieder zu mir geholt. Irgendwie wusste ich genau, was ich mit dem Weihrauch tun muss, um Siegmund zurückzuholen) und schreibe diese Zeilen. Ich bin gespannt, was uns noch so in Rutenheim erwartet. Vielleicht tut sich ein Weg nach Hause auf...???
Ein Tagebucheintrag von Berdur Donnerherz, der eigentlich nur nach Hause möchte